02 Februar 2011, 08:12
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Welche Verwirrungen im Leben eine gute Psychotherapie ordnen kann und warum Emotionen kein Wahrheitsdetektor sind - Der Psychiater Raphael Bonelli im Gespräch mit Christoph Gaspari (Vision 2000).

Wien (kath.net/ Vision 2000) Christoph Gaspari: Inwiefern ist der Psychotherapeut mit Verwirrung konfrontiert?

Raphael Bonelli: Es ist sein tägliches Brot, daß zu ihm Menschen kommen, die nicht mehr recht wissen, wie es weitergeht…

Gaspari: Da sprechen wir nun aber von einer anderen Art von Verwirrung…

Bonelli: Natürlich. Viele Patienten suchen beim Therapeuten Hilfe, um die Dinge in ihrem Leben zu ordnen. Da denke ich an eine Passage im ersten Hochgebet: „Ordne unsere Tage in deinem Frieden…“

Verwirrung und Unordnung haben viel miteinander zu tun. Man verliert den Überblick, kann nicht mehr Prioritäten richtig setzen. Ein Beispiel: Sie pumpen etwa massiv Liebe in die „Übernächsten“, der eigene Mann oder die eigene Frau jedoch werden links liegen gelassen. Das ist eine Störung der Prioritätensetzung, aber dann eben auch eine Orientierungsstörung.

Eine andere: Die Mutter liebt den Sohn mehr als den eigenen Mann, sie spielt ihn – vielleicht unbewusst - gegen den Mann aus, zieht ihn dem Mann vor. Die Folge: Aggression des Partners gegen den Sohn, des Sohnes gegen den Vater, also eine große Unordnung im Gefüge der ganzen Familie – und damit Verwirrung.

Noch ein Beispiel: Ein Mann liebt seine Mutter mehr als die eigene Frau – Ursache von so vielen Schwiegermutter – Schwiegertochter - Konflikten. Die erwähnten Konstellationen von Verwirrung sehe ich als systemischer Psychotherapeut (früher hat man Familientherapeut gesagt) relativ häufig. Es gibt eine zweite Form von Verwirrung…

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Gaspari: Sie sprechen von Unordnung: Setzt das nicht voraus, daß Sie eine Vorstellung von anzustrebender Ordnung haben? Viele Menschen scheinen heute andere Familienmodelle vor Augen zu haben.

Bonelli: In den theoretischen, ideologischen Diskussionen werden tatsächlich oft andere Familienmodelle propagiert. Aber in der Psychotherapie wird man mit der Realität konfrontiert, mit dem Leben der Menschen; dann merkt man, daß es die erwähnten Hierarchien der Liebe ganz klar gibt. Die Menschen geben das auch zu: Man sollte die eigene Frau mehr lieben als die Mutter, den Ehepartner mehr als die Kinder… Wo da Verschiebungen stattfinden, erfährt der Mensch das als Unordnung.

Gaspari: Gibt es also in diesen Fragen so etwas wie einen gesunden Hausverstand?

Bonelli: Gesunder Hausverstand ist mir fast zu wenig. Es gibt so etwas wie einen Instinkt für die menschlichen Grundgegebenheiten: Was dem Menschen gemäß ist. Tief im Inneren haben die Menschen ein Gespür für das, was sie sind und was paßt. Aber das wird oft von Gefühlen überlagert, die in die andere Richtung ziehen.

Wer von der Mutter gefühlsmäßig abhängig ist, sieht das Problem nicht klar. Aber das Prinzip, daß man seine Frau mehr lieben soll als die Mutter, erkennt jeder an, sobald er etwas Abstand nehmen kann.

Gaspari: Sie wollten eine zweite Form von Verwirrung erwähnen…

Bonelli: Ja, daß Menschen das, was sie schlecht machen, gut nennen: Man macht aus einem Defekt eine Tugend. Sie sagen beispielsweise nicht: „Ich bin egoistisch“, sondern: „Ich habe einen starken Willen gehe meinen Weg.“ In der Psychotherapie kann man solche Sichtweisen dann hinterfragen und damit den Patienten zum Nachdenken bringen.

Was ich allerdings häufig sehe: Solange Menschen ihre schlechten Taten gut nennen, können sie sich nicht ändern. Wenn einer sagt: „Meine Mutter hat mir das Leben geschenkt, ich muß alles für sie tun. Meine Frau tut Unrecht, wenn sie mehr Aufmerksamkeit fordert“, der wird sich nicht ändern. Erst wenn jemand erkennt, daß dieser Vorrang der Mutter auf einer tiefsitzenden Abhängigkeit beruht, kann es zu einem Aha-Erlebnis kommen.

Die erwähnten Prioritäten in der Liebe scheinen mir so etwas, wie ein unausgesprochenes Allgemeingut der Psychotherapie zu sein. Wenn jemand beispielsweise ein Kind dem anderen vorzieht – das ist etwas, was allgemein als ungerecht angesehen wird.

Gaspari: Wie führt man jemanden zur Erkenntnis der Grundordnung?

Bonelli: Ich versuche, Patienten auf ihre subjektive Ordnung anzusprechen. „Was ist Ihnen das wichtigste?“, frage ich. Wenn es dann heißt: „Erstens Erhalt der Ehe, zweitens Erhalt der Arbeit, drittens psychisches Wohlbefinden“, kann ich darauf hinweisen, daß offenbar die Ehe wichtiger ist als das eigene Wohlbefinden. Also müsse er das Wohlbefinden, das ihm die Freundin bereitet, aufgeben, müsse er die Zeit, die er mit Golfspielen verbringt, im Interesse der Familie einschränken.

In der Praxis ist das schwer umzusetzen, weil man eben schwach ist, weil einem die kurzfristige Befriedigung momentan wichtiger erscheint als das langfristige Glück. Eine häufige Quelle der Verwirrung ist darin zu sehen: Man gibt der kurzfristigen Befriedigung Vorrang vor dem langfristigen Glück.

Gaspari: Gibt es also so etwas wie eine Verwirrung bezüglich der Ordnung, zu der man sich eigentlich bekennt?

Bonelli: Ja, viele Menschen würden beispielsweise sagen: Familie ist mir das wichtigste. Aber dann tun sie alles für die eigene Karriere und lassen die Familie links liegen. Spricht man sie darauf an, würden sie antworten: „Aber ich mache doch all die beruflichen Anstrengungen nur für die Familie! Ich mache Karriere nur, um ein Haus zu bauen, damit meine Familie glücklich dort lebt.“ Das Ergebnis: Der Mann sitzt allein im großen Haus, weil die Frau seine Abwesenheit nicht mehr ausgehalten hat. Es gibt viele solche tragische Fälle.

Dieses Verabsolutieren von Teilzielen ist eine Form der Verwirrtheit. Aufgabe der Psychotherapie ist dann die Klarstellung der Prioritäten des Patienten und die Hilfestellung, diese im Leben auch zu verwirklichen.

Gaspari: Gibt es eine Form der Verwirrung, die Sie bei gläubigen Menschen häufig antreffen?

Bonelli: Gläubige Christen haben oft besonders hohe Ideale. Sind sie sich aber der Liebe Gottes nicht ganz sicher, dann tun sie sich schwer, ihre Defekte und Sünden zu erkennen. Sie glauben, sie müssen fehlerlos sein, perfekt. Das führt leicht zum Selbstbetrug. Sie sagen dann: Die Kirche verbietet zwar – aber mir nicht, weil…

Da gibt es dann absurde Konstruktionen, um den Schein zu wahren. Man spielt vor sich selbst ein Doppelleben. Das gilt übrigens für alle Menschen, die sich die Latte sehr hoch legen. Ein krasses Beispiel, das mir untergekommen ist: Ein linker „Grüner“, der große, schnelle Autos liebt! Seine Rechtfertigung: Er fahre dieses Auto nur, damit es kein anderer tut, denn er fahre ohnedies nur selten. Analoges findet man oft in religiösen Kreisen.

Gaspari: In jeder Heiligen Messe betet der Priester: „Bewahre und vor Verwirrung und Sünde“. Erkennt der Psychotherapeut, daß Verwirrung und Sünde zusammenhängen?

Bonelli: Verwirrung erleichtert die Sünde. Der Ehebruch ist ein typisches Beispiel. Wer heiratet, will im allgemeinen treu bleiben. Zuerst spielen die Gefühle mit und alles erscheint einfach. Dann wird es schwieriger. Die Verwirrung besteht dann darin, daß man sich sagt: Wahrscheinlich würde es der Ehe besser tun, wenn ich emotional stabiler bin… Im Vorfeld der Sünde tritt also Verwirrung auf. Oder man sagt sich: Es ist gar nicht so schlimm, wir halten uns ja nur an der Hand…

Ähnlich bei zölibatären Menschen mit Problemen in diesem Bereich. Da heißt es: Es ist ohnedies alles ganz platonisch – das glauben die lang, auch wenn die Beziehung schon klar erotisch ist. Dann heißt es wiederum: Ich brauche das jetzt. Endlich kümmert sich jemand emotional um mich.

Oder: Man fühlt sich verantwortlich für die Person, mit der man die ehebrecherische Beziehung eingegangen ist, und daher verpflichtet, die Beziehung aufrechtzuerhalten. Totale Verwirrung also.

Gaspari: Aus eiskaltem Kalkül wird wahrscheinlich weniger gesündigt.

Bonelli: Ja, Lüge und Selbstbetrug spielen eine große Rolle. Die Emotionen tragen wesentlich dazu bei. Sie können den Menschen richtig hineinlegen. Daher wird in der Psychotherapie versucht, die Emotionen zu relativieren. Sie sind kein Wahrheitsdetektor.

Viele sagen: Ich spüre das so. Dann antworte ich: Aber morgen spüren sie es wahrscheinlich anders. Ihre jetzige Emotion ist eine Momentaufnahme. Zu erkennen: Ich bin nicht nur mein jetziges Gefühl, ist eine wichtige Einsicht.

Mag sein, daß man in früheren Zeiten Emotionen zu wenig beachtet hat. Heute ist es umgekehrt. Deswegen gehen auch so viele Ehen in Brüche. Frauen sagen: Ich spüre nichts mehr. Aber man ist ja nicht verheiratet, um etwas zu spüren.

Gaspari: Bei näherem Bedenken: Wird da nicht offenbar, daß starke Gefühlsbetontheit leichter verwirrbar macht?

Bonelli: Personen mit den meisten Emotionen und großen Gefühlsschwankungen hat man früher hysterisch genannt. Jetzt sagt man histrionisch. Und von diesen Personen weiß man, daß sie am meisten manipulierbar, verführbar sind, was auch eine Form der Verwirrung darstellt. Gefühle tragen also meiner Ansicht nach viel zur Verwirrung bei.

Gaspari: Heute wird viel mit dem Gefühl argumentiert, an das Gefühl appelliert…

Bonelli: Gefühle sind nicht nur gut. Sie sind dann gut, wenn sie uns zu einer guten Handlung hinziehen, aber schlecht, wenn sie zum Schlechten drängen. Es geht nicht darum, die Gefühle zu unterdrücken, wohl aber darum, mit ihnen richtig umzugehen. Jesus Christus, der perfekte Mensch, hatte Gefühle: Er hat geweint, war mitleidig, von Zorn erfüllt…

Gefühle zu haben, ist gut, aber man darf sich nicht von ihnen beherrschen lassen. Affektive Reife bedeutet, Gefühle mit der Vernunft bewerten zu können. Man sieht es am Beispiel der Angstgefühle. Da geht es auch darum, sie nicht immer absolut ernstzunehmen. Das würde sie nur steigern. Sondern man muß lernen, mit ihnen umzugehen, sie zu relativieren, sie vielleicht auch mit Humor zu entschärfen. Angst ist ein schlechter Ratgeber; sie macht unfrei. Die Psychotherapie lehrt die Menschen, dieses Angstgefühl – zum Beispiel die Höhenangst – richtig zu bewerten: dass sie übertreibt, dass die eigene Wahrnehmung durch das Gefühl getrübt ist. Dadurch wird der Mensch freier. Das gilt für alle Gefühle: sie sind subjektiv und brauchen eine vernünftige Bewertung.

Gaspari: Bringt eine gute Psychotherapie also Ordnung in den menschlichen Haushalt von Wille, Verstand und Emotion?

Bonelli: Ja. Hier Ordnung zu schaffen, hilft aus der Verwirrung. Die Kardinaltugend der Mäßigung bedeutet nach Josef Pieper, „in sich selbst Ordnung zu verwirklichen“. Das ist mir als Psychotherapeut ein ganz wichtiger Leitsatz geworden.

kathTube-Serie mit Dr. Raphael Bonelli - Täglich ein Vortrag aus seiner Radio-Maria-österreich-Reihe
Lebenshilfe: „Psychiatrie am Telefon - Ein Psychiater steht für Fragen an der Grenze zwischen Psychiatrie und Spiritualität zur Verfügung











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