20 September 2010, 13:21
Selbsterkenntnis oder Selbstbetrug?
 
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Der Psychiater Raphael M. Bonelli im kath.net Exklusivinterview zum Thema Zeitgeist, Psychotherapie, Selbsterkenntnis und Beichte.

Wien (kath.net)
Kath.net: Am 16. Oktober findet eine Fachtagung zum Thema „Psychotherapie und Beichte“ statt (www.rpp2010.org). Warum ist Ihnen das Thema ein Anliegen?

Bonelli: Das Thema ist mir ein Anliegen, weil in manchen oberflächlichen Psychotherapien heute dem Selbstbetrug durch einseitige Fremdbeschuldigung Vorschub geleistet wird. Zurzeit erlebt sich jeder schnell als Opfer. Oft bin ich mit Ehekonflikten konfrontiert, bei dem sich beide Seiten als Opfer sehen. Da muss irgendwo eine Fehleinschätzung vorliegen! Hier wird die eigene Täterdimension verdrängt. Es gibt eben auch Situationen im eigenen Leben, für die wir „selber schuld“ sind, auch wenn das natürlich nicht immer so ist. Die richtige Selbsteinschätzung ist ein wichtiger Bestandteil einer gelungenen Psychotherapie; schlechte Therapien unterstützen den narzisstischen Selbstbetrug.

Kath.net: Was ist Selbstbetrug und wie entsteht er?

Bonelli: Selbstbetrug entsteht dadurch, dass „nicht sein kann, was nicht sein darf“. Der Mensch der seine Fehlerhaftigkeit oder gar eigene Schuld nicht ertragen kann verdrängt sie. Er konstruiert ein idealisiertes Bild von sich selbst, das weit von der Realität abweicht. Das Auseinanderklaffen von Wunschbild und Wirklichkeit ist für Dritte zwar offensichtlich, wird aber vom Betroffenen nicht wahrgenommen. Ja, es wird sogar mit einem ein starkes Aversionsgefühl geschützt, das in der Psychoanalyse „Widerstand“ heißt. Als Strategie gibt man anderen für Probleme im eigenen Leben die Schuld, für das man selber nicht verantwortlich sein will. Jede Xenophobie hat hier ihre psychologischen Wurzeln, bei der die Ausländer schuld sind am eigenen Versagen. Friedrich Nietzsche hat in seinem Buch „Jenseits von Gut und Böse“ treffend formuliert: „Das habe ich getan", sagt mein Gedächtnis. "Das kann ich nicht getan haben", sagt mein Stolz und bleibt unerbittlich. Endlich ... gibt das Gedächtnis nach.”

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Kath.net: Was motiviert Menschen dazu, sich selbst zu betrügen?

Bonelli: Die narzisstische Angst, sich selber ungeschminkt ins Gesicht zu schauen. Die Panik, dass Selbsterkenntnis weh tun könnte. Die Furcht, feststellen zu müssen, dass man nicht so brilliant ist, wie man sich jahrelang selbst eingeredet hat. Die hektische Angst, dass andere einen als fehlerhaft erleben. Das führt zu einer Kopf-in-den-Sand Strategie, die zwar kurzfristig entlastend, langfristig aber anstrengend und kontraproduktiv ist.

Kath.net: Wo in der Gesellschaft / im Alltag wird Selbstbetrug gefordert und gefördert?

Bonelli: Ich habe den Eindruck, dass heute der Begriff „Schuld“ als Selbstbeschreibung nicht mehr vorkommt. Er wird nur mehr als Fremdzuschreibung verwendet. Das früher selbstverständliche „ich-bin-schuldig“ wurde weitgehend abgeschafft. Sogar in der katholischen Kirche geht heute kaum einer mehr beichten. Weil keiner mehr sündigt. Begriffe wie „Selbstannahme“, „Selbstverwirklichung“, „gesunder Egoismus“, „sich endlich auch mal selbst etwas Gutes tun“, „Selbsterfahrung“, „Selbstwertgefühl“, „Selbstbewusstsein“, „Selbstwahrnehmung“ u.s.w. haben sich stattdessen breitgemacht und werden heute vielfach einseitig und missverständlich verwendet. Ja, manchmal werden sie schlichtweg missbraucht, um sich selbst nicht in Frage stellen zu müssen. Das steigert aber den psychologischen Druck, wirklich fehlerlos sein zu müssen, keinen Fehler zugeben zu können. Und das fördert die narzisstische Selbsttäuschung.

Kath.net: Ist Selbstbetrug per se schlecht? Welche Folgen hat er?

Bonelli: Ja, Selbstbetrug ist immer nachteilig, weil die Fremdwahrnehmung der Realität näher kommt als die Selbsteinschätzung, und so andere mehr über mich wissen als ich selbst. Die Realität holt einen letztlich immer ein. In diesem Sinn ist die alte Weisheit zu verstehen: „Wahrheit macht frei“. Wer der Wirklichkeit der eigenen Defizite ins Gesicht schauen kann, muss kein Aufdecken abwehren. Erst durch den Selbstbetrug wird man kränkbar, weil es zu einer Diskrepanz zwischen dem idealisiertem Selbstbild und der Realität kommt. Die narzisstische Kränkung - ein Begriff von Sigmund Freud- deckt genau diese Diskrepanz auf und stellt so das Selbstwertgefühl einer Person oder einer Gesellschaft in Frage. Wenn die Kränkung nicht zur Selbstreflexion verwendet wird, entsteht auf lange Sicht Verbitterung: Alle anderen sind schuld (die Eltern, die Gesellschaft, die Kirche), und man selbst ist das Opfer. Eine andere Folge des Selbstbetrugs ist es, dass man oft unaufrichtig gegenüber anderen Menschen wird. Die meisten Lügner schwindeln sich am Faktum des eigenen Lügens vorbei.

Kath.net: Wie geht die Psychotherapie damit um?

Bonelli: Die klassische Psychotherapie arbeitet in diesen Fällen oftmals aufdeckend oder gar konfrontativ. In ihr ist Selbstreflexion und Selbsterkenntnis ein großer Wert. Aber leider wird heute vielerorts das subjektive Erleben zu wenig hinterfragt, und damit die Problematik der Opfermentalität sogar verstärkt. Narzisstisches Selbsterleben wird durch Fremdbeschuldigung vergrößert, was den Nachteil hat, dass dadurch keine Lösungsstrategie gefunden werden kann. Es gibt heute sogar Psychotherapien, in denen dem Klienten „hellseherisch“ ein Missbrauch in der Kindheit auf den Kopf zugesagt wird, an den der Betroffene nicht die leiseste Erinnerung hat. Das ist Scharlatanerie und unethischer Missbrauch der Therapeutenautorität. Oft verheddern sich solche Patienten dann in jahrelangen wirkungslosen Therapien und verlernen das selbstständige Leben.

Kath.net: Gibt es eine objektive Ebene, aus der man diese Haltung als Betrug identifizieren kann?

Bonelli: Naja, wenn jemand immer nur „traumatisiert“, „verletzt“ und „enttäuscht“ wurde, sein ganzes Leben lang, und selber nie einen einzigen Fehler gemacht hat, außer dass er „sich das alles viel zu lange gefallen hat lassen“, dann ist das schon sehr verdächtig. Wenn vieles im Leben nicht klappt und immer die anderen schuld sind. Als Beispiel gebe ich ihnen einen 25-jährigen Mann, der in jeder Arbeit nach wenigen Monaten gekündigt wurde, weil er halt immer an „schlechte Chefs“ geraten ist. Zehn Jahre lang, Monat für Monat. Auffällig ist auch die Aggression auf kritisches Hinterfragen in der Therapie. Der Therapeut ist zwar nicht Richter, und er muss auch nicht unbedingt die „Wahrheit“ herausfinden, aber das unschuldige Opferlamm ist halt nicht therapierbar. Es kann nichts besser machen, kann nur weiterleiden, denn es hat ohnehin immer alles richtig gemacht. Die anderen sind halt so böse, die sollten sich ändern. Klassisch sind Paartherapien, bei denen beide Partner überzeugt sind, dass sich nur der andere ändern bräuchte, damit die Ehe wieder glücklich wird.

Kath.net: Wie erreicht man die Erkenntnis? Was braucht es dazu, was hilft dabei?

Bonelli: Man braucht Mut, sich selbst auch Fehler einzugestehen. Die Einsicht in die eigenen Defekte ist ein Erkenntnisakt, manchmal ein Geschenk im Sinne eines Aha-Erlebnisses. Sie setzt eine Grundbereitschaft zur Selbsterkenntnis voraus, die man Demut nennt. Demut wird definiert als Übereinstimmen der Selbsteinschätzung mit der Wirklichkeit, ohne Verschönerung. Hier ist das Konzept der katholischen Beichte so befreiend, weil sie jedem Menschen ohne Ausnahme Fehler und Sünden zugesteht.

Kath.net: Gibt es aktuelle Werte und Trends, die mit der Selbsterkenntnis zu verbinden sind oder auf sie abzielen?

Bonelli: Robert Cloninger, ein renomierter Psychiater, der 2009 von der American Psychiatric Association für seine Entdeckungen ausgezeichnet wurde, scheut sich nicht, die „Selbsttranszendenz“ als eine der drei wichtigen Dimensionen des Charakters festzumachen. Damit meint er Selbstvergessenheit und Spiritualität, und stellt sich damit in bewussten Gegensatz zu den „ich-stärkenden“ Psychotherapieformen. Und Paul Vitz, ein bekannter zeitgenössischer Psychologe auf der New York University, hat ein Buch darüber geschrieben, dass das „Ich“ heute zum neuen goldenen Kalb der Psychotherapie geworden sei, um das alle herumtanzen würden. Das Buch heißt bezeichnenderweise „Psychology as Religion“ - Psychologie als Religionsersatz.

Kath.net: Was bringt es, sich selbst richtig zu erkennen?

Bonelli: Man lebt dann freier, weil man nicht narzisstisch kränkbar ist und man sich die anstrengende Verdrängungsarbeit und die aversiven Gefühle gegen das Aufdecken spart. Exline und Mitarbeiter haben kürzlich eine bemerkenswerte Studie publiziert, bei der festgestellt wurde, dass Einsicht in die eigene Fehlerhaftigkeit auch das Vergeben von fremder Schuld viel leichter macht.

Kath.net: Warum ist die Selbsterkenntnis in der Religion wichtig?

Bonelli: Selbsterkenntnis ist auch in der Philosophie ein hoher Wert. Das „Gnōthi seautón!“ („Erkenne dich selbst!“) in der Vorhalle des Apollontempels in Delphi steht da für eine ganz große Tradition. In der Religion macht die Selbsterkenntnis die erst Gotteserkenntnis möglich; denn nur als Geschöpf kann man den Schöpfer erkennen. Selbsterkenntnis ist aber auch „der beste Weg zur Besserung“, wie ein Sprichwort sagt, d.h. durch demütige Annahme seiner Fehlerhaftigkeit und der konsekutiven Versöhnung mit Gott in der Beichte kann man seine Defekte nach und nach eindämmen und reduzieren.

Kath.net: Was kann man ganz persönlich machen, um dem Selbstbetrug zu entgehen?

Bonelli: Ich empfehle als psychohygienische Maßnahme die tägliche Gewissenserforschung. Dabei können drei einfache Fragen als Gerüst dienen: "Was habe ich heute gut gemacht? Was habe ich heute schlecht gemacht? Was kann ich morgen besser machen?" Durch diese Fragen ist der Mensch in einer aktiven Rolle und kann sein Leben selber in die Hand nehmen. Fragen wie "Wer hat mich heute verletzt? Wie habe ich mich heute gefühlt? Wo war ich heute Opfer?" drücken den Menschen in die passive Rolle und münden in der egozentrischen Sackgasse. Der heilsame Affekt bei der Gewissenserforschung ist dann die Reue, die der Selbsterkenntnis folgt. Mit ihr entsteht langsam eine natürliche Aversion gegen das Bereute und damit mit der Zeit eine Leichtigkeit im Tun des Guten. Ja, und den Katholiken würde ich natürlich die häufige Beichte empfehlen, wie das schon C. G. Jung getan hat - obwohl er kein bisschen katholisch war.

Termin: Fachtagung Psychotherapie und Beichte am 16. Oktober 2010 in Heiligenkreuz







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