19 Januar 2010, 17:32
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Historiker Hesemann weist Kritik des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Roms an Papst Pius XII zurück: Ein 'Wort der Solidarität’ hätte für die 7000 Juden Roms, die durch die diskrete Intervention des Papstes gerettet wurden, den sicheren Tod bedeutet

Rom (kath.net)
Der Besuch Benedikts XVI. in der römischen Synagoge, diese große Geste der Versöhnung und der Verneigung des Papstes vor den sechs Millionen Opfern des Holocaust, wurde bedauerlicher Weise getrübt durch die wiederholte Kritik des Präsidenten der jüdischen Gemeinde Roms, Riccardo Pacifici, an Papst Pius XII. „Das Schweigen von Pius XII. zur Schoah schmerzt auch heute als versäumte Tat. Vielleicht hätte er nicht die Todeszüge stoppen können, aber er hätte diesen unseren Brüdern ein Signal, ein Wort der Bestärkung, der menschlichen Solidarität sagen sollen, die zu den Schornsteinen von Auschwitz transportiert wurden“, hatte Pacifici erklärt.

Erst im Dezember hatte Benedikt XVI. mit der Unterzeichnung eines Dekret den „heroischen Tugendgrad“ des Weltkriegs-Papstes bestätigt und damit den Weg zu dessen Seligsprechung freigemacht.

„Ein solches ‚Wort der Solidarität’, wie es Pacifici gewünscht hätte, wäre nicht nur gefährlich, sondern geradezu dumm gewesen“, kommentierte der deutsche Historiker Michael Hesemann, Autor der Pius-Biografie "Der Papst, der Hitler trotzte" im Gespräch mit "kath.net". „Es hätte die Deportierten nicht mehr trösten können, denn es hätte sie nie erreicht. Aber es hätte für die 7000 Juden Roms, die durch die diskrete Intervention des Papstes gerettet wurden, den sicheren Tod bedeutet.“

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Schon am 9. Oktober 1943 hatte Heinrich Himmler die Deportation sämtlicher 8000 Juden Roms befohlen. Das beweist ein Fernschreiben, das am selben Tag die deutsche Botschaft in Rom über den Befehl informierte. Sie sollten als „Geiseln“ in das Arbeitslager Mauthausen bei Linz gebracht werden.

Die tragische Verhaftung der römischen Juden begann mit einer Razzia im römischen Ghetto in den frühen Morgenstunden des 16. Oktobers. Doch nachdem 1259 Juden verhaftet worden waren, wurde die Aktion auf Befehl Himmlers plötzlich abgebrochen. Es wurden sogar 252 Personen, die sich als Konvertiten oder nichtjüdische Ehepartner erwiesen, wieder freigelassen. Doch statt nach Mauthausen, wurden die restlichen 1007 Juden jetzt nach Auschwitz gebracht. Was war geschehen?

Von einer römischen Adligen, so erklärt Hesemann in seinem Buch, wurde Papst Pius XII. am Morgen über die Verhaftungen informiert. „Tatsächlich hielt er keine nutzlosen Mahnreden, die bei den Nazis auf taube Ohren gestoßen wären, sondern er handelte“, erklärte Hesemann. Er bestellte den deutschen Botschafter Ernst von Weizsäcker in den Vatikan und drohte mit einem offenen Protest, wenn die Deportation nicht eingestellt würde. Der Deutsche warnte den Kardinalstaatssekretär Maglione vor den Folgen eines solchen Protestes; Hitler hatte bereits Befehl erteilt, in einem solchen Fall den Vatikan zu stürmen und den Papst nach Deutschland oder Liechtenstein zu bringen.

Dass ein solcher Befehl existierte, beweist unter anderem die Eidesstattliche Erklärung des Obersten SS-Kommandanten in Italien, Obergruppenführer (General) Karl Wolff. Zudem wird er durch die Protokolle von Hitlers Tischreden bestätigt. Erst im letzten Jahr entdeckten italienische Historiker detaillierte Pläne der Deutschen für eine Besetzung des Vatikans. Allerdings war der Papst, der mit der deutschen Militäropposition in Kontakt stand, bereits im September 1943 gewarnt worden. Er hatte nicht nur der Schweizergarde befehlen lassen, keinen Widerstand zu leisten, er hatte auch seine Kardinäle angewiesen, unverzüglich nach Portugal zu gehen und einen Nachfolger zu wählen. Denn in seinem Schreibtisch lag, für den Fall der Fälle, bereits sein Abdankungsschreiben. „Die Deutschen würden allenfalls Kardinal Pacelli (der bürgerliche Name des Papstes) entführen, nicht aber Pius XII.“, erklärte er in einem geheimen Konsistorium. Jedenfalls wusste er, dass während der neunmonatigen deutschen Besetzung Roms ein Damoklesschwert über ihm hing.

Trotzdem begnügte er sich nicht mit dem Versprechen von Weizsäckers, „sein Bestes zu tun, um die Aktion zu stoppen“. Stattdessen schickte er seine Neffen Carlo Pacelli zu Bischof Alois Hudal, einem Österreicher in Rom, der über gute Kontakte zum deutschen Stadtkommandanten General Stahel verfügte. Stahel, ein bayerischer Katholik, überzeugte Himmler von der Gefahr eines Aufstands in Rom, wenn der Papst die Deportation offen anprangert. Schließlich gab Himmler Befehl, die Aktion zu stoppen.

Damit hatte der Papst Zeit gewonnen. Sofort wies er alle römischen Klöster an, Juden aufzunehmen und zu verstecken. Die Klausur, die sonst Außenstehenden den Zutritt verbietet (und die nur der Papst aufheben kann), hob er auf. Erst vor Kurzem wurde das Tagebuch der Augustinerinnen des Klosters „Quattri Coronati“ veröffentlicht, in dem es wörtlich heißt:

„November 1943 ... in dieser schlimmen Situation wünschte der Heilige Vater, seine Söhne, auch die Juden, zu retten und wies an, dass die Konvente den Verfolgten Zuflucht und Gastfreundschaft gewähren, und auch die Klausurklöster sollten diesem Wunsch des Papstes folgen.“ Das bestätigte auch der damalige Oberrabbiner Roms, Israel Zolli, der selbst im Vatikan Unterschlupf fand.

Auf diese Weise wurden 4238 der römischen Juden in 155 Klöstern versteckt, weitere 477 fanden im Vatikan Zuflucht, rund 3000 in der päpstlichen Sommerresidenz Castel Gandolfo. Dort stand sogar das Schlafzimmer des Papstes schwangeren Jüdinnen zur Verfügung; in seinem Bett wurden vielleicht 40 jüdische Kinder geboren.

All dies, so Hesemann, war nur möglich, weil der Papst nicht offen protestierte. „Hätte die SS den Vatikan besetzt, wäre dieser groß angelegte Rettungsplan aufgeflogen, hätte dies den sicheren Tod von mindestens 7000 Juden bedeutet“, stellt der Historiker fest: „Das hätte Pius XII. nie mit seinem Gewissen vereinbaren können.“

Tatsache ist, dass es einen Präzedenzfall gab. Als im August 1942 die holländischen Juden deportiert wurden, protestierte der katholische Bischof von Utrecht. Die Folge war, dass die Nazis die Klöster durchsuchten und zusätzlich auch noch Katholiken jüdischer Abstammung nach Auschwitz schickten; das berühmteste Opfer war damals die konvertierte Ordensfrau Edith Stein.

So erklärte Pius XII. schon 1942, als er erstmals von der Schoah erfuhr, seinem Vertrauten Don Pirro Scavizzi, dass „ein Protest meinerseits nicht nur keinem geholfen hätte, sondern rasenden Zorn gegen die Juden heraufbeschworen und die Gräueltaten um ein Vielfaches vermehrt hätte. Vielleicht hätte ich mir das Lob der zivilisierten Welt eingehandelt, aber den armen Juden hätte es nur eine noch unerbittlichere Verfolgung eingebracht als jene, die sie sowieso schon zu erdulden haben.“

Hesemann: „Wer behauptet, Adolf Hitler hätte sich durch Proteste des Papstes von seiner Wahnidee der ‚Vernichtung der jüdischen Rasse’ abbringen lassen, verharmlost den größten Verbrecher der Geschichte. Er war von dieser Idee geradezu besessen und bereit, sie mit aller Rücksichtslosigkeit zu realisieren. Je mehr er sich eingeengt fühlte, etwa durch die Wende des Kriegsschicksals seit Stalingrad, je mehr trieb er die SS-Schärgen zur Eile an. Pius XII. hatte also völlig Recht mit einer Einschätzung, eine päpstliche Mahnrede hätte das Tempo des Mordens nur beschleunigt. .Er wollte nicht das Lob der Nachwelt mit dem Tod Hunderttausender bezahlen!“

Tatsächlich erkannten die Überlebenden des Holocaust, wie richtig die päpstliche Strategie war, statt lauter Proteste im Geheimen bis zu 850.000 Juden vor den Gaskammern zu retten. So erklärte Gerhard Riegner, Generalsekretär des Jüdischen Weltkongresses, dass Warnungen die Nazis nicht abgeschreckt hätten: „Sie beschleunigten nur das Tempo des Mordens“. Sein Vorgänger, Dr. Leon Kubowitzky, hatte Pius XII. schon am 21.9.1945 ausdrücklich für „das, was die Kirche für unser Volk getan hat“, gedankt. Und Dr. Raffael Cantoni, Präsident der Union Jüdischer Gemeinden in Italien, stellte 1955 fest: “Sechs Millionen meiner Religionsgenossen wurden von den Nazis ermordet, doch es hätte noch viel mehr Opfer gegeben ohne die wirksamen Interventionen Pius XII.“ So erklärten die Juden Italiens den 17. April 1955 zum „Tag der Dankbarkeit“ für die Hilfe des Papstes. Noch sieben Jahre später musste selbst Rolf Hochhuth, der ein Jahr später mit Unterstützung namhafter Kommunisten sein Skandaldrama „Der Stellvertreter“ auf die Bühne brachte, einräumen, „dass gerade die Juden in Rom der Meinung sind, der Papst habe sehr viel für sie getan.“

Hesemann: „Über 85 % der Juden Roms überlebten die Terrorherrschaft der Nazis, gerade weil Pius XII. das nicht getan hat, was Pacifici jetzt aus der sicheren Perspektive des 21. Jahrhunderts forderte. Leider hat der Präsident der Jüdischen Gemeinde Roms es versäumt, die Zeitumstände zu berücksichtigen oder ältere Mitglieder seiner Gemeinde vorher zu fragen, wem sie ihr Überleben verdankten! Er hätte dazu nicht allzu weit gehen brauchen. Sein eigener Vater überlebte den Holocaust im Kloster der Martha-Schwestern in Florenz."

Buchtipp:

Michael Hesemann
Der Papst, der Hitler trotzte -
Die Wahrheit über Pius XII.
gebunden, 256 Seiten, 135 mm x 215 mm,
EUR 20,50

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