30 Mai 2009, 12:49
Er lernte, dem Zeitgeist zu trotzen
 
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Jedes Wochenende im Mai auf Kath.Net - Auszug aus dem neuen Buch von Michael Hesemann "Der Papst, der Hitler trotzte - Die Wahrheit über Pius XII." - Kapitel II - Teil 2.

München (www.kath.net)
Die katholische Internetzeitung Kath.Net veröffentlicht im Monat Mai jedes Wochenende einige Leseproben aus dem neuen Buch von Michael Hesemann „Der Papst, der Hitler trotzte - Die Wahrheit über Pius XII.“

Im Herbst 1885 verließ Eugenio Pacelli das klerikale Biotop, in dem er seine unbekümmerte Jugend verbrachte. Er sollte sich im „Feindesland“ bewähren. Sein Vater hatte entschieden, dass es der kirchlichen Lehranstalten genug war und ihn kurzerhand – wie ein Jahr zuvor seinen Bruder – auf das renommierteste staatliche Gymnasium der Stadt geschickt, das Ginnasio-Liceo Ennio Quirino Visconti, das Räumlichkeiten im ehemaligen Collegio Romano der Jesuiten bezogen hatte.

Es unterstand direkt dem König und hatte den Ruf, dass an ihm die besten Lehrer Italiens unterrichteten. Für einen Angehörigen des schwarzen Adels war das staatliche Gymnasium, in dem ein antiklerikaler, aufklärerischer Geist herrschte, eine Charakterprüfung ersten Ranges. Eben deshalb hatte Filippo Pacelli diese Schule für seine Söhne ausgesucht. Außerdem wollte er sie an der klassisch-humanistischen Bildung teilhaben lassen, für die das Visconti-Gymnasium damals berühmt war.

Eugenio absolvierte die Bewährungsprobe mit Bravour. Wurde er anfangs noch von seinen Klassenkameraden als Schwarzer verspöttelt, verschaffte er sich bald durch Souveränität und Können Respekt. Neun Jahre später bestand er die Reifeprüfung mit der Bestnote.

Einmal, so erinnerte sich seine ältere Schwester Giuseppina, erhielten die Schüler die Aufgabe, „über einen der großen Baumeister der Geschichte“ zu schreiben. Eugenio wählte den Kirchenvater Augustinus als Thema. Als er am nächsten Tag, vom Lehrer aufgefordert, seine Hausaufgabe vorlas, wurde er von seinen Mitschülern ausgelacht. Einen Kirchenheiligen als „Baumeister der Geschichte“ zu charakterisieren erschien ihnen als absurde Frömmelei. Doch unbeirrt von ihrem Spott verteidigte Eugenio seine These, was seinen Lehrer, Prof. Hildebrando Della Giovanna, sehr beeindruckte. „Ihr versteht gar nichts!“, schalt er seine Schüler, die plötzlich ganz still wurden. Della Giovanna wurde von diesem Tag an zu Eugenios Lieblingslehrer.

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Leider ist uns dieser Aufsatz nicht erhalten geblieben. Doch immerhin gelang es der Germanistin und Romanistin Ilse-Lore Konopatzki von der Universität Essen, im Besitz der Familie Pacelli einige Aufsatzhefte sicherzustellen, die zumindest einen Einblick in seine Zeit auf dem Gymnasium geben. Fast trotzig hatte der Schüler auf die erste Seite seines Aufsatzhefte die Buchstaben A.M.D.G. geschrieben, Ad maiorem Dei gloriam - „Zur höchsten Ehre Gottes“, den Wahlspruch des hl. Ignatius von Loyola, dem Begründer des Jesuitenordens. Dazu passen seine Worte, niedergeschrieben in der vierten Gymnasialklasse:

„Wir dürfen das, was wir im Herzen fühlen, auf keinen Fall verbergen, denn das widerspricht der Tugend; vielmehr müssen wir es aufrichtig kundtun. Wer sich so zeigt, wie er ist, wer freimütig seine Gefühle offenbart, hat eine große Seele und einen mannhaften Mut; wer dagegen, entweder aus Furcht, bestraft zu werden, oder um das Wohlwollen anderer zu gewinnen, seine Gemütsart verbirgt, wer seine Ansichten mit einem heuchlerischen Schleier verhüllt, ah! Lasst es mich sagen: der ist ein Feigling.“

An diese Maxime sollte sich Eugenio Pacelli ein Leben lang halten.

Als ein weiteres, sehr persönliches Zeugnis erwies sich seine Hausarbeit Il mio ritratto, „Mein Portrait“, die er in der 4. Klasse abliefern sollte. Es war eine ziemlich uneitle, realistische Selbsteinschätzung die – für das Alter eher ungewöhnlich - von hintergründigem Humor und Selbstironie zeugte. Das gefiel einigen Pius XII.-Biographen so wenig, dass sie lieber eine apokryphe (sprich: gefälschte) Version zitieren, in der sich Eugenio seiner schönen Hände rühmt und ganz selbstverliebt feststellt: „Ich gefalle mir, und ich gefalle auch den anderen“. Doch hier der Originaltext, wie ihn Prof. Konopatzki publizierte:

„Ich bin dreizehn Jahre alt, und für dieses Alter bin ich, wie man wohl sieht, weder übermäßig groß noch übermäßig klein. Meine Gestalt ist schlank, meine Hautfarbe braun, mein Gesicht etwas blass; meine Haare sind kastanienfarbig und fein, meine Augen schwarz, meine Nase ist ziemlich adlerhaft gebogen. Von meiner Brust will ich nicht weiter sprechen, die, um die Wahrheit zu sagen, nicht sehr breit ist. Schließlich habe ich ein Paar ziemlich dürre und lange Beine und zwei Füße von nicht geringen Ausmaßen. Aus all diesem ist leicht zu begreifen, das ich körperlich ein durchschnittlicher junger Mann bin“

Aber die Durchschnittlichkeit war nur eine Äußerlichkeit:

„In bezug auf meine Neigungen kann ich sagen, dass ich manchmal ein bisschen von den ehrwürdigen Musen inspiriert werde; ferner fühle ich in mir einen starken Hang zu den Klassikern, und besonders das Studium der lateinischen Sprache ist mir höchstes Vergnügen. Da ich die Musik sehr innig liebe, macht es mir Freude, in den Mußestunden und besonders während der Ferienzeit irgendein Musikinstrument zu spielen. Mein Charakter ist ziemlich ungeduldig und heftig...“

„Der beste Freund ist ein gutes Buch“, verriet er in einem anderen Aufsatz, gipfelnd in dem Stoßseufzer: „Ah! Wieviel besser verbringt man die Zeit mit einer ethisch wertvollen Lektüre als mit gewissen Freunden, die, statt den Gemütern der Kameraden die Liebe zur Tugend einzugeben, ihre Unschuld verderben!“

So eigenbrötlerisch und verschroben das nach heutigen Maßstäben auch klingen mag, Eugenios Schulkameraden versicherten späteren Biographen glaubwürdig, dass er keineswegs als Streber gesehen wurde, zumal er nie einen überhöhten Ehrgeiz an den Tag legte. Man bewunderte seinen schnellen, lebhaften Verstand und sein exzellentes Gedächtnis und schätzte seine zurückhaltende Art und seine Hilfsbereitschaft. Wodurch er sich ebenfalls Respekt verschaffte war seine Sportlichkeit. Eugenio ruderte mit Ausdauer, schwamm weite Strecken und galt als ausgezeichneter Reiter.

Sein bester Freund war ausgerechnet der (nach ihm) zweitbeste Schüler der Klasse, Giulio Mantovani. Die Begabungen der beiden Schüler lagen auf unterschiedlichem Gebiet und so konnten sie sich austauschen und viel voneinander lernen. Was die beiden Jungen aber noch mehr verband war ihr katholischer Glaube. Giulio stammte aus einer verarmten bürgerlichen Familie und lebte in einem päpstlichen Internat.

Er war bescheiden und gebildet, Eugenios Schwestern liebten seinen Humor und seine verrückten Einfälle. Doch obwohl die Schüler stundenlang über Geschichte, Philosophie und Musik diskutieren konnten, hat der junge Pacelli ihm nie sein Innerstes offenbart. So hatte Mantovani nicht die geringste Ahnung davon, dass sein Schulfreund mit dem Gedanken spielte, Priester zu werden. Er selbst studierte Jura, wurde Anwalt und heiratete später. Noch als Eugenio längst Papst war, traf man sich regelmäßig.

Ein weiterer seiner Schulfreunde war Guido Mendes, Sohn einer prominenten jüdischen Ärztefamilie, den er immer wieder zu sich nachhause einlud. Eugenio wiederum war im Hause Mendes ein gern gesehener Gast, der auch an der abendlichen Schabatfeier teilnehmen durfte. Wenn Mitglieder der jüdischen Gemeinde zu Besuch kamen, führte er mit ihnen ausgiebige Gespräche. Immer wieder borgte er sich Werke über das Judentum aus der Bibliothek der Mendes, darunter die Apologetica und Dogmatica des berühmten italienischen Rabbis Elijah ben Hamozeg.

Er zeigte großen Respekt, ja Bewunderung für die jüdische Kultur und Religion und sprach davon, er wolle eines Tages Hebräisch lernen, um die jüdischen Schriften im Original lesen zu können. Auch diese Freundschaft – die natürlich gar nicht in das Zerrbild von Pius XII. als Antisemiten passt und daher von gewissen Biografen verschwiegen wird – hielt ein Leben lang. Als 1938 die antisemitischen Rassengesetze in Italien verabschiedet wurden, half der damalige Kardinalstaatssekretär Pacelli seinem Schulfreund, über die Schweiz nach Palästina auszuwandern. Auch nach dem Krieg kam es zu mehreren Treffen. Mendes war mittlerweile in Israel ein prominenter Lungenspezialist geworden und Pius XII. diskutierte mit ihm über die Zukunft Jerusalems. Erst mit Johannes Paul II. hat es wieder einen Papst gegeben, der schon als Jugendlicher so enge persönliche Freundschaften zu Angehörigen des jüdischen Glaubens pflegte.

Gab es ein Mädchen in seiner Jugend? Verwandte aus Onano erinnern sich an eine Jugendliebe des Dreizehnjährigen während der Sommerferien. An sie mag er gedacht haben, als er im selben Sommer das Gedicht An ein junges Mädchen schrieb, das freilich mit dem Aufruf endet, sein Leben Gott zu weihen. Die junge Liebe hatte nicht die Kraft, ihn von seinem Entschluss abzubringen, es ebenso zu halten.

Doch schon ein Jahr später, im Sommer 1890, durchlitt Eugenio eine seelische Krise. Er war so schnell gewachsen, dass seine Gesundheit angegriffen war, die Ärzte ihm sogar rieten, ein Jahr mit der Schule auszusetzen. Eine schwere Depression war die Folge, begleitet von Glaubenszweifeln. Auch aus dieser Zeit ist uns ein bewegendes literarisches Selbstzeugnis erhalten. Pacelli meinte sich selbst, als er schrieb:

„Dieser Mensch hat die Hölle im Gemüt; und während er vorher nur Freude kannte, ist nun der Schmerz seine Weide geworden, der Schmerz seine Ruhe, der Schmerz selbst seine Hoffnung. Mit traurigem Auge sieht er nun denjenigen zu, die, in den Kirchen kniend, zu Gott ihr andächtiges Gebet erheben, er sieht ihnen zu, und die süße Erinnerung vergangener Zeiten, die vielleicht nie wiederkehren werden, bietet sich seinem Geiste dar, als er, glaubend, mit der glücklichen Schar jener Gläubigen vereint war, als Gott sein Herz mit unaussprechlicher Freude erfüllte ... und er weint!

Der Unglückliche! Wo wird er Trost finden? … Wird er zum Gebet zurückkehren, zu jenem einzigen Trost der Sterblichen? Weh! Denn während er versucht, seinen Geist zum Herrn zu erheben, überfällt ihn der Zweifel mit um so heftigerer Gewalt: ‚Wenn Gott gar nicht existiert!’ Aber das ist zu viel, das ist der Gipfel des Schmerzes: der Unglückliche hält es nicht mehr aus, sein Atem wird mühsam, die Stimme erwürgt sich ihm in der Kehle, er jagt die Hände durchs Haar, schließt die Augen (...) Mein Gott, erleuchte ihn!“

Als Pacelli am 17. August 1891 diese Zeilen schrieb, war die tiefe Glaubenskrise offenbar überwunden. Auch die Aufnahmeprüfung für die gymnasiale Oberstufe des Liceo bestand er mit Leichtigkeit. Er wusste jetzt, dass es weiter geht. Und er hatte wieder unbeirrbar sein Ziel vor Augen.

Kaum war im Mai 1894 die Reifeprüfung mit der Bestnote ad honorem absolviert, hatte er zudem bei einem Wettbewerb für neuere Geschichte die Goldmedaille gewonnen, fand er wieder in die Arme der Kirche. Nach einem längeren Urlaub auf dem Landgut der Pacellis in Onano zog er sich zum Fest Mariae Himmelfahrt für zehn Tage in das Kloster Sant’ Agnese fuori le Mura zurück, um Exerzitien zu halten und Klarheit über seine Berufung zu erlangen. Danach stand sein Entschluss unumkehrbar fest: Er würde Priester werden. Seine Familie zeigte sich nicht sonderlich überrascht. „In unseren Augen war er bereits als Priester zur Welt gekommen“, erklärte seine jüngere Schwester Elisabetta.


Auszug 1 aus dem Buch
Auszug 2 aus dem Buch
Auszug 3 aus dem Buch


Buchtipp:
Michael Hesemann
Der Papst, der Hitler trotzte -
Die Wahrheit über Pius XII.
gebunden, 256 Seiten, 135 mm x 215 mm,
EUR 20,50

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