13 August 2019, 10:00
Europäische Nebelkerzen und wie das Leben unter Indios wirklich ist
 
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„Viri probati“, Frauen und eine inkulturierte Liturgie: Ein Interview zur Amazonas-Synode mit dem Spiritaner-Missionar Herbert Douteil CSSp - Von Guido Horst / VATICAN MAGAZIN

Rom (kath.net/VATICAN MAGAZIN

Der aus Grefrath bei Krefeld stammende Herbert Douteil kam 1979 als Spiritaner-Missionar in das Amazonas-Gebiet und arbeitete zuerst in der brasilianischen Diözese Cruzeiro do Sul unter den Gummischneidern und darauf unter den Katukina-Indios, die an der Transamazônica wohnten. Der heute 84 Jahre alte Priester hat in seiner Zeit unter den Indios alles erlebt – bis hin zu einem Streifschuss am Kopf, abgefeuert von einem Drogenhändler. Vor allem aber hat der Missionar alle Schwierigkeiten und Herausforderungen kennengelernt, die jetzt auf der Tagesordnung der Amazonas-Synode stehen. Als Priester, der die Sorgen der Menschen am Amazonas kennt, antwortet er ganz unideologisch auf die Fragen, die den Lenkern der römischen Bischofsversammlung im Oktober ein Hebel sein sollen, aus dem Geist Amazoniens heraus eine ganz neue Kirche zu gestalten. Priesterlose Gemeinden, Frauen in der Seelsorge, Inkulturation und Liturgie – auf alles das geht Pater Douteil ein, nicht aus dem Geist einer „theologia india“ heraus (die der Spiritaner gar nicht kennt), sondern aufgrund seiner Erfahrung eines Priester, der bei und unter den Indios war.



Das „Instrumentum laboris“ zur Amazonas-Synode geht davon aus, dass sich diese Region in großer Not befindet: die Natur, der Mensch, die Schöpfung. Wie nehmen Sie diese reale Bedrohung wahr?

Ich arbeite seit 1979 in der westlichsten Diözese von Brasilien, in Cruzeiro do Sul an der Grenze zu Peru; ehe ich hierherkam, hatte ich nach der priesterlichen Ausbildung an der Musikhochschule in Köln und den Universitäten Köln und Bonn studiert, habe promoviert und kritische Editionen von mittelalterlichen Handschriften herausgegeben. Ich kam nach hier, weil ich glaubte und glaube, dass die Arbeit für die Menschen wichtiger ist als die mit mittelalterlichen Handschriften... Hier sah ich sogleich, wie die Welt sich rasant veränderte: Die früheren Gummischneider konnten nicht mehr überleben – tausende Familien mussten eine neue Lebensgrundlage finden. Wir halfen durch Aufkauf ihrer Produkte und Verkauf von lebensnotwendigen Waren aus der Stadt an sie – doch diese Hilfe konnte nur sehr begrenzt und mehr oder weniger punktuell sein. Es kam bei den Gummischneidern zum Spruch: „Jesus (der Name eines der Gummihändler) ist ein Teufel (der uns nur aussaugt), der Padre ist ein Heiliger (weil er uns immer hilft)“. Was ich tun konnte, war im Grunde sehr wenig, aber genügte, dass ich auf die Abschussliste der Gummihändler kam.

Die früheren Gummischneider begannen, den Urwald zu roden. Es kam zu großen Kahlschlägen, die Leute waren aber nicht darauf vorbereitet, als Bauern zu arbeiten – es fehlte auch von staatlicher Seite eine technische Begleitung. 1983 kamen zusätzlich noch über tausend Siedler aus Süd- und Mittelbrasilien für das in der Nähe liegende Siedlungsprojekt Santa Luzia, das ich von Anfang an seelsorglich begleiten durfte. Auch dort wurde abgeholzt und gerodet. Die staatlichen Organe waren überfordert, die Planung äußerst schlecht – die Möglichkeiten des Verkaufs der Produkte in den ersten Jahren wegen fehlender Transportmöglichkeiten äußerst gering. Wir konnten vonseiten der Kirche zwar zum Überleben helfen, doch eine dauerhafte Lösung war nicht möglich. Ich warnte die Siedler immer wieder, nicht zu viel abzuholzen und brauchte damals einen Vergleich: „Wo heute keine Frösche mehr leben können, dort werdet in wenigen Jahren auch ihr nicht mehr leben können.“ Und so war es auch: Die Frösche leben in Feuchtgebieten. Wo diese austrocknen, sinkt der Grundwasserspiegel: War er um 1985 noch bei etwa einem Meter, so ist er jetzt bei etwa zehn Metern. Die Wurzeln der Bäume kommen kaum mehr an das notwendige Nass, die Pflanzen trocknen aus – es kommt zu einer starken Versteppung mit der Gefahr von großen Waldbränden durch Blitzschläge.

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Samen des Wortes (Gottes) seien in dem Wissen der Einheimischen, der Indigenen, verborgen, die schon seit Jahrtausenden in Einklang mit der Natur im Amazonasbecken leben, heißt es im „Instrumentum laboris“. Man spricht von einer „theologia india“, einer Theologie der Indigenen... Was können Sie aus ihrer täglichen Erfahrung von dieser sehr auf die Ökologie und die Natur einerseits und die Indigenen andererseits ausgerichteten Theologie sagen?
Von Anfang meiner hiesigen Tätigkeit an bin ich in Kontakt mit den Indios des Stammes der Katukina an der Transamazônica. Sie baten bald, dass ich ihre Kinder taufte – zuerst wollte ich aber wissen, weshalb sie diesen Wunsch hatten und was sie selbst glaubten. Da ich ihre Sprache nicht kannte, bildete ich etwa zwölf Jahre lang einige junge Männer in intensiven Treffen zu Katecheten aus, die dann ihr Wissen an die anderen weitergaben. Um sicher zu sein, dass sie auch wirklich das sagten, was ich erklärt hatte, ließ ich jeweils einen anderen das zurückübersetzen, was der Kollege gesagt hatte – gewöhnlich war es genau das, was er sagen sollte. Ich gewann ihr Vertrauen, und dann zeichneten sie Bilder und schrieben jeweils auf die Rückseite in ihrer Stammessprache und für mich auf Portugiesisch ihre Mythen, ihre Geschichte, ihre Kultur. Ich sammelte und ordnete diese Zeichnungen und gab sie im Jahre 2000 mit dem Titel „Wie der Mond an seine Flecken kam – Mythen, Geschichte und Kultur der Katukina-Indios aus dem Amazonasbecken Brasiliens, von ihnen selbst erzählt und gezeichnet“ im Missionsverlag Knechtsteden heraus. Es bewahrheitete sich die alte Einsicht der Theologie, dass der Heilige Geist den Samen des Wortes in die natürliche Weisheit der Menschen durch die Betrachtung der Natur gelegt hat, und so ist es auch bei den hiesigen Katukina, für die alles durchgeistigt ist. Ihre Weltanschauung kann als animistisch bezeichnet werden: gute und böse Geister im Urwald, in den Pflanzen, Bäumen, Tieren, Flüssen und im Wetter. Immer ist der Indio in der Angst, es mit den bösen Geistern zu verderben und die guten nicht genügend zu verehren. Jeder Gang in den Urwald ist erneut eine Begegnung mit dem bedrohlichen Unbekannten. Es war für sie eine Befreiung, als ich die Erzählung von der Dämonenaustreibung bei Gerasa erzählte und sie hörten, dass die Dämonen eine ausdrückliche Erlaubnis Jesu brauchten, um in die Schweine einzufahren – „wenn wir Christus im Herzen haben, dann brauchen wir keine Angst mehr vor irgendwelchen bösen Geistern zu haben!“

Bei ihren Schöpfungsgeschichten und Mythen kamen schreckliche Dinge zum Ausdruck – Mord, Betrug, Diebstahl... Als ich den Hauptkatecheten danach fragte, ob sie diese erschreckenden Geschichten an ihre Jugend weitergäben, antwortete dieser: „Ja, Padre, das ist schließlich unsere Kultur, und die müssen sie doch kennen! Aber dann sage ich immer den Jungen: Wenn wir so leben, wie es diese alten Geschichten berichten, werden wir uns bald selbst ausgerottet haben – wir können nur überleben, wenn wir das leben, was der Padre uns durch die Zehn Gebote und das Evangelium beibringen will.“ Als sie in der Gefahr waren, ihre eigene Kultur aufzugeben, habe ich alles gesammelt, was ich noch finden konnte und zu einem völkerkundlichen Museum zusammengetragen, das ich inzwischen dem Staat habe übergeben können.
Um auf Ihre Frage nach der „indianischen Theologie“ zurückzukommen: Mir ist davon nichts bekannt, vielleicht gibt es sie an irgendwelchen Universitäten, wie es ja auch eine eigene „feministische Theologie“ an europäischen Universitäten geben soll.


Was sind die großen Herausforderungen und Nöte in Ihrer pastoralen Arbeit?

Es sind dieselben, die auch im „Instrumentum laboris“ für den gesamten Amazonasraum aufgezählt werden: Um nur die wichtigsten zu nennen: unter anderem die riesigen Entfernungen, die fortschreitende Verstädterung, die zunehmende Kriminalität, der Drogenhandel und -konsum, die um sich greifende Prostitution und die Zunahme der Sekten nicht nur in den Außenbezirken der Städte, sondern auch im Landesinnern. Natürlich legten wir nicht die Hände in den Schoß, sondern versuchen seit langem, dem entgegenzuwirken durch die Ausbildung von Laienmitarbeitern für alle Bereiche der Pastoral von der Kinder- und Jugend- über die Familien- bis zur Kranken- und Altenpastoral, die charismatische Familienerneuerung, die charismatische, hier in Brasilien gegründete Gruppe Shalom, die Gebets- und Anbetungsgruppen, die Legio Mariens, die Eucharistiehelfer, die die Kranken sowohl daheim als im Hospital besuchen... Wir tun also alles in unseren Kräften Stehende, damit wir das ganze Leben mit Hilfe der Laien seelsorglich abdecken können. Die Mitarbeiter werden geschult bei regelmäßigen Treffen in unseren Ausbildungszentren, die wir praktisch in allen Pfarreien haben. Sie werden in ihrer Tätigkeit begleitet, so gut es geht.
Gemeinsam mit anderen Ordensleuten gab ich eine Reihe von Handbüchern für die Vorbereitung der Sakramente und priesterlose Wortgottesdienste und Jugendgruppen heraus. Ich selbst gründete mit meinen früheren Katecheten in Santa Luzia die Gruppe der Laienspiritaner; es sind augenblicklich etwa 17, meistens Männer, auch einige Frauen. Wir treffen uns alle zwei Monate, tauschen unsere Erfahrungen aus, und sie erhalten das notwendige Material für die nächste Zeit und können auch ihren Einsatz besser koordinieren. Außerdem gründete ich gemeinsam mit deutschen und hiesigen Ärzten eine Augen-, eine Zahnklinik und die Polyklinik Cruzeiro do Sul und eine Optikerwerkstatt, die Stiftung „Jesuskind von Nazareth“ für augenblicklich 150 behinderte Kinder und Jugendliche und ihre Eltern; ich bin zudem Präsident der beiden Hoffnungshöfe für männliche und weibliche Drogenabhängige.


Endlich kann ich auch einen alten Traum verwirklichen und täglich die Menschen in ihren Häusern und auch in abgelegenen Gebieten mit einem einstündigen religiösen Programm durch unseren diözesanen Radiosender besuchen. Man muss wissen, dass dies eine fast einzigartige Gelegenheit ist, um die uns die Evangelikalen beneiden. Seit der Präsidentschaft Lulas im Jahre 2003 haben sie zwar in Gesamtbrasilien mehrere hundert Radiolizenzen erhalten, die Katholiken aber keine einzige!


Wie machen Sie das, wenn abgelegene Gemeinden längere Zeit keinen Priester sehen und sonntags auf die Eucharistiefeier verzichten müssen?


Hier scheint mir, dass das „Instrumentum laboris“ zu viel verlangt und ein neues Trojanisches Pferd zusammengebaut werden soll, wie es schon einmal beim Schreiben „Amoris laetitia“ mit dem Begriff der Barmherzigkeit war, womit man die Sexualmoral umkrempeln wollte. Denn es ist doch nicht so, dass die Kirche einzig von der Eucharistie lebt, sondern auch vom gelesenen und betrachteten Wort Gottes, der gelebten Nächstenliebe und vor allem dem Gebet. Wie könnte das Christentum denn sonst in muslimischen Ländern, in Nordkorea oder in China oder anderen Gebieten, wo es die unerbittlichen Verfolgungen gibt, überleben und sich sogar ausbreiten?

Und vor allem: Vergessen wir nicht die Kraft und Wirkung der geistlichen Kommunion. Die Menschen, die ich bei fast unzähligen Seelsorgereisen unter den abenteuerlichsten Umständen auf manchmal in der Regenzeit unpassierbaren Straßen mit drei- und vierrädrigen Schlammmotorrädern und auf den mehr als tausend Flusskilometern mit dem Kanu besuchte, habe ich immer wieder auf die geistige Kommunion hingewiesen und sie gebeten, sich immer erneut in die Gegenwart Christi zu versetzen und das kleine Stoßgebet so oft wie möglich zu beten: „Jesus, bleib bei mir – Jesus, ich bleibe bei Dir!“

Wären die „viri probati“ eine Lösung?
Grundsätzlich möchte ich antworten, dass hier falsche Hoffnungen geweckt und falsche Entweder-oder-Lösungen angeboten werden. Dies kommt nicht zuletzt durch die Medien, die sich auf eine mögliche Lockerung des Zölibates bereits eingeschossen haben, und weil auch von kirchlicher Seite verbale Nebelkerzen verschossen werden und der Tsunami gegen den Zölibat, der in Europa, besonders in der deutschen Kirche ausgelöst wurde, nach hier überzuschwappen scheint.
Nun zurück zu Ihrer Frage: „Viri probati“ sind, ganz allgemein und als Priester zweiten Grades verstanden, sicher keine wirkliche Lösung – es wäre lediglich eine „praktische“ Lösung, die das Funktionieren des Betriebes garantieren könnte, also reiner Funktionalismus. Und das würde ja auch bedeuten, dass man nicht nur für den Amazonasraum, der nur der ersehnte Präzedenzfall wäre, sondern auch für alle anderen Länder, wo es einen ähnlich bedrückenden Priestermangel gibt, diese Tür öffnete und wir so etwas wie protestantische Pfarrhäuser bekämen – und alle damit verbundenen Problemen eingeschlossen. Diese „viri probati“ können und sollen vielmehr als Laienkatecheten ausgebildet werden und wirken – sie könnten von den Priestern auch die heilige Eucharistie zur Austeilung erhalten: Das könnte selbst bei unseren riesigen Entfernungen kein Problem sein, denn auch die Handelswaren werden dorthin gebracht, und das Bier ist das Letzte, das fehlt! Warum sollte man sich bei der heiligen Eucharistie weniger anstrengen?



Wie ist es mit dem Priesternachwuchs und den religiösen Berufungen unter den Indigenen? Werden diese genug gefördert?

Bei den von mir betreuten Indios und den etwa zehn anderen Stämmen in unserer Diözese gibt es bis heute keinen einzigen jungen Mann, der Priester werden möchte, weil einfach jede Grundlage fehlt. Das mag auch daran liegen, dass sie bis vor wenigen Jahren noch keine genügende Schulbildung hatten. Jetzt haben wir bei allen Stämmen Grund- und Mittelschulen und das Internet. Ein Grund mag auch sein, dass ich selbst zu wenig persönlichen Kontakt mit den Jugendlichen hatte und ihre Sprache nicht spreche – die von mir ausgebildeten Katecheten waren schon verheiratet, hatten Familie und Kinder. Man kann zwar von einer solchen Möglichkeit für indigene Berufungen sprechen, aber Erfolge werden nicht von uns gemacht, sondern kommen vom Herrn und müssen erbetet werden, und man kann sie auch nicht von heute auf morgen erwarten. Außerdem müssten sie auch im Seminar ganz gezielt und höchst persönlich begleitet werden. Ich glaube, dass es Generationen dauern wird, bis wir hier gute und genügende Berufungen haben werden. Wir haben allerdings relativ viele einheimische Berufungen: bei einer Gesamtbevölkerung von etwa zweihunderttausend Katholiken mehr als zehn junge Leute in der Philosophie und Theologie unseres diözesanen, von eigenen Kräften getragenen Seminars.

Die Synode soll das besondere Gewicht der Frauen herausstreichen und auch Formen der besonderen Beauftragungen von Frauen erwägen, die aber nicht die Weihe zur Diakonin sein müssen. Welche Erfahrungen haben Sie mit der Rolle der Frau im Amazonas gesammelt? Was wäre zu ändern?
Hier haben wir eine weitere Nebelkerze – denn hier können und tun Frauen bereits praktisch alles, was auch Männer tun: Sie halten Wortgottesdienste, leiten Gemeinden, sind die tragenden Säulen bei allen Pastoralaufgaben. Sie teilen die Kommunion aus, besuchen als Kommunionhelferinnen die Kranken sowohl daheim als auch in den Krankenhäusern, haben Sitz und Stimme bei den Pfarr- und Diözesansynoden. Eine besondere und herausragende Rolle spielen die Ordensfrauen bei der Katechese, der Gesundheitspastoral, in den Schulen. Ich persönlich sehe nichts, was zu ändern wäre – man braucht keine Weihen, sondern höchstens eine spezifische, persönliche Beauftragung in einer liturgischen Feier innerhalb und vor der entsprechenden Gemeinde.



Und welche Erfahrungen haben Sie mit besonderen Formen der Liturgie, mit einer im Amazonas „inkulturierten Liturgie“, wie es das „Instrumentum laboris“ empfiehlt? Machen Sie zum Beispiel im Gottesdienst Dinge, die Sie bei einem Gastaufenthalt in Europa nicht oder anders tuen würden?

Sie fragen jemanden, der viele Jahre an der Universität Europas Liturgiewissenschaft studiert hat und zwei der wichtigsten Werke des Mittelalters kritisch herausgab und übersetzte. Von dieser Erfahrung her kann ich kein einziges liturgisches Element nennen, das nicht auch den Indigenen zugänglich wäre, anderseits auch keines, das in unsere Liturgie eingeführt werden sollte oder könnte. Immer wieder müssen wir uns hüten vor einer Auflösung der Liturgie als ein auf den Menschen, auf ein rein soziales bezogenes Ritual, bei dem das „mysterium tremendum“ fehlt, wo man alles rein natürlich verständlich machen will – das wäre besonders bei Indios vollständig unverständlich, weil sie ja dieses Mysterium bei ihren Riten durch ihre Medizinmänner selbstverständlich achten.

Ich nehme einmal als Beispiel die Taufe, auf die ich die Indios mehr als zehn Jahre lang vorbereitet hatte: Für die Taufe verlangte ich lediglich eine für sie geziemende Kleidung, und dazu gehören notwendig die Körperbemalung und der Federschmuck, die eine jeweils eigene Bedeutung haben – der Federschmuck aller Erwachsenen und Kinder war dann festlich, bei der Körperbemalung, besonders des Gesichts, sah man das Kreuz in allen Formen. Ich erinnere mich nicht, dass sie eigene Tänze aufgeführt hätten, doch das wäre für mich in keiner Weise ein Problem gewesen, wenn es nicht Tänze mit erotischem Hintergrund gewesen wären, die es bei ihnen in großer Zahl und Ausdruckskraft gibt. Auch das Festmahl war indianisch, es gab sogar für die Männer und Frauen etwas von dem von ihnen selbstgebrauten Bier. Messen habe ich übrigens bei den Indios nicht gefeiert, weil ich sie ihnen zuerst erklären wollte, um Missverständnisse zu vermeiden. Doch das war und ist ein so langwieriger Prozess, den ich in meinen 25 Jahren dort nicht beenden konnte.
Dann noch dies: Zur Liturgie gehört auch die Kapelle, gehören die Heiligenfiguren, die Prozessionen – hier gibt es ein so reiches Feld, bei dem ich die größte Freiheit ließ, so dass sogar die spontane Phantasie etwa bei Tänzen oder Körpergesten keine Grenzen kennt und ein Missionar und die Leute alle Freiheiten haben. Hier wird nicht alles so rein sein können, dass es keine synkretistischen Anspielungen geben könnte, weil ja jeder anders fühlt, denkt, eine andere Erinnerung mit einer jeweiligen Bewegung verbindet – doch da habe ich keine Angst: Das Wahre und Echte wird sich auf die Dauer durchsetzen!


Das „Instrumentum laboris“ erweckt den Eindruck, dass die Kirche Amazoniens in Zukunft nicht so sehr auf dem Wort Gottes und der göttlichen Offenbarung gründen soll, sondern eher auf der Kraft der Natur, wie sie in den indigenen Völkern und ihren Lebensweisen zum Ausdruck kommt. Täuscht dieser Eindruck?

Ich fürchte, dass dieser Eindruck nicht täuscht, sondern dass genau hierhin die Stoßrichtung des gesamten Denkens geht, auf eine, wie es im Dokument heißt, „polyedrische, nicht mehr monolitische Kirche“. Alles ist horizontal gedacht, es muss nur funktionieren, die theologische Tiefenwirkung wird vergessen. Es ist bezeichnend, dass man alles selbst machen und planen will – um es etwas „wissenschaftlicher“ auszudrücken: Man sucht in einem rationalistischen, pragmatischen Denken das „kleinere Übel“; dies geschieht aufgrund einer sophistischen Theologisierung und falschen Ekklesiologie. Man kommt damit zu neognostischen und zu reduktionistischen Lösungsvorschläge und Aktionsplänen für unsere Zeit. Dies aber führt unweigerlich zu einer Form der gnostischen, subjektiven Selbsterlösung und Rettung durch Wissen und Erkenntnis und einer von Menschen erdachten sozialpolitischen Organisation. Dies aber hat wenig mit der genuin katholischen Weltkirche und erst recht nichts mit einer gesunden, von der Tradition getragenen Dogmenentwicklung zu tun und führt unweigerlich zur Protestantisierung der Kirche.
Es fällt beim „Instrumentum laboris“ auf, dass es darin nur äußerst wenige Zitate des Zweiten Vatikanischen Konzils oder von Johannes Paul II., wohl aber sehr viele und ganz bewusst ausgesuchte Zitate aus Ansprachen und Dokumenten von Papst Franziskus gibt. Hierdurch soll wohl der Anschein erweckt werden, als ob dieses ganze Dokument vollständig mit seinem Denken übereinstimmt und er voll hinter diesen Aussagen stünde. Man glaubt sich auch in die deutsche Bischofskonferenz versetzt, wo ähnlich argumentiert wird und man ähnliche Lösungen vorschlägt. Auf diese Weise wird es auch ersichtlich, wie nationale Bischofskonferenzen anfällig für Manipulationen über demokratische Wege sind – was auch bei der Amazonassynode durch gewisse pressure groups geschehen kann.

Gewiss: Wir müssen prophetisch reden: Alles prüfen, das Gute bewahren – 1 Thessalonischer 5,20-21, – uns aber auch hüten vor der falschen Alternative: Auf der einen Seite steht bei Papst Franziskus der liberale, liebevolle, barmherzige. aufgeschlossene Dissident, auf der anderen der lieblose Legalist, der gegen den von der gelebten Wirklichkeit gezeigten und geoffenbarten Willen des Heiligen Geistes ankämpft!
Es ist sicher: Es wird einerseits keine schnellen und vor allem allgemeingültigen Lösungen für so viele Probleme und verschiedene Welten geben. Es ist aber leider anderseits bezeichnend, dass man die wirkliche Neuevangelisierung sowohl dort in Europa als auch hier im Dokument nur am Rande behandelt, dass man zum Beispiel nicht mehr vom Wert der persönlichen Beichte spricht – bei allen meinen Seelsorgereisen bewertete ich den „Erfolg“ nicht an der Zahl der Kommunionen, sondern der gehörten Beichten. Ohne auf Einzelheiten einzugehen kann ich nur bestätigen, dass es nicht irgendwelche oberflächliche Beichten, sondern oft wirkliche Bekehrungen waren.

Geradezu erschreckend ist es für mich, dass im „Instrumentum laboris“ selbst die volkstümliche Marienverehrung praktisch gar nicht angesprochen wird – die Menschen hier vertrauen auf Maria, beten den Rosenkranz einzeln und in der Familie, haben sie überall ihre Marienheiligtümer und Maria geweihten Kapellen – wie kann man diese Frömmigkeit beim Kampf gegen die ständig wachsende Protestantisierung in weiten Teilen unserer Länder ausklammern oder vergessen? Maria hat doch schon so oft die wankende Christenheit gestärkt und sogar gerettet, sie ruft zum Beispiel in Fatima zur Bekehrung, zur Buße, zum Rosenkranz auf – und an all dies wird bei einem so offiziellen Dokument nicht erinnert und nicht einmal im Ansatz gebührend gewürdigt? Und wie kann man den heiligen Franziskus, den heiligen Antonius, die heilige Rita zu einer Heiligenfigur in der Ecke verkommen lassen?



Wissen Ihre Gemeinden, dass im Oktober eine Synode in Rom für sie stattfindet. und was wünschen sie sich?

Im Vorfeld kann ich bestätigen, dass hier bei den Gemeinden darüber gesprochen wird, weil alle auch das Fernsehen haben, wo darüber berichtet wird – auch hier ist eine manchmal künstlich geschürte Erwartungshaltung groß, denn auch hier mischen die weltlichen Medien sehr stark mit. Immer wieder wird von der Möglichkeit der Aufweichung des Zölibats gesprochen, mag das Papier auch noch so viel vom Erhalt der Umwelt sprechen, mag es auch die Indios noch so sehr in den Vordergrund rücken, als ob es nicht auch bei allen anderen Bevölkerungsgruppen bedrückende Probleme gäbe! Der Erhalt der Umwelt wird in der veröffentlichten Diskussion höchstens nur beiläufig und nebenbei erwähnt, weil das hier in Brasilien der Haltung der Regierung und der überaus einflussreichen Lobbys der Agroindustrie widerspricht – die genauen Erwartungen der einfachen Gläubigen kann ich im Moment nicht genauer definieren, das müssen wir erst noch abwarten.

Meiner Meinung nach kommt es darauf an, dass man bei allem und allen die Neuevangelisation wieder verlebendigt und damit auch das Umweltbewusstsein stärkt – hier müssen die Schulen mitarbeiten, müssen die staatlichen Stellen der Umweltbehörden ihre Hausaufgaben machen. Und endlich müssen für die Indios deren Rechte gesichert und die seit mehr als dreißig Jahren schwebenden Demarkationsgebiete festgelegt und geschützt werden, sie dürfen nicht wie hier beim Regierungsantritt des neuen Präsidenten mit einem einzigen Federstrich zugunsten der Agroindustrie aufgehoben werden. Es muss ein wirkliches und gemeinsames Umdenken und eine echte Bekehrung und eine erneuerte wirksame Achtung vor dem „gemeinsamen Haus“ geben, wie es die Bibel aufzeigt, wie es auch die Indios ersehnen, erträumen, anstreben – ohne das Schielen nach dem größtmöglichen Eigennutz, sondern dem Segen für alle – nur dann kann es das Leben für alle – auch für die Pflanzen, die Tiere, die Menschen – im Überfluss und ein Aufblühen des religiösen Lebens im Kleinen und Großen geben!


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