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Psychiater: Beichte bietet Ausweg aus Perfektionismus-Wahn

12. Mai 2018 in Österreich, 4 Lesermeinungen
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Leiter des Wiener RPP-Instituts, Bonelli: "Riesenschatz", um den die Kirche selbst zu wenig weiß - Entschuldigungs-Bitte macht verletzlich, bringt jedoch Beziehung wieder ins Lot.


Wien (kath.net/ KAP)
Mit der Beichte hat die Kirche nach Ansicht des Wiener Psychiaters Raphael Bonelli einen "Riesenschatz", um den sie selbst viel zu wenig weiß: "Das Prinzip hinter dem Beichtgebot, dass jeder etwas falsch macht und somit ein Sünder ist, entlastet den Menschen und holt ihn aus dem Perfektionismuszwang heraus, dem wir heute überall begegnen", erklärte der Neurowissenschaftler und Buchautor am Mittwoch im Interview mit "Kathpress". Anlass dazu gab eine von Bonelli geleitete Tagung am vergangenen Samstag über "Schuld und Vergebung" an der Hochschule Heiligenkreuz.

Das Aussprechen und Eingestehen von eigener Schuld sei nachweisbar heilsam, betonte der Psychiater und Psychotherapeut. "Wenn ich um Entschuldigung bitte, mache ich mich verletzlich und vom Gegenüber abhängig. Es tut der Beziehung jedoch wahnsinnig gut, da dabei etwas geradegerichtet wird." Hohen Wert habe auch das ehrliche Reuegefühl, da es Distanz zwischen einem selbst und den eigenen Taten schaffe, somit eine "gewisse Garantie, dass ich nicht mehr rückfällig werden möchte" darstelle und nicht zuletzt dem Opfer das Verzeihen erleichtere.

Beim Beichtsakrament ist nach katholischem Verständnis Gott derjenige, der als Gegenüber um Verzeihung gebeten wird und diese durch den Priester gewährt. Dies kann Therapie nicht leisten, unterstrich Bonelli. Anders als der Beichtpriester, müsse sich der Psychiater oder Therapeut zudem in der Schuld-Frage völlig zurückhalten mit Bewertungen, denn "die therapeutische Praxis ist moralfreie Zone", so der Experte. "Unprofessionell" wäre auch das Exkulpieren - "wenn man dem Patienten sagt: Sie konnten ja nicht anders" - sowie der Kausalrückschluss - "wenn man den Eltern, der Gesellschaft oder der Kirche die Schuld für das eigene Versagen zuschiebt".


Alarmanlage im Menschen

Dabei ist das Schuld-Problem heute hochaktuell, wie der Psychiater erklärte: "Wir haben die Kompetenz verloren, mit eigener Schuld umzugehen." Innere "Dogmen" wie "Ich darf keine Fehler machen, sonst bin ich nicht mehr liebenswert", das narzisstische "Fehler zugeben ist Scheitern" oder "Der Schwächere muss sich entschuldigen" seien weit verbreitet, bis hin zur Haltung "Sünden gibt es nicht", zu der die Psychiatrie selbst Vorschub geleistet habe. Bonelli: "Sigmund Freud kannte das Schuldgefühl nur als pathologische Form und Funktionsstörung - da er dem Mensch keine Freiheit und somit keine Verantwortung zuerkannte. Viele Therapeuten glauben bis heute, der Mensch sei nicht schuldfähig, und wollen daher Schuldgefühle einfach ausreden."

Vielmehr sei das Schuldbewusstsein jedoch eine sinnvolle "Alarmanlage, die anzeigt, was los ist" und Gewissensbisse ein "Zeichen psychischer Gesundheit", sagte der Leiter des Wiener Instituts für Religiosität in Psychiatrie und Psychotherapie (RPP), der auch an der Sigmund-Freud-Privatuniversität lehrt. Werde Schuld verdrängt, verschwinde sie nicht, sondern es werde bloß ein "innerer Scheinfrieden" hergestellt, der weiteres Verdrängen nach sich ziehe. Das mache den Menschen unfrei, beziehungsunfähig und verbittert, zudem komme das Verborgene immer irgendwann ohnehin ans Licht. Ein weit besserer Umgang mit dem "Schmerz" des Schuldgefühls sei, ihn danach zu überprüfen, ob er Vernunft und der "inneren Wahrheit" standhalte.

Zehn Gebote in der Psychologie

Diese "innere Wahrheit" beschrieb der Psychiater als ein von der Psychologie zunehmend anerkanntes Lebensprinzip jedes Menschen, das sowohl die Selbst- wie auch die Arterhaltung umfasst und somit die Fähigkeit für den richtigen Umgang mit sich und den anderen bezeichnet. Immanuel Kant habe es als "moralisches Gesetz in mir" und Viktor Frankl als "unbewussten Gott" bezeichnet, ähnlich wie auch das Zweite Vatikanische Konzil - in "Gaudium et spes" - von einem Gesetz im Menschen spreche, das er sich selbst nicht gegeben habe. "Im Grunde sind das die Zehn Gebote. So divers die Patienten sind, jeder hat das Gefühl für das Böse - zumindest dann, wenn ihm selbst Unrecht geschieht", so Bonelli.

Erst wenn der Mensch selbst für seine Entscheidungen und Taten - auch die schlechten bzw. misslungenen - Verantwortung übernimmt, nehme er das Steuer in die Hand, so der Wiener Psychiater. "Erst gelungene Integration der eigenen Schuld ermöglicht geglücktes Leben." Auf dem Weg dorthin seien Beichte und Psychotherapie zwei nicht konkurrierende, sondern ergänzende Angebote. "Das innere Gesetz und die schuldhafte Handlung kann ich in der Therapie gut herausarbeiten, doch selbst wenn der Patient Reuegefühle hat, kann in diesem Rahmen keine Vergebung stattfinden. Das Beste wäre daher die Kooperation."

Copyright 2018 Katholische Presseagentur KATHPRESS, Wien, Österreich (www.kathpress.at) Alle Rechte vorbehalten


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Lesermeinungen

 Stefan Fleischer 12. Mai 2018 

@ wandersmann

Richtig. aber wir haben es wieder einmal mit der Tatsache zu tun, dass die Versöhnung mit Gott auch "Nebenwirkungen" haben - mir fällt gerade kein besseres Wort dafür ein - die wir ruhig und dankbar ebenfalls aus Gottes Hand entgegennehmen dürfen. Und wenn ein Beichtvater merkt, dass es dem Pönitenten (übrigens auch so ein aufschlussreicher aber vernachlässigter Begriff) geht, so kann er ihn immer noch darauf aufmerksam machen, dass das nicht die Hauptsache ist.


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 Senfkorn7 12. Mai 2018 
 

Die Früchte sind zwar richtig beschrieben

ABER MAN SOLLTE NICHT ZUR BEICHTE AUS FALSCHER MOTIVATION GEHEN. DAS WÄRE BERECHNUNG.

Vor der Beichte sollte man beten und eine gründliche Revision machen. Womit habe ich Gott verletzt, was könnte ihm nicht gefallen haben. Am besten auch "kleine" Sünden (schlecht über Andere gesprochen (=gelästert oder verleumdet), über Andere Leute geschimpft (z. B. Sonntagsfahrer und Rentner am Steuer), im Zorn Etwas Negatives über Andere gesagt, gedacht oder Ihnen gewünscht.

Aus Neid oder Eifersucht gehandelt um jemandes Aufmerksamkeit ganz für sich selbst zu haben und ihn somit von seinen Aufgaben (als Vater, Sohn, Priester, etc.) abgehalten zu haben.

Markus 7
21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft.


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 Mariat 12. Mai 2018 

Gott segne Sie Hr. Bonelli, für diese wahren Worte!

"Erst wenn der Mensch selbst für seine Entscheidungen und Taten - auch die schlechten bzw. misslungenen - Verantwortung übernimmt, nehme er das Steuer in die Hand[...].Auf dem Weg(zu einem glücklicheren Leben), seien Beichte und Psychotherapie zwei nicht konkurrierende, sondern ergänzende Angebote."
So ist es!
Jeder Mensch trägt in sich von Geburt an, ein Gewissen, das Gute - und Böse Taten erkennt.
Um aber mit der " Schuldenlast" besser leben zu können, sucht man die Schuld bei anderen.
Leider gibt es Psychotherapeuten, die ihre Klienten, die Hilfesuchenden, dabei unterstützen. Auch ist nicht jeder Therapeut von der Bußpraxis, von der Vergebung bei der Hl. Beichte, durch Jesus im Priester überzeugt.

Von daher gibt es diesen Rat, sich an einen Priester zu wenden, kaum.
Man muss mit sensiblen, seelisch Erkranten, sowieso feinfühlig umgehen. Da kann ein Hinweis auf die Beichte - eine Depression u.U. verschlimmern.

Eine Beichte ist heilsam und hilft, Ursachen für Versagen zu erkennen.


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 wandersmann 12. Mai 2018 
 

Bitte keine Psychologiesierung der Beichte

Ich behaupte nicht, dass Prof. Bonelli das macht. Sein Standpunkt dazu ist mir vielmehr unklar.

Jedenfalls sollten wir nicht deshalb beichten, DAMIT es uns psychologisch besser geht.

Vielmehr müssten wir unsere Sünden auch dann beichten, wenn es uns danach psychologisch schlechter gehen würde.

Sicher hat das Beichten auch psychologische Effekte, aber die sind irrelevant, denn wir beichten um unsere Beziehung zu Gott zu verbessern.
Verbessert sich diese Beziehung, dann ist alles erreicht, egal ob psychologische Effekt wie Wohlbefinden dazukommen oder nicht.

Wer nur wegen der psychologischen Effekte beichten geht, der ist in dieser Hinsicht zumindest nicht katholisch, denn in der Beichte dient er dann nicht Gott, sondern sich selbst.


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