28 Juli 2017, 11:45
Bischof Voderholzer: 'So denke ich über die Austrittszahlen'
 
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„Statt ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche herumzumäkeln, statt die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und statt eine Light-Version von Jesus zu verkünden, ist Evangelisierung angesagt.“

Regensburg-Mindelstetten (kath.net/pbr) Der zukunftsweisende Weg der Kirche könne nicht darin bestehen, ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche „herumzumäkeln, die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und eine Light-Version von Jesus zu verkünden“. Dass das nicht helfe, widerlegten die noch zahlreicher austretenden evangelischen Christen, die eine Gemeinschaft verlassen, die fast alle Anpassungsforderungen erfüllt habe. Darauf wies der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer angesichts der jüngst bekannt gewordenen Kirchenaustrittszahlen hin. Diese Zahlen verdeutlichten eine seit Jahren fortschreitende Säkularisierung und Verweltlichung, einen Schwund an Kirchenbindung und letztlich einen Rückgang an Glaubenssubstanz, eine Verflüchtigung des Gottesbewusstseins.

Eine wirklich zukunftsweisende Reformation der Kirche erfordere das tägliche Bemühen um Heiligkeit, das tägliche Hören auf Gottes Wort und die Bereitschaft, bei sich selbst anzufangen. Denn das, so Bischof Rudolf, sei Reformation: „Erneuerung aus dem Glauben, Wiederherstellung des Bildes Christi, das uns in Taufe und Firmung eingeprägt ist. Wo uns das in der Gnade Gottes geschenkt wird, wo uns das gelingt, da werden wir die Menschen auch unserer Tage wieder neugierig machen auf den Glauben, der uns trägt.“

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Die hl. Anna Schäffer, so der Regensburger Oberhirte zu den Gläubigen in Mindelstetten, sei bei dem für die gegenwärtige Zeit angesagten Bemühen um Evangelisierung in jeder Hinsicht ein Vorbild und auch eine Fürsprecherin.

kath.net dokumentiert die Predigt von Bischof Rudolf Voderholzer zum Anna-Schäffer-Gebetstag am 26.7.2017 in Mindelstetten in voller Länge

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn!
Am vergangenen Freitag, den 21. Juli, wurden die statistischen Zahlen für die katholische Kirche und die evangelische Kirche in Deutschland für das Jahr 2016 veröffentlicht. Sie haben wahrscheinlich das eine oder andere davon in Rundfunk und Fernsehen oder über die Zeitungen mitbekommen.

Das Ergebnis war wenig überraschend. Die Kirchenaustrittszahlen liegen nach wie vor besorgniserregend hoch, auch wenn sie in der katholischen Kirche gegenüber dem Vorjahr 2015 um etwa 11 Prozent zurückgegangen sind. Die Zahl der Taufen ist sogar leicht gestiegen, die der Trauungen ein wenig gesunken. In Hamburg und Berlin steigen die Katholikenzahlen, bedingt durch den Zuzug von katholischen Ausländern; insgesamt ist die Zahl der Katholiken in Deutschland aber rückläufig.

Liebe Schwestern und Brüder, ich will sie heute am Anna-SchäfferGedenktag nicht mit Zahlen und Statistiken langweilen. Aber die Reaktionen in der Öffentlichkeit auf diese Zahlen sind doch bemerkenswert und führen uns dann doch in die Tiefe.

Da wird uns als Heilmittel zur Umkehr dieses Trends und zur Wahrung unserer gesellschaftlichen Relevanz immer wieder geraten, dass wir uns – wörtlich - „weiter öffnen und von starren konservativen Dogmen verabschieden“.

Näherin heißt das dann:
Abschaffung der Ehelosigkeit der Priester;
Verzicht auf unterschiedliche Aufgaben und Berufungen von Frauen und Männern in der Kirche und Zulassung von Frauen zum apostolischen Dienstamt;
Zustimmung zur Forderung nach völliger rechtlicher Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Partnerschaften mit der Ehe; Öffnung der Kommunionzulassung für alle usw.

Sie kennen diesen Katalog der Forderungen so gut wie ich.

Liebe Schwestern und Brüder! Wie problematisch diese Ratschläge sind, lehrt aber doch bereits ein kurzer Blick auf die Statistik der evangelischen Kirche. Wenn die Umsetzung der genannten Ratschläge wirklich ein Weg zu einer Verbesserung der kirchlichen Lage wäre, dann müsste in der evangelischen Kirche doch das blühende Leben zu beobachten sein.

Was aber sagt die Statistik? Aus der evangelischen Kirche, in der alle diese Forderungen doch im Grunde erfüllt sind und wo es alle diese vermeintlichen Erschwernisse des Kircheseins nicht oder nicht mehr gibt, aus der evangelischen Kirche treten – und zwar mit Ausnahme von 2014 schon seit Jahren – mehr Menschen aus als aus der katholischen Kirche. Darüber aber wird in der Öffentlichkeit weitgehend sehr vornehm geschwiegen, obwohl die Zahlen am selben Tag der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Wird darüber vielleicht auch deshalb vornehm geschwiegen, weil andernfalls die eklatante Schwäche, ja die Widersprüchlichkeit und Widersinnigkeit der „guten“ Ratschläge an die katholische Kirche offenkundig würde?! Kann man uns denn allen Ernstes den Weg der evangelischen Kirche als Heilmittel empfehlen, der so offenkundig zu einer noch größeren Entfremdung von Glaube und Kirche geführt hat? Ich sage das ohne Häme! Ich kenne evangelische Mitchristen, die mir in dieser Einschätzung der Lage vollkommen zustimmen und die uns Katholiken warnen, dieselben Fehler zu machen.

Wir müssen in der ganzen Debatte viel tiefer ansetzen. In der Kirchenstatistik wird eine seit Jahren fortschreitende Säkularisierung, eine Verweltlichung sichtbar, ein Schwund an Kirchenbindung und letztlich ein Rückgang an Glaubenssubstanz, eine Verflüchtigung des Gottesbewusstseins. Deshalb haben wir auch nicht eigentlich einen Priestermangel, sondern einen viel fundamentaleren Glaubensmangel. Der Priestermangel ist ein Symptom, wie das Fieber. Das Fieber ist ja nicht selbst die Krankheit, sondern das Fieber weist auf einen Entzündungsherd hin. Ich bin mir sicher: Das Fieber des Priestermangels weist auf die Krankheit des Glaubensmangels hin. Übrigens kennt auch die evangelische Kirche längst das Phänomen des „Pfarrermangels“, weil es zu wenig junge Leute gibt, die Theologie studieren und sich auch beruflich ganz in den Dienst des Evangeliums stellen wollen; das alles ohne Zölibat und trotz der Möglichkeit auch für Frauen, das Pfarramt zu übernehmen! Das sollte uns doch zu denken geben hinsichtlich der wahren Gründe für den Schwund an Kirchlichkeit.

Liebe Schwestern und Brüder, versammelt am Grab der heiligen Anna Schäffer! Uns allen liegen das Erscheinungsbild und das Geschick der Kirche am Herzen. Aber nicht deshalb, weil wir zu ihr wie zu einem Verein gehören, dessen öffentliches Ansehen und dessen Stärke oberstes Ziel wären; sondern um der Botschaft willen und um der Menschen willen, um derentwillen Gott in Jesus Christus Mensch geworden ist. In der Kirche nimmt er uns in Dienst für sein Evangelium. Dabei hat uns der Herr nicht verheißen, dass wir immer die Mehrheit sein würden; er hat uns vielmehr Gegenwind und Widerstand vorausgesagt.

Deshalb sollten wir uns auch gar nicht so viel mit Zahlen und Statistiken beschäftigen. Uns muss es darum gehen, dass durch unser Leben aus dem Glauben das Evangelium in unserer Umgebung leuchten kann. Überall, wo wir das Evangelium durch Unaufmerksamkeit, Lieblosigkeit und Hartherzigkeit verdunkeln, sind wir aufgerufen, umzukehren und dem Herrn wieder Raum zu geben.

Statt ständig an den Strukturen, auch und gerade den sakramentalen Strukturen der Kirche herumzumäkeln, statt die Botschaft des Evangeliums zu verdünnen und statt eine Light-Version von Jesus zu verkünden, ist Evangelisierung angesagt, eine Durchdringung der Gesellschaft mit dem Geist Jesu. Und der erste und alles entscheidende Schritt auf diesem Weg ist das tägliche Bemühen um Heiligkeit, das tägliche Hören auf Gottes Wort und die Bereitschaft, mit der Reform der Kirche bei mir selbst anzufangen. Denn das heißt Reformation: Erneuerung aus dem Glauben, Wiederherstellung des Bildes Christi, das uns in Taufe und Firmung eingeprägt ist. Wo uns das in der Gnade Gottes geschenkt wird, wo uns das gelingt, da werden wir die Menschen auch unserer Tage wieder neugierig machen auf den Glauben, der uns trägt. Und dann werden wir auch Rechenschaft geben können, über die Hoffnung die uns erfüllt.

Liebe Schwestern und Brüder im Herrn! Die heilige Anna Schäffer ist uns bei dem für unsere Zeit angesagten Bemühen um Evangelisierung in jeder Hinsicht ein Vorbild und auch eine Fürsprecherin.

Sie wollte ihr Leben drangeben für die Mission in der Ferne. Der Herr aber hatte sie bestimmt für die Mission in der Heimat. Bevor sie freilich für viele zur Trösterin und Quelle von Glaubensfreude werden konnte, musste sie sich selbst noch einmal neu und radikal evangelisieren lassen. Die Annahme ihres Leidens als Teilhabe am Kreuz Christi war alles andere als leicht. Ans Bett gefesselt und den Blick aufs Kreuz gerichtet, hat sie sich diesem Prozess der inneren Heilung und Verwandlung gestellt. So wurde sie zu einem leuchtenden Zeichen des Wirkens Gottes, zur Glaubensbotin für ungezählte Menschen und schließlich zur Heiligen der katholischen Kirche.

Und so bitten wir sie heute um ihre Fürsprache, dass der Herr jedem und jeder von uns die Gnade schenke, mit der Reform der Kirche bei sich selbst anzufangen; dass wir den Mut aufbringen, uns täglich neu selbst evangelisieren zu lassen und auf diese Weise bereitet werden, der Sendung der Kirche zu dienen - zum Heil für die Menschen, und zur Verherrlichung des dreifaltigen Gottes, dem die Ehre sei, heute, alle Tage, und in Ewigkeit, Amen.

Archivfoto Bischof Voderholzer




Foto (c) Bistum Regensburg







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