10 August 2016, 09:30
Angst, - vor wem oder was darf man sie haben?
 
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Sich fürchten oder Angst zu zeigen muss also nicht schon, wie Biser zu vermitteln sucht, von vorneherein offenbaren, dass man auf der falschen Seite steht. Ein Kommentar von Helmut Müller

Linz (kath.net)
Die Welt scheint aus dem Geleise gesprungen und den Fugen geraten zu sein. Egal wo man hinschaut, in die Gesellschaft, die Politik und auf die Politiker, in die Kirche, ins eigene Herz, in die Zukunft, nicht mal auf die Wetterkarte kann man schauen, überall kommt Angst auf, die man als Christ eigentlich nicht haben darf. Vor Jahrzehnten schon sprach Eugen Biser von einem „Zeitalter der Angst, das auch die Kirche befallen hätte“, ohne die reale Gefährdung dieser Tage auch in unseren Breiten, insbesondere für Christen überhaupt geahnt zu haben.

Andererseits darf man heute durchaus Angst haben. Besonders geschätzt wird, als Mann zu bekunden, nicht immer mutig und stark, sondern auch mal ängstlich und schwach zu sein. Auf keinen Fall aber darf man als Christ Angst haben vor der modernen Gesellschaft und ihrem Geist; erst recht nicht vor Kirchenmännern- und frauen, die von diesem Geist kaum noch zu unterscheiden sind.

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Das Etikett Modernisierungsverlierer, ewig Gestriger usw., wartet auf alle, die es wagen, diese Angst zu zeigen. Ich bin mutig und gestehe: Ich habe diese Angst. Halt in meiner Ängstlichkeit finde ich aber bei Jeremia, der in seiner Zeit ebenfalls ein Modernisierungsverlierer gewesen sein muss. Denn vor der „modernen Theologie“ seines Widerparts Hananja - am Vorabend der hereinbrechenden babylonischen Apokalypse - muss es ihm gegraut haben.

Hananja verkündete nämlich plakativ das Heil, eine Frohe Botschaft, eine angstfreie Zukunft und den Beistand eines menschen(israel)freundlichen Gottes, alles Termini auch gegenwärtiger Theologie. Jeremia dagegen verkündete das Heil durch Gericht hindurch, nach einer Zukunft in Ketten, verborgen in einer Drohbotschaft und hat damit Recht behalten.

Jeder Vergleich hinkt, auch der eben konstruierte. Was an diesem Vergleich nicht hinkt, ist der Hinweis, dass das gerade Moderne nicht immer schon das Wahre, und Angst nicht immer ein schlechter Ratgeber sein muss. Schon der Philosoph Günther Anders beklagte in den fünfziger Jahren den platten Fortschrittsglauben seiner Zeit als Apokalypseblindheit.

Und Hans Jonas wies darauf hin, dass das Unheil nicht immer mit Brachialgewalt durch die Tür brechen müsste, wo es jeder gleich bemerken würde, sondern sich auch heimlich auf tausend Wegen verschwiegen durchs Fenster hereinstehlen könne. (Also nicht durch politische oder Naturkatastrophen, aber vielleicht „heimlich“ durch säkularen Geist und die fundamentalistische Reaktion darauf, wie Gilles Kepel in seinem Buch „Die Rache Gottes“ andeutete?) Wie Jeremia waren Anders und Jonas Juden, und wenn jemand apokalypseerfahren ist, dann sind es Angehörige dieses Volkes.

Jede Zeit hat ihre verborgene Apokalypse, die irgendwann zu Tage tritt. Wenn man tatsächlich daran glaubt, dass der Glaube an Christus das Heil ist, ist dann sein rasanter Verfall in westeuropäischen Gesellschaften nicht apokalyptisch zu nennen? Und sind nicht gerade dort, wo die Theologie am modernsten ist oder war, zum Beispiel in Holland und in evangelischen Landeskirchen, die Austrittszahlen am höchsten und christliche Vitalität am geringsten?

Sich fürchten oder Angst zu zeigen muss also nicht schon, wie Biser zu vermitteln sucht, von vorneherein offenbaren, dass man auf der falschen Seite steht. Wenn gewisse Gläubige meinen, dass das hölzerne Joch Roms, wie Hananja bei Jeremia, durch Franziskus zerbrochen worden sei, könnte vielleicht ein eisernes von woanders her drohen, das sich nicht zerbrechen, sondern nur noch ertragen lässt?

Rom will und wollte offenbar verhindern, dass das Salz des „Heiligen“ schal wird und der säkularen Gesellschaft auf ihrem Weg in den Abgrund des nur noch Profanen folgt. Ist es nicht bedenklich, wenn immer mehr zeitgenössische Theologien, moderne Agnostiker wie Derrida, Foucault und Judith Butler als Paten haben? Nichts gegen „Alt-Agnostiker“ wie Heidegger und Bloch, solange sie nicht die westlichen und östlichen Kirchenväter, die zum Beispiel im Zentrum der Theologie Hans Urs von Balthasars und Henri de Lubacs stehen, ersetzen. Was ist eigentlich damit gewonnen, wenn man sich einerseits Modernisierungsgewinner nennen kann, aber andererseits den Glauben der Kirche verliert?

Ein wenig Apokalypse - um mit Jonas zu sprechen - stiehlt sich so durch die Ausbildung unserer Theologen bis ins Herz der Kirche. Ist das nicht ein Grund, Angst zu haben?

Ich bin jedenfalls so sehr Christ, dass ich nicht der Angst das letzte Wort lassen will und daher mit den ermutigenden Worten Ida Friederike Görres (+1971) enden möchte: "Wie, wenn den Rebellen wirklich die Zukunft gehörte?...Leben wir auf einem lecken, zollweise versinkenden Schiff, von dem nicht nur die Ratten, sondern einfach die Vernünftigen, Nüchternen rechtzeitig abspringen? Wer gibt uns Antwort in solchen Stunden? Wen dürfen wir noch fragen? Nur die Kirche selbst. ... Die Kirche: das Wort freilich im alten Vollverstand gebraucht, der nicht bloß den zeitlichen Ausschnitt der heute lebenden Katholiken meint, nicht ein System, eine Idee, eine Ideologie, eine Struktur, eine Gesellschaft, sondern das ungeheure Lebens-Gebilde, das von den Aposteln bis heute existiert, seine Geschichte erfüllend von Jahrhundert zu Jahrhundert, wachsend, sich entfaltend, kämpfend, erkrankend, genesend, sein Schicksal bestehend und der Wiederkunft des Herrn entgegenreifend".

kath.net-Lesetipp:

Unterirdische Ansichten eines Oberteufels über die Kirche in der Welt von heute
Von Helmut Müller
80 Seiten
2015 Dominus Verlag
ISBN 978-3-940879-38-7
Preis 5.10 EUR

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