19 Juli 2016, 11:00
'Unsere Art zu leben' - Wertewandel in den europäischen Gesellschaften
 
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kath.net dokumentiert den Vortrag von Prof. Werner Münch bei den ChristSozialen Katholiken (CSK) in der CSU in voller Länge

München (kath.net) Prof. Dr. Werner Münch (Foto), Ministerpräsident a.D. von Sachsen-Anhalt und Schirmherr des Forums Deutscher Katholiken, hielt diesen Vortrag am 18.7.2016 in München bei den ChristSozialen Katholiken (CSK) in der CSU. Dies ist die schriftliche Vorlage, es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrter Herr Abgeordneter Dr. Goppel, verehrte Gäste,
meine Damen und Herren,

1 Einleitung

Nachdem ich bei Ihnen im Januar 2013 über das Pontifikat unseres deutschen Papstes Benedikt XVI. und über seinen Kampf in Kirche und Gesellschaft vortragen durfte, danke ich Ihnen, lieber Herr Dr. Goppel, sehr herzlich für diese zweite Einladung heute, mit der Sie mich gebeten haben, über den Wertewandel in den Mitgliedstaaten der Europäischen Union zu referieren.

'Unsere Art zu leben...' - Wertewandel in den europäischen Gesellschaften- so lautet mein Thema genau. Wie bin ich darauf gekommen? Nach den Terroranschlägen in Paris im letzten Jahr erklärte Bundeskanzlerin Merkel am 19. November 2015 in einer Presseerklärung: „Dies ist ein Anschlag auf unsere Grundwerte, auf unsere Art zu leben, auf die Freiheit, ...aber auch, um unsere Art zu leben zu schützen und zu sichern.“ Nach den Terroranschlägen im Flughafen und in einer Metro-Station in Brüssel am 22. März 2016 erklärte sie, die Terroristen „seien Feinde aller Werte, für die Europa stehe". Danach stellt sich die entscheidende Frage: Was ist denn „unsere Art zu leben" , und was sind denn außer Freiheit, Frieden, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie sozusagen die 'inneren' „Werte, für die Europa steht"?

Diese Fragen möchte ich heute Abend beantworten und beginne mit der

2 Werterealität in der Europäischen Union (EU) Schauen wir uns zunächst ihre Gründungsgeschichte an.

2.1 Gründungsgeschichte der EU

Nach den schrecklichen Ereignissen des 2. Weltkrieges und seinen Folgen musste Europa aus der tiefen Krise des gegenseitigen Misstrauens und aus einem Klima des Kalten Krieges einen Neuanfang zur Befriedung dieses Kontinents wagen. Die zentralen Akteure im Wiederaufbau eines solchen Europa waren der Deutsche Konrad Adenauer, der Italiener Alcide De Gasperi und der Franzose Robert Schuman. In ihrem politischen Denken standen die Aussöhnung der Völker, Frieden und neues Vertrauen im Mittelpunkt. Alle drei hatte diese Vision auch als gläubige Christen mit gemeinsamen religiösen Werten und Überzeugungen.

Die Freundschaft Adenauers mit De Gasperi, italienischer Ministerpräsident von 1949 — 1953, war deshalb so tief, weil dessen Glaubensfundament ebenso unerschütterlich war. Die Verleihung des Karlspreises an ihn 1952 in Aachen für seine Verdienste um die europäische Einigung war die eigentliche Grundsteinlegung für den Friedensnobelpreis an die Europäische Union 60 Jahre später

Und auch Robert Schuman war ein ebenso frommer wie unbeirrbarer Christ. In einem 2011 erschienenen Aufsatz können wir u. a. nachlesen, was Schuman einer Besuchergruppe in seinem Ministerium berichtete: „Jeden Morgen, in der Frühe, verlasse ich inkognito das Areal und begebe mich durch diese von den Sicherheitsbeamten nicht bewachte Türe...ganz ruhig zur Messe und zur Kommunion. Daraus ziehe ich meine Kraft für die Arbeit unter den Augen Gottes" (G. Müller-Chorus, „Robert Schuman, der Christ", in: Unitas 1/2011, S. 23).

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Fassen wir zusammen: Die Neukonstruktion Europas war gewollt als eine Friedensunion. Die Schlüsselbegriffe der ersten Verträge wie Weltfriede, gemeinsames Schicksal, tatsächliche Verbundenheit oder neues Vertrauen waren zu der Zeit revolutionär und haben als politische Vision eine starke Dynamik ausgelöst. Die „Seele Europas" – ein Wort des heiligen Papstes Johannes Paul II. – hatte ein christliches Fundament, ein verbindliches Ethos. Es gab zwischen den verantwortlichen Politikern der ersten Stunden einen Konsens über die Grundwerte menschlichen Lebens und menschlicher Würde, eine kongruente Sicht von Mensch, Welt und Gesellschaft. Europa wurde tatsächlich gedacht als eine „Gesinnung", wie Romano Guardini es einmal ausgedrückt hat. Christliches Abendland bedeutete vor 70 Jahren Orientierung für verantwortungsbewusstes Handeln, das hieß vor allem Achtung vor dem Recht und der Würde des Menschen. Die genannten Politiker waren in ihrer christlich geprägten Werte — Überzeugung über jeden Zweifel erhaben und damit ein Glücksfall für die europäische Geschichte nach 1945.

Meine Damen und Herren,
aus der Gemeinschaft von sechs Staaten, die 1957 den EWG-Vertrag unterzeichnet haben, ist heute eine mit 28 Mitgliedstaaten geworden. Die 70 Jahre vom Ende des 2. Weltkrieges bis heute sind eine Zeit gewaltiger Umbrüche in Europa gewesen. Frieden, Versöhnung und Wohlstand waren eine große moralische Kraft für ein neues Europa in der Nachkriegszeit. Die Generation unserer Kinder erlebt ein völlig anderes Europa als wir Älteren es in unserer Kindheit und frühen Jugend erlebt haben. Ob wir allerdings diesen positiven Befund auch noch an unsere Enkelkinder weitergeben können, ist eine offene Frage, denn die Wertvorstellungen der Gründerzeit haben sich geändert. Beschäftigen wir uns also mit dem

2.2 Wertewandel in der EU

und versuchen vor allem die Frage zu beantworten, ob es noch eine Identität Europas gibt und nach welchen Kriterien man sie definieren kann, was natürlich nicht leicht ist. In jedem Fall aber steht die Würde der Person im Mittelpunkt, und gerade das Christentum hat hierzu über viele Jahrhunderte einen grundlegenden Beitrag geleistet. Gibt es also heute noch ein verbindliches Ethos in der EU? Was macht ihre „Identität" aus? Was ist ihre „Seele"?

Rufen wir uns zur Beantwortung ein paar Fakten aus den letzten Jahren in Erinnerung:

2.2.1 Präambel des Verfassungsvertrages
In der Präambel des Lissabon-Vertrages, dem EU-Verfassungsvertrag, gibt es keinen Gottesbezug. Dort heißt es lediglich: „Schöpfend aus dem kulturellen, religiösen und humanistischen Erbe Europas..." Damit ist die historische Wahrheit unerwähnt geblieben.

2.2.2 Verhinderung eines katholischen EU-Kommissars
Der Italiener Rocco Buttiglione, gläubiger Katholik, der 2004 als Kommissar — Kandidat für Justiz, Freiheit und Sicherheit von der italienischen Regierung nominiert worden war, hatte bei seiner Anhörung vor Abgeordneten des Europäischen Parlaments auf die Frage nach seiner Einschätzung der Homosexualität geantwortet, er halte sie für eine Sünde, würde sich aber „als EU — Kommissar in seiner Arbeit an die Gesetze der EU halten" (u. a. H. Stückelberger, Europas Aufstieg und Verrat – Eine christliche Deutung der Geschichte, Aachen 2011, S. 457 ). Daraufhin wurde er abgelehnt.

2.2.3 Entchristlichung des EU-Jahreskalenders 2011
Im EU-Jahreskalender 2011, gedruckt in einer Auflage von 3,2 Millionen Exemplaren, waren alle jüdischen, buddhistischen, hinduistischen und muslimischen Feiertage sowie die der Sikhs aufgeführt, nur nicht die christlichen – angeblich aus Versehen.

2.2.4 Verbannung der Kreuze aus allen öffentlichen Gebäuden in den EU-Staaten
Der deutsche Sozialdemokrat Martin Schulz, vor und nach der Wahl zum Europäischen Parlament im Mai 2014 Präsident dieses Parlaments, hat im Wahlkampf öffentlich gefordert, dass alle Kreuze und sonstigen religiösen Symbole aus öffentlichen Räumen verschwinden müssen, weil es in Europa, wie er sagte, „das Risiko einer sehr konservativen Bewegung zurück" gebe, die im Sinne der Anti-Diskriminierung „bekämpft" werden müsse („Die Tagespost", 17. 05. 2014, und „FAZ", 17. 05. 2014).

Nun mag es einige geben, die sagen, das ist zwar alles sehr ärgerlich und wird von uns nicht befürwortet, aber es sind einzelne Beispiele, die man nicht überbewerten sollte.

Sehen wir uns deshalb ein paar grundsätzliche Probleme an und arbeiten dabei einige wesentliche politische Fragen heraus, mit denen sich die EU immer wieder beschäftigt, sogar dann, wenn sie nach den Verträgen dafür gar keine Kompetenzen besitzt. Ich gehe hierbei übergreifend von der Prämisse aus, dass eine humane, demokratische Gesellschaft von Grundwerten wie Freiheit und Gleichheit, Rechte und Würde des Menschen, Toleranz und Solidarität lebt. Ohne den gesellschaftlichen Konsens über die Achtung dieser Grundwerte würde eine Gesellschaft nämlich ins Chaos stürzen. Also:

2.3 Ausgewählte politische Grundfragen

Beginnen wir mit dem
2.3.1 Lebensschutz
Es ist seit Jahren konkrete Politik der EU, von allen Mitgliedstaaten die Legalisierung der Abtreibung zu fordern und durchzusetzen. Die Zuweisung von Finanzmitteln für bestimmte Projekte, insbesondere für Länder der Dritten Welt, wird von dieser Bedingung abhängig gemacht. Das ist Kolonialismus pur! In allen Berichten des Europäischen Parlaments in den letzten Jahren - Sie kennen sicher die Namen der Berichterstatter Estrela, Lunacek, Tarabella oder Noichl - wurde die Abtreibung als Menschenrecht, auch für Minderjährige, ohne Zustimmung der Eltern gefordert mit dem zusätzlichen Verbot der Berufung auf sein Gewissen als Begründung für die Weigerung eines Arztes, Pflegers oder einer Krankenschwester, an einer Abtreibung mitzuwirken, und der Forderung einer Bestandsgarantie und nachhaltigen Sicherung der Finanzierung aus Steuermitteln für Abtreibungsorganisationen, die ja, wie wir inzwischen wissen, zusätzlich noch Handel mit Organen von Embryonen betreiben.

Bei der Präimplantationsdiagnostik (PID) wissen wir, dass der zugelassene Praenatest kein zuverlässiges Diagnosemittel ist, sondern lediglich eine Chromosomen-Anomalie bestimmen kann. Damit erfüllt diese Methode keinen therapeutischen Zweck, sondern führt zur Selektion von Menschen, die vorgeburtlich eine Behinderung haben. Wohin das führt, ist bekannt.

Bei der Suizid-Beihilfe, die in zahlreichen Ländern der EU erlaubt ist, in manchen sogar mit sehr liberalen Gesetzen wie z. B. in Belgien und den Niederlanden, hat man sich längst von der Vorstellung gelöst, dass jedes Leben ein von Gott geschenktes ist und deshalb kein Mensch die Verfügungsgewalt über das Leben eines anderen hat.

Und schließlich jagen in der Biotechnik viele europäische Wissenschaftler der Vision des perfekten Menschen hinterher. Sie kennen keine Grenzen bei ihrem Ehrgeiz zur ständigen Optimierung des Menschen und spielen Schöpfer, weil sie mit der Rolle des Geschöpfes nicht mehr zufrieden sind.

Hoffentlich wissen alle Beteiligten, was sie tun. Ich werde bei diesen Praktiken jedenfalls öfter an den Spottvers des polnischen Lyrikers Stanislaw Lec erinnert, der lautet: „Sein Gewissen war rein, er benutzte es nie."

2.3.2 Ehe und Familie im Gender Mainstreaming
Mindestens so große Sorge macht die Bewertung der heterosexuellen Ehe und Familie, die von der Ideologie des Gender Mainstreaming zerstört werden soll. Diese Ideologie will ein neues Menschenbild, und dieser Gender-Kurs wird nicht nur von der EU aktiv betrieben, sondern zusätzlich von vielen internationalen Organisationen wie z. B. der UNO, der WHO (Weltgesundheitsorganisation ) und von unzähligen Lobby-Gruppen mit hohen Finanzmitteln unterstützt. Sie ist ein gefährlicher Weg hin zum Totalitarismus. Der Kampf ist in eine fundamentale Konfrontation, in eine anthropologische Revolution gegen das christliche Menschenbild eingetreten. Er hat eine kulturelle Wende auf unserem Kontinent eingeleitet. Was will diese Ideologie? Sie will die Herrschaft der Frau über den Mann, die Auflösung der Identitäten von Mann und Frau sowie die Beseitigung jeder moralischen Bewertung und Begrenzung sexueller Handlungen. Sie schafft alle Normen der Sexualität ab und fordert außer der Abtreibung auch jede Art von Homo-Ehe als Menschenrecht. Sie betreibt eine skrupellose Dekonstruktion der Geschlechter-Identitäten, behauptet ohne einen einzigen wissenschaftlichen Beweis, den es auch gar nicht gibt, das Geschlecht sei nicht biologisch vorgegeben, sondern sozial bestimmt. Die Mutterrolle wird abgeschafft, weil die Frau nur auf dem Arbeitsmarkt nützlich ist. Und damit man so lange wie möglich seinem Unternehmen als Arbeitskraft zur Verfügung steht, kann man ja Kinder, wenn überhaupt, später bekommen. Erst einmal lässt man für einen längeren Zeitraum seine Eizellen einfrieren. Die teure Prozedur bezahlt die Firma, z. B. Facebook und Apple, und die genetischen und gesundheitlichen Risiken für Mutter und Kind werden verschwiegen. Birgit Kelle hat vor einiger Zeit zu Recht in einem ihrer Newsletter die Sache wie folgt auf den Punkt gebracht: „Früher haben die Frauen ihre Karriere auf Eis gelegt, um Kinder zu bekommen, heute legen sie ihre Kinder auf Eis, um Karriere zu machen."

Sein Geschlecht kann jeder selbst bestimmen — und natürlich auch jederzeit wieder ändern. Facebook hat mal mit 60 unterschiedlichen Geschlechter-Identitäten angefangen („FAZ": „Es fehlt nur noch Inter Mailand"), und in einem Vortrag zur Einweihung des Studienzentrums für Gender-Fragen der EKD waren es nach Darstellung der Vortragenden 4000 (s. Birgit Kelle, Gender Gaga, S. 42). Ziele, Inhalte, Strategien und Methoden werden nicht öffentlich diskutiert, weder im Parlament noch in den Medien. Obwohl diese Ideologie die Lebensbedingungen der Menschen massiv verändert, wird sie lediglich in den Konferenzen der UN und ihren Unterorganisationen, auf zahlreichen Ebenen der EU und durch Beschlüsse und Aktionspläne der Regierungen entschieden und danach in den Nationalstaaten umgesetzt.

Und wenn wir dann noch wissen wollen, wie das Ganze gehandhabt wird, dann hören wir uns doch den Beitrag des heutigen Präsidenten der EU-Kommission, des luxemburgischen Christdemokraten Jean-Claude Juncker, an, der Ende 1999 erklärte: „Wir beschließen etwas, stellen das dann in den Raum und warten einige Zeit ab, ob was passiert. Wenn es dann kein großes Geschrei gibt und keine Aufstände, weil die meisten gar nicht begreifen, was da beschlossen wurde, dann machen wir weiter, Schritt für Schritt, bis es kein Zurück mehr gibt" (zit. nach J. Liminski, Redakteur beim Deutschlandradio, am 2. Juli 2012 in seiner Morgen-Moderation; erwähnt auch in P. Helmes, Beim Zeus - Raus mit Euch! Die Griechen und der Euro, 2012, S. 45). In rechtsstaatlichen Demokratien eine unglaubliche Methode!


2.3.3 Herrschaft des Rechts
Eine weitere wichtige Frage ist also, wie ernst heute noch die Rechtssetzung in der EU genommen wird. Ich möchte mich auf vier Beiträge zum Thema Rechtsverletzungen beschränken:

Erstens: Ich zitiere Elmar Nass: „Proteste gab es ... kaum gegen das systematische Aufweichen der Konvergenzkriterien, gegen Ankäufe fauler Staatspapiere durch die EZB, gegen das Anwerfen ihrer Notenpresse nach dem letzten Amtswechsel an ihrer Spitze oder gegen die Rettungsschirme mit Weiten, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat... Wer redet da noch von Subsidiarität, also von der Solidität, der Geldwertstabilität, der Zentralbankautonomie oder gar vorn vereinbarten Ausschluss der Gemeinschaftshaftung für die Schulden anderer Staaten. All das steht zwar auch im Lissabon Vertrag, aber solche Verweise bringen keinen Beifall" (E. Nass, „Die Kirche und das Euro(pa)dilemma", in: „FAZ", Nr. 191, 18. 08. 2012).

Zweitens: Noch schärfer geht der frühere Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof mit der EU ins Gericht. Mit Verweis auf die Hilfe der Europäischen Zentralbank bei der Staatsfinanzierung und der Annäherung der EU an eine Haftungsgemeinschaft geißelt er einen elementaren Rechtsverlust mit der Feststellung, dass heute viele bereit sind, „ein Stück des Weges in die weitere Illegalität voranzuschreiten, weil dieser Weg beachtliche Gewinne verheißt oder auch nur die Chance bietet, drohende Verluste auf andere zu verschieben." Und an anderer Stelle sagt er:
„Die Rechtsmaßstäbe weichen dem alltäglichen Kompromiss, der zum Kerngedanken der Demokratie erklärt wird." Eine Instabilität des Rechts wiege schwerer als eine Instabilität der Finanzen, und er schließt mit dem Mahnruf: „Integration heißt Werben für das Recht" (Paul Kirchhof, „Verfassungsnot", in: „FAZ", Nr. 160, 12. 07. 2012).

Drittens: Der frühere Bundesverfassungsrichter Di Fabio bilanziert mit dem gleichen Ergebnis, nämlich dass die EU-Rechtsgemeinschaft ein „beliebiges politisches Instrument" geworden ist (Udo Di Fabio, „Europas Werte, Europas Würde", in: „FAZ", 23. 05. 2016 ). Und schließlich

Viertens: Unter dem Titel „Eine Bankrotterklärung für Europa" schreibt der CDU-Bundestagsabgeordnete Stephan Harbarth in der „FAZ" vom 12. 11. 2015 zu diesem Thema u. a.: „Die für den Umgang mit Flüchtlingen vereinbarten Regeln werden längst nicht mehr eingehalten. So wird die Dublin-III-Verordnung, die die Zuständigkeit desjenigen Staates für ein Asylverfahren festschreibt, in dem der Flüchtling den EU-Raum erstmals betritt, in den von besonderem Flüchtlingsansturm betroffenen Ländern erkennbar breitflächig missachtet; Flüchtlinge können ohne Registrierung weiterreisen, werden sogar dazu animiert. Nicht erst jetzt, sondern seit langem ist erkennbar, dass in zahlreichen Mitgliedstaaten umfangreich gegen die europäischen Richtlinien über das Asylverfahren, die Aufnahmebedingungen und die Anerkennung verstoßen wird." Schon im Zusammenhang mit der Staatsschuldenkrise hatte er in demselben Artikel bilanziert, dass „der Prozess der Erosion des Rechts" inzwischen „weit vorangeschritten" ist. Wohl gemerkt: Die zuletzt zitierten Aussagen sind von einem Rechtsanwalt und Abgeordneten des Deutschen Bundestages der CDU!

Schließen wir dieses Kapitel „Politische Grundfragen" mit dem Thema ab:

2.3.4 Nationalstaatsinteressen vs. europäische Solidarität
Aufgrund der aktuellen Probleme der letzten Zeit muss man sich fragen, ob die EU überhaupt noch in der Lage und willens ist, ihre gegenwärtige Krise zu meistern. Bestehende Verträge werden, wie wir gesehen haben, gedehnt, uminterpretiert und missachtet, für eigenes politisches Versagen wird versucht, andere Mitgliedstaaten in die Pflicht zu nehmen, in der Flüchtlingskrise wird die Umsetzung gemeinsamer Beschlüsse verweigert, im Management gibt es gravierende Fehler bis zur Totalverweigerung, einige setzen auf Abschottung und lehnen jede eigene Belastung ab, Lasten und Probleme werden den Nachbarn zugeschoben, und die Regierungschefs verfassen schwülstige Kommuniques, in denen sie zwar bestehende Defizite und notwendigen Handlungsbedarf beschreiben, aber die wichtigsten Entscheidungen vertagen oder sie nicht umsetzen ( s. hierzu u. a. den Kommentar von Stefan Baier, „Wie wird Europa krisenfest"? in: „Die Tagespost", 19. 12. 2015 ). Und von ungesteuerter Einwanderung wollen die anderen europäischen Staaten überhaupt nichts wissen und haben sich deshalb schon lange vorn Tugendmodell Deutschlands mit seiner gesinnungsethischen Willkommenskultur abgewandt.

In einem Gespräch mit Iwan Krastev, Bulgare, Vorsitzender des „Zentrums für liberale Strategien" in Sofia und Oliver Jens Schmitt, Schweizer, Professor für südosteuropäische Geschichte an der Universität Wien, weist letzterer darauf hin, dass man zur Kenntnis nehmen muss, dass das kulturelle Koordinatensystem in einigen osteuropäischen Staaten durch die derzeitige Einwanderung „umgewälzt" wird, und Krastev arbeitet heraus, dass die Osteuropäer Russland fürchten und sich zugleich aus dem Westen unter Druck sehen und fasst diese Aussage in dem markanten Satz zusammen: „Die Osteuropäer haben den Eindruck, sie müssten sich zwischen Militärparaden und Schwulenparaden entscheiden, dabei wollen sie beides nicht." („Die Eingeklemmten", Ein Gespräch mit Iwan Krastev und Oliver Jens Schmitt, in: „FAZ", 25. 05. 2016).

3 Zusammenfassung

Meine Damen und Herren,
obwohl ich natürlich genau weiß, dass man Gefahr läuft, bei Hinweisen auf Fehlentwicklungen in der EU oft Applaus von der falschen Seite zu bekommen und mit einem negativen Etikett versehen zu werden, habe ich diese kritische Bilanz gezogen, weil ich davon überzeugt bin, dass nicht der die Zukunft der EU gefährdet, der solche Fehlentwicklungen thematisiert, sondern derjenige, der unkritisch der „political correctness" und dem „gesellschaftlichen mainstream" folgt und Probleme verschweigt.

Problem-Verdrängung oder -Beschönigung machen keinen Sinn. Der Werteverfall und ein Verlust des Kulturniveaus in unseren europäischen Gesellschaften sind nämlich längst spürbar.

Die EU hat schon seit langem die christliche Herkunft Europas verdrängt und macht Politik ohne oder sogar gegen sie. Es gibt eine Grundlage gemeinsamer Werte, die in der christlich-abendländischen Kultur und Tradition verwurzelt sind und identische Zielsetzungen begründen. Aber die Bereitschaft oder sogar der feste Wille, die europäische Politik unter Beachtung dieser Werte zu gestalten, weiter auszubauen oder wenigstens zu stabilisieren, hat weitgehend abgenommen. Die EU hat ihre Grundlagen verleugnet und damit ihren inneren Halt und ihr gemeinsames Fundament an Werten und Idealen verloren.

Wir anerkennen ausdrücklich, dass uns die EU über viele Jahre Frieden und Freiheit gebracht hat, wofür wir sehr dankbar sind. Aber das Wertefundament und die Solidarität sind bröckelig geworden. Natürlich wissen wir als gläubige Christen, dass wir kein Paradies auf Erden schaffen können, sondern dass wir bei Mensch und Welt immer auch ihre Fehler, Begrenztheiten und Sünden mit im Blick haben müssen. Aber wir nehmen das „Böckenförde-Diktum" ernst, das Böckenförde als früherer Bundesverfassungsrichter vor ca. 40 Jahren so formuliert hat: „Der freiheitliche säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann" (Ernst-Wolfgang Böckenförde, Staat, Gesellschaft, Freiheit, 1976, S. 60). In unserer Kultur gehen diese Voraussetzungen auf einen christlichen Ursprung zurück, dessen Implementierung uns eine humane Entwicklung beschert hat. Dies ist Programm und moralische Verpflichtung zugleich sowohl für den Staat als auch für seine Bürgen. Und dabei lautet die ernste Frage, womit wir wieder am Ausgangspunkt unserer Überlegungen angelangt sind: Wollen wir denn eigentlich noch Werte verteidigen? Und wenn ja: welche sind es denn? Sind nicht auch in der Gesellschaft unseres Landes die Krisensymptome bedrohlich geworden, unterstützt von Fernseh-Primitivsendungen aus der Verblödungsindustrie wie z. B. „Sex in the City" oder „Bauer sucht Frau". Können Sie mir z. B. die Frage beantworten, warum sich über sechs Millionen Fernseh-Zuschauer am „Dschungelcamp" ergötzen können? Also: Was ist denn unsere Art zu leben? Ist es der allgemeine Glaubensverlust, der uns Freude macht, der rapide abnehmende Besuch von Gottesdiensten, der Rückgang beim Empfang von Sakramenten, Egoismus, Abbau menschlicher Sensibilität und sozialer Solidarität, Macht, Geld, Sex, totales Lustprinzip, Disqualifikation der Ehe und des Kindeswohls mit Verächtlichmachung der ehelichen Treue, Liebe und Verantwortung, Patchwork-Familien, Homo-Ehen, hohe Scheidungsraten, Abbau von vertrauensvollen Eltern-Kind-Beziehungen, Akzeptanz der sexuellen Verführungen unserer Kinder in Kindergarten und Schule durch Sexualkonzepte der sog. „sexuellen Vielfalt", Abtreibung als Menschenrecht, Ausschaltung des Gewissens, Verachtung von Behinderten, Wegschieben und Aussondern von alten Menschen, weil sie zu teuer und zu lästig sind, ehrgeizige Versuche zur Optimierung des Menschen durch grenzenlose Gen- und Biotechnik-Forschung und -Anwendung? Also was? Wir haben viele Gründe zum Nachdenken und Innehalten, denn mit dem aufgezeigten Befund kommen wir nicht mehr lange weiter.

Aber trotz dieses gravierenden Wertewandels bzw. Werteverlustes hoffe ich immer noch, dass wir, wenn wir uns mutig und entschieden genug für den Erhalt unserer Werte einsetzen, noch eine Chance haben, diesen Kampf zu gewinnen, weil es m. E. langfristig nicht möglich sein wird,

- menschliches Leben als etwas Materielles zu manipulieren
- die Familie neu zu definieren
- die Existenz der Wahrheit zu leugnen und
- das Gewissen der Menschen auszuschalten.
(Vladimir Palko, Die Löwen kommen, S. 497).

Ich danke Ihnen!








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