09 November 2015, 10:30
Verbindlich in christlicher Berufung – heute schwieriger als früher?
 
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Die Berufungen in Ordensleben und christliche Ehe zeigen durchaus Ähnlichkeiten. Leseprobe aus dem kath.net-Buch „Glaubenswege. Mein Weg ins Ordensleben“ – Schlusswort von Petra Lorleberg

Linz (kath.net/pl) Überraschenderweise sind es Liebesgeschichten, die wir in den Berufungszeugnissen dieses Buches vorfinden. Wir haben gelesen, wie der Funke gesprungen ist zwischen einem Menschen und zwischen Gott, mal nach und nach und ein andermal regelrecht als Donnerschlag, so wie es der Einzelne eben brauchte. Wir haben erfahren, wie Menschen in die uneingeschränkte Lebensantwort auf Gottes Strahlkraft und Fülle hineingefunden haben. Die landläufige Vorstellung, dass man im gottgeweihten Leben auf die Liebe verzichten würde, erwies sich dabei als zu oberflächlich. Es zeigte sich im Gegenteil: Ordensleute, gottgeweihte Frauen und Männer sind Menschen, die in der Liebe „aufs Ganze gehen“.

Neulich erzählte mir ein Ordenspriester mittleren Alters, dass die Mehrheit seiner früheren Klassenkameraden geschieden seien. „Ich zählte mich jetzt mal zu den Verheirateten“, erläuterte er mir weiter und musste dann über diesen Satz schmunzeln. Was meinte er damit, dass er „verheiratet“ sei?

Das christliche Ordensleben wird gelegentlich ausschließlich als Gegenentwurf zur Ehe skizziert. Und tatsächlich verzichten ja die Ordensfrauen und -männer in den Gelübden Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam auf Ehe und Familiengründung sowie den direkten Vollzug ihrer Sexualität, auf den Erwerb persönlichen Eigentums in größerem Ausmaß und auf ihre unabhängige Selbstbestimmung.

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Doch schaut man genauer hin, sind alle diese drei Elemente in kleinerem Ausmaß auch im christlichen Eheleben zu finden:

• Teilen weist auf die Armut hin. Eheleute teilen das, was sie materiell und emotional haben, bereitwillig und konkret mit dem Partner und mit jenen zunächst völlig unbekannten Menschen, die dazukommen: den Kindern.

• Eheliche Treue ist verwandt mit der Ehelosigkeit um Gottes willen. Christliche Eheleute binden sich auf Lebenszeit an einen einzigen Menschen unter Verzicht auf alle anderen Lockungen.

• Rücksicht, Fürsorge, Übernahme von Verantwortung sind bereits eine Form des Gehorsams. Denn spätestens wenn Kleinkinder oder ein schwerkrankes Familien-mitglied betreut werden, ist die unabhängige Selbstbestimmung stark eingeschränkt. Entgegen mancher Fehldarstellungen übernehmen in der christlichen Ehe sowohl die Frau wie auch der Mann diese Rücksicht, Fürsorge und Verantwortung.

Und eine christliche Familie wird die Liebe zu Gott möglichst stark in ihr Zentrum stellen.

Diese Elemente der christlichen Ehe sollen im Ordensleben zu kristallener Klarheit geführt werden, uns verheirateten Christen durchaus zum Vorbild. Umgekehrt ist auch das Ordensleben keineswegs Fluchtburg für beziehungs- und familienuntaugliche Menschen, denn auch die Ordensfrau und der Ordensmann sind aufgerufen, sich in ihre Gemeinschaft einzubringen und vor allem auch als mütterliche und väterliche Menschen für die Kirche fruchtbar zu werden.

In gottgeweihten Leben geht es wie in der Ehe letztlich nur um eines: Ein Mensch antwortet mit seinem ganzen Leben auf einen Ruf der Liebe, bedingungslos, ungeteilt, unbefristet. Die wichtigste innere Bewegung bei einer Berufung ins gottgeweihte Leben ist nicht das „Nein“, sondern das „Ja“. Der anfangs erwähnte Ordensmann beschreibt sich angesichts der Scheidungsrate seiner früheren Klassenkameraden deshalb als „verheiratet“, weil er sich in einer völlig verbindlichen Lebens- und Liebesbeziehung beheimatet weiß.

Dementsprechend wäre es auch kurzsichtig, gegenwärtig ausschließlich von einer Krise der Ordensberufungen zu sprechen. Zwar stimmt, dass die Zahl der Klöster, die überaltert sind oder die schließen müssen, nachdenklich macht (wobei wir aber nicht aus dem Blick verlieren sollten, dass es auch blühende und kerngesunde Gemeinschaften gibt). Und Analoges finden wir hierzulande ja auch in der Berufungskrise zum Weltpriester.

Doch ist nicht nur das gottgeweihte Leben im deutsch-sprachigen Raum in die Krise geraten, sondern ebenso sein Zwilling, die christliche Ehe. In einer Kultur der Mobilität und der Vorläufigkeit wird die Neuorientierung oft stärker bejubelt als das Durchhaltevermögen und haben auch christliche Familien damit zu kämpfen, ja zum Kind zu sagen. Unsere Kultur der Vorläufigkeit wird in einer zweiten Stufe durch das Zerbrechen von Familien sowie durch den massiven Berufstätigkeitszwang für Mütter von Kleinkindern potenziert, beides mit grundsätzlichen Auswirkungen auf die Psyche der betroffenen Kinder. Wird in Zukunft die Zahl derer, die psychisch zu einem Leben in christlicher Ehe oder christlicher Ehelosigkeit überhaupt noch grundsätzlich fähig sind, zurückgehen? Gehen wir möglicherweise sogar einer bindungsunfähigen Gesellschaft entgegen? Bindungsforscher warnen bereits davor.

Lebensentwürfe, die auf Dauer und auf Treue angelegt sind, scheinen derzeit in unserer Kultur nicht mehr modern zu sein. Es ist ja kein Zufall, dass sich vermehrt der Ausdruck „Lebensabschnitts-Gefährte“ finden lässt. Offenbar fällt es Menschen gegenwärtig schwer, zu einer verbindlichen Entscheidung zu gelangen und diese auch in Zeiten des Gegenwindes und des Kreuzes durchzuziehen.

In der Nachfolge Jesu gibt es aber keine Zeitbefristung. Der Begriff „Lebensabschnitts-Christ“ steht nicht zu erwarten. Christliche Lebensentwürfe sind von vornherein auf Dauer angelegt, sie sind Weichenstellungen für die gesamte Zukunft. Dass Einzelne darin scheitern – manchmal auch nur zu scheitern meinen, weil sie in der Nachfolge Christi nicht mit Kreuzeserfahrungen gerechnet hatten – ändert nichts an dieser Grundausrichtung.

Sollen wir Christen resignieren? Ist der kulturelle Sog zu groß? Sollen wir das zerstörerische Spiel der Vorläufigkeit, des Ausprobierens und der Unverbindlichkeit mitspielen? Soll es dabei bleiben: Ein jeder kreist nur um sich selbst und um sein eigenes kleines Glück, ohne Rücksicht auf die Scherben, die er anderen zumutet barfuß zu überqueren?

Nein. Schon immer waren wir Christen dazu aufgerufen, nicht blind in den Entwicklungen unserer jeweiligen Kultur mitzuschwimmen, sondern ihre Mängel und Fehlentwicklungen zu sehen und einen konstruktiven Gegenentwurf zu leben. Und schon immer war dies mühsam.

Doch auch weiterhin braucht man nur im Radio wahllos ein paar Lieder anzuhören um festzustellen, dass sich die Menschen auch in unserer Kultur weiterhin nach der exklusiven und treuen Liebesbeziehung sehnen, nach der existentiellen Tiefe der Begegnung. Man kann im Radio sogar noch auf den sonst schon fast vergessenen Begriff „Schicksal“ stoßen. Was in der (zunächst einmal auch sexuellen) Liebe zwischen Mann und Frau anfangshaft anklingt, wird aber in Gottes Liebe hell überstrahlt und zu einer grundsätzlichen Steigerung geführt.

Wenn schon die Liebe zwischen zwei Menschen schier unüberwindliche Abgründe überbrücken kann, so sind erst recht in der Liebesbeziehung zwischen dem gekreuzigten und auferstandenen Erlöser und einem Menschen keine Abgründe zu tief und zu unüberwindlich. Das Angebot des dreifaltigen Gottes ist unübertrefflich, ein Angebot umfassender Sinnhaftigkeit in einem ganzheitlichen Lebensentwurf, das selbst über den eigenen leiblichen Tod hinaus Zukunft eröffnet.

Bisher ist in unserer Kultur auch das Wissen noch nicht ganz verloren gegangen, dass gerade derjenige frei ist, der die Kraft hat, Entscheidungen zu fällen und konsequent durchzuziehen.

Doch in einer Gesellschaft, die mehr und mehr ihre Verwurzelung im Christentum abstreift, werden christliche Lebensentwürfe zunehmend als exotisch und sogar als befremdlich empfunden. Eine ältere Ordensschwester erzählte neulich, dass sie in ihrer Jugend für den Eintritt ins Kloster Achtung und Beifall ihrer Verwandten erfahren habe, „und heute muss ich meinen Nichten und Neffen erklären, was ich bin und warum ich so lebe“. Das gottgeweihte Leben ist, genau wie die christliche Ehe, heute tatsächlich schwieriger geworden. Ebenso werden in unserer Kultur die christlichen Ideale der Ehe in steigendem Maß aktiv in Frage gestellt.

Was uns Christen motiviert und fasziniert, das kann sich vielleicht nur dem voll erschließen, der sich selbst darauf einlässt. Dieses Buch versteht sich deshalb auch als Einladung dazu, die eigene Frage nach dem dreifaltigen Gott und nach seinem Plan für das eigene Leben zu stellen und beantworten zu lassen. Dazu braucht es den Mut, die persönliche Begegnung mit Gott zu wagen. Diese Begegnung nennen wir allgemein „Gebet“.

Die Liebeslieder unserer Ordensleute hört man meist nicht im Radio. Doch ihre zeitlose Melodie trägt nach wie vor weit in unsere Kirche und in unsere Welt hinein. Immer wieder werden Menschen berührt, verwandelt und gehen antwortend neue Wege, denn sie haben für sich ganz persönlich den Liebesruf der heiligsten Dreifaltigkeit gehört:

„Siehe, ich habe dich bei deinem Namen gerufen – du bist mein!“

Petra Lorleberg im „Kirche in Not“-Interview über das Buch




kath.net-Buchtipp
Glaubenswege: Mein Weg ins Ordensleben
Herausgeber: Petra Lorleberg
Vorwort von Abt Maximilian Heim OCist
154 Seiten; Paperback
Dip3 Bildungsservice Gmbh 2013
ISBN 978-3-902686-85-5
Preis 9.80 EUR

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