13 Juli 2018, 11:00
„Als Geweihte Jungfrauen sind wir kein Ein-Personen-Kloster“
 
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„Außerkirchlich begegnet man meiner Berufung zur Geweihten Jungfrau mit einer erstaunlichen Offenheit und Neugier, doch innerkirchlich stoße ich häufiger auf Vorurteile und offene Ablehnung. Vielleicht symptomatisch?“ Gastkommentar von Judith Belz

Stuttgart-Vatikan (kath.net) Ich danke der kath.net-Redaktion für die Einladung, in diesem Gastkommentar zu meiner Berufung der Geweihten Jungfrau einige aufgeworfene Fragen, die sich durch die neue vatikanische Instruktion „Ecclesiae Sponsae Imago“ (Das Bild der Kirche als Braut) ergeben haben, Stellung nehmen zu dürfen.

Überwiegend mache ich die Erfahrung, dass mir außerhalb des kirchlichen Kontextes mit einer erstaunlichen Offenheit und bisweilen Neugier begegnet wird, wenn meine geistliche Berufung bekannt wird. In meiner Berufstätigkeit im Personalwesen in einem mittelständischen Unternehmen wurde meine geistliche Berufung nie problematisiert. Auch in meiner Ausbildung zur Betrieblichen Suchtbeauftragten, in der man sehr biografisch miteinander arbeitet, ging man ganz positiv damit um – obwohl unsere Lebensläufe häufig sehr konträr verliefen – und hat sehr respektvoll Fragen gestellt. Im kirchlichen Umfeld dagegen stoße ich häufiger auf Ignoranz, Vorurteile und auch offene Ablehnung. Vielleicht symptomatisch?

In Kommentaren zu Berichten über den Ordo virginum konnte man im Internet in den letzten Tagen des Öfteren lesen: warum geht sie dann nicht ins Kloster, reicht es dafür nicht? Wieso wird so Wert gelegt auf Jungfräulichkeit, sind die was Besseres? Sind wohl zur Ehe nicht fähig? Warum benachteiligt man Frauen, die in jungen Jahren einen Fehler gemacht haben, ist deren Umkehr nicht wertvoller? Und ähnliche Fragen.

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M. E. steckt in solchen Fragen eine völlig falsche Herangehensweise an eine geistliche Berufung. Mir ging es ähnlich wie vielen anderen Virgines consecratae, ich habe mich anfangs innerlich doch sehr gewehrt, als ich immer wieder diesen Anruf Gottes an mich wahrgenommen habe. Bei einer geistlichen Berufung geht es nie darum, was ICH möchte, sondern darum, zu erspüren, was Gott von mir will. Und dürfen wir nicht glauben, dass Gott für uns das Beste will, dass er weiß, wohin er uns ruft und uns entsprechend führt, wir nur auf Ihn hören müssen? Es gibt so viele unterschiedliche Berufungen, jede hat ihre eigene Spiritualität, eigene Sendung und Aufgaben, ihre eigenen Herausforderungen für die einzelne und für die Gemeinschaft, ihren eigenen Reiz. Und das darf doch sein. Warum frage ich mich, sollen immer alle Wege für alle offen sein? Ich nehme hier und auf vielen anderen Gebieten eine zunehmende Tendenz wahr: Gleichwertigkeit wird mit Gleichartigkeit gleichgesetzt, was ich sehr bedauerlich finde und falsch halte.

Im Weihegebet vom Ritus der Jungfrauenweihe, das der Bischof über die Weihekandidatin spricht, heißt es: „Obwohl sie die Würde des Ehebundes, den du gesegnet hast, erkennen, verzichten sie dennoch auf das Glück einer Ehe; denn sie suchen einzig, was das Sakrament der Ehe bedeutet: die Verbindung Christi mit seiner Kirche“. Damit sollte klar sein, dass sich keine Geweihte Jungfrau als was „Besseres“ ansehen darf, wo doch die Wertschätzung für die Ehe sogar im Weihegebet ausgedrückt ist. Es ist sogar so, dass Geringschätzung und Ablehnung von Ehe und Gott geschenkter Sexualität ein Hindernis für die Zulassung zur Jungfrauenweihe darstellt. Wenn die Achtung für die Ehe nicht vorhanden ist, verliert auch der um des Himmelreiches willen geleistete Verzicht auf sie seine Bedeutung, welcher ein zentraler Aspekt unserer Berufung ist. Würde eine Virgo consecrata also die Ehe nicht wertschätzen, würde sie damit auch ihren eigenen Verzicht auf die Ehe geringwerten. Ehe und die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen sind also aufeinander bezogen.

Vor einigen Jahren hörte ich einmal von einem Büßerinnenorden (die genaue Bezeichnung ist mir nicht bekannt), in den überwiegend Frauen eintreten, die vor ihrer Umkehr als Prostituierte gearbeitet haben. Ich glaube, dass diese Frauen auf ihrem Weg eine sehr tiefe Gotteserfahrung machen durften, sie haben vermutlich ein viel tieferes Verständnis für das Sakrament der Versöhnung als wir Christen, deren Leben doch relativ geradlinig verlaufen ist. Sie können für die heilende Begegnung in der hl. Beichte ergreifendes Zeugnis geben, ich würde sagen, auch darin liegt ihre Sendung.

Jeder und jede ist an dem Platz am wertvollsten, auf den Gott ihn gerufen hat, wenn er da den Willen Gottes erfüllt und nicht, wenn er auf andere und ihre Wege und Möglichkeiten schielt oder dem nachtrauert, das ihm verwehrt ist.

Die Gründer der verschiedenen Orden, und Bewegungen gaben mit ihren Gemeinschaften und Strömungen immer auch Antworten auf die Nöte der jeweiligen Zeit. Ich sehe es nicht als Zufall an, und es hat m. E. auch nichts mit einer vermeintlich größeren Freiheit der einzelnen zu tun, dass gerade in unserer Zeit die Anzahl der Geweihten Jungfrauen so zunimmt. Wir leben in einer übersexualisierten Welt, in der noch nicht einmal unsere Kleinsten vor der Versexualisierung geschützt werden - man braucht sich nur das nachmittägliche Fernsehprogramm und die ausgestrahlte Werbung anschauen. Mit unserer Berufung sind wir in und für unsere Gesellschaft da eine gewisse Provokation, können aber auch auf eine gewisse Art „stützendes Vorbild“ sein für all jene, denen z. B. durch Krankheit die geschlechtliche Hingabe an den Ehepartner nicht mehr möglich ist, in standesgemäßer Keuschheit dem Partner treu zu sein.

Als Geweihte Jungfrauen sind wir kein „Ein-Personen-Kloster“, das sich durch Kleidung oder Einsiedlerdasein von seiner Umwelt abhebt oder gar absondert. Wir leben mit und mitten in der Welt, auch wenn wir durch unsere jungfräuliche Lebensweise eschatologisches Zeichen sind. Gerade weil wir im normalen Berufsleben stehen, haben wir auch Möglichkeiten, die Ordensleuten so meist nicht gegeben sind, da wir den Arbeitsalltag in Berufen und Unternehmen teilen, wo in den seltensten Fällen Ordensleute tätig sind – Geweihte Jungfrauen mit Anstellung im kirchlichen Dienst sind zumindest in Europa eher in der Minderheit, während Ordensfrauen in der freien Marktwirtschaft außerhalb kirchlicher Einrichtungen eher selten sind. Ich kann und darf Anteil nehmen am Leben meiner Mitmenschen, an ihren Freuden, Sorgen und Leiden. Vermutlich bedingt auch durch meine Familiengeschichte (ich habe vier Geschwister durch Krebs verloren) kann ich gerade in schwierigen Situationen eine Anlaufstation sein und es kommt nicht selten vor, dass auch bei Problemen in Familien und Beziehungen mein offenes Ohr, mein Rat und Beistand angefragt wird.

Wo liegt die Abgrenzung zu einem Säkularinstitut?, war eine der Fragen, die mir in den vergangenen Tagen gestellt wurde. Wir Geweihten Jungfrauen treten in keine Gemeinschaft ein, die feste Statuten, einen Gründer mit einer spezifischen Sendung, Vorgesetzte, gemeinsamen Besitz und die Sorge für ihre Mitglieder in Alter und Krankheit haben. Säkularinstitute sind meines Wissens meist überdiözesan und ihre Mitglieder können durch ihre Gemeinschaft an verschiedene Orte gesandt werden. Wir dagegen werden in und für eine Diözese geweiht, ein Wechsel in eine andere Diözese ist zwar grundsätzlich möglich, aber an gewisse Regularien gebunden (siehe die neue Instruktion „Sponsae Ecclesia Imago“). Auch deswegen ist es m. E. auch sehr sinnvoll, dass eine Interessentin, bevor sie in die Kandidatur zur Jungfrauenweihe aufgenommen wird, ihre Ausbildung abgeschlossen und bereits einige Zeit beruflich Fuß gefasst hat, so dass es unwahrscheinlicher wird, dass sie ihre Diözese berufsbedingt wechseln muss.

Worin wir uns auch von einem Säkularinstitut unterscheiden, ist die Art, wie wir an die evangelischen Räte gebunden sind. Wir als Geweihte Jungfrauen versprechen im Ritus, ein jungfräuliches Leben zu führen, Armut und Gehorsam dagegen werden von uns formal nicht versprochen, nur implizit. Was will ich damit sagen? Ich kann als Geweihte Jungfrau, die in der engeren Nachfolge Jesu lebt, nicht in Saus und Braus leben, weshalb gerade die besser Verdienenden unter uns hier für sich einen ihrem Stand gemäßen, verantwortlichen Umgang finden müssen. Unser Gehorsam ist nicht an eine Oberin, Äbtissin usw. gebunden. Das wirft die Frage auf, wie und wo ich persönlich den Gehorsam bei der Geweihten Jungfrau sehe? In der Nachfolge Jesu bleibt der Gehorsam nicht bei einer rein äußerlichen Haltung stehen, es geht um die innere Haltung und diese muss eingeübt werden. Da Gehorsam mit Hören zusammenhängt, geht es darum, jeden Tag neu hinzuhören, was Er sich heute für mich überlegt hat; achtsam zu sein, für das, was Er mir heute sagen möchte. Die Haltung des Gehorsams ist die Haltung der Achtsamkeit, der Aufmerksamkeit für Gott. Und diese einzuüben und zu leben, gilt es für uns – was nicht unbedingt einfacher ist, als eine direkte Ansage durch eine Vorgesetzte.

In der Lebensweise haben wir als Geweihte Jungfrauen die meisten Ähnlichkeiten mit den Diözesanpriestern. Auch sie sind für ihre Diözese geweiht, müssen wie wir selbst für ihre Gebetszeiten sorgen, haben keine Gemeinschaft, die für sie sorgt, bringen sich in die Ortskirche ein, versprechen auch nicht explizit die Armut und leben ähnlich wie wir in einer solitären geistlichen Berufung, d. h. gehören dem Priesterstand an (wir dem Stand der Geweihten Jungfrauen), leben aber meist nicht in einer Vita Communis, was uns beiden aber auch möglich wäre.

Die für mich manchmal seltsam anmutenden Diskussionen und Kommentare in den vergangenen Tagen nach der Veröffentlichung der Instruktion für den Ordo Virginum führten bei mir zu folgendem Eindruck: wir haben verlernt, uns ehrlichen Herzens, ohne Neid für und mit anderen an dem zu erfreuen, was ihnen geschenkt wird. Diese Missgunst beschränkt sich mittlerweile nicht nur auf materielle Güter, sondern sogar auf die verschiedenen Berufungen, die sich gegenseitig ergänzen und befruchten sollten, statt einander zu beneiden. Arbeiten wir doch daran, in unseren unterschiedlichen Charismen, Sendungen und Berufungen, einander wertschätzend, gemeinsam zur Neuevangelisierung und größeren Ehre Gottes beizutragen.

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