16 August 2015, 11:30
Emily schafft das!
 
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Familie Mynarek wollte trotz ärztlichem Rat keine Abtreibung – Christen, die sich gegen Abtreibung entscheiden, erleben dann oft, dass sie ihr Kind nie missen wollen. Von Klaus Rösler (idea)

Wetzlar (kath.net/idea) Tausende Kinder kommen in Deutschland, Österreich und der Schweiz jedes Jahr nicht zur Welt, wenn Eltern gesagt bekommen, ihr Kind sei mit hoher Wahrscheinlichkeit behindert. Sie werden abgetrieben. Christen, die sich dagegen entscheiden, erleben dann oft, dass sie ihr Kind nie missen wollen. Dies zeigt idea-Redakteur Klaus Rösler am Beispiel von Emily.

Emily ist ein Wunschkind, sagt Mutter Jacqueline Mynarek (23) aus Stadtallendorf bei Marburg. Doch dass etwas mit ihm nicht stimmt, wird schon recht früh in der Schwangerschaft bemerkt. Im Ultraschall stellen die Ärzte fest, dass das Mädchen einen offenen Bauch hat. Die Ärzte in der Marburger Uniklinik raten den Eltern zur Abtreibung – nicht einmal, immer wieder. Doch das kommt für die beiden evangelischen Christen nicht infrage. „Abtreibung – das ist für mich Mord“, so Jacqueline. Auch für Vater Michael Mynarek (33) steht fest: „Jedes Leben soll eine Chance bekommen.“ Wenn das Kind nicht lebensfähig wäre, würde es schon im Mutterleib sterben. Und so freuen sich beide darauf, eine kleine Familie zu werden. Das war vor drei Jahren.

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„Das kann doch nicht wahr sein!“

In der 35. Schwangerschaftswoche wird das Kind per Kaiserschnitt geholt. Der Schock: Emily ist noch schwerer behindert als erwartet. Wo normalerweise die Finger sind, hat Emily nur Stümpfe. Und ihr rechtes Bein endet gleich unterhalb des Kniegelenks. Der Vater ist bei der Geburt dabei und erfährt es als Erster. „Das kann doch nicht wahr sein! Das war wie ein irrealer Traum für mich“, erinnert er sich. Auf den offenen Bauch haben sich die Eltern eingestellt. Dass ihre Tochter weitere Behinderungen hat, haben die Ärzte offenbar bei allen Untersuchungen übersehen. Ein Vorsorgebericht bestätigte den Eltern sogar schriftlich, dass alle Finger und Zehen deutlich zu sehen seien. Das Neugeborene wird gleich nach der Geburt am Bauch operiert. Erst zehn Stunden später kann die Kleine zur Mutter. Sie hat inzwischen von den schweren Behinderungen erfahren und reagiert ganz anders als erwartet – nicht verzweifelt, sondern sehr gefasst: „Ich will sie sofort sehen. Sie hat bestimmt Angst.“

Ist Gott wirklich ein guter Gott?

So wie die Geburt eines gesunden Kindes für eine Familie und alle Angehörigen ein Grund zur Freude ist, so markiert die Geburt eines kranken Kindes für die ganze Familie einen neuen Lebensabschnitt. Die Freude über das neue Leben ist gepaart mit Sorgen, Zweifel, Ungewissheiten. „Warum ist uns das passiert? Warum hat Gott das zugelassen? Ist Gott wirklich ein guter Gott?“ Doch sie wissen auch: Es gibt erst mal keine Antwort auf die Frage nach dem Warum. Wichtiger ist ihnen: Was müssen und können wir tun, damit Emily ihren Platz im Leben findet? Dabei erleben sie ihren christlichen Glauben als Stärkung.

„Wo ist denn dein Beinchen?“

Das spürt man ihnen an. Denn inzwischen geht die Familie ganz locker mit der Andersartigkeit von Emily um. „Die Frage ‚Na, Schatz, wo ist denn dein Beinchen?‘, die gibt es vermutlich nur bei uns“, scherzt der Vater. Beinchen? Das ist Emilys Prothese. Wie andere Kinder auch fing Emily an zu krabbeln. Doch als sie sich aufrichten wollte, ging das nicht. Sie kippte um. Schließlich erhielt sie eine Beinprothese, die ihr hilft. Inzwischen hat sie ihre fünfte. Denn so wie das Kind wächst, braucht es eine immer größere Gehhilfe. Die alten „Beinchen“ stehen bei der Familie im Wohnzimmer auf dem Schrank. Wer nicht um Emilys verkürztes Bein weiß, bemerkt es nicht. Sie hinkt nicht einmal. In der Wohnung wuselt sie herum – zeigt, wie gut sie auf einem roten Plastikpferd reitet, dass sie auf dem Sofa hüpfen kann, rast mit ihrem Puppenwagen um den Wohnzimmertisch und holt ihre Bilderbücher hervor. Der Vater hat große Pläne mit seiner Tochter: „Noch in diesem Jahr geht es in den Winterurlaub. Da fährt Emily vielleicht das erste Mal auf Skiern.“

Handprothesen statt Operation

Und die Hände? Lange haben die Eltern überlegt, was sie machen sollen. Fachärzte haben ihnen dazu geraten, einen Spalt in die Stümpfe schneiden zu lassen, in der Hoffnung, dass Emily – wenn alles gutgeht – dann greifen kann. Doch als der OP-Termin ansteht, ist sie krank. Der Eingriff wird abgesagt. In der Zwischenzeit finden die Eltern im Internet eine Seite über Handprothesen. Sie werden vorgefertigt und entsprechend der Größe des Kindes über die Handstümpfe angezogen. Die Eltern stellen Anträge bei der Krankenkasse – und bekommen grünes Licht. Rund 60.000 Euro kostet dieses mechanische Wunderwerk. Die Handprothesen sind vollgestopft mit Technik und schwer. Manches Mal lässt Emily sich ihre Hände überziehen, aber wenn etwas nicht so geht, wie sie sich das vorstellt, zieht sie sie schnell wieder aus. Das kann sie allein, und sie kommt auch ohne die Prothese zurecht. Mit ihren Handstümpfen wirft sie dem Besucher erst eine Murmel, dann einen Flummiball zu. Den kleinen Ball kann sie sogar wieder auffangen. Die Dreijährige ist sehr selbstständig. Sie kann sich sogar alleine anziehen.

Ein kleiner Fernsehstar bei RTL mit großen Folgen

In ihrem Kinderzimmer steht eine kleine Tafel. Hier erzählt sie dem Besucher eine schier unglaubliche Geschichte. Im Schlafzimmer von Papa und Mama hat sie eine Riesenspinne gesehen. Und die malt sie dann auf die Tafel. Das Stück Kreide presst sie zwischen die nicht vorhandenen Hände, malt einen Kreis und dann mit flinken Strichen die Spinnenbeine daran. Die Riesenspinne hat natürlich auch Kinder, die sie ebenso auf die Tafel zaubert. Vor kurzem ist Emily aus ihrer Kita verabschiedet worden. Bei den Erzieherinnen flossen Tränen. Denn sie haben Emily sehr ins Herz geschlossen. Die Eltern sind stolz darauf: „Emily ist schon etwas ganz Besonderes.“ Inzwischen geht sie in einen regulären Kindergarten. Und sie ist ein kleiner Fernsehstar. Denn der Privatsender RTL hat über sie eine kurze Reportage ausgestrahlt. Eigentlich sollen es nur drei Minuten werden. Doch die Medienleute sind von der Kleinen so begeistert, dass der Beitrag dreimal so lang wird.

Mit drei Jahren schon eine Lebensretterin

Die Sendung hat positive Folgen. Eine Frau aus Wien, die ebenso wie Emily ohne Hände und mit nur einem Bein geboren wurde, meldet sich. Sie ist selber Mutter von Zwillingen geworden. Sie malt und führt ein normales Leben. Die Mynareks besuchen die Frau in Wien und freunden sich mit ihr an. Sie ist für die Familie aus Hessen eine lebendige Hoffnung, dass auch Emily eine gute Zukunft hat. Die Eltern rechnen damit, dass Emily auf eine normale Schule gehen wird und dabei auf einen Inklusionshelfer verzichten kann. „Im Kindergarten braucht sie so einen Helfer ja auch nicht“, sagen die Eltern mit Bestimmtheit. Nach der Sendung meldete sich auch eine Schwangere. Sie erwartet eine Tochter, der nach der Diagnose der Ärzte eine Hand fehlt. Ihr haben die Mediziner zur Abtreibung geraten. Als sie gesehen hat, wie „normal“ Mynareks mit ihrer Emily umgehen, hat sie den Entschluss gefasst, ihr Kind nicht abzutreiben. Die Mynareks freut das natürlich sehr: „So ist unsere kleine Emily bereits zu einer Lebensretterin geworden.“

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