14 Februar 2014, 07:30
Seien Sie uns doch ein guter Hirte, nicht ein Mietling!
 
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BRIEFE aus SIENA: kath.net-Mitarbeiterin Victoria schreibt an Persönlichkeiten der katholischen Kirche. Diesen Monat an den Bischof von Trier, Stephan Ackermann

Siena/Wien (kath.net)
Hochwürdigster Bischof Ackermann,

Ich studiere Kommunikationswissenschaft an der Universität Wien. Dort bewege ich mich in einem Milieu, in dem sowas wie „Sexualmoral“eine recht untergeordnete Rolle spielt. Meine Mitstudenten experimentieren mit One-Nights-Stands, offenen Partnerschaften, Dreiecksbeziehungen und sonstigen Formen von Promiskuität. Richtig glücklich ist damit aber niemand. Da ist die Lehre der Kirche über die Sexualität mit ihrer Leib- und Menschenfreundlichkeit ein wohltuender Kontrast. Meine Kommilitonen werden ganz ruhig und nachdenklich, wenn ich ihnen im Vertrauen erzähle, dass ich mit meinem Verlobten mit Sex bis zur Ehe warten möchte. Ich merke neben dem ersten Staunen sehr viel Verständnis, großen Respekt und positives Feedback, denn die Leute an der Basis haben die Übersexualisierung satt. Gerade in Zeiten des sexuellen Missbrauchs sollte sich die Kirche ihrer Frohbotschaft der vorehelichen Keuschheit nicht schämen.

Lieber Herr Bischof, es hat mich traurig gemacht, dass Sie in Ihrem Interview vom 6. Februar 2014 in der Allgemeinen Zeitung die revolutionäre und heilsame Botschaft unserer Kirche nicht positiv rüberbringen konnten. Die meisten Mädchen träumen anfangs von der einen großen Liebe, der sie sich ganz schenken und mit der sie ein Leben lang zusammen bleiben möchten. Beeinflusst und sozialisiert von Schule, Film und Gesellschaft, kommt es später zu einem pessimistischen Menschenbild, bei dem es sich nicht auszahlt, zu warten. Ich finde, es wäre die Aufgabe von Bischöfen, diese befreiende, optimistische Botschaft zu verkünden, dass es sich eben doch lohnt.

Sie sagen in dem unglücklichen Interview über die päpstliche Umfrage zu Ehe und Familie: „Die Resultate besagen, dass die Morallehre der Katholischen Kirche von den Gläubigen überwiegend als "Verbotsmoral" und "lebensfern" angesehen wird“. Na klar, das wundert mich gar nicht: die meisten in meiner Umgebung sehen die katholische Moral deswegen als „Verbotsmoral“ und „lebensfern“ an, weil sie überhaupt nicht mehr verstehen wozu! Eine Umfrage unter Kleinkindern würde auch die Sinnlosigkeit von Schutzimpfungen ergeben – weil sie eben den Sinn der Impfung nicht zu erfassen vermögen! Dass ein Bischof diese Fehlhaltung „gut versteht“, ist vielleicht pädagogisch wertvoll, aber dann muss er schon irgendwann auf die Wahrheit kommen, sonst weiß ich nicht mehr, wozu er Hirte ist.

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Ihr Satz „Auch ist es nicht haltbar, jede Art von vorehelichem Sex als schwere Sünde zu bewerten“, hat mir weh getan, denn er relativiert die zentrale Wichtigkeit der wunderschönen Sexualität für uns Menschen. Gerade weil dieses Gut so wertvoll ist, ist es eben Gott auch so wichtig. Im fünften Gebot wird durch das Tötungsverbot das Leben geschützt, weil es so unendlich wertvoll ist. Im sechsten Gebot wird das große Geschenk der Sexualität vor Missbrauch geschützt. Denn solang ich nicht verheiratet bin, weiß ich ja nicht, ob Sexualität „vorehelich“ ist oder vielmehr Sex mit einem der zukünftigen Ex-Partner. Viele meiner Freundinnen sind durch voreilige Sexualkontakte seelisch verletzt worden und tun sich jetzt schwer, genug Vertrauen für eine eheliche Bindung aufzubauen. In der kommunikationswissenschaftlichen Analyse fragt man sich, an welches Zielpublikum Ihr oben zitierter Satz gerichtet ist. Meine Kollegen können Sie damit nicht meinen, denn für die ist Sexualität niemals mit Sünde verbunden, „sündigen“ kann man in ihren Augen nur durch ein zu großes Stück Schokotorte. Wen können Sie dann gemeint haben? Neurotische Skrupulanten, die schon Küssen für Todsünde halten? Ich jedenfalls kenne solche Menschen nicht.

Warum sprechen Sie im ganzen Interview nicht einen einzigen Satz vom wunderschönen Zustand der Keuschheit? Ok, das Wort hat einen stark altmodischen Touch. Es klingt nach Prüderie, nach feige graue Maus, oder nach Bigotterie. Doch das ist es nicht! Keuschheit bedeutet laut dem Katechismus (2337) „die gelungene Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein“. Das ist doch wunderschön! Ich persönlich verstehe die Lehre der Kirche in diesem Bereich immer besser und bin der Kirche wahnsinnig dankbar, dass sie die Botschaft Jesu nicht verwässert.

Natürlich ist es nicht einfach. Jede normale gesunde Frau begehrt ihren (zukünftigen) Ehemann. Und umgekehrt wahrscheinlich auch... Doch mit der Enthaltsamkeit vor der Ehe beweist man sich einiges – beispielsweise, dass man treu sein kann. Dass man nicht blind den Trieben erlegen ist sondern die Bauchgefühle zuerst wahrnehmen, dann beurteilen und dann steuern kann. Wenn mein Mann mir jetzt widerstehen kann, dann wird er das auch später, bei Versuchungen von außen können. Das gibt mir Sicherheit.

Zum großen Geschenk der menschlichen Fruchtbarkeit meine Sie leider nur: „Die Unterscheidung nach natürlicher und künstlicher Verhütung ist auch irgendwie künstlich. Ich fürchte, das versteht niemand mehr.“ Ist das nicht eine Engführung? Ist Sex nur mehr dazu da, dass wir Kinder verhindern? Wie schön ist es doch, Kinder von Gott geschenkt zu bekommen! Und wie befreiend ist es, dass die Kirche – als lebensbejahende Institution – die Menschen im überalterten Europa ermutigt, ihrem neurotischen Einzelkind das dringend notwendige Geschwisterchen zuzulassen! Und der Mallorca-Urlaub oder das Ferienhaus macht nicht glücklicher als Kindersegen. Die katholische Botschaft ist doch Lebensfreude und ein Ja zum Leben und nicht verhindern und verhüten. Ich lese im Katechismus (2369) von der Schönheit der ehelichen Fruchtbarkeit: „Wenn die beiden wesentlichen Gesichtspunkte der liebenden Vereinigung und der Fortpflanzung beachtet werden, behält der Verkehr in der Ehe voll und ganz die Bedeutung gegenseitiger und wahrer Liebe und seine Hinordnung auf die erhabene Aufgabe der Elternschaft, zu der der Mensch berufen ist“. Außerdem verflacht Sexualität, wenn die Dimension der Fruchtbarkeit vollständig ausgeklammert wird. Wir sind eine Einheit aus Leib und Seele/Geist, deswegen müssen immer beide Aspekte zusammen kommen und zum Leib gehört die Fruchtbarkeit. Wieso sagten sie das nicht? Man fängt mehr Fliegen mit einem Löffel Honig als mit einem Fass voll Essig, sagte Franz von Sales.

Sie fürchten, die Unterscheidung zwischen natürlicher und künstlicher Verhütung versteht niemand mehr? Da kann ich Sie als Frau sehr beruhigen: das ist mehr als einfach. Es ist doch ein spürbarer Unterschied, ob man den weiblichen Körper so manipuliert, dass er der folgenlosen männlichen Lust jederzeit zur Verfügung zu stehen hat oder man(n) respektvoll den natürlichen Zyklus der Frau achtet und sich so periodisch in rücksichtsvoller Zurückhaltung übt. Zur menschenwürdigen Empfängnisregelung lese ich (2370): „... Diese Methoden achten den Leib der Eheleute, ermutigen diese zur Zärtlichkeit und begünstigen die Erziehung zu echter Freiheit“. Was ist das für ein starkes Zeichen des Mannes, von der Frau nicht ständige Verfügung zu verlangen, sondern sich beherrschen zu können, sich an ihr ausrichten zu können, um sie dann in voller Freiheit lieben zu können.

Laut Ihnen, sehr verehrter Herr Bischof, sei es „nicht mehr zeitgemäß, eine neue Ehe nach einer Scheidung als dauernde Todsünde anzusehen und Wiederverheirateten keine Möglichkeit zu eröffnen, jemals wieder zu den Sakramenten zugelassen zu werden“. Oh, seltsam, in der Bibel lese ich hingegen: „Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch“. Selbst kleine Kinder begreifen die heilige Dimension der Ehe ihrer Eltern. Sie wissen ganz genau, dass Mama und Papa zusammengehören und leiden sehr darunter, wenn sie einen von beiden verlieren. Viele meiner Freundinnen leiden darunter, dass sich ihre Eltern trennen und nach Belieben neu verpartnern. Dann verlangen sie immer wieder die selbstverständliche Anerkennung des nächsten und nächsten „Lebensabschnittsgefährten“ von der gesamten Familie – was emotional natürlich nicht geht. Ich kenne Aussagen wie: „Das ist nicht mein Stiefvater, das ist nur der derzeitige Freund meiner Mutter“. Eine andere Freundin hat ihren Vater aus dem Haus geschmissen und seitdem kein Wort mehr mit ihm gewechselt, als herausgekommen ist, dass er die Mutter mit einer gemeinsamen Freundin betrogen hat. Bei einer Hochzeit, die ich kürzlich besuchte, hat die Braut ihrem Vater verboten, seine neue „Frau“ mitzunehmen, weil er mit seiner neuerlichen „Hochzeit“ sowohl ihr als auch ihrer Mutter große Schmerzen zugefügt hat.

Wer sich scheiden lässt, zerbricht etwas, was Gott verbunden hat und der Mensch nicht trennen darf. Leider ist das auf Grund der menschlichen Sündhaftigkeit manchmal so – zum großen Leiden vor allem der Kinder. Wenn man aber jetzt so tut, als wäre nichts geschehen, und einfach noch einmal „heiratet“, dann versündigt man sich gegen Gott, den Ehepartner und die Kinder. Dieses So-tun-als-ob, diese Scheinheiligkeit, ist das, was besonders die Kinder als unendlich schmerzhaft erleben. Eine Kirche, die weder Kinder noch das Eheband schützt, hat vor dem Zeitgeist kapituliert und ist zu einer traurigen, ja sinnlosen Vereinigung degeneriert. Herr Bischof, wie soll ich „Ja“ zu meinem Mann sagen, ihm Treue versprechen, wenn ich weiß, dass die Kirche bereits dabei ist zu überlegen, wie man geschiedenen Wiederverheirateten das störende schlechte Gewissen erleichtern kann?

Sie sagten des weiteren in dem Interview: „Wie bei allen Fragen der Sexualmoral muss die Kirche auch beim Thema Homosexualität an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen appellieren.“ Was genau ist denn damit gemeint? Bitte korrigieren Sie mich, wenn ich mich da irre, aber bei ALLEN moralischen Fragen bleibt doch die Verantwortung beim Einzelnen: nämlich ob er sich für das von der Kirche vorgestellte Gute entscheidet oder das Böse tut. Wieso schränken Sie das auf die Sexualmoral ein? Ist das nicht eine Engführung, die schon lange hinter uns liegt? Selbstverständlich muss die Kirche auch beim Thema Steuerhinterziehung, Raubmord und Kinderschänden an das Verantwortungsbewusstsein des Einzelnen appellieren. Aber das ändert nichts an der Objektivität der ethischen Normen.

Zu diesem Thema führen Sie aus: „Das christliche Menschenbild geht von der Polarität der Geschlechter aus, aber wir dürfen nicht einfach sagen, Homosexualität sei widernatürlich.“ Da ich davon ausgehe, dass Sie zu Hause den selben Katechismus stehen haben wie ich, lese ich mit Ihnen, dass unsere Kirche lehrt, dass homosexuelle Neigungen „objektiv ungeordnet“ sind (2358) und homosexuelle Handlungen gegen das natürliche Gesetz verstoßen. Von widernatürlich ist nicht direkt die Rede, aber Sie müssen zugeben, dass Ihre Aussage nicht gerade mit der Lehre der Kirche harmoniert. Der Homosexuelle – wie übrigens auch der Pädophile – sucht sich seine Neigung nicht aus, aber unsere Kirche stellt im Katechismus fest „dass die homosexuellen Handlungen in sich nicht in Ordnung sind“, sie „entspringe nicht einer wahren affektiven und geschlechtlichen Ergänzungsbedürftigkeit“.

Ihr Statement „Wir müssen das Verantwortungsbewusstsein der Menschen stärken, ihre Gewissensentscheidung dann aber auch respektieren“, verwirrt mich zutiefst: gilt das auch für Pädophile? Für Sadomasochisten? Zoophile? Exhibitionisten?? Ich hingegen glaube, dass man Pädophilen schon sagen muss, dass sie zwar sexuelle Wünsche in sich haben, aber die damit prinzipiell noch nicht gut sind, sondern sie zum Schlechten verleiten. Das gilt auch für Ephebophile und Homosexuelle. Die Kirche stellt objektive Normen in eine haltlose Gesellschaft, die nicht jedem schmecken, aber allen gut tun, dem Einzelnen und der Gesellschaft.

Hochverehrter Herr Bischof, nach den Worte von Johannesevangelium 10,11-13 meine Bitte: seien Sie uns doch ein guter Hirte, nicht ein Mietling, der die Herde verlässt aus lauter Angst vor den Medien! Ihr Satz "Wir können die katholische Lehre nicht völlig verändern“, klingt wie ein Kniefall vor dem Zeitgeist, so wie wenn Sie ein lautes LEIDER hinzugefügt hätten, als ob Sie das am liebsten machen würden. Ich wünsche mir väterliche Priester, denen etwas an den Schafen liegt, die ganz eins sind mit der Kirche und mutig ihre Lehre ohne Abstriche predigen und erklären. Nur dann ist sie stimmig und wird auch von Kirchenfernen verstanden. Priester sollen nach meinen Vorstellungen keine schwächlichen Kumpeltypen ohne Ecken und Kanten sein, sondern Väter, die unbeeindruckt vom Zeitgeist die heilsbringende Lehre der Kirche verkünden. Dieser langfristige Blick auf Gott hin ist ein erfrischender Kontrast und ein wichtiger Denkanstoß zur Findung des gelungenen Umgangs mit Sexualität – und der Wahrheit.


Papst Franziskus predigte im Petersdom vor der italienischen Bischofskonferenz: „Der Mangel an Wachsamkeit, das wissen wir, macht den Hirten lauwarm. Er wird abgelenkt, vergesslich und sogar ungeduldig. Der Mangel verführt ihn durch Aussicht auf Karriere, durch die Verlockung des Geldes und den Kompromissen mit dem Geist der Welt.“ Ich wünsche mir keine lauwarmen Hirten. Ich wünsche mir Priester, die für ihren Glauben brennen. Ich wünsche mir in den Bischofskonferenzen keine eingeschüchterten alten Männer, die auf die Medien schielen, sondern mutige starke Väter.


Liebe Herr Bischof, ich bin Ihnen von Herzen dankbar für Ihren selbstlosen Dienst. Aber bitte bewahren Sie uns weniger vor Medienschelte als vor Verwirrung und Sünde.

Ihre ergebene
Victoria Fender








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