17 Dezember 2013, 09:45
Koch: Ich frage mich, ob man zur Kenntnis nimmt, was dieser Papst sagt
 
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Heiße Eisen der innerkirchlichen Diskussionen packt Kurienkardinal Koch im kath.net-Interview an: Von der Polemik gegen die Glaubenskongregation bis zur „wichtigen Gratwanderung“ des Papstes jenseits innerkirchlicher Extreme. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Kurt Kardinal Koch (Foto), Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, nimmt im kath.net-Interview Stellung zu einigen derzeit heiß umstrittenen innerkirchlichen Themen, etwa der Frage der Seelsorge für wiederverheiratete Geschiedene, der „Polemik gegenüber der Kongregation für die Glaubenslehre“ und zur Diskussion, inwieweit Papst Franziskus in Kontinuität zu seinen Vorgängern steht.

kath.net: Zur Vorbereitung der außerordentlichen Bischofssynode 2014 über die pastoralen Herausforderungen der Familie im Kontext der Evangelisierung verfasste das Sekretariat der Bischofssynode eine „Befragung“, die als „Meinungsumfrage“ in das öffentliche Verständnis eingegangen ist und auch von einigen Bistümern als solche präsentiert wurde.

Eminenz, was halten Sie von Inhalt und Vorgehensweise angesichts der Tatsache, dass dieser „Fragebogen“ weitergegeben und von Bistümern oder Gremien auch abgeändert wurde? Einige laden ausdrücklich auch Nicht-Katholiken und Nicht-Christen zur Beteiligung ein. Sehen Sie die Gefahr, dass die Befragung durch eine mögliche Manipulation von außen verfälscht wird?


Kardinal Koch: Der Heilige Vater hat die außerordentliche Bischofssynode vor der ordentlichen Bischofssynode 2015 einberufen, um genügend Raum zu geben, die anstehenden Fragen zur Familie im Kontext der Evangelisierung zu diskutieren. Dazu möchte er natürlich wissen, wie die Gläubigen über diese Fragen denken. Dass alle über diese Fragen reden können, ist in der heutigen Öffentlichkeit eigentlich unbenommen. Es wird dann nur darauf ankommen, dass man dem Heiligen Vater jene Antworten gibt, die den von ihm gestellten Fragen entsprechen.

In diesem Zusammenhang ergeben sich natürlich schon Probleme, was eine undifferenzierte Weitergabe der Fragen betrifft, weil sich gerade im Blick auf Ehe und Familie einige konfessionelle Unterschiede zeigen. Die katholische Kirche hat ein anderes Verständnis von Ehe und Familie als die evangelischen Kirchen, wie beispielsweise die diesbezügliche Schrift der EKD gezeigt hat.

Insofern wird es dann auf die Verantwortung der Bischöfe ankommen, dass sie jene Antworten nach Rom weitergeben, auf die hin der Heilige Vater für die Synode die Fragen gestellt hat. Ihnen obliegt es, die Antworten so zurückzugeben, dass sie für die außerordentliche Bischofssynode hilfreich sind.

kath.net: Zu den im deutschen Sprachraum breit diskutierten Standardthemen gehört die Frage der „wiederverheirateten Geschiedenen“. In jüngster Zeit trat das Erzbistum Freiburg aufgrund einer „pastoralen Handreichung“ zur Problematik des Sakramentenempfangs der betroffenen Menschen in einen offenen Konflikt mit dem Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre. Weitere deutsche Bischöfe folgten.

Wie bewerten Sie diesen Vorgang, vor allem im Hinblick auf die kommende Synode?

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Kardinal Koch: Die Frage der „wiederverheirateten Geschiedenen“ ist ein sehr schwieriges pastorales Problem. Deshalb ist es verständlich, dass der Heilige Vater auch darüber reden möchte, wie er dies auch angekündigt hatte. Ebenso hatte er betont, dass er diese Frage mit den acht Kardinälen des von ihm eingesetzten Kardinalrats besprechen will. Diese Ankündigungen bedeuten natürlich nicht, dass damit die ganze Lehre der Kirche über die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe zur Diskussion stünde. Was konkrete Beachtung finden muss, ist auf der einen Seite die Lehre der Kirche und auf der anderen Seite die pastorale Situation, in der wir heute leben. Beides gegeneinander auszuspielen, wäre ein Trugschluss.

Ich möchte vor allem betonen, dass der ganze Fragenkomplex im größeren Zusammenhang der Ehe-Pastoral diskutiert werden muss. Die heutige Ehe-Pastoral ist doch eigentlich weitgehend eine „Eheabschluss-Pastoral“ und nicht so sehr eine Pastoral für die Ehe. Meist liegt die ganze Sorge darin, sich um den Eheabschluss zu kümmern. Die grosse pastorale Verantwortung liegt heute aber in der Frage, wie die geschlossenen Ehen begleitet werden können.

Die Grundsatzfrage, der wir uns heute stellen müssen, ist diejenige, die Kardinal Joseph Ratzinger bereits früher gestellt hatte, ob jede unter Getauften geschlossene Ehe wirklich eine sakramentale Ehe ist. Die anderen Fragen, die in der heutigen Diskussion im Vordergrund stehen, können eigentlich erst vor diesem Hintergrund in einer dem Gebot der Wahrheit entsprechenden Weise beantwortet werden.

Aus diesem Grund kann ich die entstandene Polemik gegenüber der Kongregation für die Glaubenslehre nicht nachvollziehen. Denn Erzbischof Müller hat nichts anderes getan als die Lehre der Kirche in Erinnerung zu rufen, und er hat erneut darauf verwiesen, was Kardinal Ratzinger selbst als Präfekt der Glaubenskongregation zu diesem Problembereich gesagt hat.

Jede ernsthafte Auseinandersetzung mit diesem Problem kommt an dieser Lehre, die dem eindeutigen Willen Jesu Christi entspricht, nicht vorbei. Die heute üblich gewordene Entgegensetzung von Lehre und Pastoral kann nicht der Weg der Kirche sein, da ein solcher Gegensatz dem Wesen des Kircheseins widerspricht. Neue Wege der Pastoral können nur im Licht der Wahrheit der Glaubenslehre gefunden werden.

kath.net: Papst Franziskus hat vor wenigen Wochen sein erstes Lehrschreiben in der Form einer „Exhortation“ unter dem Titel „Evangelii gaudium“ veröffentlicht. Darin schreibt der Papst: „Ich weiß sehr wohl, dass heute die Dokumente nicht dasselbe Interesse wecken wie zu anderen Zeiten und schnell vergessen werden. Trotzdem betone ich, dass das, was ich hier zu sagen beabsichtige, eine programmatische Bedeutung hat und wichtige Konsequenzen beinhaltet“ (Nr. 25).

Wie würden Sie die Grundlinien des „Programms“ dieses Pontifikats umschreiben?


Kardinal Koch: Der Gesamtrahmen dieses umfangreichen Dokuments besteht darin, dass die Kirche eine missionarische Kirche sein muss und immer mehr missionarische Kirche werden soll. Wie der Titel „über die Verkündigung des Evangeliums in der Welt von heute“ anzeigt, geht es entscheidend um das Anliegen der Evangelisierung. Ohne diesen größeren Rahmen kann man eigentlich die Inhalte, die in der Apostolischen Exhortation behandelt werden, gar nicht verstehen. Ich habe freilich den Eindruck, dass heute Vieles aus dem Zusammenhang gerissen und nicht aus diesem großen Fokus des Missionarischen heraus gesehen wird. Der Papst möchte eine Erneuerung, einen Neuaufbruch der Kirche dadurch, dass sie sich wieder auf ihren Kern zurückbesinnt und diesen Kern nicht für sich behält, sondern weitergibt.

Eine Aussage, die bei Papst Franziskus immer wieder begegnet, heißt, dass man nicht in sich selber verschlossen sein dürfe, sondern aus sich heraus gehen und auf die Menschen zugehen müsse, weil uns eine so großartige Botschaft geschenkt ist, die wir nicht für uns behalten können und die wir weitergeben müssen. Darin sehe ich den grundlegenden Kurs des Pontifikats.

kath.net: In „Evangelii gaudium“ schreibt der Papst: „Der Bischof muss immer das missionarische Miteinander in seiner Diözese fördern, indem er das Ideal der ersten christlichen Gemeinden verfolgt, in denen die Gläubigen ein Herz und eine Seele waren (vgl. Apg 4,32). Darum wird er sich bisweilen an die Spitze stellen, um den Weg anzuzeigen und die Hoffnung des Volkes aufrecht zu erhalten, andere Male wird er einfach inmitten aller sein mit seiner schlichten und barmherzigen Nähe, und bei einigen Gelegenheiten wird er hinter dem Volk hergehen, um denen zu helfen, die zurückgeblieben sind, und – vor allem – weil die Herde selbst ihren Spürsinn besitzt, um neue Wege zu finden“ (31).

Worin sehen Sie – gerade auch im deutschsprachigen Raum – den „Spürsinn der Herde“ ausgeprägt?


Kardinal Koch: Ich sehe diesen „Spürsinn der Herde“ nicht so eindeutig ausgeprägt. Ich sehe ihn vielmehr sehr vielstimmig. Heute besteht freilich die Gefahr, dass einzelne im Namen vieler oder aller zu reden beanspruchen, während die Meinungen sehr verschieden sind. In vielen Punkten geht der Papst gewiss voraus und lockt die Herde, mitzukommen, aus ihrer Behäbigkeit herauszutreten, die doch teilweise stark gegeben ist. Auf der anderen Seite will der Papst aber auch hören, was die Sorgen der Gläubigen sind und wo sie zukünftige Perspektiven erwarten. Die gestellte Frage, wohin der Weg geht, ist deshalb nicht so leicht zu beantworten. Es geht eher um einen Prozess, den der Papst jetzt angestoßen hat. Man wird schauen müssen, welche Richtung er nehmen wird.

Natürlich sehe ich die Gefahr, dass der Papst in vielen Richtungen und in Bezug auf das Eigenverständnis verschiedener Gruppen für deren Interessen instrumentalisiert wird. Vielleicht nimmt man oft zu wenig zur Kenntnis, was er wirklich sagt. Daher muss man unterscheiden zwischen den Zeichen, die der Papst in die Öffentlichkeit hinein setzt, und den Zeichen, wie sie dann wahrgenommen werden. Dabei stellt sich die Frage, ob die vom Papst gesetzten Zeichen und die wahrgenommenen Zeichen, die dann aus der Wahrnehmung heraus weiter interpretiert werden, wirklich identisch sind.

kath.net: Papst Franziskus wird es nicht müde, auf die Gefahren des „Neugnostizismus“ („eines im Subjektivismus eingeschlossenen Glaubens, bei dem einzig eine bestimmte Erfahrung oder eine Reihe von Argumentationen und Kenntnissen interessiert, von denen man meint, sie könnten Trost und Licht bringen, wo aber das Subjekt letztlich in der Immanenz seiner eigenen Vernunft oder seiner Gefühle eingeschlossen bleibt“) und des „selbstbezogenen und prometheischen Neu-Pelagianismus“ derer hinzuweisen, „die sich letztlich einzig auf die eigenen Kräfte verlassen und sich den anderen überlegen fühlen, weil sie bestimmte Normen einhalten oder weil sie einem gewissen katholischen Stil der Vergangenheit unerschütterlich treu sind. Es ist eine vermeintliche doktrinelle oder disziplinarische Sicherheit, die Anlass gibt zu einem narzisstischen und autoritären Elitebewusstsein, wo man, anstatt die anderen zu evangelisieren, sie analysiert und bewertet und, anstatt den Zugang zur Gnade zu erleichtern, die Energien im Kontrollieren verbraucht“ (Evangelii gaudium, 94).

Wer soll/kann sich als Neu-Gnostiker und Neu-Pelagianer angesprochen fühlen?


Kardinal Koch: Jeder. Ich halte es für sehr gefährlich, jetzt darüber befinden zu wollen, was der Papst „gegen“ wen gesagt hat. Es wäre vielmehr richtig, dass man sein Schreiben wie auch andere Wortmeldungen des Heiligen Vaters zunächst als eine Gewissenserforschung für sich selber betrachtet. Da, glaube ich, hat jeder Einzelne genug zu tun mit dieser Gewissenserforschung. Jetzt mit den Fingern auf andere zu zeigen und laut zu fragen: „Wen hat er wohl gemeint?“ – das halte ich für einen falschen Umgang mit diesem Dokument – und es widerspricht ganz dem Geist von Papst Franziskus.

Zweifellos ist es so, dass man sehr – vielleicht zu sehr – sensibel ist gegenüber dem, was der Papst hin zu einer traditionalistischen Richtung spricht, aber kaum zur Kenntnis nimmt, wie er sich zu einem „pubertärem modernistischen Fortschrittsdenken“ äußert (vgl. Predigt in der „Domus Sanctae Marthae“ am 18. November 2013). Der Papst scheint mir hier eine sehr große und wichtige Gratwanderung zu unternehmen. Er geht einen Mittelweg jenseits der Extreme, die wir heute in der Kirche haben. Nach meiner Wahrnehmung fühlen sich freilich die „Neu-Gnostiker“ leider nicht so angesprochen und in Frage gestellt wie die „Neu-Pelagianer“.

kath.net: Ein aufregendes Jahr für die katholische Kirche geht zu Ende. Die Prophetie, die Benedikt XVI. mit seinem Mut zum Amtsverzicht zum Ausdruck gebracht hatte, scheint sich zu verwirklichen: ein Ruck ging durch den Leib der Kirche und führte zu einem neuen Aufbruch (welcher Art auch immer). Der Papst spricht von einer „missionarischen Umgestaltung der Kirche im Aufbruch“.

Wohin wird aufgebrochen? Wie sehen Sie den Aufbruch, die Reform in Kontinuität in ihrem Verhältnis zur „traditio“? Um welche Kontinuität geht es?


Kardinal Koch: Was jetzt so neu ausschaut, steht im Grunde genommen in einer ganz großen Tradition mit dem II. Vatikanischen Konzil, das den großartigen Impuls des Missionarischen gebracht hat. Kardinal Ratzinger hat mit Recht einmal gesagt, die Alternative zu „konservativ“ sei auf dem Konzil nicht „progressiv“, sondern „missionarisch“ gewesen, weil das Konzil den Übergang von einer „konservierenden“ zu einer „missionarischen“ Kirche gewollt hat.

Dann denke ich an das großartige Dokument Papst Pauls VI. „Evangelii nuntiandi“, an die großen Impulse, die Papst Johannes Paul II. mit dem Projekt der Neuevangelisierung zunächst für Lateinamerika, dann für Europa gegeben hat; dann an die Initiative von Papst Benedikt XVI., der, um dies nochmals zu vertiefen, einen eigenen Päpstlichen Rat zur Förderung der Neuevangelisierung gegründet und das Jahr des Glaubens ausgerufen hat. Papst Franziskus nimmt alle diese Initiativen auf und fügt sie zum Projekt einer durch und durch missionarischen Kirche zusammen. Er steht damit aber in einer großen Kontinuität mit den vorangehenden Päpsten.

Wenn man diesen „roten Faden“ des Missionarischen sieht, nimmt man auch das Hauptanliegen von Papst Franziskus wahr, das in der Evangelisierung besteht. Dabei darf man nicht übersehen, dass der Begriff der Mission für viele Menschen und selbst Christen ein Reizwort darstellt. Natürlich dürfen wir die Schattenseiten, die es in der Missionsgeschichte auch gegeben hat, nicht verdrängen. Heute jedoch stehen wir in Europa eher in der Gefahr, zusammen mit einem problematischen Bad ein notwendiges Kind mit auszuschütten und diesen Grundauftrag zur Evangelisierung, des Missionarischen zu vernachlässigen.

Mich erstaunt von daher, mit welcher Euphorie dieser Impuls von Papst Franziskus aufgenommen wird und wie despektierlich manchmal über das Programm der Neuevangelisierung Johannes Pauls II. und Benedikts XVI. gesprochen worden ist. Denn zwischen beiden Projekten besteht kein Gegensatz. Einen solchen zu konstruieren, geht an der Sache vorbei und bedeutet letztlich eine Manipulation der Wahrheit. Derartige Konstruktionen hängen auch damit zusammen, dass man im Pontifikat Benedikts XVI. Vieles negativ interpretiert hat, was nun positiv ausgelegt wird, obwohl es um dieselbe Stoßrichtung geht.

kath.net: Der „Honeymoon“ der Massen und vor allem der Massenmedien mit dem neuen Papst dauert unvermindert an. Hunderttausende strömen nach Rom und auf den Petersplatz, um Franziskus zu sehen und zu berühren. Die Kommunikation des Papstes zeichnet sich durch eine besondere, sich selbst verausgabende Unmittelbarkeit aus. Die Medien vermitteln oft den Eindruck, als werde Kirche neu geschaffen, eine Art „Kirche 2.0“.

Wie stehen Sie diesem Wohlwollen der Welt gegenüber?


Kardinal Koch: Auf der einen Seite bin ich sehr froh und dankbar, dass der Papst so positiv aufgenommen wird. Das ist eine großartige Chance, dass das Evangelium und der christliche Glaube auch wieder neu in die Welt hinein vermittelt werden können, da sie unter einem positiven Vorzeichen stehen.

Auf der anderen Seite frage ich mich, ob man zur Kenntnis nimmt, was der Papst sagt. Wenn ich seine Katechesen bei den Generalaudienzen betrachte, die ebenfalls in einer grundlegenden Kontinuität mit dem Lehramt von Papst Benedikt XVI. stehen und bei denen er starke Akzente beispielsweise auf die Mütterlichkeit der Kirche und die grundlegende Bedeutung der Sakramente, vor allem der Beichte, legt, dann frage ich mich bisweilen, ob das wirklich gehört wird oder ob man in gewisser Weise nur schaut, wie er es vermittelt. Diese einseitige Wahrnehmung kann dann den falschen Eindruck erwecken, als würde die Kirche hier neu geschaffen.

Demgegenüber gilt es zu betonen: wir haben einen neuen Papst, aber wir haben dieselbe Kirche. Ich habe seit Pius XII. verschiedene Päpste erlebt und dabei gesehen, dass jeder Papst sein Amt sehr verschieden ausgeübt hat, wiewohl es sich um denselben petrinischen Dienst handelt. Dass dieses Amt so verschiedenartig, aber in einer grundlegenden Kontinuität mit der bisherigen Geschichte der Kirche, ausgeübt werden kann, gehört eben auch zum Schönen des Katholischen.

kath.net: Franziskus wird es nicht müde, vor dem „Geist der Welt“, dem „Fürsten der Welt“, der „spirituellen Weltlichkeit“ zu warnen. Unmittelbar drängen sich dabei die Worte Benedikts XVI. in seiner Ansprache in Freiburg über die „Entweltlichung“ in die Erinnerung, verbunden mit dem Aufruf von Papst Franziskus zu einer „Kirche für die Armen“.

Wie sieht diese Entweltlichung aus? Um welche Armut geht es? In einer Zeit, die sich vom Teufel und von der Hölle verabschiedet hat: was beabsichtigt der Papst mit seiner eindringlichen und wiederholten Rede von der Gefahr, die vom Fürsten der Welt ausgeht?


Kardinal Koch: Ich denke, dass jeder, der im Glauben verwurzelt ist und in einer tiefen Beziehung mit Gott lebt, auch die antigöttlichen Kräfte umso deutlicher spürt. Papst Franziskus hat nun auch den Mut, das namhaft zu machen: dass in dieser Welt nicht nur der Heilige Geist, sondern auch der Ungeist wirkt. Von daher will der Papst die Menschen darauf aufmerksam machen, wie sehr diese Kraft des Bösen in jedem einzelnen Menschen wirkt, und dass der Mensch deshalb aufpassen muss, dass er sich nicht an die Welt anpasst, sondern dass er zwar auf die Welt zugeht, aber sich nicht von ihr vereinnahmen lässt.

Dies sind genau die beiden Punkte, die Papst Benedikt XVI. in seiner Rede in Freiburg in den Vordergrund gestellt hat: dass es im Licht des Glaubensgeheimnisses der Inkarnation eine Weltzuwendung Gottes und deshalb auch der Kirche gibt, dass man sich aber nicht mit dieser Welt identifizieren darf. Denn der Christ lebt in der Welt, aber nicht von der Welt. Diese beiden Bewegungen stehen auch bei Papst Franziskus sehr stark im Vordergrund. Deshalb führt er im Grunde genommen das Programm der Entweltlichung von Benedikt XVI. weiter, dass die Kirche sich nicht auf die irdischen Mächte verlässt, sondern auf die Kraft des Evangeliums.

Bei Papst Franziskus wird dieses Programm der Entweltlichung sogar radikalisiert, indem er es vor allem in Beziehung zur Option für die Armen bringt, die freilich bereits im Zweiten Vatikanischen Konzil verwurzelt ist. Und dass auch diesbezüglich kein Gegensatz zu Papst Benedikt XVI. vorliegt, zeigt sich daran, dass Papst Franziskus im Kontext seiner Darlegungen über die Option für die Armen ausgerechnet Benedikt XVI. zitiert und seine christologische Vertiefung der Option für die Armen in Erinnerung ruft.

Dabei stellt sich die Frage, um welche Armut es sich dabei handelt. Geht es bloß um das Ablegen äußerer Zeichen, etwa um den Verzicht auf eine Mozzetta, was ja besonderes Aufsehen erregt hat? In meinen Augen geht es aber um etwas Anderes und Tieferes: Papst Benedikt XVI. hat diese äußeren Zeichen aus Demut getragen, weil er überzeugt gewesen ist, dass sie zu seinem Amt gehören. Papst Franziskus trägt diese Zeichen nicht, und zwar ebenfalls aus Demut, weil er überzeugt ist, dass sie nicht zu seinem Amt passen. Von daher ist mir die Kontinuität in der Grundhaltung der Demut viel wichtiger als die Unterscheidung im Tragen dieser äußeren Zeichen. Denn tiefer gesehen geht es um die innere Armut, die Armut des Evangeliums, sich vor Gott arm zu wissen und sich vor ihm nicht aufplustern zu wollen. Diese innere Armut muss freilich auch äußerlich sichtbar werden, indem ich mich nicht auf weltlichen Reichtum verlasse, sondern auf die innere Kraft des Evangeliums.

Zweifellos finden sich gerade in der Apostolischen Exhortation „Evangelii gaudium“ auch sehr zugespitzte Aussagen zu Armut, Globalisierung und Globalisierung als Homologisierungsprozess. Es ist dabei aber zu bedenken, dass es sich nicht um eine Enzyklika zur Soziallehre der Kirche handelt. Eine solche wird man gewiss von Papst Franziskus noch erwarten dürfen, in der er viele Aussagen in einen noch größeren Zusammenhang stellen kann. Im vorliegenden Schreiben hingegen geht es dem Papst vor allem darum, dass wir Christen selbst die soziale Dimension des Evangeliums neu entdecken und danach handeln. Darin liegt das Ziel des Wirkens und Lehrens von Papst Franziskus. Deshalb kann ich den Vorwurf der Einseitigkeit, den einige Medien gegen „Evangelii gaudium“ erhoben haben, nicht teilen.

kath.net: Weihnachten naht: was sind Ihre Wünsche zum Fest der Geburt des Herrn und auch zum Neuen Jahr, das im kirchlichen Sinn ja bereits begonnen hat, aber dann ein Jahr nach dem „Jahr der Revolutionen“ sein wird, in dem man sich auch eine gewisse Harmonisierung und ein neues Gleichgewicht erwarten kann?

Kardinal Koch: Ich halte den Titel der Apostolischen Exhortation für sehr weihnachtlich. „Evangelii gaudium“ – dies ist eigentlich ein Pleonasmus, weil das Evangelium Freude IST. Das Evangelium beginnt mit dem Wort „Chaire“ – „Freue dich“. Es ist die Begrüßung, die der Engel an Maria richtet, und insofern das erste Wort des Neuen Testaments, das zum Ausdruck bringt, dass das Evangelium eine Botschaft der Freude ist. Wenn wir Christen selbst wieder mehr Freude an der Tiefe und Schönheit unseres Glaubens gewinnen, dann geht uns die Weihnachtsbotschaft in neuer Weise auf, und dann werden wir von selbst eine missionarische Kirche. Da wir nur weitergeben können, was wir selbst empfangen haben, ist es wichtig, dass wir selbst von der Wahrheit und Schönheit des Evangeliums überzeugt sind und sie immer tiefer verstehen. Von daher kann ich nur wünschen, dass wir die wunderschöne Botschaft der Heiligen Nacht wieder neu erspüren und diese Botschaft dann auch weitergeben. Dann entsprechen wir am besten der Apostolischen Exhortation von Papst Franziskus: „Evangelii gaudium“.

kath.net: Ich danke Seiner Eminenz von Herzen für die uns zur Verfügung gestellte Zeit und wünsche eine gesegnete Adventszeit, ein frohes Weihnachten und ein interessantes Neues Jahr!

Kardinal Koch: Dies wünsche ich auch Ihnen und allen Lesern und Leserinnen von kath.net: Eine tiefe Erfahrung der adventlichen Zeit und ein von Gott gesegnetes Weihnachtsfest.


Kurt Kardinal Koch predigte am 24.10.2012 vor dem Petrusgrab




Foto Kurienkardinal Koch (c) kath.net/Petra Lorleberg

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