03 März 2013, 12:00
Das geschlossene Fenster
 
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Der erste Sonntag ohne Angelus. Der revolutionäre Menschenfischer. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Sedisvakanz Tag drei. Der erste Sonntag ohne Angelus. Das Fenster bleibt geschlossen. Die päpstliche Wohnung ist versiegelt. Erst der neue Papst wird dieses Siegel brechen und das berühmteste Fenster der Welt wieder aufstoßen, um sich an die Stadt und den Erdkreis mit einem neuen „Cari fratelli e sorelle!“ zu wenden.

Wie jeden Tag sind zahlreiche Menschen – Pilger, Besucher oder einfache Touristen – auf dem Petersplatz versammelt. Ihre Blicke verlieren sich in den Weiten des Raumes, suchen jene Orte, die aus dem Gedächtnis der Menschheit nicht mehr getilgt werden können und nun von besonderer, neu bewusst gewordener Bedeutung sind: eben jenes Fenster, das heute die Blicke deshalb auf sich zieht, weil es verschlossen ist und so die Zeit der Erwartung symbolisiert, die die Kirche bis zum Tag der Verkündigung des „gaudium magnum“ leben wird; jene Giebelspitze der Sixtinischen Kapelle, zu deren Rechten in einigen Tagen das Kaminrohr zu sehen sein wird, aus dem schwarzer und schließlich weißer Rauch hervorquillt.

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Der Medienzirkus beginnt langsam, aber immer mehr seinen Lauf zu nehmen. Die Tribünen für Presse und Fernsehen werden aufgebaut und erweitert, in einer Leere, die die Abreise des Papstes hinterlassen hat: eine spürbare Leere, die umso größer ist, da man weiß: der Papst ist nicht tot, der einstige Papst wurde gerufen, „den Berg hinaufzusteigen“, sich noch mehr dem Gebet und der Betrachtung zu widmen. Und der nunmehr emeritierte Römische Pontifex tröstet die verunsicherten Gläubigen und die Kirche, die den Atem anhält: „Dies bedeutet nicht, dass ich die Kirche im Stich lasse, im Gegenteil. Wenn Gott dies von mir fordert, so gerade deshalb, damit ich fortfahren kann, ihr zu dienen, mit derselben Hingabe und mit derselben Liebe, wie ich es bis bislang versucht habe, doch auf eine Weise, die meinem Alter und meinen Kräften angemessener ist“ (Angelus, 24. Februar 2013).

Die Geschichte des Rücktritts Benedikts XVI. wird in den kommenden Jahrzehnten zu schreiben sein. Zu nah ist das einzigartige und singuläre Ereignis, als dass es in wenigen Tagen innerlich oder äußerlich bewältig werden könnte. Eines ist deutlich geworden: mit dem „Rückzug auf den Berg“ Joseph Ratzingers endet die Ära Johannes Pauls II. definitiv. Musste sich Benedikt XVI. über lange Zeit hinweg und vielleicht bis zum Schluss mit Verkrustungen auseinandersetzen, zu denen es in der Folge eines fast dreißigjährigen Pontifikats gekommen war, wird sein Nachfolger auf dem von ihm gedüngten und bearbeiteten Boden neu anfangen können, ohne sich ständig mit dem Ballast einer vergangenen Zeit auseinandersetzen zu müssen oder vor Tatsachen zu stehen, von denen einige meinen, sie wären „definitiv“, „automatisch“ oder „selbstverständlich".

2005 hatte Benedikt XVI. seinen Dienst als „einfacher und bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn“ begonnen. 2013 verlässt der Papst den Stuhl Petri als „einfacher Pilger, der nun die letzte Etappe seines Weges auf dieser Erde antritt“, der so auf neue Weise mit seinem Gebet, mit seinem Denken, mit allen seinen geistigen Kräften für das allgemeine Wohl, für das Wohl der Kirche und der Menschheit weiterarbeitet (vgl. letzte öffentliche Ansprache in Castel Gandolfo, 28. Februar 2013). Benedikt XVI. „arbeitet weiter“: dieses Wort lässt begreifen, wie verkürzt „politische“ Interpretationen seines Rücktritts sind, wie wenig skandalorientierte Ansinnen greifen. Der „aktive“ Pontifikat ist zu Ende, er ist Geschichte, er gehört zur Geschichte, es wird die Geschichte sein, die immer mehr die Größe der Gestalt Benedikts XVI. erkennen wird.

Der „kontemplative“ Pontifikat steht an seinem Anfang. Der Papst des Logos ist verstummt. Umso eindringlicher klingen die Worte seines Lehramtes, seiner Theologie, seiner Spiritualität, seiner vom Heiligen Geist durchdrungenen Menschlichkeit. Umso deutlicher wird der Kern der Botschaft Benedikts XVI.: „in Christus alles zu vereinen, alles, was im Himmel und auf Erden ist“ (vgl. Eph 1,10). Die ganze Wirklichkeit muss in Christus vereint werden. Das ist die Wurzel des gesamten Wirkens Benedikts XVI. Das einst aktive Lehramt und jetzt das neue Lehramt des emeritierten Papstes drängen dazu, das Evangelium neu zu verkündigen, zu erkennen, dass die Kirche Christus gehört, dass die Kirche keine am Tisch ausgedachte und konstruierte Institution ist, sondern eine lebendige Wirklichkeit, ein lebendiger Organismus, der in seinem Wandel und Wachstum immer in seinem Wesen gleich bleibt, der in den Seelen der Menschen erwacht, dessen Herz allein Christus ist (vgl. letzte Ansprache an das Kardinalskollegium, 28. Februar 2013).

Der Pontifikat Benedikts XVI. war revolutionär, dies nicht allein in einem metaphorischen Sinn oder im Hinblick auf seinen „eklatanten“ Schluss. Es geht um die Rückkehr zu Prinzipien und um die tiefe Einkehr in sie, um eine neue Hinwendung zur Ordnung nach einer Zeit der Unordnung. Benedikt XVI. rief und ruft dazu auf, den Skandal, den das Christentum für die Welt darstellt, zu Ende zu denken und ihm entsprechend zu wirken und dabei alles auf das Wesentliche zu konzentrieren: auf die Tatsache der Offenbarung Gottes in der Geschichte, auf die Tatsache, dass Gott im Ereignis der Person Jesu Christi eine Geschichte mit dem Menschen eingeht, die einen neuen Horizont eröffnet und eine radikal neue Richtung weist. Daran muss sich der Mensch gewöhnen: die christliche Botschaft wirkt Tatsachen und verändert die Wirklichkeit. Die Zeit der Zukunft ist nicht mehr nur dunkel. Das Christusereignis, so rief der Papst den Menschen zu, ist eine „innere Explosion des Guten“, das das Böse besiegt und so eine Kettenreaktion der Erneuerung und Umkehr erzeugt.

Kleine Nebenwirkung gerade auch der jüngsten Geschehnisse: die unkirchliche Entgegenstellung von „liberal-progressiv“ und „konservativ“ hat sich erledigt. Wer meinte, Benedikt XVI. sei ein „Konservativer“, dem konnte nicht nur durch seinen Rücktritt, sondern auch gerade durch seine letzen Worte in den Tagen zwischen dem 11. und 28. Februar noch einmal klar werden, wie unsinnig derartige Verkürzungen sind. Das Wirken des Papstes in den acht Jahren seines aktiven Pontifikats hat mehr als deutlich gemacht, dass erstens ein Umdenken bei der Bewertung des Wirkens der Kirche notwendig ist, und dass zweitens er selbst die Verleiblichung dieser revolutionären Neuheit ist. Angesichts des sanften Lächelns „auf dem Berg“ versinken dem Alten verbundene „Reformdenker“ im Nichts der Bedeutungslosigkeit.

"Cari fratelli e sorelle!"

Das Fenster ist heute geschlossen geblieben. Das Fenster der Kirche zur Welt, durch das sie Gott hindurchscheinen lässt, durch das sie die Welt zu Gott bringt, ist weit offen. Daher gilt es, mutig und hoffnungsvoll zu sein, in den Spuren eines revolutionären Menschenfischers, der nur den Dienst an Gott und den Menschen kannte und kennt.

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