16 Februar 2013, 18:35
Benedikt ist Petrus, der Fels – ein letztes Mal
 
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Stark gezeichnet feiert Papst Benedikt XVI. seine letzte Messe. Aber seine altersbrüchige Stimme ist so kräftig wie schon lange nicht mehr. Ein bewegender Abend im Petersdom mit ungewöhnlichem Ende. Von Paul Badde (Die Welt)

Vatikan (kath.net/Die Welt) Die Haare von Benedikt XVI. sind so leuchtend weiß, dass die Asche, die ihm Kardinal Comastri vor dem Hauptaltar des Petersdoms auf sein Haupt gestreut hat, nur als ein winziger Schatten zu erkennen ist (Foto). Er schaut mir in die Augen. Die goldene Patene, die ein Diakon zwischen uns hält, spiegelt spielendes Licht aus der Kuppel zurück in seine Züge. Er ist Jahrhunderte alt. Seine Augen erinnern mich an die Augen meiner Mutter. "Corpus Christi", sagt er, als ich in die Knie gehe. "Amen", antworte ich, bevor er mir mit unverwandtem Blick die Hostie aus dem Kelch auf die Zunge legt. Ich kann meinen Blick nicht von ihm lösen. Er schaut mich an, bis ich mich abwende.

Es ist seine letzte Messe über dem Grab des Apostels Petrus. Nur einmal noch wird er zurückkehren - gerade an diese Stelle, wo er jetzt ein letztes Mal die Heilige Kommunion an die Gläubigen austeilt. Das wird sein, wenn er auch den Namen Benedikt wieder annehmen wird. Dann wird er gerade hier noch einmal Rast einlegen, wie sein Vorgänger, auf seinem Weg zur letzten Ruhe hier irgendwo im Petersdom, während die Gläubigen an seiner Bahre vorbei pilgern werden.

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Wer konnte, ist aber an diesem Tag schon gekommen. "Gedenke, o Mensch, dass du Staub bist und zum Staub zurückkehren wirst", ist der Gruß, der den Gläubigen der katholischen Kirche vorgeflüstert wird, wenn ihnen das Aschenkreuz auf das Haupt gezeichnet wird. Oder: "Kehrt um und glaubt an das Evangelium!" Beide Sätze verkörpert Benedikt XVI. an diesem Mittwoch in Personalunion. Er ist Petrus, der Fels – ein letztes Mal. Doch heute ist er schon ganz und gar ein lebendiges Zeichen geworden: Fleisch gewordenes Evangelium.

Endlose Schlange vor dem Petersdom

Darum musste die Feier von der Basilika Santa Sabina – wo sie nach uraltem römischem Brauch jedes Jahr am Aschermittwoch vom Nachfolger Petri gefeiert wird – über das Grab Petri selbst verlegt werden, in den größten Dom der Christenheit, weil ihn diesmal viele Tausende bei dieser letzten Zeichenhandlung sehen und erleben wollten.

Unter der Wintersonne wollte die Schlange auf dem Petersplatz gar kein Ende finden, die zum Abschied von Benedikt XVI. noch einmal in die Basilika zu drängen versuchte. Mit der Asche aus verbrannten Olivenzweigen von den Hügeln an der Via Appia beginnt in Rom der Festkreis, der zum Fest der Auferstehung Christi von den Toten am Ostersonntag führt. Papst Benedikt führt diesen Pilgerzug an diesem Tag ein letztes Mal für die katholische Kirche an. Jahrhunderte alte gregorianische Gesänge begleiten ihn. Seine vertraut altersbrüchige Stimme ist so fest und kräftig wie schon lange nicht mehr, sogar in den längeren Passagen, die er mit 85 Jahren noch selber singen muss.

Ergreifend schöne Prozession

In der lateinischen Litanei wird von Abraham über die Wüstenväter Saba und Antonius bis zur heiligen Elisabeth eine Auswahl der riesigen Menge von Zeugen aufgerufen, die den Pilgern dieses Tages ins Himmlische Jerusalem vorausgegangen sind. Ein letztes Mal steigt der Papst im violetten Bußgewand der Fastenzeit vor ihnen her die Stufen des Altars hinauf, die Augen niedergeschlagen, die Hand fest am Hirtenstab, und räuchert den Opfertisch unter dem Bernini-Himmel mit Weihrauch ein.

Zahllose Bischöfe und Kardinäle haben ihn in dieser Prozession begleitet. Er ist ergreifend schön, anders lässt es sich kaum sagen. Überirdischer Ernst erfüllt den Petersdom. Die Ankündigung seines Rücktritts verleiht der Liturgie die Spannung einer unerhörte Steigerung im Bewusstsein des letzten Mals - des letzten Mals, des letzten Mals!

Nach vielen verpassten Chancen ist es für alle Anwesenden plötzlich ein nie gesehenes Weltdrama, dem Benedikt XVI. an diesem Abend mit wachen Sinnen "auf einem Weg der Umkehr" vorsteht, wie er in einem seiner Gebete sagt. Er steht aufgerichtet wie ein Schweizer Gardist, lauscht im Sitzen hochkonzentriert den Texten der Schrift, die Hände flach auf den Knien ("Seht, heute ist der Tag des Heils!"), er dankt und bittet in seiner letzten Predigt noch einmal flehentlich um das Gebet der Gläubigen für den Weg und die Einheit der Kirche.

Tränen in der Stimme

Es ist ein letzter Bernstein unter der Peterskuppel, in dem er seine Theologie zum Abschied noch einmal auffunkeln lässt, vor "religiöser Heuchelei" warnt und der Weltkirche mit dem Propheten von Rom aus zuruft: "Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider!" Hunderte Mal hat er in den Jahren seines Pontifikats "das Gesicht Gottes" gerühmt.

Nun aber ruft er dazu auf, auch das von Spannungen, Rivalitäten und Spaltungen entstellte "Antlitz der Kirche" wieder neu vor der Welt erstrahlen zu lassen. Es sei ein Zeugnis, das um so mächtiger sein werde, "je weniger wir unseren Ruhm suchen". Jetzt sei die Zeit dafür. "Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade, jetzt ist sie da, die Zeit der Rettung!"

Nach ihm findet Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone in einem kurzen persönlichen Dankwort einen Ton wie nie zuvor an der Seite des Papstes, als er ihm mit Tränen in der Stimme zuruft: "Wir wären nicht ehrlich, Eure Heiligkeit, wenn wir Ihnen verschweigen würden, dass unsere Herzen heute Abend von Trauer verschleiert sind. Sie waren uns Vorbild. Sie waren wahrhaftig ein einfacher und bescheidener Arbeiter im Weinberg des Herrn. Sie waren ein Arbeiter, der es verstanden hat, Gott zu den Menschen zu bringen und die Menschen zu Gott. Ihr Lehramt war ein Fenster, das sich zur Kirche und zur Welt geöffnet hat, um die Strahlen der Wahrheit und der Liebe Gottes durchscheinen zu lassen. Um unserem Weg Licht und Wärme zu geben, vor allem auch in jenen Tagen, in denen sich die Wolken über uns zusammen ballen." Liebe und Hingabe seien es auch gewesen, die ihn zu seinem letzten schwersten Schritt gedrängt hätten.

Liebevolle Wortgewalt

Es ist, als wäre die liebevolle Wortgewalt des scheidenden Papstes auf ihn übergesprungen, als er dessen Mut und Demut rühmt. "Jeder Schritt ihres Lebens und ihres Dienstes ist nur aus dem Sein bei Gott verständlich und aus dem Sein im Licht des Wortes Gottes. Aus dem ständigen Aufstieg auf den Berg der Begegnung mit ihm, um dann wieder in die Stadt der Menschen hinabzugehen." Da brandet ganz unliturgischer Applaus am Aschermittwoch im Petersdom auf - der sich nach dem Segen als Brandung fortsetzt, die im Vor- und Zurückrollen kein Ende mehr nehmen will, Minuten lang, Stunden lang, eine Ewigkeit. Tränen, wohin das Auge fällt. Erzbischof Müller kämpft ebenso mit den Tränen wie Erzbischof Gänswein.

Eine Welle von Zärtlichkeit bricht über dem alten scheu lächelnden Pontifex zusammen, als er nach seinem letzten Friedensgruß langsam und segnend durch die Mitte des Petersdom dem Ausgang entgegen gleitet und verschwindet. Da draußen, auf dem Petersplatz, wird in sechs Wochen, am Palmsonntag, mit frischen Zweigen von den Ölbäumen an der Via Appia der Einzug Jesu in Jerusalem nachgefeiert werden. Doch dann schon vom nächsten Papst und dem nächsten Nachfolger Petri und Benedikt XVI.

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Auskünfte: b16@kath.net melden!






Video: Papstliturgie vom Aschermittwoch in voller Länge (deutsche Übersetzung!)




Foto: Papst Benedikt XVI. reicht in seiner allerletzten öffentlichen Messe die hl. Kommunion an Paul Badde






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