18 Juli 2011, 13:10
Der Raum der Neuevangelisierung: Die katholische Aufklärung
 
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Vernunft, Glauben und Säkularismus. Wege in die Zukunft, die allein die Kirche eröffnen kann - Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Keinem Zeitalter wie dem heutigen ist es gelungen, sein Wissen um den Menschen und um seine Angelegenheiten derart schnell und leicht zu präsentieren. Dies geht in eins mit der Tatsache, dass kein Zeitalter wie das heutige so wenig weiß, was der Mensch ist. So diagnostizierte bereits der Philosoph Martin Heidegger im Jahr 1929. Der Mensch ist die stille, aber zunehmend lauter werdende Frage, der auf der einen Seite nicht auszuweichen ist, der auf der anderen Seite eine eindeutige Antwort verweigert wird. Das Schwierige der Frage verleitet zur Zerstreuung in der einfachen Hinnahme von dem, was die so genannte Kultur und der jeweilige Zeitgeist vorschlagen. Verschiedene Fässer werden aufgemacht, deren Inhalte ohne Ordnung verrinnen. Das Verrinnen als solches wird schon zu einem Ziel, zu einem Sinn ohne Sinn, das es sich lohnt zu diskutieren. Nur die Bedingung der Unbedingtheit scheint Thema zu sein.

Wissen wäre angesagt, aber das Handeln um des Handelns willen dominiert. Es herrschen die Hingabe an die Langeweile, der Konsumismus im Vorhandenen. Der Geist schweift im Labyrinth des Universums. Das Labyrinth wird Selbstzweck. Gleichzeitig ist die moderne Welt unfähig geworden, die Frage des Apostels Thomas zu stellen: „Herr, wir wissen nicht wohin du gehst. Wie sollen wir dann den Weg kennen?“ (Joh14, 5) Um gar davon zu schweigen, was die Antwort des Herrn ist: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh14, 6). Diese kann er, wie schon der heilige Augustinus lehrt, nur dann verstehen, wenn die Antwort, die Christus ist, schon in ihm ist. Wenn dieses Innerste der eigenen Innerlichkeit verschüttet ist, kann sich der Mensch nur Fragmenten ergeben und muss sich auf relatives Rätsellösen beschränken. Die Modernität ist das Problem. Die Modernität quält sich mit sich selbst. Sie sucht sich zu definieren, ihre Herkunft zu erforschen, ihre Zukunft auszumachen, sollte sie denn eine haben. Wie ist die säkulare Modernität in diese Falle der Einsamkeit geraten?

Die Philosophie unserer Zeit hat versucht, die Unmöglichkeit jeder absoluten Wahrheit, jedes Gottes, jeder Grundlegung zu zeigen, die sich dem zeitlichen Werden und Geschehen entzieht. Dieser Relativismus auf die eigene zeitliche Situation ist Grund des Säkularismus, der zum geschichtlichen Wesen der Geschichte der abendländischen Kultur erklärt wurde. Der Säkularismus ist, wie Papst Benedikt XVI. immer wieder warnt, die große Herausforderung unserer Zeit. Säkularismus bedeutet für den Papst: „eine Lebensart und Weise, die Welt zu präsentieren ‚si Deus non daretur’, als ob Gott nicht existierte.“ Die Transzendenz, Gott und das religiöse Streben werden in die Privatsphäre der Gefühle verbannt und nicht als objektive Wirklichkeit erfahren, akzeptiert und gelebt. Wissenschaft und Technik übernehmen die äußere Macht und lassen das Individuum in seinem Innern allein. Verschiedene Lebensentwürfe stehen einander unvermittelt gegenüber und schaffen eine Gesellschaft der Oppositionen, die sich am Ende als nicht lebbar erweist.

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Die Gegenwart Gottes wird zur Begrenzung der eigenen Freiheit, statt in der persönlichen Erfahrung und in der persönlichen Begegnung mit ihm den Grund der wahren Freiheit auszumachen; das Suchen seines Willens und die hörende Fügung in seinen Willen zur Abhängigkeit, von der sich das Individuum frei machen muss. Die geistig-geistliche-materielle Einheit des Menschenwesen wird schrittweise auf seine relativen Einzelaspekte reduziert.

Der Mensch läuft Gefahr, mit seinen Problemen allein zu bleiben. Das aufgedunsene Ich verliert sich in der Zerstreuung. So ist es nicht verwunderlich, dass die Kirche zum einzig übrig geblieben Ort einer vernünftigen Diskussion geworden ist. Dieser Ort kann und darf nicht auf ein kulturelles Phänomen reduziert werden. Die Kirche ist von je her Verteidigerin der Fähigkeit und der Berufung der Vernunft des Menschen. Der Mensch kann nur aus einem Bezug auf einen anderen heraus in Wahrheit sein. Die Kirche ist eine historische Ausnahme: sie hat als Bastion der Rationalität als einzige ein Problem mit dem, was die Gesellschaft schnell erledigt. Die Kirche ist die Tradition, sie hat es mit der Geschichte zu tun. Als solche wird sie zum Feindbild jeglicher ideologisch und relativistisch gefasster Rationalität der einfachen Verwaltung von dem, was der Fall ist. Paradoxerweise muss ein Mensch im Zeitalter der extremen Selbstbehauptung des Individuums sein Menschsein immer rechtfertigen, vor der Wissenschaft, vor der Technik, vor der Wirtschaft.

Dabei besteht die Rechtfertigung in einer Beschneidung der Kompetenz der Vernunft. In der maximalen Betonung der kritischen und wissenschaftlichen Rationalität im Einzelnen verbirgt sich die Grundannahme der Irrrationalität des Ganzen. Das Christentum hingegen vertritt die maximale Rationalität des Glaubens: das Christentum ist die Fülle der elementaren Erfahrung des Menschseins als Ganzem. Das Christentum geht, wie Benedikt XVI. es nennt, von der „Option für die Vernünftigkeit und für die Priorität der Vernunft“ aus, die die universale Vernunft, die schöpferische Intelligenz hinter dem Schein aufweist, das Individuum aus seiner Vereinzelung befreit und es in die Gemeinschaft der vertrauenden Liebe einführt.

Das Denken hat sich einen Schritt zurückzusetzen, um im Fragen auf die äußersten Grenzen und Bedingungen seiner selbst zu stoßen. Für das Denken ist das keine dramatische Katastrophe. Es verwirklicht damit seine wahre Radikalisierung: es öffnet sich und entdeckt das Göttliche als Notwendigkeit seiner eigenen Wahrheit. So wird der Denker zu einem „Priester der Wahrheit“. Glaube und Vernunft, der göttliche Logos und der Logos der lebendigen Erfahrung des Denkens sind einander nicht gleichgültig. Das wahre Christentum ist „eine Geschichte, in die das Göttliche selbst verflochten ist, eine göttliche Geschichte“, wie der Philosoph Schelling in seiner Philosophie der Offenbarung schreibt. Es erschöpft sich nicht in der Lehre, sondern ist Wirklichkeit, Sache von objektiver Gewalt.

Vernunft, Glaube, Frömmigkeit, Beten und Feiern als kirchliche Existenz: Papst Benedikt XVI. konzentriert in seiner Lehre das organische Gewachsensein einer Ganzheit, durch die der Reichtum der Vielfalt auf seinen Sinn zurückgeführt wird. Dabei hebt er die Notwendigkeit einer Neubesinnung des Glaubens, des Denkens, der Wissenschaft, der Kirchengestalt und der Gesellschaftsordnung hervor und fasst dies (für den säkularisierten Westen, aber nicht nur) zusammen mit seinem Vorgänger unter dem Begriff der Neuevangelisierung zusammen.

Je schwächer die Vernunft, desto schwächer der Glaube. Je mehr eine Theologie ein Sonderfall unter anderen im Reigen der humanistischen Wissenschaften ist, desto weniger wird sie als Wissenschaft, die die Grundlagen, Inhalte und Konsequenzen des Glaubens interpretiert, ernst genommen. Je weniger eine Theologie mit den philosophischen Lungen der abendländischen Kultur atmet, desto mehr wird sie zu einem Surrogat von Meinungen. Dem folgt in der katholischen Dimension: Wenn die Kirche nicht als mystischer Leib Christi lebt, sondern als sozial organisierte und orientierte Gruppe von Menschen, die nur bestimmte elementare Glaubensbestände teilen, hört sie auf, Haus des Herrn zu sein. Sie wird eine lockere, aus relativen Bedürfnissen heraus organisierte Interessengemeinschaft. Das Hauptanliegen einer solchen Vereinigung ist dann nicht mehr die Wahrheitssuche im Raum der schon offenbaren Wahrheit. Es wird das nur mögliche Wahre konstruiert, das die Wahrheit als wirkliche Gegenwart des Offenbarten ausschließt.

Das Christentum aber, die christliche Offenbarung ist die Geschichte Gottes mit dem Menschen. Sie ist nicht nur eine erzählte oder leblose Geschichte der Vergangenheit. Die Zentralität des Menschen und die Zentralität des „Gott mit uns“ sind ineinander verschränkt. Der christliche Humanismus ist keine isolierende Betrachtung eines verschlossenen Individuums. Er ist der Weg und Ort der Wahrheit.

Dieser Weg der Wahrheit aber ist bedroht. So stellte Benedikt XVI. fest: „Die heutige Welt ist vom Säkularisierungsprozeß geprägt, der durch komplexe kulturelle und soziale Veränderungen nicht nur eine berechtigte Autonomie der Wissenschaft und der gesellschaftlichen Gestaltung geltend gemacht hat, sondern oft auch die Verbindung der irdischen Wirklichkeit mit ihrem Schöpfer verwischt hat und dabei soweit ging, den Schutz der transzendenten Würde des Menschen und die Achtung vor seinem Leben außer acht zu lassen“. Heute befriedigt die Säkularisierung in der Gestalt des radikalen Säkularismus jedoch nicht mehr. Das bedeutet, „dass sich mögliche und vielleicht neue Wege öffnen für einen fruchtbaren Dialog mit der Gesellschaft, und zwar nicht nur mit den Gläubigen, besonders über so wichtige Themen wie jene, die das Leben betreffen“ (19. November 2005).

Der Grund für dieses individuelle und soziale Unbehagen ist darin zu finden, dass die christliche Tradition das Abendland zutiefst geformt hat. In den Völkern, die in einer langen christlichen Tradition stehen, bleiben, so der Papst, „Samenkörner des Humanismus“ gegenwärtig, die von den Auseinandersetzungen um die nihilistische Philosophie unberührt geblieben sind; Samenkörner, die tatsächlich um so mehr an Kraft gewinnen, je schwerwiegender die Herausforderungen werden. Die Zeit der Krise wird zu einer Zeit der möglichen Umkehr als Einkehr in den eigenen Ursprung.

Dieser Ursprung hat für den Christen ein doppeltes harmonisches Gewand: der Gläubige weiß gut, „dass das Evangelium mit den in die menschliche Natur eingeschriebenen Werten in innerem Einklang steht. Das Bild Gottes ist in die Seele des Menschen so tief eingeprägt, dass die Stimme des Gewissens schwerlich ganz zum Schweigen gebracht werden kann“. Geschöpfliche Natur und übernatürliche Verwiesenheit auf den Heilswillen Gottes gehören zusammen. Jede Reduktion des Seins auf einen Einzelaspekt ist vernunftmäßig unzulässig und widerspricht dem Drang zum Guten.

Benedikt XVI. legt den anthropologisch-theologischen Begründungsdreischritt fest: Aus der Wirklichkeit des Menschen als Ebenbild Gottes folgt die unverbrüchliche Würde seines Seins, die in der kodifizierten Feststellung der Menschrechte eine ihrer Formulierungen gewinnt. Die Wissenschaft selbst führt hin zur Anerkenntnis der steten Präsenz dieser von Gott bedingten Würde: „Die ausgeglichene Analyse der wissenschaftlichen Daten,“ so der Papst, „führt dazu, die Gegenwart einer derartigen Würde in jeder Phase des menschlichen Lebens, vom ersten Moment der Befruchtung an, anzuerkennen. Die Kirche verkündet und stellt diese Wahrheiten nicht nur durch die Autorität des Evangeliums vor, sondern auch mit der Kraft, die von der Vernunft herkommt. Aus diesem Grund spürt die Kirche die Pflicht, an jeden Menschen guten Willens zu appellieren, dies in der Sicherheit, dass die Aufnahme dieser Wahrheiten dem einzelnen und der Gesellschaft nur nützen kann.“

Die Kirche ist Anwalt des Menschen und Funktionär der Menschheit, insofern Gottes höchster Heilswille im Menschsein Fleisch geworden ist. Die Zentralität Christi gründet die Zentralität des Menschen.

Die Gesellschaft und ihre demokratische Ordnung im säkularen Staat kennen im Wesentlichen zwei historische Modelle. Die europäische Idee der Säkularität steht in der Tradition der französischen Revolution und des republikanischen Denkens. Sie verwirklicht sich in der Konzeption des „starken Staates“, der in seiner Gesetzgebung Inhalte und Strukturen des staatlichen Lebens definiert. Die daraus folgende demokratische und verfassungsmäßige Ordnung bedarf dazu keiner ethischen oder religiösen Voraussetzungen. Die Sphäre der Religion, des Glaubens und Gottes wird radikal von der Sphäre des Öffentlichen getrennt. Dieses Modell geht in Europa zwei Wege: die positive Ausarbeitung des rationalen freien Individuums trifft dann auf das Misstrauen in die „entzauberte“ Moderne als Zeit der Dekadenz der abendländischen Kultur. Der rasende Fortschritt wird zum Problem.

Das zweite Modell ist das Ergebnis der amerikanischen Revolution und der Verfassungsgeschichte der Vereinigten Staaten. Die amerikanische Grundidee besteht in der von den individuellen Rechten der Bürger begrenzten Staatsmacht. Die Grundlage der Staatsmacht ist die naturrechtliche Anerkennung von etwas, das dem Staat und der Individualität vorhergeht. Zu dieser natürlichen Selbstevidenz gehört auch das Göttliche, ohne es von vornherein nach einem besonderen Glauben oder konfessionell zu definieren.

Beiden Modellen ist das Grundprinzip gemeinsam, dass die Verfassungsordnung nicht von ethischen oder religiösen Prinzipien vorgegeben ist. Es stellt sich die Frage, ob und wie ethische und religiöse Grundprinzipien in den Dialog mit der staatlichen Verfassungsordnung eintreten können. Damit ist gleichzeitig erneut die Frage nach dem Glauben und dem Selbstverständnis des Glaubenden und der Gemeinschaft der Glaubenden gestellt. Vom Glauben sprechen heißt, sich auf die Würde des Menschen berufen. Denn der Glaube ist nicht etwas, das unter anderem vorkommt oder von außen aufgezwungen ist. Der Glaube bleibt weder an der Oberfläche von Regeln noch im Schlamm einer unvermittelten Subjektivität stecken. So kann Benedikt XVI. sagen: „Der Glaube besteht nicht einfach in der Übernahme eines in sich vollständigen Dogmengefüges, das den in jeder Menschenseele vorhandenen Durst nach Gott auslöschen würde. Im Gegenteil: Er führt den durch die Zeit pilgernden Menschen zu einem Gott, der in seiner Unendlichkeit immer neu ist. Daher ist der Christ zugleich Suchender und Findender, und gerade dies macht die Kirche jung, offen für die Zukunft und reich an Hoffnung für die ganze Menschheit“ (Angelus, 28. August 2005).

Die Würde des Menschen ist das zentrale Anliegen. Diese Würde kommt dem Menschen nicht deshalb zu, weil über sie abgestimmt worden wäre. Die Würde hat ihren Ursprung in der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Der Mensch ist gewollte und geschaffene „Imago Dei“, Bild Gottes, er trägt das Angesicht des einzigen Gottes. Er ist kein Abbild, kein austauschbares Symbol. Er erschöpft sich nicht in seinem Aussehen. Er ist kein Resultat eines Wahlergebnisses, einer Verfassungsbestimmung oder einer Menschenrechtserklärung. Der Mensch ist sich seiner würdig, weil er gotteswürdig ist. Er stellt die göttliche Wirklichkeit im Endlichen dar. Der Mensch und das Menschliche existieren, da sie in die Wirklichkeit Gottes hinein stehen und von ihr ihren Ausgang nehmen.

Jedes menschliche Spiel vollzieht sich im Rahmen von Regeln. Regellosigkeit verunmöglicht das Spiel. Das wissen Kinder gut: Spielverderber sind diejenigen, die die vorgefundenen und akzeptierten Regeln der Anderen nicht achten und so das Spiel kaputt machen. Sie tun dies entweder, weil sie Probleme oder Entwicklungsstörungen haben oder weil das Spiel bewusst zerstört werden soll, um an dessen Stelle ein anderes zu setzen. Spielverderben ist ein Akt der Gewalt, der eine Wirklichkeit nicht konstruktiv in Frage stellt. Er will Grundlagen einfach beseitigen. Der Verteidiger der Spielgemeinschaft hingegen ist um die Gesundheit der Spielgrundlage bemüht und feilt an deren Regeln.

So hält Benedikt XVI. an der Legitimität einer „gesunden Laizität“ als eines der Elemente des Weltspiels fest. Indem sie sich als solche realisiert, „halten die weltlichen Wirklichkeiten gemäß ihren eigenen Regeln stand, ohne jedoch die ethischen Bezüge auszuschließen, die ihren letzen Grund in der Religion haben. Die Autonomie der weltlichen Sphäre schließt eine innere Harmonie mit den höheren und komplexen Ansprüchen nicht aus, die aus einer ganzheitlichen Sicht des Menschen und seiner ewigen Bestimmung“ (24. Juni 2005).

Der Papst formuliert immer wieder den Wunsch, dass die Reflexionen stets „die Würde des Menschen und seine Grundrechte einbeziehe. Es sind dies Werte, die jeder staatlichen Jurisdiktion vorhergehen. Diese Grundrechte werden nicht vom Gesetzgeber geschaffen, sondern sind in der Natur selbst der menschlichen Person eingeschrieben. Sie sind daher im letzten auf den Schöpfer zurückzuführen“. Wenn die Laizität, das heißt das säkulare Denken, Handeln und Sein, sich der religiösen Bestimmung des Menschen entgegensetzen und sich sogar in Feindseligkeit konzipieren, so wird die eigentliche Aufgabe der notwendigen kulturellen und geistigen Erneuerung und Neubesinnung verfehlt: „Wenn also eine gesunde Laizität des Staates legitim und fruchtbar erscheint, dank derer die zeitlichen Wirklichkeiten sich entsprechend ihrer eigenen Normen aufrechterhalten, zu denen auch jene ethischen Instanzen gehören, die ihren Grund im Wesen selbst des Menschen finden, so ist unter diesen Instanzen sicher jener religiöse Sinn von primärer Wichtigkeit, in dem sich die Öffnung des menschlichen Seins zur Transzendenz ausdrückt“.

Mit anderen Worten: eine Demokratie ist nur dann Demokratie, wenn sie sich auf ihre vor-demokratischen Grundlagen besinnt. Der „Nebel der Säkularisierung“ (Romano Guardini) verhindert den Dialog, in diesem Nebel kann die Säkularisierung nur destruktiv sein und dann entgleisen (Jürgen Habermas).

Die Würde des Menschen und seine existenzielle Transzendenzbezogenheit müssen das wesentliche Kriterium einer jeden Gesetzgebung sein. Der Staat darf nicht unter rein pragmatischen oder reaktiven Umständen Gesetze erlassen, die dieser Würde widersprechen oder sie gar bedrohen und zerstören. Die Freiheit des säkularen Staates und somit die Freiheit aller Bürger besteht für Benedikt XVI. nicht in einem freien Spiel aller Möglichkeiten. Eine derartig konzipierte Freiheit wird zur Ideologie. Die erste Freiheit, die ein Staat dem Bürger zu gewährleisten hat, ist die der Ausübung und der Verwirklichung der Folgen der eigenen Religiosität. Die gesunde Laizität darf nicht als Feindseligkeit gegenüber der Religion interpretiert werden, sondern im Gegenteil als Anstrengung, allen, einzelnen sowie Gruppen, im Respekt der Bedürfnisse des Gemeinwohls die Möglichkeit zu garantieren, die eigenen religiösen Überzeugungen zu leben und zu bekunden.

Benedikt XVI. ist der große Vermittler, der Mann der einschneidenden Akzente und der intellektuellen Aufgeschlossenheit gegenüber der Zivilgesellschaft, die in das Leben der Kirche progressiv hineingezogen werden soll. Dabei handelt die Kirche nicht gegen die zivile Freiheit des Staates. Die neue Aufklärung gründet in einer neuen Fassung der säkularen Gesellschaft, in der individualistische Freiheitskonzepte radikal hinterfragt werden. Die Wahrheit der Freiheit liegt nicht in einer ungerechtfertigten, liberal-demokratischen Verabsolutierung des Ich oder undifferenzierter „Mehrheiten“. Sie findet ihren Sinn nur als eine Freiheit, die vor dem Anspruch des Absoluten geteilt wird. Durch diese Freiheit wird Wahrheit offensichtlich, aber nur durch die Wahrheit kann Freiheit Bestand haben.







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