10 Januar 2019, 13:30
Wider die Abdankung des Denkens
 
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Was Robert Spaemann beschäftigte, waren die Fragen, die abends, nach dem Palaver des Tags, offenbleiben. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as/VATICAN magazin) Robert Spaemann, der katholische Denker, das Ratzinger-Pendant in der Gegenwartsphilosophie – er wird fehlen. Die Verneinung des Daseins Gottes kam für ihn schlicht und einfach der „Abdankung des Denkens“ gleich. Der Glaube war für ihn nichts Abständiges, keine Mütze, die man sich aufsetzt, wenn man (aus welchen Gründen auch immer) die Schwelle einer Kirche überschreitet. Der Glaube gehörte für ihn zur Natur des Menschen, so sehr und so groß, dass, selbst wenn der abtrünnige Mensch das Scheitern des Christentums verursacht hätte, dies nichts über die Wahrheit des Christentums selbst sagen würde. Dennoch lag ihm am lebendigen katholischen Glauben, seiner Wirklichkeit, seiner öffentlichen Präsenz. Und dafür hatte er etwas getan: „Dass meine Kinder heute noch im christlichen Glauben stehen, hängt auch damit zusammen, dass wir sie vom (liberalen) Religionsunterricht an staatlichen Schulen abgemeldet hatten“, so Spaemann mit der ihn auszeichnenden „politisch unkorrekten“ Ausdrucksweise. Dies kam seinem Anliegen gleich, den Anspruch auf Wahrheit ohne Abstriche zu erheben.

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Die Arbeit des Denkers ist eine Arbeit an der Wahrheit, die dann für den gläubigen Menschen zur Mitarbeit an der sich bereits geschenkt habenden Wahrheit wird. Der Anspruch auf die Wahrheit allein ist selbst schon politisch unkorrekt, so Spaemann, „weil man ihm unterstellt, die Gleichberechtigung des anderen nicht anzuerkennen. Damit wird aber auch die Toleranz bedeutungslos, denn sie muss einen Grund haben, der nur in der Achtung der Würde des anderen bestehen kann. Dazu gehört, ihm die Wahrheitsfähigkeit zuzusprechen. Nichteinmischung im Meinungsstreit ist keine Toleranz – Gleichgültigkeit vor der Meinung des anderen bedeutet, ihn nicht ernst zu nehmen“.

Die Philosophie ist für Spaemann wie für Hegel mit der Eule der Athene, dem Symbolvogel für Weisheit, zu vergleichen, der erst in der Dämmerung des Abends seinen Flug aufnimmt. Was heißt das? Die Philosophie programmiert nicht, „es ist eigentlich nicht ihre Aufgabe, zu sagen, was kommt“, so Spaemann. Derartiges sei eher „Sache der Kunst, die so ein Sensorium hat für das, was in der Luft liegt.

Die Philosophie interpretiert eigentlich eher das, was geschehen ist und versucht, zu verstehen, was sich abspielt“. Die Philosophie kann so die Aufgabe der Warnerin wahrnehmen, nie beim einfach Gegebenen stehen zu bleiben, sondern es aus der Geschichte heraus zu deuten, um einen Weg in die Zukunft abzuzeichnen.

Die Philosophie starrt auf keine Nicht-Orte, sie will keine Utopie, sie sieht sich berufen, das Gegebene in einen Horizont des Sinns zu stellen. Genau so für den Glauben: kein willkürliches, beliebiges, dem Treiben der Zeit gemäßes Konstruieren, sondern ein Eintauchen in die Geschichtlichkeit des Glaubens, um so dessen Wahrheit zu erfassen. So ist der Glaubende, der Anteil nimmt an der kosmischen Liturgie des Christseins, eben keine alt gewordene Gestalt des Lebens, sondern der immer neue Anfang. Und den neuen Anfang zu betonen: dessen wurde Spaemann nicht müde.

Spaemanns Philosophieren drehte sich im Wesentlichen um zwei systematische Problembereiche. Zunächst ging es ihm um das Bewusstsein der Moderne, um deren Größe, um die Notwendigkeit, ihr Grenzen zu setzen, um die Unabdingbarkeit, sich mit deren Krise auseinanderzusetzen. Dies nie in einem Horizont des Klagens, sondern der positiven Hinwendung dessen, der lehrt, was er lebt.

Dasselbe kann man bei seinem Freund Joseph Ratzinger finden, der als Benedikt XVI. im September 2008 in Paris den „Denkern und Dichtern“ ihre Berufung vor Augen gestellt hatte – Worte, die sich in allem mit dem Anliegen Spaemanns treffen: „Quaerere Deum – Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig denn in vergangenen Zeiten. Eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdrängen würde, wäre die Kapitulation der Vernunft, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur“.

Der zweite Problembereich befasste sich mit einer neuen Betonung der Notwendigkeit der Auseinandersetzung mit dem Naturrecht. Das Naturrecht war für Spaemann wie für Ratzinger keine „katholische Sonderlehre“. Es geht dabei nämlich letztlich um den Begriff der Person als Kriterium, um die wichtigsten Fragen der gegenwärtigen Ethik und Politik zu behandeln. „Wie erkennt man, was recht ist?“: vor diese Frage hatte Benedikt XVI. in seiner Ansprache im Deutschen Bundestag die Politiker gestellt (die sich wohl eher selten damit auseinandersetzen dürften), denn es geht dabei um ökologische, bioethische, pädagogische und verwandte Probleme mit dem Ziel der Sicherung der freiheitlichen Rechtsstaatlichkeit in einer zunehmend funktionalisierten Gesellschaft.

Das Denken Spaemanns schuf Denkschule und Schüler im Denken. Wohl wenige Gegenwartsphilosophen können einen derart vielfältigen und auch international angelegten Schülerkreis vorzeigen. Was auch dazu führte, war die Weise, in der sich Spaemann der modernen und zeitgenössischen Philosophie annäherte: von Descartes zu Kant, von Rousseau zu Marx, hin zu Nietzsche, Habermas, Luhmann. Spaemann zielte darauf ab, die Themen im Brennpunkt der Autoren aufzuweisen und deren Bedeutung, Probleme und Grenzen zu erkennen, um ihnen dann in einem umfassenden Vergleich mit den „Alten“, dabei vor allem Platon, Aristoles, Augustinus oder Thomas von Aquin, konstruktiv eine Ortsbestimmung zu verleihen und weiterzudenken. Fern lag es Spaemann, sich wie Heidegger in einer Selbstüberhebung als „Denker in dürftiger Zeit“ (Karl Löwith) zu zelebrieren. Sein Glaube, der freie Glaube des Philosophen, schützte ihn davor.

Er wusste: wenn heute einer die Vernunft verteidigt, dann kann man davon ausgehen, dass das ein Katholik ist, denn, wie Spaemann einmal sagte: „Was mich beschäftigt, ist die Frage nach dem, was ist, die vielen Fragen, die offen bleiben, wenn das Palaver abends zu Ende ist“.

„Aber Freund! wir kommen zu spät. Zwar leben die Götter,
Aber über dem Haupt droben in anderer Welt.
Endlos wirken sie da und scheinens wenig zu achten,
Ob wir leben, so sehr schonen die Himmlischen uns.
Denn nicht immer vermag ein schwaches Gefäß sie zu fassen,
Nur zu Zeiten erträgt göttliche Fülle der Mensch.
Traum von ihnen ist drauf das Leben. Aber das Irrsaal
Hilft, wie Schlummer und stark machet die Noth und die Nacht,
Biß daß Helden genug in der ehernen Wiege gewachsen,
Herzen an Kraft, wie sonst, ähnlich den Himmlischen sind“ (Friedrich Hölderlin, Brod und Wein).

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© Foto: Paul Badde

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