19 November 2010, 12:15
Ich finde es seltsam, wie die Moderne einfach glorifiziert wird
 
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KATH.NET-Exklusiv-Interview mit Kardinal Kurt Koch über Hermeneutik der Kontinuität, ‚Reform der Reform der Liturgie’, Glaubensabfall, Weg der Ökumene: ein Gespräch im Licht der Wahrheit - Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Die Hermeneutik der Kontinuität, die „Reform der Reform der Liturgie“, der Glaubensabfall, der Weg der Ökumene: in einem umfangreichen Gespräch gibt Kardinal Kurt Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit des Christen, einen weiterführenden Einblick in die Lage und in das Wesen der Kirche. Der Kardinal macht deutlich: das Ringen um die eine Wahrheit steht im Mittelpunkt alles kirchlichen Tuns und Denkens.

Kath.net: Während des letzten Treffens des „Ratzinger-Schülerkreises“ im August 2010, in dessen Mittelpunkt das II. Vatikanische Konzil, dessen Wirkung und Interpretation standen, haben Sie ihren ersten Hauptvortrag mit den Worten „Treue zur Tradition, Offenheit für die Zukunft“ zusammengefasst und diese als die „korrekteste Interpretation“ des Konzils als „Magna Charta der Kirche“ bezeichnet. Sie haben sich dann zum Zweiten mit der „Hermeneutik der Reform“ ausgehend von „Sacrosanctum Concilium“ und der Liturgie als dem Mittelpunkt der Hermeneutik des Konzils auseinandergesetzt, den christologischen Primat herausgestellt und sich abschließend auf die kosmische Dimension der Liturgie konzentriert.

Ausgehend von Ihren Erwägungen stellt sich die Frage: Worin liegt der Ursprung der „Hermeneutik des Bruches“ mit der Tradition?


Kardinal Koch: Papst Benedikt XVI. hat in seiner ersten großen Ansprache an die Römische Kurie am 22. Dezember 2005 zwei verschiedene Hermeneutiken unterschieden. Die erste ist die Hermeneutik der Diskontinuität und des Bruches. Und das scheint mir jene Hermeneutik zu sein, die in der Öffentlichkeit immer vertreten und rezipiert worden ist. Sie geht davon aus, dass das Konzil einen Bruch mit der ganzen Tradition involviert hat. Eine solche Hermeneutik gelingt nur, wenn man die Texte des II. Vatikanischen Konzils nicht im Ganzen nimmt, sondern einfach jene Aspekte heraussucht, von denen man sagt: Das ist nur zögerlich begonnen worden; das müssen wir jetzt weiterführen. Das führt aber dazu, dass man dann letztlich eben zwei verschiedene Kirchen hat: die Kirche vor dem Konzil und die Kirche nach dem Konzil, als handle es sich um verschiedene Kirchen.

Dem gegenüber hat Papst Benedikt XVI. immer gesagt: Es ist dieselbe Kirche, die in einer grundlegenden Kontinuität mit der früheren Kirche steht, aber erneuert worden ist. Es ist im Grunde genommen dasselbe, was er jüngst in Spanien bei der Weihe der Kirche „Sagrada Familia“ gesagt hat: Man habe auf die große Tradition der mittelalterlichen Kathedralen zurückgegriffen, aber gerade so in einer ungeheueren schöpferischen Kreativität etwas Neues geschaffen. Und ich denke: nur wenn man das Konzil in dieser Hermeneutik sieht, wird man ihm wirklich gerecht. Das aber bedeutet natürlich die Notwendigkeit einiger Kurskorrekturen heute.

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Kath.net: In welche Richtung könnten diese Kurskorrekturen gehen? Wie können sie stimuliert werden?

Kardinal Koch: Natürlich muss sich die Theologie mit dem Problem der Kurskorrekturen auseinandersetzen und wirklich zu einer Relecture der Texte anleiten, da ja oft der „Geist des II. Vatikanischen Konzils“ beschworen wird, ohne dass man die Texte wirklich kennt. Dazu kommt, dass die Texte äußerst selektiv ausgelegt werden. Zum Beispiel: Von der Konstitution über die Kirche „Lumen gentium“ ist das zweite Kapitel über das Volk Gottes bekannt geworden, aber dass das zweite Kapitel auf dem ersten Kapitel aufruht, das vom Geheimnis der Kirche in Gottes Heilsratschluss handelt, wird nicht beachtet. Gleiches gilt für das fünfte Kapitel über die allgemeine Berufung zur Heiligkeit, die das ganze Scharnier der Konstitution ist; gerade dieser Teil ist eigentlich kaum wirklich rezepiert worden.

Kath.net: Wieso wird der sogenannten „Reform der Reform der Liturgie“ oft mit Feindseligkeit begegnet? Wieso wird nicht erkannt, dass das, was der Papst mit dem Motu proprio „Summorum Pontificum“ (2007) zur Liberalisierung der außerordentlichen Form des einen Römischen Ritus wollte, eine Erweiterung des Schatzes der Liturgie der Kirche ist und kein Rückschritt in eine nostalgisch konzipierte Zeit?


Kardinal Koch: Das ist ein äußerst paradoxes Phänomen: dass diejenigen, die immer Pluralismus und Toleranz einfordern, plötzlich uniform werden und sagen: mit DER Reform, die das II. Vatikanische Konzil angestoßen hat und die nach dem Konzil verwirklich worden ist, haben wir DAS Ziel erreicht, und jetzt DARF es eigentlich keine neue Reform mehr geben. Das ist ein seltsamer progressistischer Archäologismus, der selten durchschaut wird. Und da denkt der Papst eben viel organischer, was heißt: auch diese Liturgiereform, die 1970 realisiert worden ist, ist eine Entwicklung innerhalb einer grundlegenden Kontinuität und bedarf ihrerseits der Erneuerung.

Kath.net: Wie konnte es dazu kommen, dass sich eine Theologie und das kirchliche Leben des Glaubens gerade in dem Moment an die Moderne (ihrer Zeit) annähern wollten, als eben diese Moderne zu zerbrechen begann?


Kardinal Koch: Ich denke, es ist ein typisch katholisches Phänomen, dass so viele Kreise den Eindruck haben, dass die Kirche „hinter der Zeit hinterherhinke“ und diese einholen müsse, wobei sie sie dann aber zu spät einholt. Sie will dann ganz die Moderne integrieren, dies in jener Zeit, in der die Dialektik der Moderne innerhalb der Philosophie und der Geisteswissenschaften bereits längst zu Bewusstsein gekommen ist. Ich finde es ohnehin seltsam, wie die Moderne einfach glorifiziert wird, ohne dass man auf die Schattenseiten dieser Moderne sieht. Ich meine, das 20. Jahrhundert war das grausamste Zeitalter überhaupt, und es hat in der Moderne stattgefunden. Aber ich bin mir nicht sicher, ob man diese tiefen Ambivalenzen der Neuzeit in der katholischen Kirche – abgesehen vom Papst – wirklich erkannt hat.

Kath.net: In welchem Zusammenhang steht damit die Frage der „Apostasie“?


Kardinal Koch: Zunächst einmal ist eine ungeheuere Müdigkeit des Christentums in Europa zu verzeichnen. Das Christentum ist müde geworden und eigentlich von sich selber nicht mehr wirklich überzeugt. Deshalb glaubt es, sich dem Zeitgeist anpassen zu müssen, um auf der „Höhe der Zeit“ zu sein Doch so ist es der großen Gefahr ausgesetzt, dass es eigentlich nur das wiederholt, was die Welt auch ohne Kirche sagen kann. Aber eine Kirche, die nur noch das sagt, was die Welt ohnehin sagt, die braucht es eigentlich nicht mehr, und deshalb ist heute eine Neuentdeckung des innersten Kerns des Christentums notwendig. Daher ist es kein Zufall, dass der Papst in seiner ganzen Verkündigung den Primat des Gottesgeheimnisses betont, und dass dieses Gottesgeheimnis nicht weiterhin privatisiert werden darf. Genau in diesem Zusammenhang scheint mir der Papst – um eines der üblichen Klischeewörter zu gebrauchen – sehr viel „progressiver“ zu sein als die sogenannten Progressiven.

Kath.net: Seit Jahren wird über eine Reise eines Papstes nach Moskau spekuliert. Sowohl Benedikt XVI. als auch Kyrill haben erkennen lassen, dass ein derartiges Unterfangen nicht den Anfang, sondern nur ein wesentliches Ergebnis des Annäherungsprozesses zwischen Rom und Moskau bilden kann. Ist die Schaffung von theologischen sowie politischen Vorbedingungen soweit gediehen, dass konkrete Aussicht auf eine derartige Begegnung besteht? Hat Moskau jenseits einer strategischen Allianz mit Rom zum Kampf gegen die fortschreitende Entchristianisierung Europas die Fähigkeit, den heilsgeschichtlichen Kairos zu erkennen und gerade mit diesem Papst zusammen zu sagen: „Ut unum sint“?


Kardinal Koch: Das kann ich noch nicht beurteilen, da ich mich erst im kommenden Jahr nach Moskau begeben werde, um dieser Frage näher nachzugehen.

Grundsätzlich kann ich dazu nur sagen: Diese Allianz hat natürlich etwas Positives. Wir müssen gemeinsam die christlichen Werte in der Gesellschaft verkünden. Aber in der Begegnung zwischen der katholischen Kirche und der Orthodoxie bedarf es eines viel tiefer gehenden Fundaments. Eine Allianz braucht das Fundament des Spirituellen und Theologischen. Die Einheit der Kirche muss hier neu zum Thema werden, sonst wäre so eine Allianz dann vielleicht doch nur etwas Äußerliches. Und die Orthodoxie und die katholische Kirche haben einander mehr zu geben als nur das.

Ich habe generell den Eindruck, dass die Ökumene zwischen Rom und der Orthodoxie sehr viel mehr Zeit in Anspruch nimmt, als wir vielleicht bisher gemeint haben, und dass wir uns noch klarer darüber verständigen müssen, ob wir überhaupt dasselbe Ziel haben, ob wir die sichtbare Einheit der Kirche auf beiden Seiten wirklich wünschen. Das scheint mir ein bisschen fraglich geworden zu sein, nicht von unserer Seite jedoch: da besteht dieses Ziel.

Kath.net: In einem Interview mit der vatikanischen Zeitung „L’Osservatore Romano“ (15.9.2010) erklärten Sie: „Mit den Orthodoxen verbindet uns ein großes gemeinsames Glaubensfundament bei gleichzeitigen kulturellen Unterschieden. Mit der Welt, die aus der Reformation hervorgeht, ist dagegen das gemeinsame Glaubensfundament nicht so groß, während die Kultur dieselbe ist“. Kann auf dieser Grundlage eine wahre Gemeinschaft mit den protestantischen Christen vorstellbar sein? Gibt es eine Ökumene jenseits der Gemeinsamkeit eines Glaubensfundaments unter rein „pastoralen“ Gesichtspunkten?


Kardinal Koch: Meine Aussage in „L’Osservatore Romano“ war nur eine phänomenologische Beschreibung, wie ich dies wahrnehme, keine Wertung. Ich wollte damit zum Ausdruck bringen, dass im Westen natürlich die Gefahr besteht, dass für viele Gläubige die kulturelle Verbundenheit größer wird als die Glaubensfundamente. Denn wir haben heute auch so etwas wie einen „Kulturkatholizismus“. Das will ich näher klären. Es gibt in der Geschichte einen „Kulturprotestantismus“, aber wir haben heute auch einen Katholizismus, wo die Kultur wichtiger ist als der Glaube. Deshalb entsteht immer der Eindruck, dass in der Ökumene mit den Protestanten nichts geschieht.

Für uns ist es klar, dass Kirchengemeinschaft nur möglich ist auf der Basis der Glaubensgemeinschaft, und dass deshalb diese Glaubensgemeinschaft gesucht und gefunden werden muss, und noch tiefer gefunden werden muss als bisher. Da ist ein ganz anderes Konzept bei den reformierten Kirchen, die sich ja 1973 in der „Leuenberger Konkordie“ zusammengeschlossen haben, und das ist eine Kirchengemeinschaft von Kirchen verschiedener Bekenntnisse. Hier ist also die Grundüberzeugung aufgelöst worden, die ausgehend von der alten Kirche bis ins 20. Jahrhundert von allen Kirchen geteilt worden war, nämlich dass Kirchengemeinschaft Bekenntnisgemeinschaft voraussetzt.

Die „Leuenberger Konkordie“ ist ganz sicher ein geeignetes innerprotestantisches Einheitsmodell, aber es ist kein Modell, das für die Ökumene mit der Orthodoxie und der katholische Kirche wirklich weiterführt. Denn mit diesem Modell ist im Grunde genommen das Ziel der sichtbaren Einheit aufgegeben und durch das Modell der „versöhnten Verschiedenheit“ ersetzt worden. Doch diese Bezeichnung hat das Missliche an sich, dass sie zwar von allen, aber auf ganz unterschiedliche Weise verwendet wird. Die katholische Kirche sieht in der „versöhnten Verschiedenheit“ eine Zielbestimmung der Ökumene: die Verschiedenheiten müssen versöhnt werden, sie dürfen nicht mehr kirchentrennend sein. Die protestantischen Kirchen sehen in diesem Modell dagegen eine Zustandsbeschreibung der Situation heute. Und da gehen die Wege dann natürlich schon weit auseinander. Wir müssen uns daher neu darüber verständigen, was wir darunter überhaupt verstehen.

Kath.net: Können Sie dem zustimmen, dass wahre Ökumene nur auf der Grundlage der Wahrheit stattfinden kann und nie den Aufruf zur Bekehrung zu Christus als dem einen und einzigen „Dominus Iesus“ und zu seiner einen Kirche als zweitrangig ansehen darf? Inwiefern ist das Schreiben der Glaubenskongregation „Dominus Iesus“ aus dem Jahr 2000 richtungsweisend für die Ökumene?


Kardinal Koch: Es ist ja zunächst seltsam, dass die reformierten Kirchen sich an der Terminologie aufregen, dass sie als kirchliche Gemeinschaften bezeichnet werden. Wenn man dann aber die Homepage des Weltkirchenrates öffnet, dann heißt es: Wir sind eine Gemeinschaft von „Kirchen, Denominationen und kirchlichen Gemeinschaften“, und niemand stört sich daran. Aber man ist völlig ratlos, wer im ökumenischen Rat nun Kirche ist, wer eine Denomination oder eine kirchliche Gemeinschaft ist. Deshalb meine ich, dass es überhaupt keinen Sinn macht, wenn die Reformationskirchen jetzt einfach für 30 Jahre traurig sind, dass sie als Kirche nicht im eigentlichen Sinne bezeichnet werden.

Wir müssen heute einen längst fälligen theologischen Diskurs darüber führen, was denn jeweils unter Kirche verstanden wird. Und das ist noch viel zu wenig geschehen. Wenn die Reformationskirchen uns sagen, was für sie das Wesen von Kirche ist, dann kann auch ein sinnvoller Dialog darüber geführt werden. Und die noch viel grundlegendere Frage ist für mich die, wie die aus der Reformation hervorgegangenen kirchlichen Gemeinschaften die Reformation heute verstehen. Mit Blick auf das Jahr 2017 müsste geklärt werden, ob sie die Reformation nach wie vor als Bruch mit der Tradition, als Beginn von etwas ganz Neuem verstehen, oder ob sie die Reformation – wie es die Reformatoren selber getan haben – nicht als Wille zur Entstehung einer neuen Kirche, sondern als eine Erneuerung der Kirche sehen. In diesem Sinne bringt eigentlich das Entstehen neuer Kirchen, wie das der evangelische Theologe Pannenberg immer wieder gesagt hat, nicht das Gelingen, sondern das Scheitern der Reformation zum Ausdruck. Demzufolge würde es eigentlich erst in der ökumenischen Bewegung um das wahre Anliegen der Reformation gehen. Oder wie es der neue Präsident des evangelischen Kirchenbundes in der Schweiz immer ausdrückt: Wir sind nicht Reformierte, wir sind reformierte Katholiken. Denn 1500 Jahre haben wir gemeinsam, 500 Jahre sind wir getrennt: Wir müssen uns darüber verständigen, wie wir die 1500 Jahre vorher gemeinsam verbracht haben.

Kath.net: Mit der Apostolischen Konstitution „Anglicanorum coetibus“, deren Umsetzung in der Zuständigkeit der Glaubenskongregation liegt, haben sich auch klarere und neue Linien für den ökumenischen Dialog mit der anglikanischen Kirche ergeben. Wie bewerten Sie die jetzt in Gang gekommene Rückkehr anglikanischer Bischöfe, Priester und Gemeinden in die volle Einheit mit der katholischen Kirche? Worin sehen sie die Auswirkungen für den Dialog mit der anglikanischen Kirche?


Kardinal Koch: Wenn jemand an die Tür unserer Kirche anklopft, eintreten will und Christ ist, hat der Papst eigentlich gar eine andere Möglichkeit, als die Türe zu öffnen. Ich verstehe die Polemik und auch die Verleumdung des Papstes nicht, er würde da in trüben Gewässern fischen. Der Papst hat keine andere Möglichkeit als Hirte der universalen Kirche, wenn Leute in die Kirche kommen wollen, als die Türe zu öffnen. Und das ist ein ganz positives Zeichen.

Was die Auswirkungen auf die Ökumene mit den Anglikanern betrifft, ist es hilfreich zu wissen, dass es beim Heiligen Stuhl eine klare Aufteilung der Verantwortungen gibt: „Anglicanorum coetibus“, also die Frage des Übertritts in die katholische Kirche, liegt in der Kompetenz der Kongregation für die Glaubenslehre. Der Päpstliche Rat zur Förderung der Einheit der Christen sorgt sich weiterhin um den ökumenischen Dialog mit den Anglikanern. Bei diesem Dialog ist festzustellen, dass in den zurückliegenden Jahren immer mehr ethische Fragen in den Vordergrund getreten sind. Diese müssen wir in der ökumenischen Diskussion behandeln.

Kath.net: Stichwort: Wahrheit. In der Zeit einer „Diktatur des Relativismus“ wird der Wahrheitsanspruch der katholischen Kirche gern als Obskurantismus abqualifiziert. Warum ist die Rede von der Wahrheit „lästig“? Welche Aufgabe hat in dieser Diskussion eine katholische Philosophie?


Kardinal Koch: Alles, was heute mit dem Anspruch auf Wahrheit auftritt, wird als störend empfunden, da man sich im Grunde damit abgefunden hat, dass es die Wahrheit an sich gar nicht gibt. Es soll eine Vielfalt von Wahrheiten geben. Das ist im Grunde genommen jedoch die babylonische Situation, wo man dann nicht mehr miteinander reden kann oder einander gegenseitig oberflächlich toleriert. Wahrheit kann letztlich nur eine sein. Es kann nicht sein, dass etwas für mich wahr ist , was für den anderen nicht wahr ist. Damit hätten wir den Weg der Suche nach der Wahrheit schon verlassen. Aber das ist das große Ärgernis in der heutigen Gesellschaft, dass jeder Anspruch auf Wahrheit unter Verdacht steht, damit jedoch nur die eigenen Wahrheitsansprüche verdeckt werden. Es ist erstaunlich, mit welcher Intoleranz in der heutigen Gesellschaft Toleranz eingefordert wird. Wir haben eine äußerst intolerante Toleranz, und da ist mir jeder willkommen, der einen Anspruch auf Wahrheit anmeldet und den auch ausweist.

Der katholische Philosoph muss dabei genau den Freiraum dafür schaffen, dass die Wahrheitsfrage überhaupt wieder gestellt werden darf. Das ist auch für die Philosophie ein großes Problem. Es ist im Grunde genommen so, dass das, was in der Tradition die Metaphysik geleistet hat, heute ein unbesetzte Stelle ist und eigentlich die katholische Kirche noch die einzige Institution ist, die in diesen Freiraum hineingeht und diesen Freiraum offen hält oder offen „schaufelt“. So denke ich, dass die Philosophie eine willkommene Gefährtin wäre, die diesen Freiraum schafft. Die „Exkommunikation“ des Papstes an der Universität „La Sapienza“ (Januar 2008) ist für mich in diesen fast sechs Jahren des Pontifikats Benedikts XVI. ein tragisches Ereignis. Die Tragik besteht darin, dass die Universität so ideologisch wird, dass sie einen, der den Dialog und die Wahrheit sucht, nicht mehr zulässt; das ist für mich im Grunde genommen die Perversion der Universität, die Perversion auch der Philosophie, die genau diesen Ort schaffen müsste.

kathTube: Kurt Koch Kardinalsernennung:





Foto: (c) kath.net








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