15 Juni 2010, 10:40
Solche Leute trifft der Zorn Gottes!
 
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Eklat bei Augsburger Podiumsdiskussion: Pfarrer Mayr von der "Pfingsterklärung" hat am Montag erneut Bischof Mixa schwerst beschuldigt: Mixa könne "unmöglich zurückkehren", weil es "möglicherweise" sein könne, dass er sexuell übergriffig geworden sei

Augsburg (kath.net)
Während der Diözesanadministrator die Devise ausgegeben hat, dass jetzt Ruhe einkehren soll, erhoffen sich die "Reformer" durch eine breite und lang andauernde Diskussion eine grundsätzliche Änderung des Bistums Augsburg. Nachdem am vergangenen Donnerstag der Augsburger Presseclub vor großem Publikum diskutiert hatte, war es am Montagabend jetzt die Augsburger Moritzkirche im dortigen Pfarrsaal, die unter dem Motto „Kirche in der Krise – Chance oder Skandal“ etwa 400 Personen zu einer Podiumsdiskussion zusammenbrachte. Auf dem Podium diskutierten der frühere Regionaldekan und jetzige Klinikpfarrer Michael Mayr, die evangelische Synodalin Beate Schabert-Zeidler, der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen, Markus Günther, sowie die Katholikin und religionspolitische Sprecherin der Grünen im Bayerischen Landtag, Ulrike Gote. Die Moderation übernahm wiederum Alois Knoller von der Augsburger Allgemeinen.

Die Veranstaltung begann mit einem Paukenschlag, als Pfarrer Mayr, der im Internet verantwortlich für die Pfingsterklärung zeichnet, Bischof Mixa erneut mit dem Verdacht eines möglichen sexuellen Missbrauchs in Verbindung brachte und Richtung Mixa ausrief: „Solche Leute trifft der Zorn Gottes!“ Mixa könne „unmöglich zurückkehren“, weil es „möglicherweise“ sein könne, dass er sexuell übergriffig geworden sei. Dem widersprach der Chefredakteur der Augsburger Allgemeinen heftig. Ein solcher erneuter Verdacht würde all jenen in die Hände spielen, die behaupteten, Mixa sei Opfer der Medien geworden. Ihm zufolge habe nicht der unzutreffende Verdacht des sexuellen Missbrauchs, sondern die „lange Kette von Verfehlungen“ zum Fall Mixas geführt: die Unwahrheit in der Frage, ob er Kinder geschlagen habe, die Probleme in der Lebensführung, dass er also Kunstgegenstände für haarsträubende Preise aus Geldern der Waisenhausstiftung bezahlt habe, dass er sich in Widersprüche verstrickt habe, dass er die Opfer mit juristischen Schritten bedroht habe, sowie die vielen Kirchenaustritte und die Frustration über all das selbst von bischofstreuen Pfarrern.

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Pfarrer Mayr unterstellte, der Papst habe bisher „das Böse“ in der 68er Generation und im Konzil gesehen, habe aber jetzt erklärt, dass „das Böse“ aus der Mitte der Kirche komme. Mayr wies auf das Dilemma der Priester hin, die „mit heiligen Eiden“ an den Bischof gebunden und ihm und seinen Nachfolgern zu Ehrerbietung und Gehorsam verpflichtet seien. Mit dem Gehorsam habe man es vielleicht nicht so genau genommen, aber die Verpflichtung zur Ehrerbietung sei schon problematisch. Dass Mixa damals Bischof von Augsburg geworden sei, hätte eigentlich gar nicht gehen dürfen, da er von niemandem der Verantwortlichen der Diözese vorgeschlagen worden sei. Als vorrangiges Problem betrachtet der frühere Regionaldekan, dass „Mixa mit seinen Freunden in unserer Kirche immer noch gegenwärtig ist“; jene hätten eine Hoffnung auf Wiederherstellung der alten Zustände, und dies blockiere die Diözesanleitung. Diesen „bestimmten Freunden aus der näheren Umgebung von Mixa“ empfehle er, dass sie sich „entweder von Mixa distanzieren oder freiwillig zurücktreten“. Hierauf warf der Moderator ein, man könne ja nicht, wie in der Reformation, den, den man für ungläubig oder irrgläubig halte, erschlagen, dies seien „zu viele“. Auch in der Ökumene, so Mayr, habe Mixa Schaden angerichtet; dessen Buch „Selbstverständlich katholisch!“ hätten gewiss nur „seine Freunde“ gelesen. „Tiefe Verwundungen“ seien nicht nur von Bischof Mixa, sondern „auch von seinen Freunden, die überall in den Pfarrgemeinden verteilt sind“, ausgegangen. Hier müsse eine Art „Versöhnungskommission“ nach dem Vorbild Südafrikas die Heilung befördern. Eine der ersten Maßnahmen müsse auch sein, wieder eine Frau in die Ordinariatssitzung zu entsenden; schließlich sei ja eine Frau „erstes Opfer“ von Mixa geworden.

Die Augsburger „Pfingsterklärung“ sei keine „Kirchenvolkserklärung“, sondern eine „Gottesvolkserklärung“, bemühte sich Mayr, der umstrittenen Erklärung eine theologische Dignität zu verleihen. Sie enthalte die Verpflichtung zu neuem Anfang und zu innerer Heilung. Versöhnlich meinte Mayr zum Schluss, man solle nach dem Wort handeln: „In necessariis unitas, in dubiis libertas, in omnibus caritas“, zu deutsch „Im Notwendigen Einigkeit, im Zweifelhaften Freiheit, in allem aber die Liebe“. Allerdings unterteilte Mayr zuvor die beiden sich gegenüberstehenden Lager in solche, die „das Heil im Rückwärtsgang“ suchten, und solche, die „das Heil vom Herrn“ ersehnten – letztere hätten „Visionen“, erstere hingegen „Revisionen“. Ein künftiger Bischof, der „eine Autorität“ sein solle, müsse einfordern, „dass wir auf der Linie des Zweiten Vatikanischen Konzils eins sind“. Denn in der Zeit zwischen zwei Konzilien hätten wir nichts anderes. Den Rat aus dem Publikum, einen Bischof von einer Wahlversammlung wählen zu lassen, hielt Mayr für einen guten Vorschlag für die Zukunft.

Die Grünenpolitikerin Ulrike Gote sah die Ursache für sexuellen Missbrauch im kirchlichen Tabu der Sexualität inklusive des Zölibates, im Zwang zu einer falsch verstandenen Loyalität, in der kirchlichen Männergesellschaft und letztlich in der Struktur der katholischen Kirche als solcher. Kirche müsse sich öffnen, transpartenter und demokratischer werden. Für die katholische Politikerin reicht es nicht, dass man die Priesterausbildung verbessert; ihre Forderung nach Frauenordination wurde mit großem Applaus des Publikums quittiert. Doch es sei auch wichtig, dass die Kirche von den Opfern her denke und daher in ihren Einrichtungen dafür sorge, Kinder innerlich stark zu machen. Zornig mache sie, dass die jeweiligen Mitbrüder, die alle mehr gewusst hätten, nicht eher „Stopp“ gesagt hätten, wenn Grenzen überschritten worden und eine ungute Nähe zu Kindern aufgebaut worden sei. Im Blick auf die Bischofswahl schlug Gote eine Änderung des Konkordats vor: auf der einen Seite könne man dem Heiligen Stuhl entgegenkommen, indem der Staat auf den Treueid des Bischofs auf die Verfassung verzichte; auf der anderen Seite könne man so mehr Mitspracherechte für Laien und Priester bei der Bischofswahl staatskirchenrechtlich verankern. Primäre Aufgabe der Kirche sei für Gote soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Schöpfung, verantworteter Umgang mit Biotechnik und Atomenergie und dergleichen. Hier brauche es eine starke Gruppe in der Gesellschaft wie eben die Kirche. Daher müsste noch stärker eine Trennung von Staat und Kirche vollzogen werden. Denn die Bezahlung der Bischöfe und hoher kirchlicher Würdenträger durch den Staat wäre im Blick auf deren Unabhängigkeit hinderlich. Gote zeigte sich überzeugt, dass die katholische Kirche keine Zukunft habe, wenn es nicht bald eine Frauenordination geben werde, was ihr erneut großen Beifall bescherte. Wenn man als Laien etwas in der Kirche wolle, müsse man es einfach tun, erklärte die Grüne und rief zum „zivilen Ungehorsam“ auf.

Die Protestantin Beate Schabert-Zeidler warb vor allem für mehr Ökumene. Sie forderte mehr Offenheit, Transparanz und ökumenisches Miteinander. Als gemischt-konfessionell verheiratete Protestantin gab sie zu, bislang regelmäßig unerlaubt die Kommunion empfangen zu haben. Jetzt als Synodalin wolle sie aber niemanden damit in Schwierigkeiten bringen, empfinde aber das Kommunionverbot so, dass sie „weniger wert“ sei und forderte energisch mehr „Gastfreundschaft“. Für unhaltbar hielt Schabert-Zeidler auch das Verbot ökumenischer Gottesdienste am Sonntagvormittag. Im Blick auf die Wahl von Leitungspersonen in der Kirche verwies die evangelische Synodalin auf das protestantische Modell der Wahl von Landesbischöfen durch die Synode. Schabert-Zeidler, die auch Richterin ist, sieht in der Kirche vor allem gesellschaftliche Funktionen im Rahmen der Wertediskussionen.

Markus Günther betonte mehrfach, dass das Bistum Augsburg in einer tiefen Krise stecke. Er habe den Eindruck, die Gräben im Bistum zwischen den „Rechten“ und den „Linken“ seien jetzt noch tiefer geworden, und mahnte mit den Worten: „Leute, wir sind eine Kirche“, dafür zu sorgen, dass die Gräben nicht noch tiefer würden. Ausdrücklich verteidigte der Chefredakteur die Rolle der Medien: sie hätten Dinge ans Tageslicht befördert, die an die Öffentlichkeit hätten gebracht werden müssen. Enttäuscht zeigte sich Günther darüber, was seitdem im Bistum Augsburg geschehen sei; dies sei kein Neuanfang.

Der dem Publikum aber offenbar zu lehramtstreu denkende Spitzenjournalist erregte mit seinem Bekenntnis dazu, dass katholische Bischöfe eben nicht durch das Volk oder das Bistum, sondern durch den Heiligen Stuhl ernannt würden, deutlichen Unmut bei den Teilnehmern. Auch oblag es ihm, die Zuhörer daran zu erinnern, dass die Kirche kein Verein, sondern von Jesus Christus gestiftet worden sei. Günther war es auch, der im Unterschied zu anderen Podiumsteilnehmern eine Aufgabe der Kirche jenseits rein gesellschaftspolitischer Funktionen hervorhob, der mit frommen Worten das Auditorium irritierte und schließlich anmerkte, man habe jetzt zwei Stunden miteinander über Kirche geredet, ohne ein einziges Mal das Wort „Gebet“ in den Mund zu nehmen. Nachdem man sich dann noch darum gestritten hatte, ob man nun lieber ein Lied singen oder das Vaterunser beten solle, stimmte der Hausherr Dekan Haug schließlich das „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind“ an.

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