03 Februar 2010, 14:55
Kirche, Zölibat und Kindesmissbrauch
 
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Nach allen vorliegenden Daten ist Kindesmissbrauch kein spezifisch klerikales Problem - und mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im besonderen. Einblick in statistische Erhebungen - Ein Kath.Net-Dossier von Dr. Johannes M. Schwarz

Linz (kath.net) In der öffentlichen Wahrnehmung hat sich ein vernichtendes Urteil über das sexuelle Verhalten des katholischen Klerus festgesetzt. Schon längere Zeit werden fast alle kirchlichen Themen in interaktiven Medien von deren Nutzern mit derogativen Bemerkungen versehen, die von "alle Priester sind pädophile Schweine" bis "sperrt alle Pfaffen in den Käfig" (Quelle: ORF Foren) reichen.

Viele solcher User-Kommentare entstehen gewiss vor dem Hintergrund einer pubertären religiösen Emanzipation oder Aggressionsprojektion. Dennoch spiegeln sie nicht unwesentlich die gesellschaftliche Sicht auf die Katholische Kirche wieder. Als der klerikale Missbrauchs-Skandal in den USA im Jahr 2002 seinen Höhepunkt erreichte, gaben 64 Prozent der Teilnehmer einer Befragung an, dass Katholische Priester gewiss regelmäßig Kinder missbrauchen würden (Wall Street Jounral-NBC News, April 2002).

Jeden Katholiken wird diese Sicht auf seine Kirche erschüttern. Es muss daher nicht unbedingt unlautere Absicht sein, wenn man unter dem Eindruck der öffentlichen Meinung in einer Kritik des Zölibats schnelle Antworten sucht; es muss nicht unbedingt unlauter sein, auch wenn erwartungsgemäß ideologisch motivierte Kämpfer im Skandal eine Angriffsfläche auf ihre Ziele suchen. Es muss nicht unlauter sein. Aber ist es wahr? Ist der Zölibat die Ursache für das abscheuliche Verbrechen des Kindesmissbrauchs bei Priestern?

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Der Umfang und die Aufmerksamkeit, welche die Missbrauchsvorwürfe im letzten Jahrzehnt in den Vereinigten Staaten erfuhren, hat auch viele Hinweise zu Tage gefördert, die in der Beantwortung dieser Frage helfen können. Laut Washington Post (9.6.2002) und New York Times (12.1.2003) bewegen sich die Zahlen der Priester, denen sexuelles Vergehen gegen Kinder und Jugendliche vorgeworfen wurde, zwischen 1,5 und 1,8 Prozent aller Priester, die zwischen 1950 und 2001 geweiht wurden. Pennsylvania State Professor Philip Jenkins beziffert den Anteil pädophiler Priester zwischen 0.2 und 1,7 Prozent in seinem Werk "Pedophiles and Priests." 0,75 Prozent der in den USA gegenwärtig noch im Amt befindlichen Priester sind mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert (Star Tribune, 27.7.2002). Soweit die Zahlen für den katholischen Klerus.

Während die mediale Berichterstattung über den Missbrauchsskandal im katholischen Klerus in den USA seinen Höhepunkt erreichte, veröffentlichte die protestantische Publikation Christian Science Monitor eher unbeachtet eine nationale Studie von Christian Ministry Resources, derzufolge die protestantischen Kirchen Amerikas noch zu einem höheren Anteil von Pädophilie betroffen wären als die Katholische Kirche und dass unter den beschuldigten Personen der Anteil der ehrenamtlichen Mitarbeiter der Kirchen über jenen der hauptamtlichen Mitarbeiter und Pastoren liege (CSM, 5.4.2002).

Philip Jenkins beziffert im bereits zitierten Werk die Zahl pädophiler Pastoren aus den protestantischen Bewegungen auf zwei bis drei Prozent. Diese Zahlen decken sich mit einem Bericht von drei nordamerikanischen Versicherungsanstalten aus dem Jahr 2007, die gemeinsam rund drei-viertel aller protestantischen Kirchgemeinden gegen Schadensansprüche versichern. In den Zahlen, welche der Associated Press übermittelt wurden, registrieren die Unternehmen gemeinsam rund 330 Missbrauchsfälle jährlich, mit nur geringen Schwankungen über die letzten Jahrzehnte.

Wenngleich bei Kindesmissbrauch immer eine noch höhere Dunkelziffer zu befürchten und zu beklagen ist, liegt nach den zur Anzeige gebrachten Fällen die Anzahl der Missbrauchsfälle von protestantischen Pastoren deutlich über jenen aus dem katholischen Klerus. Dass Vorwürfen gegen die katholische Kirche dennoch eine viel größere mediale Aufmerksamkeit geschenkt wird, ist vielschichtig zu begründen. Nicht unerheblich ist jedoch, dass sie als einheitliche Körperschaft mit universaler Ausbreitung für nahezu alle Menschen konkret erfahrbar ist und damit überall mediale Relevanz besitzt. Während der sexuelle Missbrauch amerikanischer katholischer Geistlicher auch in Europa breit diskutiert und wahrgenommen wurde, dürfte beispielsweise fast allen der Fall des lutheranischen Pastors Gerald Patrick Thomas Jr. aus Texas unbekannt sein, dessen unzähligen Opfern 69 Millionen USD Schadensersatz zugesprochen wurden.

Weitet man das Blickfeld über jenes der kirchlichen Mitarbeiter hinaus, finden sich weitere traurige und beunruhigende Zahlen. 0,2 Prozent aller Sportcoaches in den USA sind nicht nur eines Sexualdeliktes beschuldigt, sondern bereits in dieser Hinsicht verurteilt worden (Newsday, 9.6.2002). Zwischen 3 und 12 Prozent der Psychologen in den USA geben zu, bereits einmal sexuelle Kontakte mit einem ihren Klienten gehabt zu haben, wobei es sich hier nicht notwendig um Kindesmissbrauch, wohl aber um Missbrauch eines Abhängigkeitsverhältnisses handelt (Sex Weekly, 15.9.1997). Im Jahr 1991 gaben 13.5 Prozent der befragten Schüler an, mit einem Lehrer sexuellen Kontakt gehabt zu haben. (Journal of Ed Research, Vol 3, 1991, s. 164-169). Eine Studie aus dem Jahr 1994 fand, dass von 225 Missbrauchsfällen an New Yorker Schulen, nur 1% der beteiligten Lehrer ihre Lizenz verloren hätten; für lediglich 35% hätte es negative Konsequenzen gegeben. Charol Shakeshaft, der im Auftrag des US Bildungsministeriums forschte, vermutet, dass 15 Prozent aller Schüler bis zur Volljährigkeit mit einer sexuellen Verfehlung eines Lehrers konfrontiert werden, welche von unangebrachten Berührungen bis zur erzwungenen Penetration reichen.

All diese Daten machen das bedrückende Problem sexueller Gewalt gegen Kinder und Schutzbefohlene nur allzu deutlich. Dazu kommt, dass laut allen Studien und Betroffenen-Organisationen der weitaus größte Täterkreis bei Sexualdelikten aus dem unmittelbaren familiären Umfeld kommt.

Sexueller Missbrauch ist im Fall katholischer Geistlicher besonders tragisch und verletzend aufgrund des Anspruches, welches das Amt des Priesters in der Nachfolge Christi erhebt. Besonders gravierend scheinen auch die Mängel im Umgang verschiedener kirchlicher Autoritäten mit Vorwürfen, Opfern und der Versetzung beschuldigter Geistlicher. Zugegeben, es wird nicht immer einfach sein, den Sachverhalt zu prüfen. Zudem gibt es tatsächlich Fälle, wo haltlose Anschuldigungen von sexuellem Fehlverhalten ganz andere Gründe hatten. Aber es gibt pädophile Priester und neben all dem persönlichen Leid wie auch dem öffentlichen Schaden, welche Einzeltäter in priesterlichem Gewand mit ihren verabscheuungswürdigen Taten anrichten, darf es nie erlaubt sein, solche Taten unter den Tisch zu kehren oder wegzusehen. Bei all der zu erwartenden Negativpresse muss die Kirche stets auch hier im Bewusstsein handeln, Gott mehr zu fürchten als die Menschen.

Es bleibt die Frage, die am Anfang stand: Ist der Zölibat die Ursache für das abscheuliche Verbrechen des Kindesmissbrauchs bei Priestern? Nach allen vorliegenden Daten ist Kindesmissbrauch kein spezifisch klerikales Problem - und mit Sicherheit kein Problem katholischer Geistlicher im besonderen. Eine Debatte über den Zölibat und die kirchliche Sexualmoral eignet sich daher nur als ideologischer Grabenkampf am eigentlichen Problem vorbei - oder aber als Ablenkung von Verantwortlichen für Verfehlungen ihrer Untergebenen gerade zu stehen. Das "böse Rom" bekommt als Sündenbock nur allzu gerne den schwarzen Peter zugeschoben. Aber auch das ist Verdrängung, nicht Aufarbeitung von Schuld.

Dr. Johannes Maria Schwarz ist ein Theologe aus der Diözese Linz und derzeit als Priester im Erzbistum Liechtenstein tätig.

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