15 Dezember 2009, 07:35
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Jeder Mensch kommt als Kind eines Vaters und einer Mutter zur Welt. Nichts sollte deshalb natürlicher sein als Vaterschaft und Muttersein. Doch der "Kampf gegen den Patriarchalismus" und der Feminismus haben beides ideologisch zersetzt - Von Stephan Baier

Graz (kath..net/DieTagespost)
Noch ist es Zeit, das Kriegsspielzeug für den fünfjährigen Nachbarbuben, die Spielzeugautos für den Patensohn und die rosa gekleidete Puppe für die Enkeltochter umzutauschen. Schließlich soll Weihnachten ein Fest des Friedens sein, kein ideologisches Schlachtfeld im Schatten des Christbaums. Deshalb, liebe Psychologinnen und Psychologen, haben sich in Großbritannien jetzt die Zwillingsschwestern Emma und Abi Moore zu Wort gemeldet und vor rosafarbenen Weihnachtsgeschenken für Mädchen gewarnt. Die seien nämlich, so weiß die Initiative „Pinkstinks“ sexistisch und würden stereotype Rollenbilder festigen. Vielleicht denken Sie jetzt (bitte ganz leise): Na und, warum soll ein Mädchen nicht wie ein Mädchen denken und fühlen, nämlich weiblich? Warum soll eine Vierjährige nicht mit netten Puppen spielen und damit mütterliches Rollenverhalten adaptieren?

„Pinkstinks“ klärt uns auf: Rosa sei „passiv und nett, um angeschaut zu werden“, also karrierehemmend. Mit dem typischen Mädchenspielzeug würden Mädchen auf Ziele wie Prinzessin und Krankenschwester fixiert, während Buben (vor allem mit der „kraftvollen und herausfordernden“ Farbe Blau) die ganze Breite großer Karrieren offenstünde: Arzt, Polizist, Feuerwehrmann, Pirat, Autorennfahrer, Actionheld. Von solch schwergewichtigen Argumenten beeindruckt, warnte nun auch die britische Staatssekretärin im Justizministerium, Bridget Prentice, davor, Mädchen zu viel Rosafarbenes zu kaufen. Gleichzeitig schloss sie sich dem Boykottaufruf gegen einen großen britischen Spielzeughersteller an.

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Der nächste Schritt dürfte sein, dass mit ein paar Millionen Pfund beziehungsweise Euro aus Steuergeldern Aufklärungskampagnen in Kindergärten, Schulen und Seniorenheimen (wegen der schenkenden Großeltern) durchgeführt werden. Und am Ende werden vermutlich Eltern, die bei der Geschenkwahl zwischen Buben- und Mädchenwünschen unterscheiden, zwangsweise psychiatriert.

Wer das für eine Satire hält, hat von „Gender Mainstreaming“ wenig verstanden. Hat der „Kampf gegen den Patriarchalismus“ die Vaterrolle gehörig demoliert, hat die feministische Bewegung die Frauen von ihrer Mutterrolle „emanzipiert“, so setzt „Pinkstinks“ – skurril genug, um keinen Widerstand zu provozieren – an der Wurzel an: bei den Kindern.

Wer je Kinder beim freien (nicht von „PädagogInnen“ geleiteten) Spiel beobachten konnte, wird festgestellt haben, dass es – große Überraschung! – fundamentale Unterschiede zwischen Mädchen und Buben gibt. Jeder Vierjährige versteht, dass ein Mann tapfer sein muss und deshalb auch für die Seinen kämpft. Jede Vierjährige versteht, dass eine Frau liebevoll sein muss und deshalb auch die Ihren umsorgt. Mit der größten Selbstverständlichkeit werden da „traditionelle“ Rollen gespielt und eingeübt. Wir hätten der Ödipus-These Sigmund Freuds nicht bedurft, um zu beobachten, dass Mädchen vor der Pubertät sich mit der Mutter identifizieren und „Papas Schatz“ sind, während Buben bis zur Pubertät sich mit dem Vater identifizieren. Christa Meves hat das treffend so auf den Punkt gebracht, dass es das beste und natürlichste sei, wenn Mädchen sagen: „Wenn ich groß bin, werde ich eine Frau wie Mama und heirate einen Mann wie Papa.“ Analog die Jungs.

Der Jugendkult macht die Kids zu Stars, der Feminismus die unabhängige Karrierefrau – wo bleibt da der Mann?

Doch genau das wird heute nicht nur marginal, sondern umfassend in Frage gestellt: Dem radikalen Feminismus und der „Gender Mainstreaming“-Ideologie geht es, wie Kardinal Paul Josef Cordes bei einem Vortrag in Wien jüngst erklärte, um einen totalen „Wandel der Geschlechterrollen“. Ohne einen massiven Eingriff des Staates in die Kleinkindbetreuung wäre das gar nicht zu schaffen, denn auch bei ideologisch verbildeten Männern und Frauen brechen angesichts des weinenden oder lachenden Babys auf dem Wickeltisch traditionelle Verhaltensmuster durch.

Wer also meint, dass Geschlechterrollen nicht „natürlich“ sind – also von Gott beziehungsweise der Natur vorgegeben und damit auch sinnvoll – sondern nur angelernt, muss hier eingreifen. Wenn junge Mütter und Väter erst einmal die Mutterliebe und die Vaterinstinkte packen, kann es für den hochideologischen Staat zu spät sein. Wie viele intelligente, gut ausgebildete Frauen haben da schon dem Mammon und der Karriere den Rücken gekehrt, um sich ihrer herzigen Kleinkinder zu widmen.

Die albern wirkende Bewegung „Pinkstinks“ gibt im Gegensatz zu unseren heuchlerischen Familienpolitikern wenigstens zu, dass es ihr um die Abschaffung stereotyper Rollenbilder geht, weil diese einer späteren Karriere im Wege stünden. Mit anderen Worten: Die Zukunft des Mädchens darf nicht die Mutterrolle sein, sondern die an männliche Muster angepasste Berufskarriere – deshalb zu Weihnachten keine Puppen, und schon gar nicht im rosa Gewand.

Die Entfremdung der Frauen und Männer in Europa von ihren „traditionellen“ – angeblich nicht natürlichen, sondern nur tradierten und damit überholten – Mutter- und Vaterrollen ist bereits weit fortgeschritten: Es gebe längst nicht nur einen Gebärstreik der Frauen, sondern auch einen Zeugungsstreik der Männer, resümierte Kardinal Cordes in Wien. Die von ihm beschriebene „Krise des männlichen, insbesondere des väterlichen Selbstverständnisses“ hat nicht nur psychologische Folgen, sondern auch unmittelbare und quantifizierbare Folgen für die Gesellschaft.

Im Beruf, da soll der Mann noch ein Mann sein, da zählen Leistung und Durchsetzungsvermögen, doch zu Hause ist seine Autorität verschwunden: Der gesellschaftliche und kommerzielle Jugendkult macht die Kids zu Stars, der Feminismus die unabhängige Karrierefrau – wo bleibt da der Mann? Und warum sollte er sich selbst angesichts dieser Perspektive für eine Familie und eine zwangsläufig zwergenhafte Vaterrolle entscheiden?

Wenn man angesichts verfügbarer Verhütungsmittel und, wie die Soziologen sagen, sich belebender Partnermärkte die sexuellen Grundbedürfnisse auch ohne Ehe befriedigen kann, wenn man als Single das Einkommen nicht (beziehungsweise nur mit dem Staat) teilen muss, wenn man sich so von vornherein Ehe- und Scheidungsdramen ersparen kann – wozu dann heiraten, Kinder in die Welt setzen und Vater spielen?

Eine kulturpessimistische Horrorvision? Keineswegs: Der Anteil der lebenslang Kinderlosen ist seit vier Jahrzehnten dramatisch gestiegen und macht in Deutschland etwa ein Drittel der Frauen aus. „Dramatisch“ ist dies deshalb, weil die in ganz Europa (mit Ausnahme von Albanien und Kosovo) seit Jahrzehnten niedrigen Geburtenraten zu einer Überalterung der Gesellschaft führen, die unsere Sozialsysteme unfinanzierbar macht.

Paradox aber wahr: Mit der Dekonstruktion der „traditionellen“ Familie verlassen sich alle auf „Vater Staat“, doch durch diese Dekonstruktion der Familie gerät der Staat in eine Lage, in der er seinen Aufgaben nicht mehr nachkommen kann. Während wir mit Hilfe staatlicher Indoktrination noch immer manipuliert werden, die „traditionelle Familie“ für überholt und das homo- oder heterosexuelle Partnerwechseln sowie Patchwork-Chaos für modern zu halten, wachsen die Kosten der öffentlichen Hand für Pflege, Gesundheit und Pensionen ins Unermessliche. Und es sind viel zu wenige Kinder da, um dem riesigen Heer der Alten und Hochbetagten diese staatliche Fürsorge auch zu finanzieren.

Ein wenig Kulturpessimismus sei da doch gestattet: Die bei konstant niedriger Geburtenrate immer weniger werdenden Kinder werden die Transferleistungen für die immer stärker wachsende Generation der Pensionisten in Kürze nicht nur nicht bezahlen können. Sie werden es auch nicht wollen. Warum sollte ein junger Mann, der seine Eltern nur auf dem Karrieretrip erlebt hat, der ohne mütterliche Liebe und väterliche Fürsorge aufwuchs, sich plötzlich für „die Alten“ verantwortlich fühlen? Warum sollte eine junge Frau, die selbst auf Karriere getrimmt wurde und dank Radikal-Feminismus von allen Familiengefühlen emanzipiert ist, nun plötzlich ihr selbst verdientes Geld mit der Generation ihrer Eltern teilen wollen? „Tektonische Verschiebungen im Beziehungsfeld der Geschlechter“, nennt das Kardinal Cordes weise.

In der Familie erleben Kinder Frauen nicht nur in der Eindimensionalität unserer Werbung, sondern als Mutter, als Schwester, als Gattin, als Tochter
Um Missverständnisse zu vermeiden: Dies ist kein Plädoyer gegen die Berufstätigkeit von Frauen, erst Recht keine Werbung für einen Patriarchalismus, der das scheinbar unausrottbare Machogehabe rehabilitiert. Warum aber angesichts einer auf weit über acht Jahrzehnte angestiegenen Lebenserwartung der europäischen Frauen die Karrierekurven nicht so umorganisiert werden können, dass in der biologisch dafür möglichen Zeit auch eine längere Kinder- und Familienphase eingeplant werden kann, bleibt ein Geheimnis des niedergehenden Kapitalismus. Wenn bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 85 Jahren eine Frau ausgerechnet im zweiten und dritten Lebensjahrzehnt Karriere machen muss, weil sie ab 50 definitiv zum alten Eisen gerechnet wird, dann ist das nicht nur kinder- und familienfeindlich, sondern frauenfeindlich und bringt letztlich auch den Sozialstaat ins Wanken.

Nicht eine Restauration des falsch verstandenen Patriarchalismus – dessen Spiegelbild übrigens in Europa weitgehend ein häusliches Matriarchat war – tut not, sondern eine Wiederentdeckung der Väterlichkeit. Kardinal Cordes erläutert, dass die fehlende Identifikation mit dem Vater zu einem Anwachsen von Machogehabe, Rechtsextremismus, Gewaltbereitschaft und Männerbündelei führe. Die Vaterbegleitung sei unersetzlich für die Identitätsfindung des Heranwachsenden, sagt Cordes wider alle Ideologen, die Patchwork-Familien optimal und schwules Adoptionsrecht natürlich finden. Cordes wörtlich: „Eine Familienpolitik, die mehr an den Interessen von Erwachsenen als an den Bedürfnissen der Kinder orientiert ist, segelt unter falscher Flagge.“

Ja, hier spätestens offenbart Politik ihr Menschenbild: Da sind einerseits die Gender-Ideologen des spätkapitalistischen Individualismus. Sie sehen den Menschen als vom allmächtigen Staat beliebig gestalt- und formbaren Vereinzelten, dem man „traditionelle“ Rollenmuster auch aberziehen kann. Da sind auf der anderen Seite jene, die an einen Sinn des Seins glauben, an die Weisheit eines Schöpfers, der den Menschen in zwei verschiedenen Ausgaben erfand: „Als Mann und Frau schuf er sie.“ Wenn die Unterschiedlichkeit der Geschlechter und ihre Bezogenheit aufeinander aber nicht traditionelle Konstruktion ist, sondern Geschenk Gottes, dann ist sie auch sinnvoll – voll Sinn. Dann gilt es hier Sinn zu entdecken, zu erspüren und zu erleben.

Am besten eingewoben in eine Kette von Generationen: Hier erleben Kinder Frauen nicht nur in der Eindimensionalität unserer Fernsehwerbung, sondern als Mutter, als Schwester, als Gattin, als Tochter. Hier erleben Kinder auch Väterlichkeit, die wieder Mut machen kann, diese Rolle selbst zu wagen und zu verantworten. Und im gelungenen Fall wird damit auch der Weg zu geistlicher Vaterschaft eröffnet, letztlich zu einem hoffenden Blick auf jene Autorität, die das Urbild allen Vaterseins ist und zu der wir, ermächtigt durch den Sohn, sagen dürfen: „Vater unser“.

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