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'Jeder Priester empfindet tiefe Ehrfurcht vor dem Beichtenden'

20. Dezember 2008 in Buchtipp, keine Lesermeinung
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Exklusiv auf kath.net im Dezember: Leseprobe aus dem Buch "Sinn und Glück" von P. Karl Wallner. Diesmal: Die Heilung.


Linz/Wien (kath.net)

Die Heilung

Aber es gibt noch ein Hindernis für die Beichte: das ist die Scham. Viele Menschen wissen ja doch instinktiv – trotz der großen Verführung zum Selbstbetrug – um ihre Sünden.

Auch aus der berüchtigten Ausrede: „Ich geh nicht beichten, Herr Pfarrer, denn da würde ich Sie ja den ganzen Tag beschäftigen!“, kann man noch sehr gut ein unterschwelliges Sündenbewusstsein heraushören. Instinktiv ist Sündenerkenntnis da, aber zugleich verhindert eine falsche Scham, sich ehrlich und offen der Barmherzigkeit Gottes anzuvertrauen.

Viele haben auch eine missverständliche Vorstellung von der Haltung der Kirche und der Priester zur Sünde. Sie denken, die Kirche verachte oder verdamme den Sünder. Das ist falsch. Die Haltung der Kirche zur Sünde entspricht der Haltung, die Gott selbst der Sünde gegenüber einnimmt:

Gott hasst die Sünde und warnt davor, er verabscheut zutiefst das Böse. Aber – wenn die Sünde einmal geschehen ist, und der Mensch sie erkennt und bekennt, ist es derselbe Gott, der dem Sünder mit unermesslicher Barmherzigkeit entgegenkommt. In der Beichte wird der Sünder nicht verurteilt, sondern losgesprochen, nicht verdammt, sondern erlöst und gerettet.

Diese barmherzige Haltung der Kirche, die die Sünde schon entmächtigt weiß, kommt in einem Witz zum Ausdruck, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte, auch wenn er einen „unökumenischen“ Beigeschmack hat:

Ein Mann hatte im Zorn seine Frau ermordet. Die Bluttat blieb unentdeckt, doch eben deshalb belastete sie das Gewissen des Mörders. Gewissensbisse quälten ihn Tag und Nacht, sodass er es nicht länger ertragen konnte.


Er begann, Trost und Erleichterung für seine inneren Qualen zu suchen und wandte sich zuerst an einen muslimischen Geistlichen. „Meister, helfen Sie mir, ich habe gemordet!“ Der Imam wich erschrocken zurück und anwortete sorgenvoll: „Schwer ist Deine Sünde, und sie fordert Bestrafung und Vergeltung. Allah allein, der Hocherhabene, Er wird Dir vergelten nach Deinen Taten. Ich kann Dir nicht helfen.“ Und ungetröstet ging der Mann seines Weges.

Das schlechte Gewissen trieb ihn sodann zu einem Guru, einem Könner der Meditation, der in die esoterischen Lehren eingeweiht war: „Meister, helfen Sie mir, ich habe gemordet!“ Der erhabene Meister unterbrach vor Schreck sogar seine Meditation und sprach dann salbungsvoll die weisen Worte: „Mein Sohn, alles Leben ist Schein. Es gibt weder gut noch böse, Du bist nicht schuld. Durchschaue den Schein und lass Dich von Deinen Taten nicht beunruhigen, auch sie sind nur Schein! Meditiere und erkenne Dich selbst.“ Nun, jedenfalls ging der Mann wieder ungetröstet weg.

Schließlich landete er in einer katholischen Kirche. Im Beichtstuhl brannte Licht. Der Mann überwand sich, ging hinein und kniete nieder. Verzweifelt und angstvoll stammelte er: „Hochwürden, bitte helfen Sie mir, ich habe gemordet.“ Für einen Augenblick war es ganz still hinter dem Gitter des Beichtstuhls, man hörte, wie der Priester schluckte. Doch dann tönte seine sanfte und gütige Stimme aus der Finsternis des Beichtstuhls und fragte: „Wie oft, mein Sohn, wie oft?“

Diese Geschichte möchte sagen: Die Sünde, selbst die grausamste, brutalste und abscheulichste, ist in die Erlösung Christi eingeschlossen, ist von der Barmherzigkeit des Gekreuzigten umschlossen und darin schon potentiell vergeben und verziehen.

Jede Sünde kann daher versenkt werden in dem unendlichen Meer der göttlichen Barmherzigkeit. Deshalb ist für uns die Sünde nicht die große unverzeihliche Tragödie, von der man sich durch irgendwelche Kulte und Riten krampfhaft selbst befreien muss.

Wir können die Haltung der Kirche so beschreiben: Wenn die Sünde nicht eingestanden wird, muss die Kirche mahnen und warnen. Wenn die Sünde erkannt und bekannt wird, ändert sich das Verhalten der Kirche, und sie wird zur barmherzigen Mutter, die tröstet, verzeiht und aufrichtet.

Von Augustinus stammt die Formulierung: „Hasse den Irrtum, aber liebe den Irrenden!“
Jeder Priester empfindet für einen, der in wahrer Reue beichtet, und seien die Sünden auch noch so schwer, tiefe Ehrfurcht und großen Respekt. Da zählt nur noch die Barmherzigkeit! Welche Freude herrscht, wenn jemand gut beichtet.

Nicht jeder Priester hat die Herzensschau eines heiligen Pfarrers von Ars, der alle Sünden, auch die verschwiegenen, erkannte. Trotzdem darf ein Priester bei der Spendung dieses Sakramentes teilhaben an der Freude des Himmels, von der Jesus spricht: „Ebenso wird auch im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die es nicht nötig haben umzukehren“ (Lk 15,7).

Und damit sind wir bei der eigentlichen Frucht der Beichte: bei der innerlichen Freude!

Der Osterjubel

Nach einem Wort von Johannes Paul II. liegt das Wesen der Beichte in der „Befreiung von sich selbst und dann in der Rückgewinnung verlorener Freude, der Freude darüber, erlöst zu sein.“ Aus dieser Rückgewinnung verlorener Freude, aus dieser Freude darüber, erlöst zu sein, wurde einst die Kirche geboren.

Auf die dramatischen Ereignisse der Kar-Tage folgte der Jubelruf des Ostermorgens: „Der Herr ist wahrhaft auferstanden!“ Durch die Auferstehung des Herrn wurden den Jüngern nicht nur ihre eigenen Sünden vergeben, sondern die göttliche Verzeihung wurde endgültig in Gestalt eines Sakramentes auf Erden eingesetzt.

Denn als erste Frucht seines Sieges über Sünde und Tod übergab Jesus am Ostermorgen seinen Jüngern die Vollmacht zur Sündenvergebung: „Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ (Joh 20,23).

Sinn und Glück im Glauben
Karl Josef Wallner
13,5 x 20,5 cm, gebunden, 176 Seiten
€ 15,40 oder CHF 27,50

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