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Was Demographie und Euthanasie gemeinsam haben

21. Mai 2008 in Deutschland, keine Lesermeinung
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Zwei Jahre lang hat das Thema Demographie die Gemüter der Deutschen erhitzt. Dann ist die Debatte sang- und klanglos versandet. Von Stefan Rehder / Die Tagespost.


Würzburg (www.kath.net / tagespost) Auf den ersten Blick haben Demografie und Euthanasie kaum mehr gemeinsam, als die beiden letzten Buchstaben. Doch das täuscht gewaltig. Denn wenn die katastrophale demografische Entwicklung der letzten Jahrzehnte anfängt, ihre ganze Dramatik zu entfalten, wird die Versuchung, das Gesundheitswesen durch Beseitigung der Kranken zu „sanieren“, beständig wachsen. Sind wir auf diese Herausforderung hinreichend vorbereitet? Eine eher pessimistische Antwort.

Zwei Jahre lang hat das Thema Demografie die Gemüter der Deutschen erhitzt. Dann ist die Debatte sang- und klanglos versandet. Ein Luxus, den wir uns – glaubt man Büchern wie „Das Methusalem-Komplott“ und „Kinderlos“ (beide 2004) sowie „Die ausgefallene Generation“ (2005) und „Minimum“ (2006) – gar nicht leisten können. Nicht einmal dramatische Meldungen scheinen derzeit dazu angetan, das Thema dorthin zurück zu bringen, wo es hingehört: Nämlich ganz oben auf die politische Agenda.

Ein Beispiel: So hat die alarmierende Nachricht, bis zum Jahr 2060 werde sich die Zahl der Pflegebedürftigen von derzeit zwei Millionen auf dann rund vier Millionen Menschen verdoppeln, bislang kaum irgendwo nennenswerte Beachtung gefunden. Dabei liefert die Studie, die das Forschungszentrum Generationsverträge der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg kürzlich vorgestellt hat, eine ganze Reihe wichtiger Erkenntnisse.

Unter dem Titel „Älter gleich kränker? Auswirkungen des Zugewinns an Lebenserwartung auf die Pflegewahrscheinlichkeit“ hat der Volkswirtschaftler Tobias Hackmann verschiedene Szenarien auf Grundlage der vom Statistischen Bundesamt vorausberechneten Bevölkerungsentwicklung errechnet.

Danach wird die Zahl der Pflegebedürftigen im günstig-sten Fall auf rund 2,64 und im schlechtesten auf rund sieben Millionen Menschen ansteigen. Am wahrscheinlichsten ist laut Hackmann jedoch das mittlere Szenario, das eine Verdopplung der Zahl der Pflegebedürftigen bis zum Jahr 2060 prognostiziert.

Strategien der „Nachbesserung“

In einer gesunden Gesellschaft vermögen solche Szenarien niemand erschrecken. Nur sind wir eben keine gesunde Gesellschaft mehr. Seit 1972 liegt die tatsächliche Fertilitätsrate mit statistischen 1,3 Kindern pro Frau konstant unter der für die Bestandserhaltung notwendigen Reproduktionsrate von 2,1 Kindern pro Frau. Die Folge: In Deutschland wird jede Elterngeneration nur zu zwei Dritteln durch Kinder ersetzt. Im Laufe der letzten vier Jahrzehnte ist so ein dramatisches Defizit an Kindern entstanden.


So dramatisch, dass der Direktor des Forschungszentrums Generationsverträge, Professor Bernd Raffelhüschen, auch schon einmal – bewusst zugespitzt – so formuliert: „Die Generation der heutigen Erwerbstätigen hat demografisch gesehen seit fast 40 Jahren 2. Weltkrieg gespielt.“ Die Konsequenzen dieses „Krieges“, deren – um im Bild zu bleiben – schwerste Geschütze eine kaum noch hinterfragte Verhütungsmentalität sowie die mittlerweile gleichermaßen als Ersatz- wie als „Nachbesserungstrategie“ vorgenommen Abtreibungen darstellen, sind gewaltig.

Überstieg die Zahl der Sterbefälle im Jahr 2002 die Zahl der Geburten noch um 72 000, so werden, wie der Blick in die zehnte koordinierte Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamts zeigt, Mitte des Jahrhunderts 576 000 mehr Särge als Wiegen benötigt und die Zahl der Einwohner trotz einer angenommenen Zuwanderung von 200 000 Menschen pro Jahr bis zum Jahr 2050 auf 75 Millionen sinken. Jeder dritte Bundesbürger wird den Wiesbadener Berechnungen zufolge dann 60 Jahre und älter sein, der Anteil der über 80-Jährigen wird dann von heute vier Prozent auf 12 Prozent steigen.

Die „Credo-Karte“ immer dabei

Damit nicht genug: Weil die fehlenden Kindern nie geboren wurden – allein acht Millionen wurden nach Berechnungen des Osnabrücker Sozialwissenschaftlers Manfred Spieker in den letzten drei Jahrzehnten im Mutterleib getötet – werden der wachsenden Zahl von Leistungsempfängern, Alten, Kranken und Pflegebedürftigen, auch immer weniger Leistungserbringer, sprich Erwerbstätige, gegenüberstehen.

Standen 1995 in Deutschland 100 erwerbstätigen Personen noch 36 Personen im Rentenalter gegenüber, so waren es 2001 bereits 44 Personen; 2050 werden es sogar 78 Personen sein. Gravierender noch: Aufgrund des Fortschritts in der Medizin und der damit einhergehenden steigenden durchschnittlichen Lebenserwartung werden sich Leistungsempfänger und Leistungserbringer künftig auch noch deutlich länger gegenüberstehen als zu früheren Zeiten. Demografen bringen dieses Phänomen mit dem Begriff des „doppelten Alterungsprozesses“ auf den Punkt.

An dieser Entwicklung lässt sich, wie Demografen nicht müde werden zu betonen, zumindest bis zum Jahr 2035 nichts mehr ändern. Denn bei fast allen zukünftigen Beitragszahlern und allen Leistungsempfängern des Jahres 2035 handelt es sich um Personen, die bereits geboren wurden. Der Finanzwissenschaftler Raffelhüschen sagt daher denn auch: „Was kommt, war eigentlich schon!“ Offen ist nur noch, wie die Gesellschaft auf das was war, reagiert, wenn es anfängt, seine ganze Dramatik zu entfalten.

In den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und wohl auch in Luxemburg ist diese Entscheidung bereits gefallen. Wer dort – ökonomisch betrachtet – nur noch Kosten verursacht, darf ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen und sich aus der Bilanz streichen lassen. In den Niederlanden, die als erste Nation die „Tötung auf Verlangen“ legalisierte, erfreut sich dieser Beitrag zur Sanierung des Gesundheitswesen längst wachsender Beliebtheit.

Nach Angaben der gesetzlichen Regionalausschüsse zur Überprüfung von Sterbehilfe wurden im Vereinigten Königreich im vergangenen Jahr 2 120 Fälle „von Lebensbeendigungen auf Antrag und von Hilfe zur Selbsttötung“ gemeldet. 2006 waren es noch 1 923 Fälle gewesen. Dazu muss man wissen, dass laut einer 2003 in der britischen Fachzeitschrift „The Lancet“ publizierten Studie das Meldedefizit in den Niederlanden trotz der weitreichenden Liberalisierung der „Tötung auf Verlangen“ satte 58,2 Prozent beträgt. Demnach wird mindestens jeder zweite Euthanasie-Fall von den ausführenden Medizinern nicht angezeigt und taucht daher auch in der offiziellen Statistik nicht auf.

Und seit bekannt ist, dass in den Niederlanden rund ein Viertel der Patienten von den Ärzten auch ohne ausdrücklichen Wunsch in Jenseits befördert wird, wächst die Zahl derer, die eine sogenannte „Credo-Karte“ bei sich tragen, auf der ihr Lebenswunsch eingestanzt ist, rapide.

Politiker zum Handeln drängen

Natürlich kann man sich der Hoffnung hingeben, so weit werde es in Deutschland nicht kommen und argumentieren, wir hätten schließlich „Erfahrungen“ gemacht, die anderen erspart geblieben wären. Realistisch ist das freilich nicht. Denn wenn die Debatte um den Import embryonaler Stammzellen eines unmissverständlich deutlich gemacht hat, dann dieses: Wenn es hart auf hart kommt, rangiert selbst ein bloß vermeintlicher ökonomischer Nutzen selbst in einem Land, in dem während der T4-Aktion mehr als 100 000 Psychiatrie-Patienten und körperbehinderte Menschen von Ärzten und Pflegern ermordet und andere zu Tode beforscht wurden, vor der Moral; wird der Monethik – notfalls unter Berufung auf mögliche Güterabwägungen – Vorrang vor der Ethik eingeräumt.
Wer das Risiko nicht eingehen will, dass Deutschland den Weg einschlägt, den seine unmittelbaren Nachbarn – unter dem Deckmantel der Demokratie – bereits beschritten haben, der muss die Politiker jetzt zum Handeln drängen und vier Forderungen ganz oben anstellen.

Erstens: Streichung sämtlicher kassenfremder Leistungen, angefangen bei Abtreibungen, pränataler Diagnostik und künstlicher Befruchtung, welche das Gesundheitssystem unnötig belasten und Ärzte an das Töten gewöhnen. Zweitens: Stattdessen flächendeckender Ausbau der Palliativmedizin, die ein „Sterben in Würde“ ermöglicht und Patienten die Angst vor unerträglichen Schmerzen nimmt.

Drittens: Die Ent-Industrialisierung von Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen mit ständig wachsenden Fallzahlen pro Arzt und Pfleger, die zu einer Überforderung des Personals führen müssen und moralisches Versagen geradezu herbeiorganisieren.

Und nicht zuletzt viertens: Eine radikale Abkehr von der ebenso menschenverachtenden wie durchsichtigen Strategie, Mütter und Hausfrauen in sozialversicherungspflichtige Jobs zu drängen. Das mag angesichts der gegenwärtigen Lage der sozialen Sicherungssysteme zunächst abenteuerlich erscheinen, ist es aber bei genauerem Hinsehen keineswegs.

Denn so preiswert wie in der Familie, wo sich pflegebedürftige Angehörigen obendrein zumeist bedeutend wohler fühlen als in einer noch so professionellen Einrichtung, ist die Pflege alter und kranker Menschen nirgendwo zu haben. Nur lässt sich eben genau dies – ebenso wie die Kindererziehung – nicht mehr bewerkstelligen, wenn in einer Familie alle Erwerbsfähigen durch Abwesenheit glänzen, weil sie nach dem Willen der Bundesregierung vor allem eines sollen: nämlich in die überfrachteten sozialen Sicherungssysteme einzahlen.

So unterschiedlich alle diese Forderungen auch sein mögen, eines ist ihnen bedauerlicherweise gemeinsam: Keine einzige wird derzeit von auch nur von einer der im Bundestag vertretenen Parteien erhoben. Und weil das so ist, sollten fähige Köpfe endlich anfangen, sich entweder Gedanken um eine Partei zu machen, die das tut oder den Druck von Credo-Cards vorbereiten. Denn eines gilt in jedem Fall: Was kommt, war eigentlich schon und lässt sich deshalb auch nicht mehr ändern.

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