30 November 2005, 16:56
'Auf diesem Gebiet in der heutigen Welt eine gewisse Desorientierung'
 
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Der polnische Kurienkardinal Zenon Grocholewski, Präfekt der Bildungskongregation, im Interview über das neue Vatikandokument zur Homosexualität und Priesterweihe

Vatikan (www.kath.net)
Am Dienstag sprach der polnische Kurienkardinal Zenon Grocholewski mit Radio Vatikan (italienisch) über die neue Instruktion "Über Kriterien zur Berufsklärung von Personen mit homosexuellen Tendenzen im Hinblick auf ihre Zulassung für das Priesterseminar und zu den Heiligen Weihen". Grocholewski ist Präfekt der Bildungskongregation und hat das Papier unterzeichnet.

KATH.NET dokumentiert das italienischsprachige Interview aufgrund des großen Interesses in einer eigenen Übersetzung:

RV: Eure Eminenz, aus welcher Notwendigkeit heraus ist dieses Dokument (über die Nichtzulassung Homosexueller) entstanden?

Grocholewski : Die Zeitungen haben von dem Dokument praktisch so gesprochen, als ob es etwas Besonderes wäre. Es ist aber nichts Besonderes dabei, daß unsere Kongregation bestimmte Dokumente zur Priesterausbildung publiziert, denn wir haben seit dem Konzil rund 20 Dokumente veröffentlicht, die sich mit verschiedenen Aspekten der Priesterausbildung befassen. Es gab ein Dokument über die Formung zum Zölibat, über die priesterliche Keuschheit, und man hat über die verschiedenen Hindernisse auf dem Weg zum Priestertum gesprochen. Dieses Dokument jetzt ist nichts Besonderes, weil sich auch die Kongregation für Glaubenslehre über das Problem der Homosexualität schon vielfach geäußert hat. Vor vielen Jahren, im Jahr 1975, erschien das Dokument "Persona humana" über einige Fragen der Sexualethik, in welchem auch die Homosexualität behandelt wurde. Dann gab es den Brief "Homosexualitatis problema", ein Dokument des Jahres 1986, welches die Seelsorge gegenüber homosexuellen Personen behandelte. Und dann erschien ein Dokument über die Antworten auf Gesetzesvorschläge betreffend eine (Nicht)diskriminierung homosexueller Personen, im Jahr 1992.

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Schließlich, im Jahr 2003, hat die Glaubenskongregation bestimmte Überlegungen über die Projekte einer rechtlichen Anerkennung von Lebensgemeinschaften zwischen homosexuellen Personen angeboten ... Warum hat sich die Glaubenskongregation viele Male geäußert? Weil es auf diesem Gebiet in der heutigen Welt eine gewisse Desorientierung gibt. Viele vertreten die Position, daß die homosexuelle Neigung für den Menschen etwas Normales sei, sozusagen wie ein drittes Geschlecht. Dies widerspricht aber vollkommen der menschlichen Anthropologie, das widerspricht nach Auffassung der Kirche dem Naturgesetz. Gott selbst hat dies in die menschliche Natur eingeschrieben: es gibt zwei Geschlechter. Und so ist unsere Kongregation für das Bildungswesen von dem ausgegangen, was das Lehramt der Kirche lehrt!

RV: Was ist der wesentliche Inhalt dieser Instruktion?

Grocholewski : Das Fundament, das wir aufzeigen, ist jenes, das uns der Katechismus der Katholischen Kirche vorgibt. Der Katechismus unterscheidet zwei Dinge: homosexuelle Handlungen von homosexueller Neigung. Die homosexuellen Handlungen wurden als "schwere Sünden" und im Gegensatz zum Naturgesetz angesehen, in der Heiligen Schrift, sowohl im Alten Testament als auch im Neuen Testament, vom heiligen Paulus, und dann in der gesamten Überlieferung der Kirche, von den Konzilien her durchgehend. Also können diese Handlungen niemals gebilligt werden, in keinerlei Weise. Anders ist es mit der Neigung oder mit den homosexuellen Tendenzen, die tief verwurzelt sind. Und trotzdem wird diese "Tendenz" vom Katechismus der Katholischen Kirche als objektiv ungeordnete Neigung betrachtet. Warum? Die bloße Neigung ist zwar keine Sünde, aber eine mehr oder weniger starke Tendenz in Richtung einer aus moralischer Sicht in sich schlechten Handlung.

Diese Personen befinden sich in einer Art "Probezeit". Sie brauchen Verständnis und dürfen in keiner Weise diskriminiert werden. Von der Kirche jedoch sind sie so wie alle gerufen, das Göttliche Gesetz zu beachten, auch wenn es manchen von ihnen schwerer fallen mag als anderen. Im Licht dieser Lehre, die wir vor allem dem Katechismus entnommen haben, haben wir als Prinzip herausgestellt, daß drei Kategorien von Personen nicht in das Seminar oder zur Priesterweihe zugelassen werden können: 1. wer Homosexualität praktiziert, 2. wer tief sitzende homosexuelle Tendenzen aufweist oder 3. wer die so genannte Gay-Kultur unterstützt. Das sind die drei auszuschließenden Personengruppen. Was die Personen mit tief sitzenden homosexuellen Tendenzen betrifft, sind wir zutiefst davon überzeugt, daß es hier Hindernisse für einen korrekten Umgang mit Männern und Frauen gibt, die negative Folgen für die pastorale Arbeit der Kirche haben.

Wenn wir von "tiefsitzenden Tendenzen" sprechen, kann es natürlich im Gegensatz dazu auch vorübergehende Tendenzen oder Situationen geben, die kein Hindernis darstellen. Zum Beispiel in der noch nicht abgeschlossenen Jugendzeit, manche Neugierde; oder Begleitumstände, etwa bei Betrunkenheit, oder auch besondere Umstände wie im Falle einer Person, die für viele Jahre im Gefängnis gewesen ist. In diesen Fällen rühren eventuelle homosexuelle Handlungen nicht von einer tiefsitzenden Tendenz her, sondern von den Umständen. Oder diese homosexuellen Handlungen werden vollzogen, um jemanden zu befriedigen und Vorteile zu erlangen ... diese Handlungen, in diesen Fällen, kommen also nicht von einer "tiefsitzenden Tendenz", sondern von vorübergehenden äußeren Umständen. Diese sind kein Hindernis für die Aufnahme ins Priesterseminar oder die Zulassung zur Weihe. Aber in diesen Fällen müssen bis zur Diakonenweihe mindestens drei Jahre vergangen sein.

RV: Eminenz, welche Reaktionen erwarten Sie sich zur Publikation dieses Dokuments?

Grocholewski: Ja, vielleicht wird es die Reaktionen geben, aber ich denke nicht, daß es andere sind als wir sie gegenüber allen Dokumenten des Heiligen Stuhles sehen, wenn es um Homosexualität geht. Denn das Problem ist im wesentlich ein anthropologisches, tief verankert in der Lehre der Kirche. Im Gegensatz zu dem, was manchmal behauptet wird, impliziert das keinerlei Diskriminierung gegenüber homosexuellen Personen. Im Gegenteil, wie ich schon gesagt habe, hat die Glaubenskongregation ein schönes Dokument zur Homosexuellen-Seelsorge herausgebracht. Jede Diskriminierung ist voll und ganz zu verurteilen. Die Kirche hat aber das Recht, das hochheilige Recht, festzulegen, was die Anforderungen sind, Priester zu werden.

Denn wenn jemand von Gott berufen wird, wird er mittels der Kirche berufen, durch die Kirche - und deshalb hat die Kirche das Recht, vielmehr noch die Pflicht, notwendige Bedingungen aufzustellen, um die Eignung der konkreten Personen zu prüfen und sie dann zum Priestertum zu berufen, wenn sie diese für eine solche Aufgabe geeignet befindet. Das ist ein hochheiliges Recht der Kirche! Es ist keine Diskriminierung, wenn man z. B. in einer Astronautenschule eine Person nicht zuläßt, die an Schwindelgefühlen leidet. Es gibt also keine Diskriminierung von Menschen, sondern es handelt sich einfach um die Festsetzung der Erfordernisse, die wir als notwendig erachten.

RV: Und was ist mit den Priestern mit homosexuellen Tendenzen?

Grocholewski: Es ist klar, daß diese Weihen gültig sind, denn wir behaupten nicht deren Ungültigkeit. Unser Dokument betrachtet die Angemessenheit: wir halten daran fest, daß es aus praktischen Gründen, aus der Erfahrung heraus, und auf dem Fundament der Lehre der Kirche nicht opportun ist, diese Personen als Priester zu berufen, aufgrund der Probleme, die dadurch entstehen können. Und die Erfahrung hat uns gelehrt, daß Probleme entstehen! Aber ein Mensch, der die eigene Homosexualität nach der Priesterweihe entdecken würde, muß natürlich das eigene Priestersein verwirklichen, er muß versuchen, die Keuschheit zu leben ... vielleicht wird er dazu mehr geistliche Hilfe brauchen als andere, aber ich denke, daß er sein eigenes Priestertum auf die bestmögliche Weise vollziehen sollte.

Die Instruktion im Wortlaut

Die kath.net-eigene Übersetzung von Dr. Pytlik

Die Diskussion im Forum

Foto: (c) vatican.va

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