09 September 2019, 11:00
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Warum die neue Studie über Homosexualität zu kurz greift. Gastkommentar von Christian Spaemann

Linz (kath.net/DieTagespost) Wieder eine neue Studie über Homosexualität. Und wieder nicht viel Neues. Kein Wunder, die Einschätzung gleichgeschlechtlicher Anziehung erfordert eine umsichtige und differenzierte Herangehensweise, die sich diesem Phänomen im Kontext menschlicher Sexualität, Bindung, Biologie und Psychologie nähert. Da der Blick auf den Menschen außerdem nie frei von philosophischen Vorannahmen ist, wird solch eine Gesamtschau wohl immer kontrovers bleiben. Diese Kontroverse wurde allerdings in den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der gesamten westlichen Welt weitgehend ausgesetzt. Die Vertreter der bis heute den gesellschaftlichen Diskurs bestimmenden Paradigmen, „Gleichstellung“ und „Nichtdiskriminierung“, hatten sich dieses Themas bemächtigt. Es geht seither nicht mehr um Toleranz oder um den Wegfall echter Diskriminierung von Homosexuellen, sondern um die Etablierung einer Ideologie. Was die Diskriminierung anbelangt gilt der Rechtsgrundsatz „Gleiches muss gleich und Unterschiedliches darf unterschiedlich behandelt werden“. Einen Homosexuellen von einem Vorstandsposten bei der Deutschen Bank auszuschließen wäre Diskriminierung. Einem gleichgeschlechtlichen Paar kein Adoptionsrecht zuzubilligen wäre keine Diskriminierung, da es für das Kind einen Unterschied ausmacht ob es Vater und Mutter oder zwei Mütter oder zwei Väter hat. Zurück zur Etablierung der Ideologie. Das Denken poststrukturalistischer Intellektueller, bei dem Unterscheidungen zwischen Menschen an sich schon Herrschafts- und Machtverhältnisse widerspiegeln, gewann mehr und mehr an gesellschaftlichem Einfluss. Somit galt und gilt es in einer Art radikalem Nominalismus, sämtliche Unterscheidungen zwischen Menschen, wie die zwischen Mann und Frau, gesund und krank, normal und anormal, natürlich und unnatürlich, aufzusprengen und das gesellschaftliche Bewusstsein in diesem Sinne systematisch zu verändern. Menschliche Defizite werden nicht mehr durch Solidarität und Mitgefühl ausgeglichen, sondern kurzerhand wegdefiniert. Ein Mensch, der mit drei Gliedmaßen geboren wird, kann sich demnach nur dann wohl fühlen, wenn die Menschheit davon abrückt, beim Menschen vier Gliedmaßen als normal anzusehen.

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Die Homosexuellen, denen es mehrheitlich nur darum ging, in Ruhe gelassen zu werden und keine gesellschaftlichen Nachteile zu haben, wurden als „Diversitätstreiber“ für diese Ideologie der Vielfalt instrumentalisiert und gegen die „Heteronormativität“ der Gesellschaft in Stellung gebracht. Um die betreffenden Menschen geht es in dieser Entwicklung schon lange nicht mehr. Statistisch signifikante Unterschiede in den Lebenszielen von Mann und Frau, die Bedeutung der natürlichen Familie mit Vater und Mutter für die Kinder, all dies soll gemäß dieser Ideologie für die gesellschaftliche Entwicklung keine Rolle mehr spielen. Kurzum, das Glück des Einzelnen und das Gemeinwohl, das bonum commune, geraten aus dem Blick, koste es was es wolle, koste es auch unsere Zukunft. Für die Auseinandersetzung mit der Homosexualität bedeutete dies, dass in der Forschung seit Jahrzehnten allenfalls Rohdaten gefragt sind, nicht aber eine Auseinandersetzung mit der Entstehung gleichgeschlechtlicher Anziehung im Kontext eines bio-psycho-sozialen Entwicklungskonzepts.

Das Ergebnis der nun in „Science“ erschienenen Studie, bei der die Daten von knapp 500.000 Menschen verarbeitet wurden, überrascht nicht. Man wusste vorher schon, dass sich Homosexualität nicht genetisch erklären lässt. Allerdings schließt dies biologische Faktoren, z. B. intrauterine hormonelle Einflüsse nicht aus. Dennoch, es handelt sich hierbei nicht mehr als um Faktoren für eine Disposition. Gewichtig sind ganz andere Daten, nämlich die, dass gleichgeschlechtliche Anziehung in der Zeit der Pubertät hoch fluide ist, dass nur 1,5 % der Männer stabil homosexuell empfinden, dass die Betroffenen signifikant häufiger aus zerbrochenen und konflikthaften Familien kommen, dass die Beziehungen unter Homosexuellen äußerst fragil sind, dass Homosexuelle statistisch deutlich häufiger sexuelle Anziehung zu Kindern und Jugendlichen empfinden und weit mehr psychische Erkrankungen und Suizide aufweisen als Heterosexuelle. All dies ist bei genauerer Betrachtung nicht mit gesellschaftlicher Ausgrenzung und sog. „Homophobie“ erklärbar.

Heute wissen wir, dass Sexualität, auch die der Heterosexuellen, in ihrer Komplexität unter dem Einfluss der jeweiligen eigenen Biographie mit all ihren Verletzungen steht und durch verschiedene nicht-sexuelle Motive beeinflusst wird. Aus zahllosen Einzelerfahrungen von Psychotherapeuten der letzten 100 Jahre kann festgestellt werden, dass gleichgeschlechtliche Anziehung häufig sehr wohl einen psychodynamischen Hintergrund in den Beziehungen zu Vater und Mutter sowie zur gleichgeschlechtlichen Peergroup hat. Diese oft sehr schmerzlichen Erfahrungen zu bearbeiten, empfinden viele Homosexuelle als große Hilfe. Dass dabei die sexuelle Orientierung selbst in Bewegung kommen kann, ist ebenfalls kein Geheimnis. Hierüber offen zu reden ist allerdings immer noch tabu. Eine psychotherapeutische Auseinandersetzung mit dem Thema Homosexualität wird aktiv verhindert.

Wie der Missbrauchsgipfel in Rom gezeigt hat, beteiligen sich inzwischen hohe Vertreter der katholischen Kirche selbst an diesem Tabu. Sie verschließen ihre Augen vor denen, die sich mit diesem Problem ernsthaft auseinandergesetzt haben, schließen sich stattdessen in einem beispiellosen Selbstzerstörungsprozess der flachen Diversitätsideologie an und verlassen in Windeseile das Naturrecht und damit die Lehre der Kirche. Aber Ideologien haben kurze Beine und es wird sich erweisen, dass ihre Jünger in den Kirchen nicht in die Zukunft geeilt sind.


Der Artikel erschien ursprünglich in der Tagespost. Artikel mit freundlicher Genehmigung des Autors.

Foto Dr. Christian Spaemann (c) privat

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