22 August 2019, 10:30
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"Wer den sexuellen Kräften ihre objektive Bedeutung abspricht, verletzt kein abstraktes moralisches Gebot, sondern sich selbst." Gastbeitrag von Dominik Lusser, Stiftung Zukunft CH

Winterthur (kath.net/www.zukunft-ch.ch) Das Credo der sexuellen Revolution: „Es ist verboten zu verbieten“ (Thérèse Hargot), hat nicht zur erhofften Befreiung geführt, sondern die Sexualität banalisiert. In der schulischen Sexualkunde zeigt sich das so, dass Schülern – oft in einer die Schamgrenze überschreitenden Weise – alles Mögliche über sexuelle Praktiken und skurrile Lebensweisen, Verhütung und Abtreibung beigebracht wird, ihnen aber verschwiegen wird, was menschliche Sexualität eigentlich bedeutet. Der Sexualpädagoge Bruno Wermuth, der als Dr. Sex in der Schweizer Pendlerzeitung „20 Minuten“ Leserfragen beantwortet, beschreibt seine Lebensphilosophie im Rückgriff auf ein Zitat des indischen Esoterik-Philosophen Jiddu Krishnamurti: „Die Wahrheit ist ein pfadloses Land.“ Wir Menschen hätten die Freiheit, zu wählen.

Alles Verhandlungssache?

Wahlfreiheit ist wichtig, gerade im sensiblen Bereich der Sexualität, wo Grenzüberschreitungen und Zwänge oft genug zu tiefen seelischen Verletzungen führen. Doch braucht die viel beschworene Selbstbestimmung Orientierung an massgebender Einsicht. Sonst führt sie unversehens in die Irre, oder wandelt sich in Fremdbestimmung.

Die belgische Sexualtherapeutin Thérèse Hargot fragt in ihrem Buch „Sexuelle Freiheit aufgedeckt“ (2017): Gehört es zur sexuellen Freiheit einer 14-Jährigen, Jungs aus ihrer Klicke oral zu befriedigen? Worauf die heute scheinbar nicht mehr hintergehbare Antwort laute: „Sie macht mit ihrem Körper, was sie will. Wenn sie das mag, ist das ihr Recht.“ Die Heiligkeit des Körpers, als deren Garant sich die paternalistische Moral früherer Zeiten verstanden habe, sei der Erniedrigung des Körpers zur Ware gewichen, konstatiert Hargot. Heilig sei heute nicht mehr der Körper, und auch nicht die Sexualität, sondern einzig die freie Zustimmung. „Sie allein gibt dem Sexualakt seinen moralischen Wert.“ Nach der sexuellen Revolution hätten sich unsere Eltern an die Möglichkeit gewöhnt, Sexualität und Fortpflanzung zu trennen. „Heute werden Gefühle und Sexualität voneinander geschieden.“ Die freie Zustimmung wird als Ausdruck des reinen, aller Gefühle entledigten Willens gesehen.“ Doch können sich, wie Hargot fragt, Menschen überhaupt „lediglich zum Sex“ verabreden?

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In einer Kultur, die einen objektiven Sinn menschlicher Sexualität nicht nur verschleiert, sondern bewusst leugnet, ist es nicht nur für unreife Jugendliche, sondern auch für Erwachsene enorm schwierig geworden, zu wissen, was sie eigentlich wollen. Wirklich informierte Entscheide in diesem existentiell zentralen Bereich sind zur Rarität geworden.

Es liegt also viel daran, dass die zweite Generation nach 1968 die Bedeutung der menschlichen Sexualität wieder kennenlernt. Einen wichtigen Beitrag in diesem Anliegen ist dem amerikanischen Philosophieprofessor J. Budziszewski (University of Texas, Austin) mit dem Buch „On the Meaning of Sex“ (2012) gelungen. Das zweite Kapitel dieses Werkes hat das Deutsche Institut für Jugend und Gesellschaft in ihrem Bulletin Nr. 25/2019 unter dem Titel „Die Bedeutung der sexuellen Kräfte“ ins Deutsche übersetzt.

Dass wir nicht für unverbindlichen Sex geschaffen sind, dafür spricht laut Budziszewski die Erfahrung unzähliger Zeitgenossen: „Eine Frau bricht am nächsten Morgen womöglich eher in Tränen aus; wenn ein Mann, mit dem sie geschlafen hat, hinterher nie wieder anruft, ist das tatsächlich nicht leicht. Ein Mann bezahlt aber ebenfalls einen Preis. Er denkt womöglich, dass er seine Frauenbeziehungen generell instrumentalisieren kann, aber, sobald er der richtigen Frau begegnet, noch zu einer romantischen Intimität fähig ist.“ In ihrem Buch „Last Night in Paradise“ (1997) sinniert die 1968 geborene US-Autorin Katie Roiphe scharfsinnig darüber nach, was an der sexuellen Freiheit falsch sein könnte: „Es ist nicht das Fehlen von Regeln, dieses schwindelerregende Gefühl, dass wir tun können, was immer wir möchten, sondern die plötzliche Erkenntnis, dass nichts von dem, was wir tun, von Belang ist.“ Diese Einsicht trifft für Budziszewski den Kern des Problems.

Die Naturgesetze von Sex

Der menschlichen Sexualität liege, so der Philosoph, ein heute missachteter stimmiger Plan, ein Design zugrunde, das nicht nur biologische, sondern auch emotionale, geistige und geistliche Aspekte umfasse. Diskutiert werden zunächst mehrere Einwände gegen die Vorstellung eines der Sexualität innewohnenden Sinnes und Zweckes. Der erste lautet, dass ein solcher nicht in der Sache selbst zu finden sei, sondern nur angenommen werde. Budziszewski kontert mit einem Vergleich zur Lunge: „Denken wir es uns nur aus, wenn wir sagen, dass ihr Zweck darin besteht, unser Blut mit Sauerstoff zu versorgen? Natürlich nicht. Den Zweck der Sauerstoffversorgung hat sich der Betrachter nicht ausgedacht (…).“ Und dabei seien, was auch mit Blick auf die Sexualität ganz zentral ist, natürliche Funktion und persönliche Bedeutsamkeit einander nicht wesensfremd.

Was aber ist denn der natürliche Sinn und Zweck der sexuellen Kräfte? „Der eine ist Fortpflanzung; das Schaffen und Umsorgen neuen Lebens, die Gründung von Familien, in denen Kinder Vater und Mutter haben. Der andere ist Vereinigung; die gegenseitige und völlige Hingabe und die Annahme von zwei gegensätzlichen, sich ergänzenden Ichs in ihrer Gesamtheit von Leib und Seele.“ Diese beiden Bedeutungen seien so fest aufeinander bezogen, dass ganz gleich, wo wir begännen, wir stets beim anderen landeten; sie seien nicht zu trennen, ohne dass sie verfälscht oder vermindert würden.

Der Sinn von Sexualität liegt also tatsächlich im Kinderhaben, denn „ohne den
Zusammenhang zwischen sexuellen Kräften und neuem Leben würden alle Erklärungen dafür, warum wir sexuelle Kräfte haben, jämmerlich unvollständig bleiben.“ Der zweite Sinn der Sexualität, die Vereinigung, folgt laut Budziszewski aus ihrer Fortpflanzungsrelevanz. Anders als bei Fischen wie den Guppys, die nur einen Augenblick kooperierten, benötige die Weitergabe des Lebens beim Menschen eine dauerhafte Partnerschaft zwischen einem Mann und einer Frau: „Ein Elternteil von jedem Geschlecht ist erforderlich, um ein Kind entstehen zu lassen, es zu erziehen und zu lehren.“ Denn es brauche ein Vorbild des eigenen und des anderen Geschlechts und ein Vorbild der Beziehung zwischen beiden. „Mutter und Vater sind gemeinsam unersetzlich. Ihre in der Fortpflanzung beginnende Partnerschaft setzt sich selbst nach dem Erwachsenwerden der Kinder fort, weil die Kinder Rat und Tat ihrer Eltern brauchen, um eine eigene Familie zu gründen.“

Im Unterschied zu manchen Tierarten trägt die Sexualität beim Menschen „neben dem Potenzial zur Fortpflanzung, – wegen des Potenzials zur Fortpflanzung – (…) auch das Potenzial für eine starke und eindeutige Form menschlicher Liebe in sich. Darum erschüttert uns Sex bis ins Mark. Darum sagt man: ‚Du wirst nie wieder so sein wie vorher.‘“

Nonverbale Kommunikation

Budziszewski legt den innigen Zusammenhang von Fortpflanzung und Vereinigung auch noch von der anderen Seite her dar. Dieser wird nicht nur durch die Tatsache offenbar, dass die Weitergabe des Lebens die lebenslange Lebensgemeinschaft der Eltern voraussetzt. Man kann ebenso beim vereinigenden Zweck von Sex ansetzen: „Wodurch vereinigen wir uns? Durch einen Akt, der intrinsisch offen für die Entstehung neuen Lebens ist. Jedes Mal, wenn ich mich sexuell hingebe, tue ich etwas, das eigentlich auf eine mögliche Empfängnis hinzielt.“ Gegen den Einwand, man könne den Fortpflanzungszweck auch aktiv unterbinden, weist Budziszewski darauf hin, dass das, was jemand subjektiv beabsichtigt, das, was ein Akt objektiv bedeutet, nicht verändert: „Ein leiblicher Akt ist wie ein Wort; wir kommunizieren nicht weniger durch das, was wir tun, als durch das, was wir sagen. Wenn hingegen die Aussage des Mundes dem widerspricht, was der Körper sagt, widerruft die Aussage des Körpers die des Mundes.“ Ein Fleisch zu werden aber besage: „Ich gebe mich dir hin in allem, was dieser Akt bedeutet“, selbst wenn meine Lippen die Wörter formen sollten: „Dies hat nichts zu bedeuten.“

Wenn zwei Personen sich einander sexuell hingeben, bedeutet dies, dass sie das, was sie sind, als Ganzes (ohne Vorbehalt) hingeben. Was sie sind, schliesst auch ihre Körper mit ein. Und diesen Körpern ist das Vermögen eingeschrieben, eine dritte Person ins Leben zu rufen. Genau genommen sei der Körper das sichtbare Zeichen, „wodurch das unsichtbare Selbst sich darstellt und kommuniziert“. Der Körper bilde die Person ab, und die Vereinigung der Körper bildet die Vereinigung von Personen ab (…): „das Eins-Sein des Fleisches ist die Sprache des Körpers für das Eins-Sein des Lebens [die lebenslange Einheit, Anm. d. Ü.].“ Damit wird auch plausibel, warum die sexuelle Selbsthingabe nach Exklusivität verlangt.

Und noch ein zentraler Gedanke: Dieser Akt der Ganzhingabe, durch den allein sich das menschliche Potential zur Fortpflanzung realisiert, ist „mit nichts, was wir sonst mit unseren Körpern tun, zu vergleichen.“ Sprächen wir von der Atmung, wäre es, als hätte der Mann das Zwerchfell und die Frau die Lungen, und sie müssten zusammenkommen, um einen einzigen Atemzug zu machen.

Dennoch erliegen nicht wenige Paare der Illusion, sie könnten durch die Negation der Fortpflanzungsbedeutung der Sexualität deren vereinigende Bedeutung verstärken. Damit aber verweigern sie sich, wie Budziszewski ausführt, dem, was aus der Vereinigung der Ehegatten naturgemäss folgt, nämlich Mutterschaft und Vaterschaft. Das Paar sperrt sich gegen die „Matrix“ der eigenen Weiterentwicklung; „denn Kinder verändern uns auf eine Weise, wie es für uns dringend notwendig ist: Sie wecken uns auf, sie machen in die Windel, sie sind ganz auf uns angewiesen. Wohl oder übel ziehen sie uns aus unseren selbstsüchtigen Gewohnheiten und nötigen uns, aufopferungsvoll für andere zu leben.“ Kinder seien die notwendige und natürliche Verlängerung des Schocks, den der Eheschluss unserer Selbstsucht versetze. „Insofern wir die Einheit suchen, das Geschenk eines Kindes aber ablehnen, befinden wir uns zwar noch in einer Art Einheit, der aber kein guter Verlauf beschieden sein wird. (…) Wir wandeln uns lediglich von zwei egoistischen ICHs zu einem einzigen egoistischen WIR.“

Alles oder nichts

Budziszewski zeigt meisterhaft auf, „wie dicht die verschiedenen Stränge unseres sexuellen Designs verwoben sind“: „Gegenseitige und vollständige Hingabe, starke Gefühle der Bindung, intensive Lust und die Zeugung neuen Lebens sind durch die menschliche Natur in einem einzigen Komplex von Bedeutungen und Zwecken verbunden. Deshalb spalten wir uns selbst, wenn wir versuchen, diese auseinanderzudividieren. Das Leugnen dieser Tatsache ruiniert unser Leben mehr als Genitalwarzen, und der Schaden ist schwieriger zu beheben als die Behandlung letzterer. Das sollte unterrichtet werden, wird es aber nicht.“ Im Gegenteil. Die sogenannt „umfassende Sexualaufklärung“ von IPPF und WHO erscheint vor dem Hintergrund von Budziszewskis Reflexionen wie die Karikatur einer ganzheitlichen Sicht menschlicher Sexualität.

Anstatt das „Gesamtpaket“ anzunehmen, wollen wir Budziszewski zufolge wie Götter „die eigene Natur überwinden“. Wir wählen unter den Elementen unseres sexuellen Designs aus, um nur jene Teile zu geniessen, die uns zusagen. „Manche picken sich dieses Element heraus, andere wählen ein anderes, aber sie erliegen der gleichen Illusion, sie hätten die Wahl.“ Fälschlicherweise werde ein solches wählerisches Vorgehen als „alles haben“ bezeichnet. „Genau das ist es nicht. Eine treffendere Beschreibung wäre, alles abzulehnen – darauf zu bestehen, nur einen Teil zu haben –, und am Ende nicht einmal diesen zu bekommen.“

Manche verfallen dem Trugschluss, die Fortpflanzungsbedeutung der Sexualität ohne Vereinigung bejahen zu können. „Die vereinigende Bedeutung des Fortpflanzungsaktes zu zerstören bedeutet, ihn in einen ganz anderen Akt zu verwandeln: es ist nicht mehr Fortpflanzung, sondern Produktion. Das Kind ist nicht mehr Ausdruck der Liebe seiner Eltern, sondern ein Output, ein Produkt.“ Andere wiederum haben Sex, um Gefühle der Vereinigung zu erleben, ohne aber ernsthaft die Absicht zu hegen, das Leben miteinander zu teilen. Natürlich „erzeugt der körperliche Akt Gefühle der Vereinigung, weil es genau das ist, wofür er gemacht ist. Doch nichts ist einfacher, solche Gefühle mit dem zu verwechseln, was sie darstellen und wozu sie ermutigen sollen, und sich im Nachhinein zu wundern, warum alles auseinanderfiel. Denn immerhin: ‚Wir fühlten uns so nahe‘ (…). Ja, alles war da, ausser der Substanz dessen, wofür diese Gefühle eigentlich stehen.“

Der Autor leitet den Fachbereich Werte und Gesellschaft bei der Stiftung Zukunft CH: www.zukunft-ch.ch.

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