25 August 2019, 18:00
„Alles an Jesus ist paradox, man könnte auch sagen: unmöglich“
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Vor zehn Jahren erschien das aufsehenerregende Buch von Peter Seewald: „Jesus Christus, die Biografie“ – kath.net bringt eine Leseprobe, um erneut auf den damaligen Bestseller aufmerksam zu machen

München (kath.net) Der El-Al-Flug war angenehm. In der wenig besetzten Maschine hatte jeder einen guten Platz und konnte sich sehr wohl fühlen, auch wenn es kalt und laut war und die verrosteten Schrauben auf den Tragflächen, die das Blech zusammenhielten, nicht den besten Eindruck machten.

Die Flugdauer war auf vier Stunden berechnet, das Wetter in Israel sollte bei angenehmen 19 Grad liegen, und der Mehrzahl der Gäste an Bord war die Vorfreude anzumerken, das Land ihrer Väter zu besuchen, ihr Land. Sie schienen sich irgendwie zu kennen, auch wenn sich die meisten noch nie gesehen hatten. Als eine Stimme über Lautsprecher bat, die Sicherheitsgurte anzulegen, der Kapitän werde in Kürze mit dem Landeanflug beginnen, schoben die einen die Rollos nach oben, andere stöberten in ihren Taschen, um sich für die Ankunft im Heiligen Land eine Kippa aufzusetzen.

Während die Stewardessen heiße feuchte Tücher und einen frisch gepressten Saft aus Jaffa-Orangen brachten, nahm ich eine alte Taschenbuchausgabe der Bibel zur Hand. Nicht alle Juden konnten Christen werden. Jesus selbst gab einen Hinweis darauf (»Niemand, der alten Wein getrunken hat, will neuen; denn er sagt: Der alte Wein ist besser.«). Aber sind nicht alle Christen irgendwie auch Juden geblieben?

Zufällig schlug ich den Brief an die Epheser auf. »Erinnert euch, dass ihr einst Heiden wart«, hatte der Jude Paulus den Griechen zu bedenken gegeben. Früher seien sie von »dem Bund der Verheißung« ausgeschlossen gewesen. »Ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt.« Nun aber seien sie, »die ihr einst in der Ferne wart, durch Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen.«

Paulus sah, was Jesus wollte: »Er vereinigte die beiden Teile – Juden und Heiden – und riss durch sein Sterben die trennende Wand der Feindschaft nieder. Er hob das Gesetz mit seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in seiner Person zu dem einen neuen Menschen zu machen.« Antisemitismus ist so gesehen immer auch Antijesuanismus und verbietet sich für Christen von selbst. Heiden trugen als Christen bald jüdische Namen – Joseph und Johannes, Jakobus und Bartholomäus –, sie nahmen jüdische Lehre, jüdischen Kult und einen jüdischen Messias an. Juden wiederum öffneten als Christen eine aus ihren Wurzeln stammende Religion in die Universalität, indem sie mit dem Wort Christi den Glauben ihrer Väter in die letzten Winkel der Erde trugen. In einem Juden, dem »Völkerapostel« Paulus, hat die Bewegung ihren größten Missionar, in einem anderen Juden, Petrus, ihren ersten Papst, und ebenfalls in einem Juden – ihren bleibenden Herrn.

Die Zeit Jesu erlebte eine Blüte der Zivilisation. Rom war längst die dominierende und in ihrem Wohlstand alle anderen Städte überragende Metropole der bis dahin bekannten Welt. Die Zahl der Sklaven überstieg in der Hauptstadt inzwischen die der Freien. Für Vollbürger gab es Steuerfreiheit, heimkehrende Krieger genossen ihre Rentenansprüche. Paris war bereits im Jahre 52 dem Römischen Reich als eine neue Reiseattraktion zugefallen, und in Germanien wuchs mit Wiesbaden seit dem Jahr eins vor Christus ein neuer römischer Kurort heran, Warmluftheizungen inklusive. Eine regelmäßige Beamtenpost im ganzen Reich gehörte genauso zu den Reiseerleichterungen wie die Vorteile von Taschen-Sonnenuhren, die damals auf den Markt kamen. Kaiser Augustus, dessen Bild obligatorisch neben Roms Hausgöttern hing, war nun nicht länger nur Kaiser, sondern auch Oberpriester und Gott.

Im Vergleich zu Metropolen wie der Millionenstadt Alexandrien, wo soeben eine erste Schule für Mechaniker eröffnet wurde, war Jesu Wirkungsstätte am See Genezareth tiefste Provinz. Und dennoch bildete der Flecken Erde unten am Ufer den Kreuzungspunkt der großen und wichtigsten Verkehrswege von Nord nach Süd, von Ost nach West – und vielleicht sogar den Mittelpunkt der damals bekannten Welt.

Die Galiläer hatten freilich nicht den besten Ruf. Man sagte ihnen eine schlechte Aussprache nach. In Fragen der Religion galten sie als unwissend, in ihrer Jüdischkeit als unzuverlässig. Es sei unmöglich, hieß es, dass aus dem »heidnischen Galiläa« jemals ein Prophet hervortreten könnte. Allerdings hatte der Seher Jesaja diesem »Volk, das im Dunkel lebt«, auch vorausgesagt, es werde eines Tages »ein helles Licht« sehen.

In der unmittelbaren Nachbarschaft Galiläas lag die Wiege aller Städte, die älteste Metropole der Menschheit überhaupt, Jericho. Und wo vor vielen tausend Jahren die Zivilisation ihren Anfang genommen hatte, da sollte sie auch ihr Ende nehmen: in Harmagedon, der großen weiten Ebene unmittelbar am Fuße des Hügels von Nazareth, dem Schlachtfeld Gottes, auf dem nach der Überlieferung der Alten der Kampf aller Kämpfe stattfinden würde, das letzte Aufbäumen der Mächte des Bösen, bevor der Herr der Heere nichts mehr dulden würde außer seinem ewigen, himmlischen Frieden.

Jesus von Nazareth ist schwer zu fassen: Er lebt freiwillig in Armut, ist aber kein Asket. Er ist das Paradebeispiel für Demut und Güte – und verlangt gleichzeitig von seinen Jüngern, für ihn notfalls in den Tod zu gehen. Er ist kein Moralist – besteht aber auf der Unverletzlichkeit der Ehe. Er predigt Liebe, Frieden und Vergebung als einziges Mittel gegen die Spirale von Hass und Gewalt – spricht aber gleichzeitig davon, jene, die »andere verführt und Gottes Gesetze übertreten« hätten, eines Tages in den Ofen zu werfen, »in dem das Feuer brennt«. Er versammelt Massen von Menschen – liebt aber nichts mehr als die Einsamkeit. Er legt sich wie ein Rebell mit der Obrigkeit an – zeigt aber keinerlei Ambitionen zu Heldenverehrung, einem Amt oder gar der Krone. Er kennt alle Gesetze und alttestamentlichen Texte – war aber nie Schüler eines großen Rabbis. Er beeindruckt mit überlegener Klugheit – preist aber nicht die Gelehrten, sondern die Einfachen im Geiste. Er besitzt gewaltige Wunderkräfte – und scheint am Ende nicht einmal in der Lage, der eigenen Folter zu entgehen.

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Alles an Jesus ist paradox, man könnte auch sagen: unmöglich. Paradox schon der Beginn: Eine Jungfrau bekommt ein Kind.

Noch unmöglicher: Ein Mensch wird Mutter Gottes. Paradox seine Lehren: Glaube versetze Berge; Ohnmacht besiege die Macht; Liebe sei stärker als Hass. Paradox sein Ende: durch den Tod zur Auferstehung.

Alles an ihm ist zudem konzentriert. Immer läuft es auf einen einzigen, auf einen fast winzigen Punkt hinaus: die Inkarnation im kleinsten unter den Völkern. Die Erscheinung in einem winzigen Land. Die Empfängnis durch eine völlig unbekannte, unbedeutende Frau, die Immaculata, die Unbefleckte, die einzig ohne Erbsünde ist. Die Geburt abseits allen Trubels in einem engen Stall. Die Konzentration der »Lehrjahre« auf die kürzest mögliche Spanne. Die erste Selbstoffenbarung gegenüber einer einzelnen Person (einer Frau am Brunnen). Die Verklärung in einem einzigen Augenblick (auf einem Berg). Das Finale in einer einzigen Woche. Die Offenbarung seines zentralen Geheimnisses während eines einzigen Mahls (»Tut dies zu meinem Gedächtnis«). Am Schluss dann: der winzige Gipfel des Golgatha-Felsens als Ende seines menschlichen und Beginn seines geistlichen Daseins.

In zweitausend Jahren christlicher Geschichte entdeckte jede Epoche eine andere Seite an dem Mann aus Nazareth. Das frühe Mittelalter etwa, geprägt vom religiösen Leben der Klöster und von der Ausstrahlung der großen Mystiker, zeigte Christus sinnlich und gefühlsstark. Das hohe Mittelalter kehrte seine Lieblichkeit hervor, die Romanik wiederum den himmlischen König und Weltenrichter, mit herben und ausdrucksstarken Gebärden. Das Barock, geprägt vom Drang nach Pracht und Äußerlichkeit, zeigt den Himmelsfürsten, der prunkvoll, herrisch und mit großer Gebärde lehrt und wirkt, eindrucksvoll leidet und froh aufersteht.

Die Renaissance wiederum gibt ihm den Ausdruck des großen Menschen, voll Kraft, Ruhe und Selbstbewusstsein, aber auch voll Gefühl und Demut. Dass es ausgerechnet unserer Zeit vorbehalten ist, diesen Jesus nicht mehr länger zu betrachten und auszukleiden, sondern ihn am Baum der Erkenntnis mit größeren und kleineren Seziermessern festzunageln und nach und nach auseinanderzunehmen, scheint dann doch ein eher zweifelhaftes Privileg.

Ich hatte mir für meine Reise eine Liste von Fragen gemacht, und ich hatte fest vor, sie gründlich abzuarbeiten: Wie kam es zu den Evangelien? Wann genau wurden sie geschrieben? Besitzen wir noch Originale oder nur Abschriften davon, die im Laufe der Geschichte bewusst gekürzt oder gar gefälscht wurden? Was ist von den Chronisten zu halten, Matthäus, Markus, Lukas und Johannes, denen die Texte zugeschrieben wurden? Wie müssen diese Texte gelesen und verstanden werden, damit sich ihre Worte auch in den tieferen Dimensionen ihrer Bedeutung öffnen?

Wie steht es um die alttestamentlichen Prophezeiungen, die einen Messias vorhergesagt hatten? Sie scheinen so präzise zu sein, als hätte jemand mit Google Earth von einer anderen Galaxie aus auf einen bestimmten Punkt der Erde gezoomt, um hier die Gestalt zu sehen, die bereits am Anfang der Zeit auf den Weg gebracht wurde. Warum ist Jesus nicht zweihundert Jahre früher erschienen – oder zweihundert Jahre später? Und warum dann ausgerechnet 7 Jahre vor Christus, wie wir heute wissen?

Eine der spannendsten Fragen erschien mir, ob es für Jesus wirklich keine Möglichkeit gegeben hatte, dem Kreuz zu entgehen. »Tun wir doch die Gewohnheit ab, die meint, wie es gegangen ist, habe es gehen müssen«, hatte Romano Guardini einmal gefordert, »vergegenwärtigen wir uns einmal einen Jesus, der nicht dreiunddreißig, sondern fünfzig, achtzig, hundert Jahre alt geworden wäre, immerfort zunehmend an Alter, Weisheit und Gnade vor Gott und den Menschen!« Warum hätte das nicht möglich sein sollen? Und was wäre da aus ihm hervorgeblüht! Wie aber kann man dann das entsetzliche Paradoxon Jesu – Erlösung durch Leiden; durch das Kreuz zum Heil – überhaupt verstehen? Oder ist es eben dann doch nur eine fromme Mär, wie Kritiker glauben, die das Scheitern Jesu und seiner Gefolgschaft nur übertünchen und mit dem Schein des Heiligen verklären sollte?

Mythos Jesus. Geboren von Maria, der Jungfrau. Gelitten unter Pontius Pilatus. Gekreuzigt, gestorben und begraben. Hinabgestiegen in das Reich des Todes. Am dritten Tage auferstanden von den Toten. Aufgefahren in den Himmel – zumindest darin hatte Rudolf Augstein nicht ganz so unrecht, dass die Geschichte schwer zu glauben ist. Martin Luther hatte die Charakteristika Jesu einmal als »humanitas, infirmitas, stultitia, ignominia, inopia, mors, humilitas« aufgereiht, als: Menschlichkeit, Schwachheit, Torheit, Unwissenheit, Unvollkommenheit, Sterblichkeit, Niedrigkeit.

Auch nicht unbedingt Züge, die als Ausdruck von Göttlichkeit verstanden werden könnten. »Lasst ab von diesen Männern und gebt sie frei«, so hatte deshalb der Schriftgelehrte Gamaliel, ein Mitglied des Hohen Rates, nach dem Tod Jesu die Apostel verteidigt, »denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden.« Freilich fügte er hinzu: »Stammt es aber von Gott, so könnt ihr es nicht vernichten.« Nach allen Gesetzen der Politik und der Logik war die Bewegung aus Galiläa mit dem Tod ihres Anführers an ihr Ende gekommen.

Ein Messias mit einem Allerweltsnamen wie »Jesus«, den im alten Israel jeder dritte Junge trug. Eine Jünger-Truppe, die sich als wenig glaubensstark zeigte. Eine sogenannte Auferstehung, deren Zeugen als Frauen vor Gericht noch nicht einmal in einer Verhandlung über Taschendiebstahl gehört worden wären.

Ihre Geschichte, aufgezeichnet als subjektives Zeugnis einer frühkommunistischen, dogmatischen Glaubensgemeinde (»Sie verkauften Hab und Gut und gaben davon allen«, Apg 2,45), verfasst im Vulgär-Griechisch der Ungebildeten, von Autoren, die als Fischer und Zöllner nicht unbedingt die Autoritäten im Lande waren. Ganz zu schweigen von den offensichtlichen Widersprüchen, die diese Geschichte enthielt. Schließlich ein Protagonist, der weder über eine Armee verfügt noch eine Wissenschaft begründet hatte, der weder etwas erfunden noch ein Buch geschrieben hatte und dessen Projekt, wie es aussah, fürchterlich gescheitert war.

300 Jahre vor Christus besaß Alexander der Große ein Weltreich, das größer war als jedes vor ihm. Christus versagte sich alle Vorstellungen von Macht. Er sprach weder von Krieg, noch träumte er von Eroberung und Unterwerfung. Und dennoch ist einige hundert Jahre nach seiner Kreuzigung sein »Reich« größer als alles, was vor ihm war und nach ihm kommen sollte.

In der viertausendjährigen Geschichte des Judentums ist Jesus nicht nur der Einzige, der dauerhaft als Messias verehrt wurde, er ist schlichtweg der Mann, der diese Welt stärker veränderte als irgendjemand sonst, alle Revolutionäre, Könige, Erfinder eingeschlossen.

Es gibt eine Zeit vor IHM, und es gibt eine Zeit nach IHM, in der wir die Jahresangaben mit dem Zusatz »Anno Domini« versehen, »im Jahr des Herrn«. Er wurde im wahrsten Sinne das Schicksal der Welt. »Wäre er nicht geboren worden«, so der Theologe und Dichter Otfried von Weißenburg, »die Welt wäre zugrunde gegangen, der Satan hätte sie gepackt.«

Triumphalismus steht dem Glauben nicht an. Es gibt die vielen dunklen Seiten christlicher Vergangenheit. Kein Jahrhundert, das nicht begleitet war von Irrtum, Verrat und Missbrauch der Lehre Jesu. In einer nüchtern bilanzierten Gesamtschau allerdings sind die Erscheinung Christi und das Werk derer, die ihm folgten, mit Sicherheit die größte Erfolgsgeschichte aller Zeiten. Kein anderer Mensch hatte jemals eine größere Anziehungskraft und mehr Anhänger. Genau genommen gibt es im Grunde niemanden, mit dem sich die gesamte Menschheit seit zweitausend Jahren stärker beschäftigt als mit dem Mann aus Nazareth.

Jesus Christus hat Staaten geprägt und Völker verändert. Städte und Länder sind nach ihm benannt, von San Salvador bis zur Dominikanischen Republik. Flaggen tragen sein Zeichen, vom Union Jack bis zum Internationalen Roten Kreuz. Die Einteilung des Jahreslaufs rund um den Globus trägt die Koordinaten seines Wirkens, mit den Hochfesten Weihnachten, Ostern und Christi Himmelfahrt. Der Beginn jeder neuen Woche, der Sonntag, der »Tag des Herrn«, steht für die Neuschöpfung der Welt durch Jesus, die »Sonne der Gerechtigkeit«. In hunderttausenden von Kathedralen, Kirchen und Kapellen wird sein Bild verehrt, an den großen Plätzen der Metropolen ebenso wie an kleinen Feldstraßen in den letzten Winkeln dieses Planeten. Das Stück Jesu bleibt immer auf der Bühne, ohne Unterbrechung.

Seine Geburt und seine Kindheit, die wunderbare Brotvermehrung, der Gang über das Wasser, Tod und Auferstehung – die Eckpunkte aus dem Leben Christi wurden zum Humus der Kultur aller Jahrhunderte; niemand kam daran vorbei. Ob die Szenen aus seinem Leben im Schulbuch, in den Gemäldegalerien, der Kapelle am Wegrand oder sonstwo nacherzählt wurden. Über einzelne seiner Sätze wurden ganze Bücher geschrieben, über manche Gleichnisse, etwa das vom Verlorenen Sohn oder das vom Barmherzigen Samariter, ganze Bibliotheken.

Jesu Existenz prägt unsere Sprechweise. Wendungen wie »etwas in seinem Herzen bewegen«, »Öl in die Wunden gießen« oder »sein Haus auf Sand bauen« sind Entlehnungen aus dem Neuen Testament. Und wenn jemand bittet, der Kelch möge an ihm vorübergehen, bezieht er sich genauso auf Jesus, wie wenn er eben mal von »der Krux« spricht, die eine Geschichte habe – auch wenn er nicht ahnt, dass damit einmal die Last gemeint war, die Jesus mit dem Kreuz auferlegt wurde. Selbst die Slogans der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – sind ohne Jesus nicht denkbar. Aus dem Christentum und seiner jüdischen Wurzel bezog nicht zuletzt sogar die marxistische Bewegung ihre Vorstellung von Gerechtigkeit, die Idee von der Gesellschaft als einem Kampfplatz und von Geschichte als einem fortschreitenden Prozess.

»Jesus Christus ist die beherrschende Gestalt in der Geschichte der westlichen Kultur für nahezu zwanzig Jahrhunderte«, so Jaroslav Pelikan, Historiker an der Yale-Universität. Das US-Nachrichtenmagazin Newsweek unterstreicht: »Sein Einfluss auf die Geschichte ist ohne jede Parallele.« Selbst ein so kritischer Geist wie der verhinderte Priester Ernest Renan, im 19. Jahrhundert Doyen der Christus-Kritiker, musste anerkennen, dass Jesus nicht nur »eine Umwälzung ohnegleichen« verkündete, sondern auch die Grundlagen schuf, »auf welchen die Gesellschaft seit achtzehnhundert Jahren ruht«.

Napoleon fügte hinzu: »Alexander der Große, Cäsar und ich, wir haben große Reiche gegründet durch Gewalt, und nach unserem Tod haben wir keinen Freund. Christus hat sein Reich auf Liebe gegründet, und noch heutzutage würden Millionen Menschen freiwillig für ihn in den Tod gehen.«

Jesus hat die Menschheit zu ihren größten Leistungen und menschlichsten Taten inspiriert, ihre besten Eigenschaften herausgefordert und ihre schönsten Künste entstehen lassen. Ohne Jesus gäbe es nicht die einzigartige Musik von Händel (Messiah), Mozart (Ave verum) und Haydn (Die Schöpfung). Nicht zu vergessen Palestrina (Missa brevis), Orlando di Lasso (Magnificat), Monteverdi (Marienvesper), Vivaldi (Gloria), Bach (Matthäus- Passion), Beethoven (Missa solemnis), Liszt (Christus), Verdi (Messa da Reqiem), Bruckner (Te Deum) und Schubert (Ave Maria). Ohne ihn nicht die Bildwerke von Michelangelo, Raffael, Rembrandt, Leonardo und Dürer, Tizian und El Greco, Grünewald und Van Gogh. Es gäbe kein Weltkulturerbe wie die Wieskirche in Oberbayern, keine Pilgerwege nach Santiago de Compostela. Ja, nicht einmal Städteformen, wie sie in Paris und anderswo aus dem Mittelalter überliefert sind, nämlich nach Osten – gen Orient (daher der Begriff Orientierung) –, dem Anfang des »Heils«.

Unbestritten, dass die Wiege europäischer Kultur mit auf dem Erbe Griechenlands beruht. Ohne das Christentum jedoch, das diese Kultur integrierte und weiterentwickelte, hätte das Erbe der Antike erst gar nicht überleben können. Jesus ist der Allererste, der nicht mehr unterteilt in Kultivierte und Barbaren, Gläubige und Heiden, in Reine und Unreine. Im Unterschied etwa zum Hinduismus mit seinem Kastensystem, dem Islam mit dem Ausschluss von »Gottesfeinden« oder auch dem politischen Totalitarismus mit der Unterdrückung Andersdenkender. In seiner Nachfolge schufen Ordensgemeinschaften eine allgemeine medizinische Versorgung und ein allgemeines Schulwesen. Im Ferment des Christentums lag der Impuls zur Befreiung der Arbeit, um als Mitarbeiter der Schöpfung im Rahmen der göttlichen Ordnung durch Kultur, Technik, Forschung und Wissenschaft diese Schöpfung immer besser kennenlernen und ihre Möglichkeiten ganz nutzen zu können.

Christliche Forscher empfanden dabei nie einen Gegensatz zwischen Glauben und Wissenschaft. Der französische Mathematiker Augustin Louis Chauchry meinte: »Ich bin Christ, das heißt, ich glaube an die Gottheit Christi wie Tycho de Brahe, Kopernikus, Descartes, Newton, Leibniz, Pascal … wie sämtliche große Astronomen und Mathematiker der Vergangenheit.« Der italienische Nobelpreisträger Guglielmo Marconi, Erfinder des drahtlosen Telefonierens, proklamierte: »Ich erkläre mit Stolz, dass ich gläubig bin. Ich glaube an die Macht des Gebetes. Ich glaube nicht nur als gläubiger Katholik daran, sondern auch als Wissenschaftler.« – »Religion und Naturwissenschaft schließen sich nicht aus, wie heutzutage manche glauben und fürchten«, wusste der Physik-Nobelpreisträger Max Planck, »sondern sie ergänzen und bedingen einander. Gott steht für den Gläubigen am Anfang, für den Physiker am Ende des Denkens.«

Die Jesus-Bewegung eroberte alle Schichten der Bevölkerung und schuf die geistig und wirtschaftlich erfolgreichste Kultur aller Zeiten. Mit einem Gottesbegriff, dessen Symbol nicht der König ist, sondern der Sklave, der Letzte unter den Dienern, der anderen die Füße wäscht. Bis heute bekennen sich weit über zwei Milliarden Menschen zu seiner Lehre und Person. Millionen von Organisationen schreiben ihre Programmatik auf der Grundlage christlicher Weltanschauung. Prominente und Politiker preisen Jesus als ihren Wegweiser. Sie habe sich dem »Herzen Jesu« geweiht, bekannte die franko-kolumbianische Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt, die sechs Jahre lang in Gefangenschaft von Terroristen war. Kurz darauf, am 2. Juli 2008, wurde sie befreit.

Es ist das Paradox schlechthin: Etwas, das es nach allen Regeln der Vernunft nicht geben konnte, entstanden aus einem winzigen, kaum wahrnehmbaren kleinen Punkt, ein winziges Samenkorn, kaum fassbar in seinem nur kurzen, fast blitzartig aufscheinenden Dasein, ließ die Welt in eine völlig neue Phase ihrer Entwicklung eintreten, als sei sie regelrecht neu geschaffen worden.

Während ich an meinem Kaffee schlürfte und die blassblauen Wolken am Horizont verfolgte, musste ich an meinen letzten Besuch im Vatikan denken. Ich hatte mich mit Dr. Georg Gänswein verabredet, dem jugendlich wirkenden Sekretär des Papstes, der als »schönster Mann im Vatikan« längst auch titelseitentauglich geworden war, nicht unbedingt zu seiner Freude.

Wie alle seine Besucher hatte mich der Prälat bei der Porta St. Anna von einem Offizier der Schweizer Garde in Empfang nehmen lassen. Oberstleutnant Jean Daniel Pitteloud leitete das französischsprachige zweite Geschwader der Sicherheitstruppe, ein schlaksiger, gut gelaunter Mann, dem seine Aufgabe offensichtlich großes Vergnügen machte. Jedenfalls hatte ich ziemliche Mühe, seinem Tempo zu folgen, auch wenn er meinte, unter dem neuen Papst sei ein anderer Rhythmus eingezogen, alles sei ein wenig ruhiger geworden.

Anfangs ist es verwirrend, sich in den vielen Höfen und Gängen zu orientieren, schon beim zweiten Besuch wird deutlich, dass der Palazzo Apostolico nicht wirklich ein Palast ist. Dafür stehen zu viele billige Autos im Hof, wirkt der Aufzug wie bei einem Grandhotel, dessen beste Tage längst Geschichte sind. Ein nahezu greiser Liftboy fuhr uns in die Seconda Loggia, die Arbeitsetage des Papstes mit ihren Audienzsälen, Kabinetten und Büros für die einzelnen Abteilungen der vatikanischen Diplomatie. Erst ab 18 Uhr zieht sich Benedikt XVI. von hier zurück, um ein Stockwerk höher in seiner Wohnung in den sogenannten Tabellenaudienzen noch für eine Stunde seine wichtigsten Mitarbeiter, insbesondere den Kardinalstaatssekretär, zu empfangen. Ab 20.45 Uhr ist er privat und bekommt auch keine Post mehr, obwohl der letzte Korb mit Sendungen zu dieser Zeit erst eintrifft.

Kurze Zeit später saß ich in einem Warteraum von der Größe eines Konzertsaales auf einem Sofa für Riesen, von dem man die Füße baumeln lassen konnte. Hin und wieder ging eine Flügeltür auf, und aus den Räumlichkeiten des Papstes strömte eine Gesandtschaft hoher Würdenträger oder Ministerpräsidenten, begleitet von dem üblichen Tross aus Sekretären, Staatsbeamten, Fernsehmenschen und Leuten, denen man eine Gefälligkeit Schuldete und die nun, wie in einem Trojanischen Pferd, mit zur Papstaudienz eingeschleust worden waren.

Als Kardinal hatte Papst Benedikt XVI. immer wieder von der Notwendigkeit einer grundsätzlichen Läuterung, einer Reinigung auch der Kirche gesprochen. Sie müsse »auf ihre Güter verzichten«, sagte er, »um ihr Gut zu behalten«. Als Papst sprach er sofort nach Amtsantritt vor Jugendlichen von der »Revolution Gottes« und vor den Brüdern der Orthodoxie von der drängenden Aufgabe der Wiedervereinigung. Aber der Prozess kam nur schleppend in Gang. Das Beharrungsvermögen des kirchlichen Apparates kann eine gewaltige Bremse sein. Man hatte sich in den Jahren auf ein lässiges Nebeneinander mit Staat und Gesellschaft geeinigt. »Lasst euch nicht stören«, so das Motto dieser Politik, »tut so, als seien wir gar nicht vorhanden.«

Als ich den neuen Papst von einer »im Gottesdunkel verknechteten Schöpfung« sprechen hörte, wurde ich hellhörig. Was hatte er damit gemeint? »Es gibt die Wüste des Gottesdunkels«, meinte er düster, »der Entleerung der Seelen, die nicht mehr um die Würde und um den Weg des Menschen wissen.« Das war kein Satz so nebenbei. Die Analyse war Teil seiner Predigt bei der Amtseinführung, also so etwas wie eine Regierungserklärung. Im Laufe der Jahre wurden seine Mahnungen nicht leiser. Sie gipfelten in einer Botschaft zum Beginn des neuen Jahres 2008: »Dunkel liegt über den Völkern …«

Ich verschränkte die Hände hinter dem Kopf, lehnte mich in dem apostolischen Riesensofa zurück und schloss die Augen. Was müsste geschehen, was mit einem Schlag in extrem potenzierter Geschwindigkeit den ganzen Erdball aus seiner Schieflage heben könnte, bevor er in tausend Scherben springt? Es war keine Vision, aber vor meinem geistigen Auge sah ich die Titelseite einer deutschen Tageszeitung, aufgemacht mit einer riesigen Schlagzeile in roten Lettern: »Vatikan bereitet sich auf Wiederkunft Christi vor.« Unterzeile: »Papst Benedikt XVI. beruft Krisenstab ein. Botschaft an alle Regierungen und alle Menschen der Erde.«

In dem Beitrag hieß es: »Der Vatikan bereitet sich auf die sichtbare Wiederkunft Christi vor, die offenbar für die unmittelbar bevorstehende Zeit erwartet wird. Nach noch unbestätigten Agenturmeldungen hat Papst Benedikt XVI. einen Krisenstab eingerichtet, der sich mit den erforderlichen Maßnahmen beschäftigen wird. Eine offizielle Bestätigung war von Frederico Lombardi, dem Pressesprecher der Kurie, nicht zu bekommen. Nach Informationen aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen wurde aber bereits das gesamte Kardinalskollegium aus allen Teilen der Erde nach Rom beordert. In den Kongregationen wurden Arbeitsstäbe gebildet, gleichzeitig wurde eine Nachrichtensperre verhängt. Details der Maßnahmen sollen in den nächsten Tagen veröffentlicht werden.«

Jesus selbst hatte vor seiner Passion von seiner Wiederkehr gesprochen und auch die Umstände angekündigt, wann seine »Parusie«, wie die zweite Erscheinung Christi von den Theologen genannt wird, zu erwarten sei. In jenen Tagen, so zitiert ihn das Markusevangelium, werde eine Not hereinberechen, »wie es noch nie eine gegeben hat, seit Gott die Welt erschuf«. »Um seiner Auserwählten willen« würde er jedoch diese Zeit verkürzen. Er werde die Engel aussenden »und die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, vom Ende der Erde bis zum Ende des Himmels«. Bei Matthäus heißt es hierzu in wörtlicher Jesus-Rede: »Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. Und alle Völker werden vor ihm zusammengerufen werden, und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet … Und sie werden weggehen und die ewige Strafe erhalten, die Gerechten aber das ewige Leben« (Mt 25,31 ff.).

Der Kirche kam die Rückkehr Christi immer ungelegen. Man hatte irgendwie immer gerade Wichtigeres zu tun, als sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Zuletzt hatte damit die polnische Ordensschwester Maria Faustyna Kowalska Aufsehen erregt. Ihrem posthum veröffentlichten Tagebuch vertraute die Nonne ein Wort Jesu an: »Schreibe Folgendes: Noch bevor Ich als gerechter Richter kommen werde, komme ich als König der Barmherzigkeit.«

In einer ihrer Christus-Visionen empfing Faustyna wörtlich den Auftrag: »Du wirst die Welt auf Meine endgültige Wiederkunft vorbereiten.« Man mag davon halten, was man will. Immerhin geht auf die 1938 verstorbene Nonne die Einführung des »Sonntags der Barmherzigkeit« in den liturgischen Kalender zurück. Ein nach ihrer Vision gemaltes Segensbild eines mit Strahlen versehenen »Jesus der Barmherzigkeit« wurde weltweit millionenfach verbreitet, und im Jahr 2000 erhob sie Johannes Paul II. zur »Ehre der Altäre«, in den Stand der Heiligkeit. Die Überlegung begann mich zu faszinieren. Ich schlug im Geiste erneut meine Zeitung auf: »Angeblich hatten sich in den vergangenen Monaten die Hinweise darauf verdichtet, dass die Rückkehr Christi unmittelbar bevorstehe. Der Papst habe entsprechende Botschaften eingehend untersuchen lassen. Er habe die Zeichen als authentisch eingestuft und nehme die Nachricht ernst. Die Gefährdung der geistigen und ökologischen Ressourcen des Planeten sei zu groß geworden, als dass sich die Menschheit noch aus eigenen Kräften retten könnte. Die Oberhäupter sämtlicher christlicher Kirchen wurden bereits mit der Botschaft konfrontiert. Eine gesonderte Note ging an die Führer nichtchristlicher Religionsgemeinschaften sowie an den Generalsekretär der Vereinten Nationen, den EU-Ratspräsidenten sowie die Regierungen in Washington, Moskau, Paris, London, Tokio, Peking, Neu-Delhi, Sydney, Brasilia und Jerusalem.

Besondere Emissäre wurden zum jüdischen Weltkongress und zu anderen Vertretern des jüdischen Brudervolkes gesandt, dem in der messianischen Erwartung ganz besondere Aufmerksamkeit gilt. Der Tag scheine nicht fern, und womöglich sei er schon gekommen, an dem in einer religionsfeindlichen Umwelt Juden Christen verteidigten, weil sie den gleichen Gott haben, dem sie dienen wollten. Nun sei der Zeitpunkt erreicht, da Juden und Christen tatsächlich gemeinsam die Erscheinung desselben Messias erwarteten.«

Der Sekretär des Papstes ließ weiter auf sich warten. Ich bestaunte die gewaltigen Teppiche an der Wand und lauschte dem unbestechlichen Ticken einer Uhr, die in der Stille des Raumes den Takt angab.

Wenn eingetroffen ist, was Jesus für die Zeit seines Lebens gesagt und prophezeit hat, dann kann auch eintreten, was er für die Endzeit offenbart. Auf seinem berühmten Gemälde in der Sixtinischen Kapelle hat Michelangelo das Szenario schon mal ausgemalt, und selbst Kardinälen läuft ein Schauder über den Rücken, wenn sie bei einem Konklave auf das Inferno ihrer Zukunft blicken. Über allem schwebt, neben der Gottesmutter Maria, ein sehr ernster, dynamischer Jesus in all seiner Macht und Herrlichkeit. Michelangelo war nicht verborgen geblieben, dass das Ereignis der Wiederkunft von einer Bedeutung ist, die sogar Christi Geburt übertreffen würde, größer und entscheidender als überhaupt alles, was auf diesem Planeten je geschehen könnte.

Weiter im Text: »Wie aus Kreisen der Kurie zu erfahren war, wird in Rom unter Hochdruck ein Programm diskutiert, mit dem der Vatikan die Menschheit auf die finale Erscheinung Gottes vorbereiten will. Ein Entwurf des Papiers wurde der Deutschen Presseagentur (dpa) zugespielt. Er enthält unter anderem folgende Sofortmaßnahmen:

• Alle Regierungen und Kriegsparteien werden aufgefordert, sofort sämtliche Kampfhandlungen in ihren Gebieten einzustellen und mit dem jeweiligen Gegner Frieden zu schließen. Zuwiderhandelnde müssen beim Gericht Christi mit unvorstellbaren Strafen rechnen.

• Die katholische Kirche wird ab sofort alle überflüssigen Besitztümer veräußern. Der Erlös wird an Notleidende verteilt – gemäß der Maßgabe des Evangeliums: ›Gebt, dann wird auch euch gegeben werden.‹ (Lk 6,38)

• In einer Fernsehansprache an die gesamte Weltbevölkerung wird Papst Benedikt XVI. an alle Menschen appellieren, ab sofort nichts Böses mehr zu tun. Zur Orientierung genüge es, auf sein Gewissen zu hören. Mit ihm habe der Mensch seit jeher einen untrüglichen Maßstab für sein Handeln.

• In einer Erklärung wird Papst Benedikt XVI. als Diener der Diener Gottes sämtliche Konfessionen anerkennen, die auf dem Boden des Evangeliums stehen. Das apostolische Staatssekretariat wird beauftragt, umgehend mit den Vorbereitungen für ein Endzeitliches ökumenisches Vereinigungskonzil zu beginnen. Christus solle keine Christenheit vorfinden, die in sich gespalten ist.

• Gegenüber der muslimischen Welt und den asiatischen Religionen will der Vatikan eine Liebesoffensive starten. Die Aktivitäten der katholischen Kirche werden konzentriert auf ihre Hauptaufgabe, gemäß der Weisung Christi (›Tut dies zu meinem Gedächtnis‹) die heilige Eucharistie zu feiern, gemäß seiner Verheißung: ›Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der hat das ewige Leben, und ich werde ihn am Jüngsten Tage auferwecken.‹ Die heilige Kommunion wird ab sofort nicht nur in der Form von Brot, sondern auch von Wein gereicht, Zeichen des Blutes Christi.

• Auf Anordnung des Heiligen Vaters werden alle Bischöfe, Priester, Theologieprofessoren und Diakone aufgefordert, Schulen des Glaubens zu organisieren, um Außenstehende mit der Botschaft Christi vertraut zu machen.

• Das Angebot mystischer Frömmigkeitsformen soll Gläubigen helfen, ihr spirituelles Bewusstsein zu stärken. In Klöstern und Wallfahrtsstätten werden spezielle Exerzitien angeboten. Die Bistümer werden aufgefordert, in allen größeren Städten rund um die Uhr besetzte Beichtstühle einzurichten. In jeder Pfarrei wird das Allerheiligste dauerhaft zur Anbetung ausgesetzt. Die Verehrung des Herzens Jesu sei mit besonderen Gnaden verbunden.

• Unternehmen und Gewerkschaften werden gebeten, zugunsten des Gebetes für die Wiederkunft Jesu ab sofort die Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche zu verkürzen. Es müsse deutlich werden, dass Jesus nicht komme, um Freiheit zu nehmen, sondern um Freiheit zu geben. Da sich jeder Mensch im Grunde durch sein Handeln und Denken selbst richte, müsse ihm die Verantwortlichkeit für sein Tun wieder deutlich gemacht werden. Insbesondere gehe es darum, in Vorbereitung auf die Rückkehr Christi den Kampf gegen negative Mächte zu verstärken und den Mächten des Bösen die Grundlagen zu entziehen. Zu diesem Verhaltenskodex gehöre unter anderem: positiv denken, keine negativen Bilder konsumieren, Leid ertragen, das Gebet pflegen, Aggressivität und Hektik abbauen, Stille suchen, gesünder essen und trinken, einfacher leben, Glück und Freude finden.

• Alle Fernsehsender und Printmedien werden gebeten, ihre Angebote auf eine Kultur der Güte, der Freude und der Wahrhaftigkeit hin zu überprüfen. Millionäre werden angehalten, ihren Besitz an Bedürftige zu verteilen, insbesondere an Arme und Kranke in der Dritten Welt. Man könne nichts in den Himmel mitnehmen.

• Eine Willkommen-Christi-Kommission wird beauftragt, alle Marienerscheinungen der letzten 100 Jahre zu analysieren, um mögliche Erkenntnisse zu den Zeichen der Wiederkehr Jesu zu gewinnen. Hintergrund ist eine Prophezeiung des heiligen Ludwig Maria Grignion de Montfort († 1716), Gott werde sich im Besonderen durch Maria, ›das Meisterwerk seiner Hände, in der Endzeit offenbaren‹. Da sie der Weg sei, ›auf dem Jesus Christus das erste Mal zu uns kam, wird sie es auch bei seiner zweiten Ankunft sein, jedoch auf andere Weise … Während der Endzeit wird Maria mehr als je hervortreten durch ihre Barmherzigkeit, Macht und Gnade.‹

• Zum Schluss werden sämtliche Kirchenchöre gebeten, sich ab sofort in Sonderschichten auf die Ankunft des Herrn vorzubereiten, um zu gegebener Stunde auf den großen Plätzen der Städte in die himmlischen Chöre mit einzustimmen, die Jesus begleiten werden.«

Mit dem Verzicht auf die Ethik und Vernunft der Religion, so wurde der Pontifex in einer Pressemeldung zitiert, habe sich »die moderne Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten in eine ausweglose Krise manövriert«. Er werde nun kraft seines Amtes als »Stellvertreter Christi« auf Erden alle Völker aufrufen, Gott und Glaube nicht länger als eine von vielen Nebensächlichkeiten zu betrachten, die keine Bedeutung hätten für das reale Leben. Jesus sei keine vergangene Erscheinung. Diese Erfahrung könne nun alle Menschen erneuern, egal wo sie sich aufhielten – und ohne dass daran weiterhin der geringste Zweifel möglich sei.

Am Ende zitierte der Bericht Benedikt XVI. wörtlich aus seiner Ansprache vom ersten Adventssonntag 2007, bei der er seine Enzyklika Spe salvi facti sumus (»Auf Hoffnung hin sind wir gerettet«) vorstellte, deren Thema und Tonlage auf Vatikan-Beobachter seinerzeit recht rätselhaft wirkte: »Christus ist die volle Erfüllung der Geschichte, die leuchtende Zukunft des Menschen und der Welt. Jesus ist der Herr, dem Gott alle Feinde unterwerfen wird, einschließlich des Todes. Der Sohn Gottes ist bereits vor nunmehr zwanzig Jahrhunderten nach Bethlehem gekommen, er kommt in jedem Moment in die Seelen, die bereit sind, ihn zu empfangen. Er wird von neuem kommen, am Ende der Zeiten, um über die Lebenden und die Toten zu richten.«

Ein starker Stoß erschütterte die El-Al-Maschine. Wie von einer riesigen Hand gepackt, wurde der Flieger sekundenlang hin und her geschüttelt. Stuhlreihen erzitterten. Irgendwo sprang der Deckel einer Ablage auf. Es war keine Landung nach Maß, aber wir waren heil angekommen. Ich erwachte wie aus einem Traum, der eine halbe Ewigkeit gedauert hatte. Meine Augen waren verklebt, und für einen Moment wusste ich nicht, wer und wo ich war. Ich hatte aus dem Fenster des Fliegers weder etwas vom Strand gesehen noch von den riesigen Wolkenkratzern Tel Avivs, die den Flugreisenden wie die Vorboten einer neuen Zeit in Empfang nehmen. »Willkommen in Israel«, rief eine Stimme, »wir hoffen, Sie hatten einen guten Flug und haben sich bei El Al wohl gefühlt. Wir würden uns freuen …« Meine Mitreisenden waren von ihren Sitzen hochgesprungen, zogen mit halsbrecherischen Verrenkungen ihre Jacken über, drängten andere beiseite, um möglichst schnell heiligen Boden unter die Füße zu bekommen.

Ich hatte gerade einmal vier Stunden und fünfzehn Minuten gebraucht, um von Mitteleuropa in das Land Jesu zu hüpfen, und als mich am Schalter von Hertz Rent-a-car eine junge Dame mit olivfarbenem Teint in Empfang nahm, fiel mir wieder ein, dass es nicht nur einen Grund gibt hierherzukommen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange meine Wartezeit im Vatikan gedauert hatte. Ich musste wohl ein wenig weggenickt sein, bis ein Diener an das gelbe Sofa trat, um mich durch einen sehr niedrigen, tunnelartigen Gang, in dem man reflexartig den Kopf einzieht, zum Privatsekretär des Papstes zu bringen. Der Besuchsraum war schmal, aber hoch wie ein Glockenturm. In der Mitte ein winziger Tisch mit zwei Stühlen. Auf den Sideboards lagen Stöße der neuesten Enzyklika und eine Reihe vom Papst gesegneter Rosenkränze in grünen und braunen Täschchen aus Plastik.

Der Prälat öffnete mit Schwung die Tür. Lange schmale Soutane mit roter Bauchbinde, struppiges Haar, ein breites, freundliches Lächeln im Gesicht. Beim Händedruck spürte man, dass sein Vater Hufschmied war: »Buon giorno.« Wir saßen uns an dem winzigen Tisch gegenüber, und ich hatte genügend Zeit, meine Fragen zu stellen. Am liebsten freilich hätte ich nach den Plänen zur Wiederkunft Christi gebohrt. Aber die waren ja nun wirklich noch streng geheim.

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Jesus Christus
Die Biografie
Von Peter Seewald
Taschenbuch, 704 Seiten
2011 Droemer/Knaur
ISBN 978-3-426-78494-5
Preis Österreich: 17.50 EUR

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