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Philippinen: 116 Tage zwischen Hoffen und Bangen

21. Juni 2019 in Weltkirche, 1 Lesermeinung
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Generalvikar berichtet von seiner Geiselhaft durch islamistische Extremisten


München-Wien (kath.net/KIN) Fast vier Monate war Generalvikar Teresito Soganub aus Marawi auf der Insel Mindanao im Süden der Philippinen in der Hand islamistischer Terroristen. Seinen Einsatz für ein friedliches Miteinander der Religionen konnten jedoch auch Gefangenschaft und Todesangst nicht stoppen. Zwei Jahre nach seiner Geiselhaft hat Soganub dem weltweiten päpstlichen Hilfswerk „Kirche in Not“ seine Geschichte erzählt.

Es geschah am Nachmittag des 23. Mai 2017. Gläubige hatten sich zu einer Andacht in der Kathedrale von Marawi versammelt. Sie ist „Maria, Hilfe der Christen geweiht“. Am nächsten Tag sollte das Patrozinium gefeiert werden. Plötzlich platzten Schüsse in die Stille. Obwohl Schusswechsel und Gewaltausbrüche religiöser Extremisten im mehrheitlich muslimischen Marawi fast zur Tagesordnung gehörten, sei das Donnern der Waffen diesmal außergewöhnlich gewesen, erinnert sich Generalvikar Teresito Soganub.

Fünf Monate Kampf um Marawi

Für ihn und fünf weitere Gemeindemitglieder sollte dieser 23. Mai zu einem tiefen Einschnitt in ihrem Leben werden. Rebellen der sogenannten „Maute“-Gruppe – bestens vernetzt mit den Kämpfern des „Islamischen Staates – eroberten die Stadt und nahmen mehr als 100 Einwohner als Geiseln, darunter auch den Geistlichen. Erst 116 lange Tage später konnte er befreit werden, der Kampf von Regierungs- und Rebellentruppen ging noch weiter. Insgesamt dauerte er fünf Monate, bis Ende Oktober 2017. 800 Menschen kamen ums Leben, hunderttausende verließen panikartig die Stadt.

Zurück zu den Ereignissen vom 23. Mai. Soganub und die Gläubigen harrten in der Kathedrale aus, eine Flucht war unmöglich. Vorsichtig spähten sie nach draußen: „Gegen 18 Uhr brannten die nahegelegene Polizeistation und das Gefängnis, aber es kam keine Feuerwehr“, berichtet der Geistliche. Kurz danach ging auch eine Schule in der Nachbarschaft in Flammen auf. Um 19 Uhr wurden die Türen der Kathedrale aufgestoßen.

„Ich habe zunächst noch gedacht: Jetzt ist Polizei oder Militär da und wir sind in Sicherheit“, erzählt Soganub. Doch eine Megafon-Stimme in englischer Sprache habe sie angebrüllt: Kooperieren oder sterben. Eine Gruppe bewaffneter Männer stürmte das Gotteshaus: manche uniformiert, manche in Zivil, ausgestattet mit schweren Waffen.

Die Männer trieben die Gläubigen aus der Kathedrale. Sechs Personen wurden gezwungen, mitzukommen. Die nächsten Stunden verbrachten der Generalvikar und die übrigen Geiseln in einem Transporter – unterwegs von einem Unterschlupf zum nächsten, immer den Gegenschlägen des philippinischen Militärs ausweichend. „Die Terroristen forderten uns auf, die Regierung zu kontaktieren und sie aufzufordern, die Kämpfe sofort einzustellen“, beschreibt Soganub die dramatischen Stunden. „So rief ich meinen Bischof und meinen Vorgänger im Amt des Generalvikars an. Sie sollten Präsident Duterte die Botschaft der Entführer weitergeben: Zieh die Regierungstruppen aus der Stadt ab. Sonst werden sie uns töten. Einen nach dem anderen.“

Wie durch ein Wunder überlebt

Die Regierung blieb hart. Der Priester blieb dennoch am Leben, fast ein Wunder. In den Folgetagen musste er mit seinen Mitgefangenen fast täglich den Unterschlupf wechseln. In jedem neuen Quartier stießen neue Geiseln zu der Gruppe. Im Juni, einen Monat nach der Entführung, wählten die Entführer eine Wohnung bei einer Moschee als dauerhafte Bleibe für die Geiseln. Insgesamt waren es jetzt mehr 120 Personen, darunter auch Frauen und Kinder. Der Großteil der Verschleppten aber waren junge Männer. Sie wurden von den Terroristen gezwungen, sie bei ihrem Kampf um Marawi zu unterstützen. Die Geiseln rechneten jederzeit damit, zu sterben: Sei es durch die Waffen ihrer Entführer, sei es durch den Granatenbeschuss der Regierungstruppen.

Wochen, Monate vergingen. Am Tag vor seiner Befreiung habe Teresito Soganub eine Veränderung bei den „Maute“-Kämpfern festgestellt. „Sie wirkten mutlos und erschöpft“, berichtet er. „Am Abend sahen wir grelle Lichter rings um unseren Aufenthaltsort. Da wussten wir, dass wir von Regierungstruppen umzingelt waren. Da habe ich zu Gott und mir selbst gesagt: Jetzt muss ich es versuchen.“ Gemeinsam mit einer weiteren Geisel flüchtete er aus dem Haus. Währenddessen fiel kein einziger Schuss – ein weiteres Wunder. Es war der 17. September 2017.

Zwei Jahre später strahlt der Priester trotz der Erlebnisse in den Monaten der Gefangenschaft Frieden und Hoffnung aus. „Niemand möchte so eine Erfahrung machen. Ich habe in den 116 Tagen meiner Gefangenschaft immer mit dem Tod gerechnet. Ich hatte keine Hoffnung, noch gerettet zu werden“, erzählt Soganub. Aber es seien auch 116 Tage des Gebets gewesen. „Ich habe geschrien: Warum ich, Herr? Warum hast du das zugelassen?“ In die Klage habe sich nach und nach auch Dankbarkeit gemischt, erzählt der Generalvikar. Er habe gespürt, dass Gott an seiner Seite sei. So habe er neu zu beten gelernt.

Auch Muslime beteten um Freilassung

Ein großer Trost sei auch das Wissen gewesen, dass andere für ihn und die Mitgefangenen beteten. „In den Fürbitten in allen Kirchen auf den Philippinen haben die Gläubigen an uns gedacht. Und nach meiner Freilassung habe ich erfahren, dass auch Christen anderer Konfessionen und sogar muslimische Nachbarn zu meiner Familie gekommen sind und gesagt haben: ,Wir beten für die Freilassung eures Bruders.‛“ Diese geistliche Unterstützung berührt Soganub, der bereits vor der Geiselnahme für den interreligiösen Dialog in seinem Heimatbistum zuständig war. „Gott hat mich benutzt, um andere Menschen zum Gebet zu führen. Der Glaube macht die Kirche aus, nicht die Umstände!“

Ein Satz mit einem besonderen Klang – vor allem wenn man sich vor Augen führt, dass die Kathedrale, in der die Gefangenschaft des Priesters ihren Ausgang nahm, von den Terroristen so schwer beschädigt wurde, dass sie jetzt komplett neu gebaut werden muss. Inmitten der Trümmer seiner Wirkungsstätte zeigt sich Soganub überzeugt: „Wir müssen mit dem interreligiösen Dialog zwischen Christen und Muslimen weitermachen, jetzt erst recht, damit unsere Religionen gemeinsam für den Frieden arbeiten.“

Die meisten Bewohner der Philippinen sind Christen. Auf der Insel Mindanao allerdings stellen Muslime die Mehrheit. Seit Jahrzehnten kämpfen sie um eine weitgehende Autonomie.

„Kirche in Not“ hat schon während der Kämpfe um Mindanao Nothilfe für die Flüchtlinge und Vertriebenen geleistet. Heute unterstützt das Hilfswerk ein Projekt der Diözese, das 200 traumatisierten Menschen Beistand und psychologische Hilfe ermöglicht. Außerdem fördert „Kirche in Not“ das Projekt „Jugend für den Frieden“, in dem christliche und muslimische Studenten gemeinsam Flüchtlingslager besuchen und den Menschen ein Beispiel davon geben, dass ein friedliches Zusammenleben der Religionen möglich ist.

Um der Kirche auf den Philippinen und besonders der kleinen christlichen Minderheit in Marawi beistehen zu können, bittet „Kirche in Not“ um Spenden:

Kirche in Not Deutschland

Kirche in Not Österreich

Kirche in Not Schweiz

Foto: Soldaten in der zerstörten Kathedrale von Marawi © Kirche in Not


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Lesermeinungen

 Radulph 21. Juni 2019 
 

Keine muslimische Mehrheit auf Mindanao

Auf der Insel Mindanao liegt der Anteil der Mohammedaner etwa bei einem Drittel. Die Mehheit stellen sie auf den Philippinen nur auf den Sulu-Archipel.


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