04 Januar 2019, 06:45
Papst warnt US-Bischöfe vor Spaltungen
 
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Franziskus mahnt Bischöfe angesichts der Missbrauchskrise in achtseitigem Brief zur Kollegialität: „Versuchen wir, den Teufelskreis von gegenseitiger Beschuldigung und Diskreditierung zu durchbrechen, indem wir Geschwätz und üble Nachrede vermeiden“.

Chicago (kath.net/pl) Papst Franziskus fordert eine „neue kirchliche Ära“, „denn unsere Katholizität steht auf dem Spiel“. Dies erläuterte er gestern (Ortszeit) in einem achtseitigen Brief an die US-amerikanischen Bischöfe, die sich angesichts der massiven Krise ihrer Ortskirche durch die Skandal wegen sexuellem Missbrauch und seiner Vertuschung zu vom Papst erbetenen Tagen der Besinnung und Buße zusammengefunden haben. Die Kirche, so schreibt der Papst, werde von Bischöfen geleitet, die mehr Verwaltungsbeamte seien, die mit dem Finger auf andere zeigten statt in „kollegialer geistiger Vaterschaft“ zu leiten. Es sei zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche gekommen, nicht nur wegen der „Sünden und Verbrechen“ des Missbrauchs, sondern „noch mehr durch die Bemühungen, diese zu leugnen oder zu vertuschen“. Dies habe „zu einem wachsenden Gefühl der Unsicherheit, des Misstrauens und der Verletzlichkeit unter den Gläubigen geführt“. „Versuchen wir, den Teufelskreis von gegenseitiger Beschuldigung und Diskreditierung zu durchbrechen, indem wir Geschwätz und üble Nachrede vermeiden“. Die US-amerikanische Bischofskonferenz begeht ihre außergewöhnlichen Einkehrwoche in einem Seminar nahe Chicago, dazu haben sich rund 200 Bischöfe hinter verschlossenen Türen versammelt. Der Prediger des päpstlichen Hauses, Raniero Cantalamessa, hält zweimal täglich eine Besinnung.

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Dies alles sei „eine Zeit der Turbulenzen“ gewesen „im Leben all jener Opfer, die in ihrem Fleisch unter dem Missbrauch von Macht und Gewissen und sexuellem Missbrauch von geweihten Amtsträgern, von männlichen und weiblichen Ordensleuten und Laien litten. Aber auch für Familien und für das gesamte Volk Gottes sind turbulente und leidvolle Zeiten zu verzeichnen.“

Die Wunden, die „durch diese Sünden und Verbrechen“ wurden, habe auch „die Gemeinschaft der Bischöfe zutiefst beeinflusst und nicht jene Art von gesunden und notwendigen Unstimmigkeiten und Spannungen hervorgerufen, zu denen es in jedem lebenden Körper komme“. Vielmehr sei es eher zu „Teilung und Trennung“ gekommen.

Nach Einschätzung des Papstes könne der Glaubwürdigkeitsverlust der Bischöfe nicht einfach dadurch wiederhergestellt werden, „indem man strenge Dekrete erlässt oder einfach neue Komitees einrichtet oder Flussdiagramme zeichnet, als ob wir mit [der Führung] einer Personalabteilung beauftragt wären.“ Er warnte, dass ein solches Vorgehen die Rolle der Bischöfe und der Kirche zu einer nur „administrativen oder organisatorischen Funktion in der Evangelisierungsbranche“ reduzieren würde.

Stattdessen forderte er die US-Bischofskonferenz dazu auf, nach einer „neuen Denkweise zu suchen, die die Art und Weise neu justiert, wie sich die Bischöfe „den Themen Gebet, Macht, Geld und der Welt im Allgemeinen annähern“. Er erneuerte seine Forderung nach einer „pastoralen Bekehrung“, um eine Kultur zu ändern, die er für eine Missbrauchskultur verantwortlich machte.

Diese „Zeiten der Prüfung und Trübsal können unsere brüderliche Gemeinschaft bedrohen“, warnte der Papst das US-amerikanische Bischofskollegium, „ber wir wissen auch, dass sie Zeiten der Gnade sein können, um unsere Verpflichtung gegenüber Christus aufrechterhalten und glaubwürdig machen.“

„Catholic Culture“ kommentierte den Brief folgendermaßen: „Der Papstbrief hat die Verantwortung für die Lösung des Skandals auf die Schultern der amerikanischen Bischöfe übertragen. In seinem Brief wurden die ernsten Fragen nicht anerkannt, die im Jahr 2018 nach der Glaubwürdigkeit des Vatikans und des Papstes selbst im Umgang mit der Sexualmissbrauchskrise gestellt wurden. Stattdessen konzentrierte sich der Papst besonders auf die Probleme der amerikanischen [kirchlichen] Hierarchie.“ Diese Ermahnung des Papstes an die amerikanischen Bischöfe, eine eigene Lösung für den Skandal zu finden, stehe allerdings im Widerspruch zu der Richtlinie, die er den US-Bischöfen im November gegeben hatte, als er die Abstimmung über die vorbereiteten Richtlinien zum Umgang mit der Missbrauchskrise verhinderte, kommentierte „Catholic Culture“ weiter.

EWTN-Chefredakteur Raymond Arroyo kommentierte auf Twitter: „Der Papst hat den US-Bischöfen in seinem achtseitigen Brief gesagt, diese Einkehrtage seien ‚ein notweniger Schritt‘, um auf ‚die Glaubwürdigkeitskrise‘ zu antworten, ‚die SIE als Kirche erfahren‘. Ich fürchte, die Glaubwürdigkeitskrise reicht etwas weiter als die amerikanische Kirche.“

Chico Harlan kommentierte in der „Washington Post“: „Der Brief mit seinen 3.600 Worten ist größtenteils beschreibend und ist spirituell orientiert. Er ruft nicht zu neuen Maßnahmen auf, um hochrangige Kleriker zu bestrafen oder zur Verantwortung zu ziehen – Schritte, zu denen Opfergruppen geraten hatten.“

Link: Der Papstbrief in der offiziellen Übersetzung in die englische Sprache auf der Seite der US-amerikanischen Bischofskonferenz



Archivfoto Papst Franziskus


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