03 Januar 2019, 16:00
"Ich wollte mich selbst vergessen..."
 
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"...um anderen Freude zu machen. Von da an war ich glücklich." Die Jugendkolumne von kath.net - Diese Woche ein Beitrag von Alexandra Hartlieb

Salzburg (kath.net)
Ich gehöre zu der Sorte Menschen, die gerne Bücher horten, oft neue kaufen, alte aus der Familienbibliothek mitgehen lassen, obwohl sie noch zehn andere auf dem Nachtkästchen liegen haben, die gelesen werden wollen. Schon im Volksschulalter war es mir die größte Freude, stundenlang in meiner liebsten Buchhandlung in Klagenfurt zu schmökern und anschließend meinen Vater anzubetteln, mir eines zu kaufen. Bücher hatten in meiner Familie stets eine Sonderstellung: Wenn meine Brüder und ich etwas haben wollten, sei es etwas zum Spielen oder anderes, mussten wir uns die ersehnte Sache oft „erarbeiten“, durch Hilfe im Haushalt oder durch kleine Arbeiten in unserer Imkerei. Doch für Bücher mussten wir nichts tun, die kaufte unser Vater gerne für uns Kinder.

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Eine besondere Freude war es immer, wenn jemand im Bekannten- oder Freundeskreis Bücher loswerden wollte und ich mir nach Lust und Laune einige Exemplare aussuchen durfte. So war es auch einmal, als ich 17 war. Ein befreundeter Priester hatte ein Sammelsurium alter Bücher, manche davon hatte er einfach doppelt, andere waren von keinem Interesse für ihn, und ich hatte das Privileg, einige in Besitz nehmen zu dürfen. Eines jener Bücher war die Selbstbiographie der hl. Thérèse von Lisieux, als ich mich jedoch wieder daheim angekommen selig in mein Bett kuschelte und zu lesen begann, verging mir die Freude. Nach ein paar Seiten legte ich die Lektüre zur Seite und hakte sie mental als „Müll“ ab. Langweilig, schnulzig, kein Buchstabe gefiel mir und so geriet die „Geschichte einer Seele“ schnell in Vergessenheit.

Ich weiß nicht warum, ich glaube, ich war krank, auf jeden Fall nahm ich das Buch einige Wochen oder Monate später doch wieder in die Hand, allerdings war diesmal der Kairos, die rechte Zeit, der Moment der Gnade, da. Tagelang legte ich die Memoiren der hl. Thérèse nur aus der Hand, wenn ich in den Unterricht musste, sogar die Freistunden in der Schule, die ich normalerweise scherzend mit Gymnasialkollegen verbrachte, nutzte ich zur Lektüre. Meine Faszination für diese Frau, mit ihrer Hingabe und Leidenschaft, mit ihrer großen Demut, aber auch mit ihrer Sturheit, ist seitdem ungebrochen. Bei allem, was mich an ihr begeistert, sind es wahrscheinlich v.a. die letzten Aspekte, ihre Sturheit und gleichzeitig die Demut, die mich in den Bann ziehen.

Gerade in den letzten Monaten musste ich immer wieder an eine Erzählung aus ihrem Leben denken. Mehr als nur einmal geriet ich mit Familienmitgliedern, mit meinem Verlobten, mit Freunden in heftige Diskussionen und wer mich kennt, weiß, dass die Sturheit im Rahmen meiner Charaktereigenschaften nicht gerade schwach ausgeprägt ist. Wenn ich in einem Gespräch von meinen Argumenten überzeugt bin oder wenn mir etwas vorgeworfen wird, das ich nicht getan habe, dann kämpfe ich bis zum bitteren Ende, ansonsten Finde ich keinen Frieden und ärgere mich den ganzen restlichen Tag.

Die heilige Thérèse beschrieb einen Vorfall im Karmelitinnenkonvent von Lisieux, bei dem ihr vorgeworfen wurde, einen Krug zerbrochen zu haben, sie jedoch hatte in Wirklichkeit keine Schuld daran. Aber anstatt zu widersprechen, was ihrer Sturheit entsprochen hätte, fiel sie vor der Schwester, die ihr das Vergehen vorgeworfen hatte, zu Boden, küsste ihn als Zeichen der Demut und opferte die Situation auf. Sie überwand also den eigenen Stolz, unterbrach die Diskussionskette und fand so Frieden, indem sie sich demütigte.

Ich dachte also in Situationen, in denen mein riesiger Stolz und meine Sturheit mein Recht einforderten, immer wieder an diese Geschichte und warf mich im Geiste zu Boden, um ihn zu küssen. Und anstatt innerlich unruhig zu werden, fand ich immer öfter tiefen Frieden und durfte erstmals ein wenig verstehen, warum so viele Heilige großen Wert auf Demut gelegt haben. Ich bemerkte, wie heilsam und anregend es für Beziehungen sein kann, nicht immer Recht haben zu wollen. Natürlich ist das „Boden küssen“ nicht in allen Situationen angebracht, oft sehe ich mich auch dazu verpflichtet, meine Position zu vertreten und für mein Recht einzustehen, aber ich glaube, dass das mentale Niederwerfen, das Sich-selber-demütigen und Nicht-zu-ernst-nehmen helfen kann, den eigenen Charakter zu schleifen und die Schärfe aus manch einer Situation zu nehmen. Oft habe ich einen Satz der kleinen und doch ganz großen Thérèse gelesen, dessen Bedeutung sich meinem Verständnis lange entzogen hat, aber mittlerweile glaube ich doch ein klein wenig zu begreifen, was sie meint, wenn sie schreibt: „Ich wollte mich selbst vergessen, um anderen Freude zu machen. Von da an war ich glücklich.“

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