25 Juli 2018, 11:45
50 Jahre nach Humanae vitae: Mehr Folgen als von Paul VI. befürchtet
 
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Verhütung korrodiert auch das Gemeinwohl, weil sie die gesellschaftlich relevante Mann-Frau-Beziehung privatisiert und individualisiert. Demographische Wüste ist Folge eines Verlustes der generativen Logik des Schenkens. Ein Beitrag von Livio Melina.

Brescia (kath.net/LaNuovaBussolaQuotidiana)
Am 25. Juli sind es 50 Jahre, seit Paul VI., den Papst Franziskus am 14. Oktober heiligsprechen wird, seine Enzyklika über die sittlich gute Weitergabe des menschlichen Lebens veröffentlicht hat. Zu diesem Jubiläum organisierte das 'Comitato Amici di Paolo VI' in der Geburtsstadt Giovanni Battista Montinis eine Tagung mit dem Titel «Humanae Vitae: der Glanz der Wahrheit» (Humanae Vitae: la verità che risplende). Kath.net veröffentlicht den Vortrag von Msgr. Livio Melina, Ordentlicher Professor für Moraltheologie am Päpstlichen Institut Johannes Paul II. in Rom, vom 9. Juni in deutscher Übersetzung.

Daten und Orte sind kein Zufall: Manchmal enthüllen sie uns etwas vom geheimnisvollen Plan der göttlichen Vorsehung. Es ist kein Zufall, dass wir in Brescia sind, und es ist auch kein Zufall, dass wir heute unseren Kongress an dem Tag abhalten, an dem die Kirche des Unbefleckten Herzens Mariens gedenkt. Auch ich möchte hier an den (am 6. Sept. 2017, Anm. d. Red.) verstorbenen Kardinal Carlo Caffarra erinnern, meinen Lehrer und Vorgänger als ersten Vorstand des Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. Er bezeugte uns die geheimnisvollen prophetischen Worte, die ihm Schwester Lucia von Fatima geschrieben hatte, als er sie auf Anregung des heiligen Johannes Paul II. bat, für das neue Institut für Studien über Ehe und Familie zu beten. So berichtet der Kardinal: "Sie besagten: 'Es wird eine Zeit kommen, in der der entscheidende Kampf zwischen Satan und dem Reich Christi in der Ehe und in der Familie stattfinden wird; wer die Ehe und die Familie verteidigt, wird große Verfolgungen erleben; aber haben Sie keine Angst: Unsere Liebe Frau hat ihm bereits das Haupt zertreten: Das Unbefleckte Herz Mariens wird siegen.' Diese Worte sind heute für mich und für uns alle ein großer Trost" 1.

Und so pilgerte auch der selige Paul VI., als er mit der Ausarbeitung der Enzyklika Humanae vitae begann, am 13. Mai 1967 nach Fatima und vertraute dieses wichtige Dokument der Seligen Jungfrau Maria an.

Die These, die ich darlegen möchte, lautet: Die Enzyklika des seligen Paul VI. betrifft nicht nur die Privatsphäre der Sexualität, sondern auch die soziale und öffentliche Dimension des Lebens. Sie ist daher eine Frage der Sozialethik und nicht nur der Individualmoral.

Tatsächlich war der Kontext, in dem Humanae Vitae vor fünfzig Jahren, am 25. Juli des schicksalhaften Jahres 1968, veröffentlicht wurde, geprägt von einem obsessiven Alarmzustand wegen eines unkontrollierten Wachstums der Weltbevölkerung, einer regelrechten "demographischen Bombe", - ein Alarm, der vom "Club of Rome" von Aurelio Peccei 2 ausgelöst wurde. Von Anfang an war daher der Horizont der Diskussion über die Geburtenbeschränkung von politischen Sorgen bestimmt.

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Dies spiegelt sich in der gesamten Enzyklika wider, die jedoch den Mut hat, gegen den Strom zu schwimmen, ja an die schwerwiegenden Folgen der Einführung der Empfängnisverhütung für das Sozialgefüge zu erinnern: allgemeine Senkung der Moral, Zunahme der ehelichen Untreue, Verlust des der Frau gebührenden Respekts, Anheimstellung an die Willkür der Staatsgewalt, zum Schaden der ärmsten Völker (HV 17).

Paul VI. war ein Prophet. Nicht einer dieser falschen Propheten, von denen Jesus spricht, der den Menschen schmeichelt, um ihren Applaus zu gewinnen, auch auf Kosten der Wahrheit, die er verschweigt und dabei die Weisungen des Gesetzes Gottes abwertet. Wie jeder wahre biblische Prophet hatte er aus Liebe zum Volk keine Angst, ihnen die Wahrheit zu sagen und es zu ermahnen, selbst auf die Gefahr hin, ein lästiger "Unheilsprophet" zu sein und damit leider ungehört zu bleiben 3.

Und wir heute können feststellen, dass nicht nur diese, sondern noch weitere und radikalere Folgen eingetreten sind: Die Einführung der Empfängnisverhütung hat eine regelrechte Genmutation der grundlegenden sozialen Beziehungen verursacht, die eine gefährliche Falle für das Gemeinwohl darstellt. Darüber möchte ich sprechen.

SEXUALITÄT IN DER LOGIK DES GESCHENKS: DIE LEHRE VON HUMANAE VITAE

Beginnen wir mit dem lehrmäßigen Kern des Dokuments, in Nr. 11: "Jeder eheliche Akt muss für die Weitergabe des Lebens offen bleiben", kraft der "unlösbaren Verknüpfung der beiden Sinngehalte - liebende Vereinigung und Fortpflanzung -, die beide dem ehelichen Akt innewohnen. Diese Verknüpfung hat Gott gewollt und darf der Mensch nicht eigenmächtig auflösen" (HV 12). Es handelt sich dabei nicht um eine allgemeine Feststellung eines Ideals, das dann entsprechend der Gewissensunterscheidung eines jeden einzelnen auf die konkrete Situation angewendet werden müsse, wie dies heute oft unter bewusster Verfälschung von Buchstaben und Geist des Lehramts gesagt wird 4.

Die eben erwähnte moralische Norm ist jedoch nicht eine legalistische Vorschrift eines despotischen Willens, der die Norm, wie er sie herausfließen ließ, ebenso wieder verändern könnte. Vielmehr ist sie Ausdruck einer Wahrheit über das Gute, die von der Weisheit des Schöpfers in die menschliche Natur eingeschrieben ist. Es gibt also verstehbare Gründe für die moralische Norm. Genau diese anthropologischen, ethischen und theologischen Gründe wollte Johannes Paul II. in seinen Katechesen zur "Theologie des Leibes" erkunden und lehren.

Der Leib, als Zeuge der ursprünglichen Liebe des Schöpfers, ist der Ort, an dem die Beziehungen die Isolation des Individuums durchbrechen, um die Person hervorzubringen. In der Begegnung mit der Frau entdeckt der Mann die eheliche Berufung seines eigenen Leibes zur Selbsthingabe. Und nur durch die Achtung dieser Logik der Gabe wird die personale Würde der Liebe gewahrt, in der Offenheit für ein neues Leben, das dann nicht als bloße physiologische Folge, sondern als Gabe aus der Hingabe geboren werden kann.

Zusammenfassend kann man sagen, dass Humanae vitae normativ die Bedingungen formuliert, unter denen ein sexueller Akt ein angemessener Ausdruck ehelicher Liebe ist. Nur wenn er in sich für die Weitergabe des Lebens offen bleibt, ist der sexuelle Akt zwischen den Ehepartnern eine Geste der Vereinigung der beiden, in der sich die echte Selbsthingabe im Leib verwirklicht. Die Verbindung zwischen den beiden Sinngehalten ist nicht auf der biologischen, sondern auf der intentionalen Ebene zu verorten: Es kann einen absichtlich empfängnisverhütenden Akt geben, der zwar physiologisch fruchtbar ist, aber der Wahrheit der Selbsthingabe widerspricht (z.B. ein Akt, bei dem die Verhütungsmethode versagt); ebenso kann es einen Akt geben, der an sich für das Leben offen ist, auch wenn er physiologisch unfruchtbar und als solcher bekannt ist (wie bei der natürlichen Empfängnisregelung).

Ein absichtlich unfruchtbar gemachter Akt leugnet zugleich die aufrichtige Offenheit für die Selbsthingabe und die volle Annahme des Anderen: Es ist ein Akt, der sich auf sich selbst zurückbeugt. Obwohl mit Zustimmung und Mitwirkung des Partners durchgeführt, ist der empfängnisverhütende, absichtlich der Lebensweitergabe verschlossene Akt eine Handlung, die auf die Suche nach individuellem Vergnügen abzielt, die sich nicht von der Masturbation unterscheidet. Bei dieser Handlung spielt der Geschlechtsunterschied keine qualifizierende Rolle und daher ist sie vergleichbar mit homosexuellen Handlungen. Die englische Philosophin G.E.M. Anscombe sagte vor fünfzig Jahren, dass die Befürworter der Empfängnisverhütung keine Argumente haben werden, um sich gegen homosexuelle Beziehungen zu stellen 5. Der italienische Philosoph Augusto Del Noce ging sogar so weit zu sagen, dass "der heutige Nihilismus (den er als gay - nichilismo gaio - bezeichnet) die Liebe immer 'auf homosexuelle Weise' versteht, auch wenn sie die Mann-Frau-Beziehung beibehält" 6.

Es wurde zu Recht festgestellt, dass die Mann-Frau-Beziehung mit ihrer Offenheit für die Entstehung von Kindern ursprünglich öffentlich ist und deshalb durch die Ehe bestätigt wird, während die homosexuelle Beziehung an sich privat ist und nicht als Ehe anerkannt werden kann 7. Die Verhütung privatisiert den ehelichen Akt, insofern sie ihm die Offenheit für das Leben nimmt.

In Wirklichkeit formuliert die montini'sche Enzyklika eine konkrete moralische Norm, die für jeden ehelichen Akt gilt: "Ebenso ist jede Handlung verwerflich, die entweder in Voraussicht oder während des Vollzugs des ehelichen Aktes oder im Anschluss an ihn beim Ablauf seiner natürlichen Auswirkungen darauf abstellt, die Fortpflanzung zu verhindern, sei es als Ziel, sei es als Mittel zum Ziel" (HV 14). Und sie präzisiert, dass Verhütung eine "in sich unsittliche" Handlung ist, die weder durch das Prinzip der Ganzheit noch durch das des geringeren Übels gerechtfertigt werden kann. Um ein treuer Übersetzer der von Gott festgelegten objektiven moralischen Ordnung zu sein, kann das Gewissen der Ehepartner nicht willkürlich vorgehen und autonom entscheiden, welche Wege sittlich sind (vgl. HV 10).

SEXUALITÄT, BEZIEHUNGEN UND GEMEINWOHL

Beim ersten Aufdämmern der sexuellen Revolution im Westen veröffentlichte der Großmeister der französischen Freimaurerei, Pierre Simon, ein beunruhigendes Buch, in dem er ein globales Projekt zur Umwandlung der französischen Gesellschaft darlegte, die durch eine Neudefinition der Familie und ihrer konstitutiven Beziehungen von ihrer jüdisch-christlichen Tradition emanzipiert werden sollte 8. Die Medizin wurde als das Instrument genannt, das diesen Eingriff in den gesellschaftlichen Körper ermöglichte, in erster Linie durch Verhütung, und dann durch Abtreibung und Euthanasie.

Wie erfolgt diese Umwandlung? Die Geschlechtlichkeit hat mit den Beziehungen zu tun, die die Identität des Subjekts und seine gesellschaftliche Stellung bestimmen: die Herkunfts- und Zukunftsbeziehungen, unser Dasein als Söhne und Töchter, Ehemänner und Ehefrauen, Väter und Mütter. Die Trennung der Lebensweitergabe von der Geschlechtlichkeit impliziert notwendigerweise eine radikale Veränderung dieser Beziehungen. Das Kind, das außerhalb der Sexualität gewollt und erzeugt wird, wird auf das "Produkt" eines technisch kontrollierten und evaluierten Projektes reduziert. Die Sexualität, die sich der Fortpflanzung verschließt, öffnet nicht mehr für den anderen und verliert ihre gesellschaftliche Bedeutung: Sie wird privatisiert, weil ihr der generative Atem entzogen wird, den sie in sich trägt.

Die gesellschaftliche Dimension des Paares Mann-Frau besteht in der Lebensweitergabe. Insofern Sex auf Lebensweitergabe hingeordnet ist, ist er in der Ordnung der Natur die einzige im Leib ausgeübte Tätigkeit, die uns mit dem Gemeinwohl der Gesellschaft verbindet. Und es ist eine äußerlich vom Körper ausgeübte Tätigkeit, die uns durch die darin verwirklichte persönliche Gemeinschaft und fruchtbare Zusammenarbeit Gott ähnlicher macht, uns zu einem Widerschein der Dreifaltigkeit macht 9.

Die Privatisierung ist die Verengung der sexuellen Erfahrung auf eine individualistische Sphäre, die eine Verarmung des semantischen Horizonts und der Beziehungen mit sich bringt. Wenn sie sich der Zeugung verschließt, ist die sexuelle Aktivität auch zukunftslos, auf den Augenblick beschränkt. Der Schwerpunkt auf der Leistung hat zu einer Agonie des Eros geführt 10. Eine ernsthafte Reflexion über die Statistik des "Falles Italien" zeigt, dass die so genannte "sexuelle Revolution" entgegen der landläufigen Annahme zu einem drastischen Rückgang der sexuellen Beziehungen geführt hat: Der "freie" Sex ist umso banaler und unbefriedigender geworden 11.

Die Einführung von Techniken, die Sexualität und Lebensweitergabe trennen, deformiert die sexuelle Beziehung und führt am Ende zu einer Umkehrung im Verhältnis zwischen den Generationen. Aus der geschlechtlichen Erfahrung verschwinden die Dankbarkeit und die Gabe, die erkannt, angenommen und weitergegeben wird 12, und wird durch die Suche nach selbstgenügsamer Erotik und durch Leistungsstress ersetzt 13. Die Väter und Mütter leben nicht mehr für ihre Kinder, sondern wollen ihre Kinder nur und wenn sie zu ihrem eigenen Zufriedenheitsprojekt passen. Die natürliche Ordnung ist umgekehrt: Die Kinder sind aufgerufen, für ihre Eltern zu leben.

Die demographische Wüste, mit der wir seit Jahrzehnten konfrontiert sind 14, ist nur die Folge eines Verlustes der generativen und großzügigen Logik des Schenkens, der Privatisierung der Sexualität, die vom Gemeinwohl der Gesellschaft ausgeschlossen ist, einer Verdrehung der Beziehung zwischen den Generationen. Die Verhütung korrodiert das Gemeinwohl der Gesellschaft, weil sie einen "unpolitischen" (St. Fontana), wenn nicht sogar besser gesagt "anti-politischen" Faktor in die sozialen Beziehungen einführt: das Prinzip des Individualismus der Einzelwesen, die nebeneinander gestellt und gleichzeitig einer despotischen Macht unterworfen werden, die sie beherrscht 15:

Privatisiert bis zum Äußersten, wird Sexualität auch paradoxerweise und andererseits öffentlich beworben, einer Einmischung der öffentlichen politischen und rechtlichen Macht überlassen. Die rein vertragliche Logik der postmodernen Demokratie dringt in das Privatleben ein und verändert die Intimität, so dass sie aufgrund einer utopischen absoluten Autonomie des Individuums Modelle von "reinen Beziehungen" formuliert, die aus den Angeln jedes Bezugs zu Natur und Tradition gehoben sind 16. Wie Stefano Fontana richtig sagt, ist die sexuelle Beziehung weder privat noch öffentlich: sie ist persönlich und gemeinschaftlich 17. Nur wenn sie nicht unter dem Gesichtspunkt der Empfängnisverhütung, sondern der lebensbejahenden Ehelichkeit begriffen wird, kann sie vom Zugriff der Privatisierung und der Vermarktung befreit werden.

SYMBOL UND TRANSZENDENZ

Und so stehen wir vor einer noch tieferen Manipulation: der Eliminierung der symbolischen Dimension und Transzendenz der sexuellen Beziehung. Paul VI. hatte in Humanae Vitae die Gegenwart Gottes, des Schöpfers, als Garant der Einheit zwischen dem vereinenden und dem prokreativen Sinn des ehelichen Aktes hervorgehoben. Wenn Gott nichts damit zu tun hat, wird die Fortpflanzung zu einer bloßen Reproduktion eines Exemplars der Spezies. Wenn Gott nichts damit zu tun hat, verliert die sexuelle Vereinigung die symbolische Bedeutung des Bundes und wird zu einem diabolischen Ort der Verwirrung und Ausbeutung. Getrennt vom Gottesbezug wird der Körper zu einem einfachen manipulierbaren Objekt, über das man nach Belieben verfügen kann. Wenn der Bezug zur göttlichen Vorsehung vom Horizont der Existenz verschwindet, wird das Leben zu einer Berechnung von Vor- und Nachteilen, zu einer utilitaristischen Programmierkunst, die sich verängstigt vor den Überraschungen einer Zukunft verschließt, die zu beherrschen wir vorgeben, die wir aber letztlich nicht entscheiden. Der Mensch, dem die familiären Beziehungen und die Verbindung mit Gott genommen wurden, ist schwach und zerbrechlich und daher ein prädestiniertes Opfer von manipulativen Mächten.

"Dies ist ein tiefes Geheimnis, ich beziehe es auf Christus und die Kirche" (Eph 5,32). Das Geheimnis der Sexualität, das in der Ehe erlebt wird, ist ein großes Licht für das Leben der Welt. Die Eliminierung der Dimension des "Geheimnisses" aus der Sexualität begleitet die sexuelle Revolution und ihre vermeintliche Emanzipation von Anfang an. Der Marquis De Sade wiederholt in seinem Versuch einer erzwungenen Umerziehung zu einer rein hedonistischen Sexualpraxis zwanghaft die Formel: "Das ist nichts als...", eine sowohl reduktive als auch gewalttätige Formel, die die unzerstörbare Sinnfrage zensurieren will 18.

In einer seiner letzten erhellenden Reden anlässlich der Weihnachtsgrüße an die Römische Kurie am 21. Dezember 2012 hat Papst Benedikt XVI. einen Alarmruf zum Thema Familie getätigt, die gerade seit der Einführung der Empfängnisverhütung radikal in Frage gestellt worden ist in ihrer natürlichen Physiognomie, nämlich einer Beziehung, die auf der Ehe als einer stabilen Bindung zwischen einem Mann und einer Frau beruht und auf die Zeugung und Erziehung von Kindern abzielt. Er bekräftigte, dass hier nicht nur eine bestimmte Sozialform auf dem Spiel steht, sondern der Mensch selbst in seiner grundsätzlichen Würde: "Mit der Absage an diese Bindung verschwinden auch die Grundfiguren menschlicher Existenz: Vater, Mutter, Kind".

Da Gott seit dem Alten Bund und dann auch im Neuen Bund die Symbolsprache der Familie gewählt hat, um sich zu offenbaren, wird auch die natürliche Grundlage der Sprache zerstört, um in verständlicher Weise von Gott zu sprechen, wenn man die Erfahrung verliert, ein Kind, Bruder und Schwester, Braut und Bräutigam, Vater und Mutter zu sein. Welche Worte hätten wir noch übrig, um über Gott zu sprechen, wenn die Familie diabolisch zerstört worden wäre und wir nicht mehr in der Lage wären, diese ursprünglichen Erfahrungen zu semantisieren, die uns Identität in Familienbeziehungen geben, in einer Gesellschaft von Individuen, die nicht mehr wissen, dass sie Kinder sind, die in der Verwirrung der Geschlechter leben, die keine Geschwister haben, weil sie Einzelkinder sind, und die nicht mehr Väter und Mütter sein wollen?

Eine authentische Humanökologie, wie auch von Papst Franziskus in Laudato si' (Nr. 155) erwähnt, sollte sich nicht nur mit der Verschmutzung der natürlichen Umwelt befassen, sondern auch mit der Verschmutzung der menschlichen Umwelt, der sozialen Beziehungen, die es dem Menschen erlauben, er selbst zu sein, seine Identität zu finden und die Wahrheit der Liebe in vollen Zügen einzuatmen.

So kann ich schließen mit der Feststellung, dass die Enzyklika Humanae vitae des seligen Paul VI., gerade weil sie die Wahrheit der ehelichen Liebe vor einer Logik der Herrschaft über den Körper und vor der Verschmutzung durch eine hedonistische und individualistische Mentalität schützt, auch ein wesentlicher Beitrag zum Gemeinwohl einer menschlichen Gesellschaft ist.

Msgr. Livio Melina ist Ordentlicher Professor für Moraltheologie am Päpstlichen Theologischen Institut Johannes Paul II. für Ehe- und Familienwissenschaften an der Lateranuniversität in Rom. 1984-1991 war er unter Kardinal Joseph Ratzinger Mitarbeiter der Glaubenskongregation, mit der er weiterhin zusammenarbeitet. 2006–2016 war er Vorstand des 1981 gegründeten Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien über Ehe und Familie in Rom, das am 8. September 2017 von Papst Franziskus unter dem jetzigen Namen neu gegründet wurde.


Aus dem Italienischen übersetzt von Maria Cavagno.


Fußnoten
1 C. Caffarra, “Testimonianza. La Vergine di Fatima e il Pontificio Istituto Giovanni Paolo II”, in Anthropotes XXXIII/1 (2017), 13-14.
2 Cfr. D. H. Meadows, D. L. Meadows; J. Randers; W. W. Behrens III, The Limits to Growth , Universe Book, New York 1972. R. Cascioli, Il complotto demografico. Il nuovo colonialismo delle grandi potenze economiche e delle organizzazioni umanitarie per sottomettere i poveri del mondo, Piemme, Casale M. 1996.
3 Vgl. M. Schooyans, La profezia di Paolo VI. L’Enciclica Humanae vitae, Cantagalli, Siena 2008, mit dem wichtigen Vorwort von G. Crepaldi, “La Humanae vitae e la moderna questione sociale”.
4 Vgl. dazu den Vortrag von M. Chiodi ,“Rileggere Humanae vitae (1968) a partire da Amoris Laetitia (2016)”, gehalten an der Päpstlichen Universität Gregoriana am 14 Dezember 2017, unveröffentlicht, aber wörtlich widergegeben durch Aufnahme in D. Montagna, “New Academy for Life member uses Amoris Laetitia to say some circumstances ‘require’ contraception”, in News Catholic Church, Jan 8, 2018. Vgl. M. Chiodi, “Coscienza e norma. Quale rapporto? A proposito del cap. VIII di Amoris laetitia”, in La Rivista del Clero Italiano 5 (2017), 325-338.
5 Vgl. G.E.M. Anscombe, Una profezia per il nostro tempo: ricordare la sapienza di Humanae vitae, hrsg. v. S. Kampowski, Cantagalli, Siena 2018, 87.
6 A. Del Noce, Lettera a Rodolfo Quadrelli, 8. Januar 1984 [www.tempi.it].
7 Vgl. S. Fontana, “Humanae vitae, aspetti politici dell’enciclica sull’amore coniugale”, Vortrag in Cagliari am 20. April 2018 an der Theologischen Fakultät von Sardinien, Osservatorio Internazionale Cardinale van Thuân sulla Dottrina Sociale della Chiesa.
8 P. Simon, De la vie avant toute chose, Mazarine, Paris 1979. Das Buch blieb nur wenige Wochen in Umlauf.
9 Vgl. S. Hahn, The First Society. The Sacrament of Matrimony and the Restoration of the Social Order, Emmaus Road, Steubenville OH 2018, 93.
10 Vgl. Byung-Chul Han, Eros in agonia, Nottetempo, Rom 2013.
11 Vgl. R. Volpi, “Il sesso al tempo della rivoluzione sessuale. Il caso Italia”, in Anthropotes XXXIV /1 (2018); Ders., Il sesso spuntato. Il crepuscolo della riproduzione sessuale in Occidente, Lindau, Turin 2012.
12 Vgl. S. Kampowski, Embracing Our Finitude. Exercices in a Christian Anthropology between Dependence and Gratitude, Cascade Books, Eugene OR 2018, 3-23.
13 Vgl. Z. Bauman, Gli usi postmoderni del sesso, Il Mulino, Bologna 2013.
14 Siehe: Komitee für das Kulturprojekt der Italienischen Bischofskonferenz (CEI) (Hrsg.), Il cambiamento demografico. Rapporto-proposta sul futuro dell’Italia, Vorwort von C. Ruini, Laterza, Bari 2011.
15 Vgl. S. Fontana, “Humanae vitae, aspetti politici”.
16 Vgl. A. Giddens, La trasformazione dell’intimità. Sessualità, amore ed erotismo nelle società moderne, Il Mulino, Bologna 2005.
17 Vgl. S. Fontana, “Humanae vitae, aspetti politici”.
18 Vgl. L. Lombardi Vallauri, Abortismo libertario e sadismo , Scotti Camuzzi, Mailand 1976.

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