22 Februar 2018, 12:30
Humanae vitae aufweichen?
 
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Teil 2: Innerkirchlich wurde über Jahrzehnte „konsequent die Lehre von Humanae vitae der Lächerlichkeit preisgegeben und als unlebbar hingestellt.“. Gastbeitrag von Bischofsvikar Helmut Prader, Diözesanfamilienseelsorger St. Pölten

St. Pölten (kath.net) In einem ersten Teil habe ich über meine Erfahrungen geschrieben, die ich mit der Lehre der Enzyklika „Humanae vitae“ in der Seelsorge gemacht habe. Die damit verbundene Lebensweise der Natürlichen Empfängnisregelung (kurz: NER) ist natürlich eine Herausforderung. Aber gerade deshalb ist sie so reizvoll und letztlich zielführend.

Es gibt natürlich auch Einwände gegen NER:
1. NER sei nur lebbar bei sehr regelmäßigen Zyklen
2. NER sei nur etwas für Paare, die ganz tief im Glauben stehen
3. NER sei nur für Personen, die kein starkes Bedürfnis nach Sexualität haben
4. NER und die damit verbundenen Phasen der Enthaltsamkeit seien unzumutbar
5. Der überwiegende Teil der Paare halte sich ohnehin nicht an die Lehre der Kirche

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Ad 1: Gerade bei sehr unregelmäßigen Zyklen bewährt sich NER, weil der jeweilige konkrete und aktuelle Zyklus ausgewertet wird. Die Auswertungsregeln sind dermaßen präzise, dass auch bei unregelmäßigen Zyklen eine 100%-ige Zuverlässigkeit festgestellt werden kann. Gerade dort, wo absolute Kontraindikation gefordert ist (z. B. aus medizinischen Gründen oder wegen der Einnahme verschiedener Medikamente), ist NER eigentlich DIE Lösung schlechthin, weil keine Methode der Verhütung eine Sicherheit von 100% hat. Es bliebe einzig die völlige Enthaltsamkeit!

Ad 2: Es ist eigentlich genau umgekehrt: Viele Paare finden gerade durch NER zum Glauben, weil sie ein viel tieferes Gespür für die Verantwortung und Freiheit bekommen, die Gott ihnen übertragen hat. NER ist ein Leben mit der Natur und mit dem Wesen der Frau und nicht gegen sie!

Ad 3: Es ist nicht zu leugnen, dass die zeitweilig verlangte Enthaltsamkeit bei der NER eine Herausforderung ist. NER bewirkt aber auch, dass die Sexualität nicht zu etwas Banalem abgleitet, sondern Vorfreude reifen darf und die Sexualität etwas Besonderes bleibt, gerade deshalb, weil der andere nicht ständig zur Verfügung steht.

Ad 4: Meine Erfahrung zeigt mir bei allen begleiteten Paaren, dass gerade durch die Verhütung die Paare mit der Zeit immer weniger Einswerden. Umgekehrt hat die Hinwendung zur NER zur Folge, dass es oft zu einer Wieder- und Neubelebung der Sexualität kommt und die Paare mir rückmelden, dass es trotz der periodischen enthaltsamen Phasen (oder gerade wegen der periodischen Enthaltsamkeit?) zu einem wesentlich häufigeren körperliche Einswerden kommt.

Ad 5: Das stimmt, aber woran liegt es, dass NER nicht bekannt ist? Ich kann nicht den Leuten die Schuld geben, dass sie NER nicht leben und nicht kennen, wenn es in den letzten 50 Jahren auch kaum verkündet wurde! Mein Vorwurf lautet: Die Lehre der Kirche wurde über Jahrzehnte erfolgreich verschwiegen! (Siehe dazu auch: http://kath.net/news/44435) In Ableitung von Röm 10, 14 möchte ich schreiben: Wie aber sollen sie an etwas glauben, von dem sie nichts hörten? Und wie sollen sie hören, WENN NIEMAND VERKÜNDET?

Die allermeisten – auch katholischen Paare – leben in verschiedenen Formen eine Weise der Verhütung. Es bleibt ihnen auch keine andere Wahl, weil die, die es besser wissen müssten, über Jahrzehnte darüber geschwiegen haben, weil sie bewusst wollten, dass die Lehre geändert wird. Noch schlimmer aber wiegt, dass bewusst all jene in ihrem Tun behindert und unterdrückt wurden und werden, die einerseits von der Richtigkeit von HV überzeugt sind und andererseits ganz praktisch den Leuten eine Hilfe an die Hand geben wollen, um im Sinne von HV ihre Ehe und Sexualität zu leben. Es hat einen ganz schlechten Beigeschmack, wenn jemand einerseits behauptet, „praktisch niemand“ würde sich an die Lehre der Kirche halten, weshalb die Lehre überflüssig sei und andererseits die Gleichen mit verantwortlich sind, dass die Lehre nicht bekannt wurde, weil jene darüber hinaus sogar aktiv dafür gesorgt hat, dass die Verkündigung unterdrückt wird.

In der Zwischenzeit haben wir bereits die dritte Generation, für die Verhütung der Normalfall ist. Wie viel wird kirchlicherseits unternommen, um die Lehre von Natürlicher Empfängnisregelung bekannt zu machen? Sind es nicht immer nur Rufer in der Wüste innerhalb der Kirche, die dies versucht haben? Oder ist es nicht viel mehr so, dass kirchlicherseits viel unternommen worden ist, um die Verbreitung der NER zu unterbinden? Gäbe es nicht private Initiativen wie etwa das Institut für Natürliche Empfängnisregelung von Prof. Dr. med. Josef Rötzer NER (www.iner.org), gäbe es de facto keine Angebote, um den Paaren praktische Anleitungen zu bieten, wie sie verantwortliche Elternschaft im Sinne von Humanae vitae leben können.

Gleiches gilt für das Theologiestudium. Über Jahrzehnte wurde konsequent die Lehre von Humanae vitae der Lächerlichkeit preisgegeben und als unlebbar hingestellt. Die moralische Bewertung der unterschiedlichen Methoden der Geburtenregelung sieht so aus, dass die Verhütung allgemein als Normalfall angesehen wird. Wie könne man sich da auch noch erdreisten, die Lehre von HV noch immer zu verkünden, gar zu empfehlen oder noch schlimmer, sie sogar einzufordern? Und werden nicht jene Hochschulen, die in ihrem Lehrplan die Lehre der Kirche positiv vorlegen, als „altmodisch, konservativ, nicht für unsere moderne Zeit passend“ bezeichnet?

Ich rede hier aus tiefster Überzeugung und mit dem Hintergrundwissen, was es für Paare an Lebens- und Ehequalität bedeutet, wenn sie zur Lehre von HV gefunden haben. Denn jene, die die tatsächliche Lehre kennengelernt haben und auch ganz konkret und konsequent umsetzen, sind im überwiegenden Teil (über 95%) mit NER glücklich und zufrieden (siehe „Rhomberg-Studie“). Und 99% empfehlen NER weiter! Sollte diese Lehre jetzt auch noch offiziell aufgeweicht werden, tragen all jene, die dafür verantwortlich sind, unmittelbar Mitverantwortung, wenn gutwillige Paare ins Verderben laufen, weil sie sich auf (faule) Kompromisse einlassen.

Letztlich ist es die Wahrheit, die uns frei macht (Joh 8, 32). Denn Gott will, dass alle Menschen gerettet werden, und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (1 Tim 2,4).

Bischofsvikar Dr. theol. Prader ist Pfarrer von Neuhofen an der Ybbs und Dozent für Theologie von Ehe und Familie an der Phil.-Theol. Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, er ist Mitglied des Instituts für Moraltheologie

Symbolbild: Liebe


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