21 Februar 2018, 13:00
Die Gefahr der namenlosen Religion ohne feste Lehre
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Die Menschen zu Gott, dem in der Bibel sprechenden Gott zu führen, ist die oberste und grundlegende Priorität der Kirche und des Petrusnachfolgers in dieser Zeit“: so schrieb Papst Benedikt XVI. in seinem Brief die Bischöfe der katholischen Kirche in Sachen Aufhebung der Exkommunikation der vier von Erzbischof Lefebvre geweihten Bischöfe vom 10. März 2009. Und dieser in einem spezifischen, damals auch dramatischen Kontext gesprochene Satz könnte den gesamten Pontifikat Benedikts XVI. beschreiben: was wollte der „Theologenpapst“, der zu den größten lebenden Intellektuellen zu zählen ist? Nur das, richtig, aber: „nicht zu irgendeinem Gott, sondern zu dem Gott, der am Sinai gesprochen hat; zu dem Gott, dessen Gesicht wir in der Liebe bis zum Ende (Joh 13, 1) – im gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus erkennen“ (Brief vom 10.3.2009).

„Nicht irgendein Gott“, kein undifferenziert „gespürtes Wesen“, das dann auch ignoriert werden könnte oder sich im Raum persönlicher oder gesellschaftlicher Befindlichkeiten auflöst, nicht irgendein Gott unter den vielen anderen selbstgeschaffenen Göttern, nicht der „Gott der Philosophen“, die sich dann mehr oder weniger aufgeklärt gebärden, sondern der eine Gott, der sich in der Geschichte offenbarte und der sich dem Menschen in der Fleischwerdung absolut zuwandte, ihm in allem gleich außer der Sünde. Benedikt XVI. verkündete gegen die neuheidnische Vielgötterei und ihren Miseren den einen Gott, der „caritas“ ist und den Menschen auf die Hoffnung hin gerettet hat.

Das war für den Papst deshalb notwendig, weil er sich in besonderer Weise dessen bewusst war, was bereits Tertullian (ca. 155 – ca. 230) im 7. Kapitel seines „Apologeticum“ feststellte, natürlich in einer anderen Zeit, in einem anderen Kontext, der sich jedoch nunmehr in der Jetztzeit gefährlich wiederzuspiegeln scheint: „Täglich werden wir umlagert, täglich verraten, selbst bei unsern Versammlungen und Zusammenkünften häufig überfallen“ („cottidie obsidemur, cottidie prodimur, in ipsis etiam plurimum coetibus et congregationibus nostris opprimimur“; 7,4).

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In diesem Zusammenhang ist es interessant, sich mit den Worten auseinanderzusetzen, die Benedikt XVI. am 13. September 2010 an den neu beim Heiligen Stuhl akkreditierten deutschen Botschafter richtete. Der Papst erklärte: „Zugleich bemerken wir bei vielen Zeitgenossen eine weitaus geringere religiöse Bindung, als es bei diesen Glaubenszeugen der Fall war. Man mag sich fragen, ob es auch heute noch Christen gibt, die mit einer solchen Kompromisslosigkeit für ihren Glauben eintreten. Viele Menschen sind wohl eher geneigt, nachgiebigeren religiösen Auffassungen auch für sich selbst Raum zu geben. An die Stelle des personalen Gottes des Christentums, der sich in der Bibel offenbart, tritt ein geheimnisvolles und unbestimmtes Höchstes Wesen, das nur eine vage Beziehung zum persönlichen Leben des Menschen hat.

Diese Auffassungen prägen zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs, die Rechtsprechung und die Gesetzgebung. Wenn man aber den Glauben an Gott als Person aufgibt, dann ist die Alternative ein »Gott«, der nicht erkennt, nicht hört und nicht spricht. Und er hat erst recht keinen Willen. Wenn Gott keinen Willen hat, dann ist gut und böse letztlich nicht mehr zu unterscheiden.

Gut und Böse stehen nicht mehr im Widerspruch zueinander, sondern sind nur ein Gegensatz, in dem beide Elemente komplementär sind. Den Menschen geht damit die moralische und geistige Kraft verloren, die für eine ganzheitliche personale Entwicklung notwendig ist. Das soziale Handeln wird mehr und mehr von privaten Interessen oder vom Machtkalkül bestimmt zum Schaden für die Gesellschaft. Wenn aber Gott Person ist – und die Schöpfungsordnung wie auch die Präsenz von vielen gläubigen Christen in der Gesellschaft ist ein Indiz dafür –, dann ist damit eine in Gott gegründete Werteordnung legitimiert. In jüngster Zeit gibt es Anzeichen, daß sich neue Beziehungen zwischen Staat und Religion jenseits der bisher bestimmenden großen christlichen Kirchen entwickeln. Den gläubigen Christen ist es in dieser Situation aufgetragen, diese Entwicklungen positiv und kritisch zu verfolgen und daher den Sinn zu schärfen für die fundamentale und bleibende Bedeutung des Christentums in der Grundlegung und Gestaltung unserer Kultur“.

„Gut und Böse stehen nicht mehr im Widerspruch zueinander, sondern sind nur ein Gegensatz, in dem beide Elemente komplementär sind“: deshalb ist es neu notwendig, die absolute Priorität Gottes zum Heil der Menschheit zu verkünden. Deshalb ist „der Liebe zu Christus nichts vorziehen“ – „nihil amori Christi praeponere“ (Regel des heiligen Benedikt 4,21).


kath.net veröffentlicht die Ansprache von Papst Benedikt XVI. an den neuen Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl vom 13. September 2010:

Sehr geehrter Herr Botschafter,

sehr gerne nehme ich die feierliche Überreichung des Beglaubigungsschreibens, mit dem Sie heute als außerordentlicher und bevollmächtigter Botschafter der Bundesrepublik Deutschland beim Heiligen Stuhl akkreditiert werden, zum Anlaß, um Sie willkommen zu heißen und Ihnen meine besten Wünsche für Ihre hohe Mission auszusprechen. Einen herzlichen Dank sage ich Ihnen für die freundlichen Worte, die Sie auch im Namen des Herrn Bundespräsidenten Christian Wulff und der deutschen Bundesregierung an mich gerichtet haben. Gerne entbiete ich meinerseits dem Staatsoberhaupt, den Mitgliedern der Bundesregierung und allen Bürgerinnen und Bürgern Deutschlands meine Segensgrüße und verbinde damit die Hoffnung, daß die guten Beziehungen zwischen dem Heiligen Stuhl und der Bundesrepublik Deutschland in Zukunft fortdauern und sich weiter entwickeln werden.

Viele Christen in Deutschland blicken mit aufmerksamer Erwartung auf die bevorstehenden Seligsprechungen verschiedener Märtyrerpriester aus der Zeit des Naziregimes. An diesem Sonntag, dem 19. September, wird in Münster Gerhard Hirschfelder seliggesprochen. Im Laufe des nächsten Jahres werden die Feiern für Georg Häfner in Würzburg sowie für Johannes Prassek, Hermann Lange und Eduard Müller in Lübeck folgen. Mit den Lübecker Kaplänen wird auch des evangelischen Pastors Karl Friedrich Stellbrink gedacht werden. Die bezeugte Freundschaft der vier Geistlichen im Gefängnis ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Ökumene des Gebets und des Leidens, wie sie vielerorts in jenen dunklen Tagen nationalsozialistischen Terrors unter Christen verschiedener Konfessionen aufgeblüht ist. Für unser gemeinsames Voranschreiten in der Ökumene dürfen wir diese Zeugen dankbar als leuchtende Wegmarken wahrnehmen.

An diesen Märtyrern wird exemplarisch deutlich, wie Menschen aus ihrer christlichen Überzeugung heraus für den Glauben, für das Recht der ungehinderten Religionsausübung und der freien Meinungsäußerung, für Frieden in Freiheit und für die Menschenwürde ihr Leben hinzugeben bereit sind. Heute leben wir glücklicherweise in einer freien und demokratischen Gesellschaft. Zugleich bemerken wir bei vielen Zeitgenossen eine weitaus geringere religiöse Bindung, als es bei diesen Glaubenszeugen der Fall war. Man mag sich fragen, ob es auch heute noch Christen gibt, die mit einer solchen Kompromißlosigkeit für ihren Glauben eintreten. Viele Menschen sind wohl eher geneigt, nachgiebigeren religiösen Auffassungen auch für sich selbst Raum zu geben. An die Stelle des personalen Gottes des Christentums, der sich in der Bibel offenbart, tritt ein geheimnisvolles und unbestimmtes Höchstes Wesen, das nur eine vage Beziehung zum persönlichen Leben des Menschen hat.

Diese Auffassungen prägen zunehmend den gesellschaftlichen Diskurs, die Rechtsprechung und die Gesetzgebung. Wenn man aber den Glauben an Gott als Person aufgibt, dann ist die Alternative ein »Gott«, der nicht erkennt, nicht hört und nicht spricht. Und er hat erst recht keinen Willen. Wenn Gott keinen Willen hat, dann ist gut und böse letztlich nicht mehr zu unterscheiden. Gut und Böse stehen nicht mehr im Widerspruch zueinander, sondern sind nur ein Gegensatz, in dem beide Elemente komplementär sind. Den Menschen geht damit die moralische und geistige Kraft verloren, die für eine ganzheitliche personale Entwicklung notwendig ist. Das soziale Handeln wird mehr und mehr von privaten Interessen oder vom Machtkalkül bestimmt zum Schaden für die Gesellschaft. Wenn aber Gott Person ist – und die Schöpfungsordnung wie auch die Präsenz von vielen gläubigen Christen in der Gesellschaft ist ein Indiz dafür –, dann ist damit eine in Gott gegründete Werteordnung legitimiert.

In jüngster Zeit gibt es Anzeichen, daß sich neue Beziehungen zwischen Staat und Religion jenseits der bisher bestimmenden großen christlichen Kirchen entwickeln. Den gläubigen Christen ist es in dieser Situation aufgetragen, diese Entwicklungen positiv und kritisch zu verfolgen und daher den Sinn zu schärfen für die fundamentale und bleibende Bedeutung des Christentums in der Grundlegung und Gestaltung unserer Kultur.

Mit Sorge sieht die Kirche allerdings die wachsende Verdrängung des christlichen Verständnisses von Ehe und Familie aus dem gesellschaftlichen Bewußtsein. Die Ehe entfaltet sich als dauerhafte Liebesverbindung eines Mannes und einer Frau, die immer auch auf die Weitergabe menschlichen Lebens ausgerichtet ist. Eine Voraussetzung ist dabei die Bereitschaft der Partner, sich für immer aufeinander einzulassen. Dafür bedarf es einer gewissen Reife der Persönlichkeit und einer existentiellen und sozialen Grundhaltung, der »Kultur der Person«, wie es mein Vorgänger Papst Johannes Paul II. einmal genannt hat.

Das Bestehen dieser Kultur der Person hängt auch von gesellschaftlichen Entwicklungen ab. Es kann geschehen, daß die Kultur der Person in einer Gesellschaft absinkt; nicht selten folgt dies paradoxerweise aus einem Wachstum des Lebensstandards. In der Vorbereitung und Begleitung der Ehepartner ist es notwendig, Rahmenbedingungen zu schaffen, um die Kultur der Person anzuheben und zur Entfaltung zu bringen. Zugleich sollten wir uns bewußt sein, daß das Schicksal der Ehen von uns allen abhängt, von der Kultur der Person jedes einzelnen Mitbürgers. In diesem Sinne kann die Kirche den Gesetzesinitiativen, die eine Aufwertung von alternativen Partnerschafts- und Familienmodellen bedeuten, nicht zustimmen. Sie tragen zu einer Aufweichung naturrechtlicher Prinzipien und damit zur Relativierung der gesamten Gesetzgebung, aber auch zu einer Verschwommenheit der Wertvorstellungen in der Gesellschaft bei.

Es ist ein im Naturrecht verankerter Grundsatz des christlichen Glaubens, daß die menschliche Person gerade in der Situation der Schwäche zu schützen ist. Der Mensch hat immer Vorrang gegenüber anderen Zwecken. Die neuen Möglichkeiten von Biotechnologie und Medizin führen uns hier oft in komplexe Situationen, die einer Wanderung auf schmalem Grat gleichen. Wir haben die Pflicht, genau zu prüfen, wo solche Verfahren eine Hilfe für den Menschen sein können und wo es um Manipulation des Menschen, um eine Verletzung seiner Integrität und Würde geht. Wir können uns diesen Entwicklungen nicht verweigern, müssen aber sehr wachsam sein. Wenn man einmal damit beginnt, und oft geschieht dies schon im Mutterleib, zwischen lebenswertem und lebensunwertem Leben zu unterscheiden, wird keine andere Lebensphase ausgespart bleiben, gerade auch Alter und Krankheit nicht.

Der Aufbau einer menschlichen Gemeinschaft erfordert die Treue zur Wahrheit. In diesem Zusammenhang stimmen in jüngster Zeit gewisse Erscheinungen im Bereich der öffentlichen Medien bedenklich: In einem immer härter werdenden Wettbewerb sehen sich die Medien gedrängt, möglichst viel Aufmerksamkeit zu erlangen. Zudem ist es der Kontrast, der in der Regel Aufsehen erregt, auch wenn dies auf Kosten des Wahrheitsgehalts der Meldung geht. Problematisch wird es besonders, wenn Verantwortungsträger öffentlich Stellung nehmen, ohne in der Lage zu sein, alle Aspekte adäquat zu prüfen. Das Bestreben der Bundesregierung ist zu begrüßen, in solchen Fällen nach Möglichkeit ausgleichend und Frieden stiftend zu wirken.

Herr Botschafter, meine guten Wünsche für Ihre Arbeit und für die Kontakte, die Sie mit den Vertretern der Römischen Kurie, mit dem Diplomatischen Corps und auch mit den in Rom lebenden Priestern, Ordensleuten und kirchlich engagierten Laien haben werden, begleiten Sie. Von Herzen erbitte ich Ihnen, Ihrer werten Gattin sowie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Botschaft Gottes reichen Segen.

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