11 Mai 2017, 13:00
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Franziskus in Santa Marta: Glaube und Moral klären sich entlang des Wegs. Was einst normal war, ist heute Todsünde. Gott wollte die Begegnung mit dem Menschen in der Geschichte. Die erste und die zweite Fülle der Zeiten. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) „Gott hat sich in der Geschichte zu erkennen gegeben, die Heilsgeschichte ist lang und groß“: in seiner Predigt bei der heiligen Messe am Donnerstag der vierten Woche im Osterkreis in der Kapelle des vatikanischen Gästehauses „Domus Sanctae Marthae“ setzte sich Papst Franziskus mit der Verkündigung des Apostels Paulus auseinander, von der die erste Lesung aus der Apostelgeschichte berichtet (Apg 13,13-25).

Um von Jesus zu sprechen, beginne Paulus in der Geschichte des Volkes Israel, als dieses aus Ägypten ausziehe. „Das Heil Gottes“, so der Papst, „ist unterwegs zur Fülle der Zeiten“. Dabei handle es sich um einen Weg mit „Sündern und Heiligen“. Gott „führt sein Volk, verbunden mit guten und mit schlechten Momenten, in Freiheit und Knechtschaft. Doch er führt das Volk zur Fülle“, hin zur Begegnung mit dem Herrn. Am Ende des Wegs also stehe Jesus. Dennoch sei die Geschichte damit nicht zu Ende, denn Jesus „hat uns den Geist hinterlassen“. Und gerade der Heilige Geist „lässt uns erinnern, er lässt uns die Botschaft Jesu begreifen: es beginnt ein zweiter Weg“. Die Kirche „geht auf diese Weise voran, mit vielen Heiligen und mit vielen Sündern. Unter Gnade und Sünde geht die Kirche voran“.

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Dieser Weg sei dazu da, „um die Person Jesu zu verstehen, um sie zu vertiefen, um den Glauben zu vertiefen“. Dies bedeute auch: „um die Moral, um die Gebote zu begreifen“. Und dabei sei etwas, das in der Vergangenheit normal erschienen sei, das keine Sünde gewesen sei, heute eine Todsünde:

„Denken wir an die Sklaverei: als wir in die Schule gingen, erzählten sie uns, was mit den Sklaven getan wurde, man brachte sie von dem einen Ort weg und verkaufte sie an einem anderen, in Lateinamerika wurden sie verkauft und gekauft... Das ist eine Todsünde. Heute sagen wir das. Damals hieß es: ‚Nein’. Im Gegenteil, einige sagten, dass man das tun konnte, weil diese Leute keine Seele gehabt hätten! Doch man musste weitergehen, um den Glauben besser zu verstehen, um die Moral besser zu verstehen. ‚Ach Pater, Gott sei dank gibt es heute keine Sklaven mehr!’. Heute gibt es mehr!..., aber wenigstens wissen wir, dass das eine Todsünde ist. Wir sind weitergegangen: dasselbe mit der Todesstrafe, die einmal normal war. Und heute sagen wir, dass die Todesstrafe unannehmbar ist“.

Dasselbe gelte für die „Religionskriege“. Inmitten dieser Klärung des Glaubens, dieser Klärung der Moral stünden die Heiligen, „die Heiligen, die wir alle kennen, und die verborgenen Heiligen“. Die Kirche „ist voller verborgener Heiliger“, und „diese Heiligkeit ist es, die voranbringt, hin zur zweiten Fülle der Zeiten, wenn der Herr am Ende kommen wird, um alles in allen zu sein“. Auf diese Weise also „wollte sich Gott von seinem Volk erkennen lassen: unterwegs“:

„Das Volk Gottes ist unterwegs. Immer. Wenn das Volk Gottes stehen bleibt, wird es zum Gefangenen in einem Stall, wie ein kleiner Esel: es begreift nicht, es geht nicht weiter, es vertieft den Glauben, die Liebe nicht, es läutert die Seele nicht. Doch es gibt noch eine weitere Fülle der Zeiten, eine dritte. Unsere. Jeder von uns ist unterwegs hin zur Fülle der eigenen Zeit. Jeder von uns wird zu dem Augenblick der vollen Zeit gelangen, und das Leben wird enden und den Herrn finden müssen. Und das ist unser Augenblick. Unser persönlicher Augenblick. Den wir auf dem zweiten Weg leben, in der zweiten Fülle der Zeit des Gottesvolkes. Jeder von uns ist unterwegs. Denken wir daran: die Apostel, die ersten Verkünder mussten begreifen lassen, dass Gott sein Volk unterwegs geliebt, gewählt hat, dass Gott sein Volk unterwegs geliebt hat, immer“.

Jesus „hat den Heiligen Geist gesandt, damit wir unterwegs gehen können“. Es sei „gerade der Geist, der uns zum Gehen drängt: das ist das große Werk der Barmherzigkeit Gottes“. Ein jeder von uns „ist unterwegs zur Fülle der persönlichen Zeit“. Franziskus unterstrich, dass man sich fragen müsse, ob wir glaubten, dass „die Verheißung Gottes eine Verheißung unterwegs war“ und dass die Kirche „noch heute unterwegs ist“.

Ebenso sei es notwendig, sich bei der Beichte zu fragen, ob wir jenseits der Scham wegen unserer Sünden „begreifen, dass jener Schritt, den ich tue, ein Schritt auf dem Weg hin zur Fülle der Zeiten ist“. „Gott um Vergebung zu bitten“, so der Papst, „ist nichts Automatisches“:

„Gott um Vergebung zu bitten heißt, zu verstehen, dass ich unterwegs bin, in einem Volk, das unterwegs ist, und dass ich mich eines Tages – vielleicht heute, morgen oder in dreißig Jahren – von Angesicht zu Angesicht mit jenem Herrn vorfinden werde, der uns nie allein lässt, sondern auf dem Weg begleitet. Denken wir nach: wenn ich zum Beichten gehe, denke ich an diese Dinge? Dass ich unterwegs bin? Dass es sich um einen Schritt hin zur Begegnung mit dem Herrn handelt, hin zu meiner Fülle der Zeiten? Und das ist das große Werk der Barmherzigkeit Gottes“.

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