12 April 2017, 10:00
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Die Frauenrechtlerin, Sozialpolitikerin und Konvertitin Elisabeth Gnauck-Kühne starb vor 100 Jahren. Gastbeitrag von Alfred Sobel

Blankenburg (kath.net) Elisabeth Gnauck-Kühne wurde am 2. Januar 1850 in Vechelde im Herzogtum Braunschweig als Tochter des Staatsanwaltes Friedrich August Kühne geboren. Sie war das dritte und jüngste Kind ihrer Eltern. Nach der Ausbildung zur Lehrerin arbeitete sie einige Jahre als Hauslehrerin in London und Paris.

Mit 25 Jahren gründete sie mit ihrer Schwester in ihrem Heimatort Blankenburg im Harz ein Erziehungsinstitut für ‚Töchter höherer Stände.’ Es war eine exklusive Mädchenschule, die für 25 Töchter der besseren Gesellschaft offenstand.

Als Schulleiterin war sie beruflich und finanziell unabhängig, was damals außergewöhnlich war. Sie leitete das Institut 13 Jahre lang bis zu ihrer Heirat im Jahr 1888.

Die Ehe mit dem Nervenarzt RUDOLF GNAUCK endete tragisch und scheiterte nach kürzester Zeit. Das Zusammenleben muss eine Katastrophe gewesen sein, denn die junge Frau reichte bereits nach vier Monaten Ehe die Scheidung ein, die 1890 erfolgte. Ihr Mann wurde als ‚alleinschuldig’ verurteilt.

Das Scheitern ihrer Ehe empfand Elisabeth Gnauck-Kühne als großen Einschnitt und Bruch in ihrem Leben. Die Ohnmacht, die sie aufgrund der rechtlichen Situation während des Scheidungsprozesses erlebte, gab ihr den Antrieb, sich von nun an für die rechtliche Besserstellung von Ehefrauen einzusetzen. Aus eigener Erfahrung wurde sie zur Frauenrechtlerin.

Zunächst aber musste sie sich beruflich neu orientieren. Nach der Scheidung konnte sie nicht mehr als Schulleiterin arbeiten, die damaligen gesellschaftlichen Konventionen ächteten geschiedene Frauen. Sie zog nach Berlin mit dem Wunsch zu studieren, was für damalige Verhältnisse ein fast aussichtsloser Wunsch war. Denn Elisabeth Gnauck-Kühne hatte kein Abitur und – schlimmer noch- Frauen wurden damals nicht zum Studium zugelassen. Aber sie ließ sich nicht von ihrem Ziel abbringen. Ab 1891 erwarb sie in einem von Helene Lange eingerichteten Realkurs die Voraussetzung zum Studieren.

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Mehrere Eingaben des Allgemeinen Deutschen Frauenvereins, Frauen zum Studium zuzulassen, wurden vom Reichstag abgelehnt. Das war der Anstoß für Elisabeth Gnauck-Kühne, sich der Frauenfrage zuzuwenden. Sie veröffentlichte 1891 ihre Streitschrift ‚Das Universitätsstudium der Frau’. Ihr Ausgangspunkt war die soziologische, statistisch belegte Tatsache, dass es einen Überschuss an Frauen gab und daher eine Eheschließung und eheliche Versorgung für viele Frauen unmöglich war.

Als Alternative betonte sie die Selbsthilfe, ein Gedanke, der später Eingang fand in die katholische Soziallehre. Ihre Überlegung war: Um sich selbst helfen zu können, müssten Frauen studieren können. Auf die Argumente, dass Frauen nur für Ehe, Kindererziehung und Haushaltung geeignet seien, konterte sie schlagfertig und humorvoll.

Durch ihre Veröffentlichung wurde der Berliner Nationalökonom Gustav Schmoller auf Elisabeth Gnauck-Kühne aufmerksam. Er erteilte ihr zuerst Privatunterricht und förderte ihr sozialwissenschaftliches Interesse. Schließlich erhielt sie 1895 die ministerielle Sondergenehmigung, als erste Frau offiziell an seinen Seminaren teilnehmen zu können.

Während ihres Studiums entdeckte sie ein weiteres gesellschaftliches Problemfeld: Die Lebens- und Arbeitsbedingungen von Fabrikarbeiterinnen, die für sie als Frau aus dem Bürgertum eine unbekannte Welt waren. Um die Lebensverhältnisse von Arbeiterinnen hautnah mitzuerleben, nahm sie im Jahr 1894 unter großen Hindernissen die Arbeit in einer Berliner Kartonagenfabrik auf. Sie wollte ungeschönt die Wirklichkeit der Lebens- und Arbeitsbedingungen des weiblichen Proletariats kennen lernen. Das erinnert an Simone Weil, die gleichfalls das Leben und die Arbeit des Proletariats teilen wollte.

Die Frauenfrage von bürgerlichen Frauen führte sie zur Frauenfrage der Arbeiterklasse. Sie sammelte Gleichgesinnte um sich. Seit 1894 leitete sie als überzeugte Christin die von ihr gegründete evangelisch-soziale Frauengruppe in Berlin und engagierte sich in der evangelischen Frauenbewegung. Sie forderte für die Arbeiterinnen eine gerechtere, leistungsbezogene Entlohnung ihrer Arbeit nach dem Prinzip ‚gleicher Lohn für gleiche Arbeit’, um die Abhängigkeit von ihren Ehemännern zu verringern.

Großes Aufsehen erregte Elisabeth Gnauck-Kühne 1895 mit einer Rede über „Die soziale Frage der Frau“ auf dem 6. Evangelisch-Sozialen Kongress in Erfurt, wo sie als erste Frau öffentlich das Wort ergriff. Hierbei forderte sie das Recht der Frauen auf Arbeit, Bildung und Selbstorganisation. Wohltätigkeit war ihr zu wenig. Nachfolge Christi bedeutete für sie, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Von einem betont christlichen Standpunkt verband sie die Frauenfrage mit der sozialen Frage.

Sie nahm Kontakt auf mit Vertreterinnen aus der Sozialdemokratie, zu Gewerkschaftlern und Frauen aus der sozialistischen Frauenbewegung und begann einen Briefwechsel mit Clara Zetkin der Interessenvertreterin proletarischer Frauen. Berührungsängste waren ihr fremd.

Ihr vielseitiges Engagement führte zu gesundheitlichen Problemen. Nach einem Nervenzusammenbruch 1897 legte sie deshalb den Vorsitz der evangelisch-sozialen Frauengruppe nieder.

In dieser als Lebenskrise empfundenen Zeit, in der sie wiederholt über die Heimatlosigkeit ihres Lebens klagte, kam sie mit dem Katholizismus näher in Berührung. Wie Simone Weil fand sie auf ihrer Suche nach spiritueller Tiefe und Geborgenheit zum Katholizismus. Für viele überraschend konvertierte sie am 24. März 1900 beim Redemptoristenpater Augustin Rösler in Mautern in der Steiermark ‚vom kahlen Armenhaus Protestantismus’ zum ‚reichen Palast Katholizismus’. Über die Beweggründe zur Konversion schreibt Elisabeth Gnauck-Kühne in ihren ‚Aufzeichnungen zum Glaubenswechsel’:

„Als ich meine Initiative wiederfand, war ich 49 Jahre alt. Entkirchlicht, dem Protestantismus innerlich fremd. Was mich zuerst zurückstieß, war der Mangel an Schönheit der Lehre. Auch fand ich mich in dem Gewirr von Meinungen nicht mehr zurecht. Was der eine Geistliche lehrt, wird von einem andern verworfen.“

Die Konversion der bekannten Publizistin und Frauenrechtlerin geriet in protestantischen Kreisen zum öffentlichen Skandal. Am Katholizismus schätzte sie besonders die Ehelosigkeit als geachtete Lebensform, während es –nach ihrer Ansicht- im Protestantismus nur ‚Ehefrauen und unfrohe alte Jungfern’ gab. Klosterfrauen betrachtete sie als ‚die einzigen im eigentlichen Wortsinne Emanzipierten, d.h. der Hand des Mannes entrückten’.

Gerade die Hochschätzung der Ehelosigkeit war für die Frauenrechtlerin als geschiedene, alleinstehende Frau ein Grund für die Konversion, neben dem katholischen Autoritätsprinzip, das Verlässlichkeit und Geborgenheit bot. Im Klosterideal sah sie eine ‚Genossenschaft auf religiös-demokratischer Grundlage’ verwirklicht.

Nach ihrer Konversion lebte sie einige Monate im Kloster der Josephsschwestern in Trier. Lebenslang war sie auf der Suche nach einer Lebensgemeinschaft. Von einem Eintritt bei den Josephsschwestern in Berlin wurde ihr abgeraten und der Breslauer Bischof verweigerte ihr die Aufnahme. Schließlich zog sie wieder zurück ins heimatliche Blankenburg.

Alsbald folgte eine Ernüchterung ihrer hohen Erwartungen an die Kirche, obwohl sie bis zum Tode eine treue Katholikin blieb. Ihre Positionen zur Emanzipation der Frau und ihr Engagement für die Arbeiterschaft ernteten starken Widerspruch bei den Jesuiten und in anderen katholischen Kreisen. Wegen ihrer unbeirrten Haltung zur Frauenfrage kam es auch zum Konflikt mit ihrem Seelsorger Pater Rösler, der in einem Artikel die ‚soziale Unterordnung des Weibes unter den Mann’ forderte. Nicht gerne gesehen wurde zudem, dass sie weiterhin engen Kontakt hielt zu nicht-katholischen Frauenrechtlerinnen.

Aufgrund ihrer Konversion zum Katholizismus wurde ihr von Protestanten ‚Unwissenschaftlichkeit und katholische Engstirnigkeit’ vorgeworfen, obwohl Gnauck-Kühne ihre im Protestantismus vertretenen Ansichten auch nach der Konversion vertrat.

Als selbstbewusste Frau ließ sie sich aber nicht entmutigen. So kritisierte sie die angebliche Überordnung des Mannes über die Frau und wies nach, dass das, was irrtümlich für Natur gehalten wurde, zum großen Teil nur Konvention war.

Die Frauenfrage und soziale Themen blieben in ihren Schriften und Vorträgen weiterhin ihr zentrales Lebensthema. Elisabeth Gnauck-Kühne knüpfte ab 1903 enge Kontakte mit den Gründerinnen des Katholischen Frauenbundes (KFB, später: KDFB), der sich dafür einsetzte, die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern und die Frauenfrage in Kirche und Gesellschaft zu thematisieren.

1904 veröffentlichte die ‚erste deutsche Sozialpolitikerin’, wie Helene Weber sie nannte, ihr Hauptwerk: „Die deutsche Frau um die Jahrhundertwende“. Unter der Verwendung statistischer Methoden untersuchte sie streng wissenschaftlich die Lebensverhältnisse von Frauen. Elisabeth Gnauck-Kühne sah in Mutterschaft und Ehe durchaus die Lebenserfüllung von Frauen, wie sie im Vorwort schrieb. Doch da Mutterschaft und Ehe statistisch nur einen kurzen Lebensabschnitt von Frauen ausmachen würde, forderte sie, dass es für Frauen auch möglich sein sollte, eine befriedigende Berufstätigkeit auszuüben. Sie sah die weibliche Berufstätigkeit grundsätzlich positiv ohne sie aber als Voraussetzung für die Frauenemanzipation anzusehen. Die Frauenrechtlerin plädierte sogar für eine Art „Drei-Phasen-Modell“ mit Erwerbsleben vor und nach einer Mütterzeit. Durch einen Beruf sollte Frauen auch eine Lebensalternative zur Ehe geboten werden. Dafür forderte sie eine gute Berufsausbildung.

Die Frauenrechtlerin trat in ihrem Hauptwerk auch für eine angemessene Altersversorgung von Frauen ein, da sie meist länger leben würden als Männer.

Elisabeth Gnauck-Kühne blieb als Katholikin in Kontakt mit der evangelischen Frauenbewegung, was in einer Zeit scharfer Konfessionsgegensätze und Abgrenzung ungewöhnlich war. In ihrer Arbeit verband sie die evangelische mit ihrer neuen katholischen Welt. Sie vertrat ihre im Protestantismus entwickelten Forderungen und Ansichten unbeirrt und konsequent auch nach ihrer Konversion. Sie kann somit auch als Pionierin der Ökumene angesehen werden.

Natürlich war Elisabeth Gnauck-Kühne auch Kind ihrer Zeit. Dem aktiven und passiven Wahlrecht für Frauen stand sie skeptisch gegenüber. Bei Ausbruch des Krieges wurde sie von nationaler Begeisterung erfasst. Später sprach sie sich gegen die französische Mode aus und forderte eine deutsche Frauenmode, um sich gegen französische Einflüsse zu wehren.

Gnauck-Kühne blieb eine universitäre Karriere versagt. Stattdessen behandelte sie unermüdlich bis zu ihrem Tod 1917 in Publikationen und Vorträgen die Frauenfrage und Probleme von Arbeiterinnen.

Am 12. April 1917 starb Elisabeth Gnauck-Kühne an den Folgen einer Erkältung, die sie sich auf einer ihrer Reisen zugezogen hatte. Sie war eine leidenschaftlich kämpfende und vielseitige Frau: Sozialwissenschaftlerin, Frauenrechtlerin, Begründerin der evangelischen und katholischen Frauenbewegung und nicht zuletzt Christin und Konvertitin. Mit ihrem vielfältigen Engagement trug sie wesentlich dazu bei, Ideen und Ziele der Frauenbewegung und soziale Fragen in beide Kirchen und die Gesellschaft zu tragen.

Anmerkungen:
Elisabeth Gnauck-Kühne: Aufzeichnungen zum Glaubenswechsel. In: Helene Simon: Elisabeth Gnauck-Kühne. Bd. 1, Eine Pilgerfahrt, Mönchengladbach 1928

Literatur:
Günter Baadte: Elisabeth Gnauck-Kühne (1850–1917). In: J. Aretz, R. Morsey, A. Rauscher (Hrsg.): Zeitgeschichte in Lebensbildern. Band 3: Aus dem deutschen Katholizismus des 19. und 20. Jahrhunderts. Mainz 1979, S. 106–122.
Mathilde Block: Elisabeth Gnauck-Kühne. http://www.lill-online.net/3.0/D/frauen/biografien/Jh19/kuehne.htm (3.2.2017)

Elisabeth Gnauck-Kühne: Aufzeichnungen zum Glaubenswechsel. Gedruckt in: Helene Simon: Elisabeth Gnauck-Kühne. Eine Pilgerfahrt, Mönchengladbach 1928, S. 186-205.
Elisabeth Gnauck-Kühne: Die Deutsche Frau um die Jahrhundertwende. Statistische Studie zur Frauenfrage, 2. Aufl. Berlin 1907

Luise F. Pusch: Elisabeth Gnauck-Kühne. In: FemBio, http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/elisabeth-gnauckkuehne/ (3.2.2017)
Angelika Schaser: „Zurück zur heiligen Kirche“. Konversionen zum Katholizismus im säkularisierten Zeitalter. https://www.degruyter.com/downloadpdf/j/ha.2007.15.issue-1/ha.2007.15.1.1/ha. 2007. 15.1.1.pdf (3.2.2017)
Helene Simon: Elisabeth Gnauck-Kühne. 2 Bände. Mönchengladbach, 1928/1929
Wikipedia: Elisabeth Gnauck-Kühne. - http://de.wikipedia.org/wiki/Elisabeth Gnauck-Kühne


Foto: Elisabeth Gnauck-Kühne (c) Wikipedia/Manfi.B./CC BY-SA 3.0







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