08 März 2017, 13:00
‚Polytheismus der Werte’ gegen absolute Wahrheit
 
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Benedikt XVI. – Licht des Glaubens: der ‚Sinn für den Glauben’ kann nicht im Widerspruch zum Lehramt stehen. Die Gottesvergessenheit lässt die menschlichen Gesellschaften im Relativismus versinken, der unweigerlich Gewalt erzeugt Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Wenn die Theologen der Wahrheit dienen, können sie am Schwung der neuen Evangelisierung Anteil nehmen. Mit dieser Mahnung hatte sich Papst Benedikt XVI. am 7. Dezember 2012 an die Mitglieder der Internationalen Theologenkommission anlässlich ihrer jährlichen Vollversammlung gewand. Der Papst ging im Besonderen auf den „sensus fidei“ ein, der nicht im Gegensatz zum Lehramt der Kirche stehen kann. Die Kommission hatte sich in den Jahren 2009-2014 mit dem Thema „Sensus fidei im Leben der Kirche“ beschäftigt. Das Dokument wurde im Jahr 2014 veröffentlicht.

Die Kommission kam 2014 zum Schluss: „Der ‚Sensus fidei’ ist eng mit der ‚infallibilitas in credendo’ verbunden, die die Kirche als Ganzes als ein glaubendes ‚Subjekt’ auf ihrem Pilgerweg in der Geschichte hat. Gestärkt durch den Heiligen Geist, befähigt er zum Zeugnis, das die Kirche gibt, und zur Unterscheidung, die die Glieder der Kirche sowohl als Einzelne als auch als Gemeinschaft ständig in Bezug darauf treffen müssen, wie am besten in Treue zum Herrn zu leben, zu handeln und zu sprechen ist. Er ist der Instinkt, durch den jeder Einzelne und alle ‚mit der Kirche denken’ und gemeinsam einen Glauben und ein Ziel verfolgen. Er vereint Hirten und Volk und macht den Dialog zwischen ihnen – basierend auf ihren jeweiligen Gaben und Berufungen – sowohl wesentlich als auch fruchtbar für die Kirche“.

Ausgehend von der Frage nach dem „genetischen Code“ der katholischen Theologie beobachtete Benedikt XVI., dass die Theologie nicht mit Religionswissenschaften verwechselt werden dürfe. Die Theologie sei in untrennbarer Weise konfessionell und rational. Ihre Präsenz innerhalb der Universitäten gewährleiste eine breite und ganzheitliche Sicht der menschlichen Vernunft.

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Aufgabe der Theologen sei es, gegenüber dem „sensus fidelium“ aufmerksam zu sein. Das Geschenk des „Sinnes für den Glauben“ bilde für den Gläubigen eine Art „übernatürlichen Instinkt“, der an der lebenswichtigen Natur des Gegenstands des Glaubens Anteil habe. Der „sensus fidei“ sei ein Kriterium, „an dem gemessen wird, ob eine Wahrheit dem lebendigen Glaubensgut der apostolischen Tradition angehört oder nicht “. Er verkörpere auch eine konstruktive Funktion, insofern der Heilige Geist weiterhin zur Kirche spreche und sie in die ganze Wahrheit einführe.

Für Benbedikt XVI. war es jedoch besonders wichtig, die Kriterien zu präzisieren, die es gestatten, den echten „sensus fidelium“ von dessen Verfälschungen zu unterscheiden. Der Sinn für den Glauben „ist dieser keineswegs eine Art öffentlicher Meinung der Kirche, und es ist unvorstellbar, dass dieser angeführt werden könnte, um die Lehren des Lehramtes zu bestreiten, da der sensus fidei sich im Gläubigen nur in dem Maß authentisch entfalten kann, in dem dieser voll am Leben der Kirche teilnimmt, und das setzt ein verantwortliches Festhalten an deren Lehramt, am Glaubensgut, voraus“.

Heute führe dieser übernatürliche Sinn für den Glauben dazu, kraftvoll auch gegen das Vorurteil zu reagieren, nach dem „die Religionen und dabei besonders die monotheistischen Religionen an sich Träger von Gewalt sind, dies vor allem aufgrund des Anspruches hinsichtlich des Bestehens einer universalen Wahrheit“. Einige seien der Auffassung, dass allein ein „Polytheismus der Werte“ die Toleranz und den Frieden gewährleisten würden und dieser so dem Geist einer demokratischen und pluralistischen Gesellschaft entsprechen würde.

Dem hielt der Papst entgegen: „Zum einen ist es wesentlich, daran zu erinnern, dass der Glaube an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den rationalen Bedürfnissen des metaphysischen Denkens entgegenkommt, das durch die Offenbarung des Mysteriums des dreieinigen Gottes nicht geschwächt, sondern gestärkt und vertieft wird“.

Andererseits müsse „die Gestalt hervorgehoben werden, die die endgültige Offenbarung des Mysteriums des einen Gottes im Leben und im Tod Jesu Christi annimmt“. Der Herr „gibt Zeugnis von einer radikalen Ablehnung jeder Form des Hasses und der Gewalt zugunsten einer absoluten Vorrangstellung der Agape“. Wenn es also im Lauf der Geschichte zu Gewalt im Namen Gottes gekommen sei, „so sind diese nicht dem Monotheismus zuzuschreiben, sondern historischen Gründen, in erster Linie den Irrtümern der Menschen“.

Die Gottesvergessenheit sei es vielmehr, „die die menschlichen Gesellschaften in einer Art von Relativismus versinken lässt, der unweigerlich Gewalt erzeugt “. Wenn man die Möglichkeit aller abstreite, sich auf eine objektive Wahrheit zu beziehen, „dann wird der Dialog unmöglich gemacht und die Gewalt, sei sie nun ganz offen oder verborgen, wird zur Norm der zwischenmenschlichen Beziehungen“.

Ohne die Öffnung zur Transzendenz, so Benedikt XVI., „die es gestattet, Antworten auf die Fragen zu finden, die wir uns über den Sinn des Lebens und die beste Weise stellen, ein sittliches Leben zu führen, ohne diese Öffnung wird der Mensch unfähig, gerecht zu handeln und für den Frieden einzutreten“.

Wenn der Bruch der Beziehung zu Gott seitens des Menschen ein tiefes Ungleichgewicht in den Beziehungen unter den Menschen zur Folge habe, so „ist die Versöhnung mit Gott, die das Kreuz Jesu Christi, ‚unser Friede’, bewirkt, die Grundquelle der Einheit und der Brüderlichkeit“. In dieser Hinsicht werde deutlich, dass die Soziallehre der Kirche keine äußerliche Hinzufügung sei, sondern aus den Quellen des Glaubens selbst schöpfe, ohne dabei den Beitrag der Sozialphilosophie zu vernachlässigen.


kath.net veröffentlicht die Ansprache Benedikts XVI. an die Internationale Theologische Kommission vom 7. Dezember 2012 im Wortlaut:

Verehrte Mitbrüder im Bischofs- und im Priesteramt,
sehr geehrte Herren Professoren und liebe Mitarbeiter!

Mit Freude begrüße ich euch zum Abschluß der Arbeiten eurer alljährlichen Vollversammlung. Ich grüße herzlich euren neuen Präsidenten, Erzbischof Gerhard Ludwig Müller, dem ich für die freundlichen Worte danke, die er im Namen aller an mich gerichtet hat, und euren neuen Generalsekretär, Pater Serge-Thomas Bonino.

Eure Vollversammlung hat im Zeichen des Jahres des Glaubens stattgefunden, und ich freue mich sehr, daß die Internationale Theologische Kommission ihrer Unterstützung für dieses kirchliche Ereignis durch eine Wallfahrt zur päpstlichen Basilika Santa Maria Maggiore Ausdruck verliehen hat, um der Jungfrau Maria, praesidium fidei, die Arbeiten eurer Kommission anzuvertrauen und um für all jene zu beten, die sich in medio Ecclesiae der Arbeit widmen, das Glaubensverständnis zum Wohle und zur spirituellen Freude aller Gläubigen Früchte tragen zu lassen. Danke für diese außerordentliche Geste. Ich verleihe meiner Wertschätzung für die Botschaft Ausdruck, die ihr aus Anlaß dieses Jahres des Glaubens verfaßt habt. Sie rückt deutlich die besondere Weise ins Licht, in der die Theologen an der Evangelisierungs-Initiative der Kirche mitwirken können, indem sie der Wahrheit des Glaubens treu dienen.

Diese Botschaft greift die Themen wieder auf, die ihr ausführlicher bereits in dem zu Anfang dieses Jahres publizierten Dokument »Theologie heute – Perspektiven, Prinzipien und Kriterien« ausgearbeitet habt. Indem es die Vitalität und die Vielfalt der Theologie nach dem II. Vatikanischen Konzil zur Kenntnis nimmt, beabsichtigt dieses Dokument, sozusagen den genetischen Code der katholischen Theologie darzulegen, das heißt die Prinzipien, die ihre Identität definieren und folglich ihre Einheit in der Vielfalt ihrer Umsetzungen garantieren. Zu diesem Zweck klärt der Text die Kriterien für eine authentisch katholische Theologie, die befähigt ist, ihren Beitrag zur kirchlichen Sendung und zur Verkündigung des Evangeliums an alle Menschen zu leisten. In einem kulturellen Kontext, in dem manche sich versucht fühlen, der Theologie entweder aufgrund der ihr wesenhaften Bindung an den Glauben ihren akademischen Charakter abzusprechen oder aber von der Glaubens- und Bekenntnisdimension der Theologie abzusehen – wobei sie das Risiko eingehen, sie mit Religionswissenschaft zu verwechseln und sie auf eben diese zu reduzieren –, erinnert euer Dokument angemessenerweise daran, daß die Theologie unauflöslich Bekenntnis und Vernunft vereint und daß ihre Präsenz an den Universitäten eine möglichst breitgefächerte und ganzheitliche Sicht der menschlichen Vernunft schlechthin garantiert oder doch garantieren sollte.

Unter anderen Kriterien für eine katholische Theologie erwähnt das Dokument auch die Aufmerksamkeit, die die Theologen dem sensus fidelium vorbehalten müssen. Es ist sehr hilfreich, daß eure Kommission sich auch mit diesem Thema befaßt hat, das ein ganz besonderes Gewicht hat im Hinblick auf die Reflexion über den Glauben und im Hinblick auf das Leben der Kirche. Das II. Vatikanische Konzil hat, indem es die besondere und unersetzliche Rolle bekräftigte, die dem Lehramt zukommt, nichtsdestoweniger betont, daß die Gesamtheit des Gottesvolkes am Prophetenamt Christi teilhat und dadurch den heiligen, von Mose in Worte gefaßten Wunsch verwirklicht: »Wenn nur das ganze Volk des Herrn zu Propheten würde, wenn nur der Herr seinen Geist auf sie alle legte! « (Num 11,29). Die Dogmatische Konstitution Lumen gentium lehrt hierzu: »Die Gesamtheit der Gläubigen, welche die Salbung von dem Heiligen haben (vgl. 1 Joh 2,20.27), kann im Glauben nicht irren. Und diese ihre besondere Eigenschaft macht sie durch den übernatürlichen Glaubenssinn des ganzen Volkes dann kund, wenn sie von den Bischöfen bis zu den letzten gläubigen Laien ihre allgemeine Übereinstimmung in Sachen des Glaubens und der Sitten äußert« (Nr. 12). Diese Gabe, der sensus fidei, stellt im Gläubigen eine Art von übernatürlichem Instinkt dar, der mit dem Objekt des Glaubens selbst eine lebensnotwendige Wesensgleichheit hat. Wir beobachten, daß gerade die einfachen Gläubigen diese Gewißheit in sich tragen, diese Sicherheit des Glaubenssinnes.

Der sensus fidei ist das Kriterium, an dem gemessen wird, ob eine Wahrheit dem lebendigen Glaubensgut der apostolischen Tradition angehört oder nicht. Er verkörpert auch eine konstruktive Funktion, insofern der Heilige Geist weiterhin zur Kirche spricht und sie in die ganze Wahrheit einführt. Gleichwohl ist es heutzutage ganz besonders wichtig, die Kriterien genau zu bestimmen, die es gestatten, den authentischen sensus fidelium von Verfälschungen desselben zu unterscheiden. In Wirklichkeit ist dieser keineswegs eine Art öffentlicher Meinung der Kirche, und es ist unvorstellbar, daß dieser angeführt werden könnte, um die Lehren des Lehramtes zu bestreiten, da der sensus fidei sich im Gläubigen nur in dem Maß authentisch entfalten kann, in dem dieser voll am Leben der Kirche teilnimmt, und das setzt ein verantwortliches Festhalten an deren Lehramt, am Glaubensgut, voraus.

Heutzutage führt dieser übernatürliche Glaubenssinn der Gläubigen dazu, entschieden auch auf das Vorurteil zu reagieren, demzufolge alle Religionen, und inbesondere die monotheistischen Religionen, ihrem Wesen nach Träger von Gewalt seien, in erster Linie aufgrund des von ihnen vertretenen Anspruchs auf die Existenz einer universalen Wahrheit. Manch einer vertritt die Ansicht, daß nur ein »Polytheismus der Werte« Toleranz und gesellschaftlichen Frieden garantieren könne und dem Geist einer pluralistischen demokratischen Gesellschaft konform sei. In diesem Kontext ist eure Behandlung des Themas »Der dreieinige Gott, Einheit unter den Menschen. Christentum und Monotheismus« von großer Aktualität.

Zum einen ist es wesentlich, daran zu erinnern, daß der Glaube an den einen Gott, den Schöpfer des Himmels und der Erde, den rationalen Bedürfnissen des metaphysischen Denkens entgegenkommt, das durch die Offenbarung des Mysteriums des dreieinigen Gottes nicht geschwächt, sondern gestärkt und vertieft wird. Zum anderen muß die Gestalt hervorgehoben werden, die die endgültige Offenbarung des Mysteriums des einen Gottes im Leben und im Tod Jesu Christi annimmt, der dem Kreuz entgegengeht wie »ein Lamm, das man zum Schlachten führt« (Jes 53,7). Der Herr gibt Zeugnis von einer radikalen Ablehnung jeder Form des Hasses und der Gewalt zugunsten einer absoluten Vorrangstellung der Agape. Wenn in der Geschichte also Formen der Gewalt im Namen Gottes angewandt wurden oder noch angewandt werden, so sind diese nicht dem Monotheismus zuzuschreiben, sondern historischen Gründen, in erster Linie den Irrtümern der Menschen. Es ist vielmehr gerade die Gottvergessenheit, die die menschlichen Gesellschaften in einer Art von Relativismus versinken läßt, der unweigerlich Gewalt erzeugt.

Wenn man die Möglichkeit aller abstreitet, sich auf eine objektive Wahrheit zu beziehen, dann wird der Dialog unmöglich gemacht und die Gewalt, sei sie nun ganz offen oder verborgen, wird zur Norm der zwischenmenschlichen Beziehungen. Ohne die Öffnung zur Transzendenz, die es gestattet, Antworten auf die Fragen zu finden, die wir uns über den Sinn des Lebens und die beste Weise stellen, ein sittliches Leben zu führen, ohne diese Öffnung wird der Mensch unfähig, gerecht zu handeln und für den Frieden einzutreten.

Wie der Bruch der Beziehung der Menschen mit Gott zu einer tiefen Störung der zwischenmenschlichen Beziehungen führt, so ist die Versöhnung mit Gott, die das Kreuz Jesu Christi, »unser Friede« (Eph 2,14), bewirkt, die Grundquelle der Einheit und der Brüderlichkeit. In diese Perspektive fügt sich auch eure Reflexion über das dritte Thema ein, dasjenige der Soziallehre der Kirche in der Gesamtheit der Glaubenslehre. Sie bestätigt, daß die Soziallehre kein äußerlicher Zusatz ist, sondern ihre grundlegenden Prinzipien gerade aus denselben Quellen nährt wie der Glaube, ohne dabei den Beitrag der Sozialphilosophie zu vernachlässigen. Diese Lehre ist bemüht, das neue Gebot, das uns Jesus, der Herr, hinterlassen hat: »Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben« (Joh 13,34), in den unterschiedlichsten gesellschaftlichen Situationen zu verwirklichen.

Wir wollen die Unbefleckte Jungfrau – Vorbild derer, die das Wort Gottes hören und darüber nachdenken – bitten, daß sie euch die Gnade erwirke, im Interesse der gesamten Kirche immer freudig dem Verständnis des Glaubens zu dienen. Indem ich nochmals meinen tief empfundenen Dank für euren Dienst an der Kirche zum Ausdruck bringe, versichere ich euch meiner steten Nähe im Gebet und erteile euch allen von Herzen den Apostolischen Segen.







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