06 November 2016, 09:00
Etwas ganz Anderes
 
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Ein Impuls zum Sonntag aus Maria Vesperbild von Prälat Dr. Wilhelm Imkamp.

Ziemetshausen (kath.net)
SIE WOLLTEN SICH unbedingt und ausschließlich an die Heilige Schrift halten, und für Heilige Schrift hielten sie nur die Bücher, die ihnen die ältesten schienen. Die mündliche Überlieferung lehnten sie ab, sie glaubten deshalb nicht an die Existenz von Engeln, auch die Lehre von der Auferstehung der Toten und der Unsterblichkeit der Seele wiesen sie als nicht schriftgemäß zurück. Sie waren hochgebildet und standen den geistigen Strömungen ihrer Zeit durchaus aufgeschlossen gegenüber.

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In der Politik neigten sie im Allgemeinen eher zu realistischen Kompromissen. Sie gehörten zur führenden Schicht, waren begüterte Intellektuelle. Sie besetzten die wichtigsten Priesterposten. Die Rede ist nicht von einer führenden Schicht in der Kirche unserer Tage, sondern von einer Gruppe, die zurzeit Jesu einen bestimmenden Einfluß auf das religiöse Leben in Palästina ausübte: die Sadduzäer.

Nachdem die Pharisäer — ihre großen Gegenspieler im Judentum — Jesus im Streitgespräch (Lk 20,20-26) nicht festlegen und kompromittieren konnten, versuchen es nun die Sadduzäer. Spöttisch und überlegen konstruieren sie einen absurden Fall, ausgehend von der Levirats- bzw. Schwagerehe (Dtn 25,5ff.), die zurzeit Jesu wahrscheinlich schon gar nicht mehr praktiziert wurde. Es geht ihnen dabei um den Nachweis, daß diese Vorschrift des Mose, die ja auf das Fortleben der Sippe zielt, mit dem Glauben an die Auferstehung der Toten nicht vereinbar sei.

Jesus antwortet ihnen ohne jede Höflichkeitsfloskel, in der Parallelstelle bei Markus (12,24) wirft er ihnen sogar Unkenntnis der heiligen Schriften vor. Hier kommt er gleich souverän zur Sache: Die Auferstehung bedeutet eben nicht Fortsetzung des irdischen Lebens mit anderen Mitteln, sondern etwas ganz Anderes. Neues, „weil sie (die Auferstandenen) den Engeln gleich und durch die Auferstehung zu Söhnen Gottes geworden sind."

Damit hat Jesus die Frage der Sadduzäer als oberflächlich enttarnt. Er führt aber darüber hinaus noch einen Schriftbeweis für die Auferstehung, und zwar aus dem Teil der Heiligen Schrift den auch die Sadduzäer anerkannten, dem zweiten Buch Mose, dem Buche Exodus. Er zitiert die Selbstidentifikation Gottes: „Ich bin der Gott deines Vaters, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks, der Gott Jakobs" (Ex 3,6). Wenn es keine Auferstehung gäbe, hätte Gott sich hier als ein Gott der Toten zu erkennen gegeben — eine absurde Vorstellung, denn Gott ist der Gott des Lebens und der Lebenden.

Die Antwort Christi ist auch in der heutigen Zeit noch eine Provokation. Stellt sie doch die Auferstehung des Menschen und sein Fortleben nach dem Tode in einen Zusammenhang mit der Ehelosigkeit und dem Leben der heiligen Engel. Die vorliegende Stelle aus dem Lukasevangelium hat dann auch mit dazu beigetragen, daß in der großen monastischen Tradition der Kirche des Ostens wie auch des Westens das Ordensleben als „vita angelica", als „engelgleiches Leben" bezeichnet wurde.

Wenn das II. Vatikanische Konzil in seinem Dekret über Dienst und Leben der Priester den Zölibat begründet, geschieht das ganz natürlich in Bezug auf unsere Schriftstelle: „Darüber hinaus sind sie (die Priester) ein lebendiges Zeichen der zukünftigen, schon jetzt in Glaube und Liebe anwesenden Welt, in der die Auferstandenen weder heiraten noch geheiratet werden" (Presbyterium ordinis, Nr. 16).

Die überzeugend gelebte Ehelosigkeit der Priester und Ordensleute als ein Stück vom Himmel schon hier auf Erden! Eine Provokation für alle Sadduzäer von heute, denn der Glaube an die Existenz der Engel ist in der Gegenwart genauso umstritten wie der Zölibat.

Das heutige Evangelium aber zeigt einmal mehr, wie scheinbare Randthemen, zum Beispiel Engel und Zölibat, zu zentralen Glaubenswahrheiten führen: Wir müssen uns nur, gegen alle «Sadduzäerfragen» unserer Zeit, auf die Argumentation Jesu einlassen.

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