28 Oktober 2016, 11:00
'Der Tod, das muss ein Wiener sein...'
 
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Den Wienern sagt man einen Hang zur Morbidität nach - Von der Spurensuche auf dem Wiener Zentralfriedhof bis zur Mumienschau in der Michaelergruft

Wien (kath.net/KAP) "Der Tod, das muss ein Wiener sein, genau wie die Lieb a Französin. Denn wer bringt dich pünktlich zur Himmelstür? Ja da hat nur ein Wiener das G'spür dafür" - Spätestens seit der österreichische Chansonnier und Liedermacher Georg Kreisler dem Wiener mit diesem Lied ein morbid-charmantes Denkmal setzte, werden Tod und Wien gerne in einem Atemzug genannt.

Dass der Tod nicht nur zum Leben gehört, sondern geradezu vom Leben eingeholt wird, wird wohl nirgends so sichtbar wie am Wiener Zentralfriedhof. Sobald sich die Tore zur letzten großen Ruhestätte öffnet, drehen die ersten Jogger ihre Runden; Radfahrer und Inline-Skater rollen die langen schattigen Straßen hinunter. Selbst eine eigene Buslinie gibt es, sie führt quer durch das Gelände. Beinahe ist es, als befände man sich in einem großen Erholungsgebiet. "Der Zentralfriedhof ist eine Grünoase und ein großes Stück Wien", erklärt Christian Schertler. Seit mehr als 25 Jahren ist er Grabgräber am Zentralfriedhof. Der rund 2,5 Quadratkilometer große Friedhof, Europas zweitgrößte Anlage, sei nicht nur "letzte Ruhestätte, sondern gehört mitten ins Herz des Wieners".

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Mit seinen Kollegen begleitet Schertler Menschen auf ihrem letzten Weg. Rund 15.000 Todesfälle pro Jahr zählt man in der österreichischen Bundeshauptstadt: "Es ist im wahrsten Sinn des Wortes ein Knochenjob", meint Schertler. Wie es so ist, Menschen zu begraben? "Ich möchte bewusst keine Geschichten der jeweils Verstorbenen kennen", sagt der Totengräber und schwingt sich auf sein Dienstfahrzeug - ein Fahrrad, auf dem seitwärts eine Schaufel angehängt ist. Anonymität und Diskretion - sie sind nicht nur Voraussetzung für den Beruf eines Grabgräbers, sondern vor allem Selbstschutz, damit der Tod einem im Arbeitsalltag nicht zu nahe kommt.

Zentralfriedhof: Beethoven, Brahms, Falco

Beethoven, Brahms, Falco, Bruno Kreisky oder Schauspieler Curd Jürgens - ein buntes Publikum liegt am Zentralfriedhof begraben. Seit der Eröffnung im Jahr 1874 wurden mehr als drei Millionen Menschen begraben. Ein "Aphrodisiakum für Nekrophile", hatte ihn Andre Heller einmal genannt. Auch der ehemalige Wiener Bürgermeister Helmut Zilk hat ein Ehrengrab gleich am Rondell der Borromäus-Kirche, ein schönes Plätzchen. "Am schönsten ist der Friedhof im Herbst, wenn es leerer wird, wenn Nebelschwaden in der Früh über den Gräbern liegen", sagt Schertler.

Ganz ohne Leben ist der Zentralfriedhof nie - selbst wenn sich des Abends hinter Besuchern, Gärtnern, Radfahrern und Erholungssuchenden die Tore schließen: Dachse, Wildhasen, Igel, selbst Turmfalken, Eulen und sogar Rehe tummeln sich zwischen den Gräbern von Schönberg, Strauss, Schubert oder auch der Schriftsteller Friedrich Torberg und Arthur Schnitzler.

"Friedhof der Namenlosen"

Doch Wien hat mehr zu bieten: Friedhofs-Touristen sei etwa der "Friedhof der Namenlosen" in Wien-Simmering empfohlen. Wer hier seine letzte Ruhestätte findet, hat seine Identität verloren, ist unbekannt, anonym geworden. Unfallopfer, Selbstmörder oder "durch fremde Hand"-Verstorbene ruhen hier.

Besonderes Schmuckstück ist der St. Marxer Friedhof, der einzige erhaltene Biedermeierfriedhof der Bundeshauptstadt. Wolfgang Amadeus Mozart ruht hier: Ursprünglich zwar in einem Massengrab beerdigt, wurde ihm hier doch ein "Scheingrab" errichtet, an dem Besucher Blumen ablegen oder Kerzen entzünden.

Aber auch am Friedhof Hietzing sind die Gräber bekannter Toter zu entdecken: Neben vielen Vertretern des k.u.k-Adels ruhen hier z. B. Franz Grillparzer, Gustav Klimt oder Architekt Otto Wagner. Prunkvolle letzte Ruhestätten sind auch in Heiligenstadt und Döbling zu finden. Zu den ältesten Friedhöfen Wiens zählt z. B. der jüdische Friedhof in Währing.

Kaiser- und Michaelergruft

Wer das Besondere sucht, besucht die Kaisergruft bei der Kapuzinerkirche: Hier wurden 145 Habsburger nach altem Ritus bestattet; bewundert werden können hier ihre prächtigen Särge. Anders in der Michaelergruft: Neben hunderten - zum Teil offenen - Särgen liegen tausende Knochen; und mumifizierte Leichen verleihen dem Ganzen eine schaurig-schöne Note.

"Doch auch Wiener Madeln sterben, wenn der Herrgott es will, und wenn das einem Madel geschieht, dann is's aus mit dem Tanzen, dann lächelt s' nur still und singt ganz versonnen das Lied: Der Tod, das muss ein Wiener sein..."

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Foto: Symbolbild







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