13 Juni 2016, 09:34
Schock und Sprachlosigkeit
 
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Viele US-Bischöfe tun sich schwer mit der Bluttat von Orlando und der Benennung der Opfer. Als Ausnahme profiliert sich der
Erzbischof von Chicago. Von Thomas Spang (KNA)

Orlando (KNA) Schock, Trauer und das Mitgefühl mit Opfern und Angehörigen bestimmen auch die kirchlichen Reaktionen nach dem Blutbad von Orlando mit 50 Toten und 53 Verletzten. Inzwischen nehmen auch Spekulationen zu über einen möglichen islamistischen Hintergrund der Tat in einem bekannten Schwulenclub der Stadt. Ob tatsächlich religiöser Hass auf Homosexuelle bei dem muslimischen Täter eine Rolle spielte, ist aber noch längst nicht klar. Ein heikles Thema - für Muslime im Land, für evangelikale Christen und auch für viele katholische Bischöfe.

Aber nicht für alle: Denn Chicagos Erzbischof Blase Cupich spricht nach dem Massaker im «Pulse» das Offenkundige an: «Unsere Gebete und Herzen sind mit den Opfern der Massenschießerei von Orlando, ihren Familien und unseren schwulen und lesbischen Brüdern und Schwestern».

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Mit großer Selbstverständlichkeit spricht der Erzbischof, dem eine besondere Nähe zu Papst Franziskus nachgesagt wird, das Tabuthema an. Wohlwissend, dass Orlando als ein Zentrum des christlichen Fundamentalismus gilt, dessen Führer Homosexualität immer wieder mit scharfen Worten verurteilen.

Nicht so Erzbischof Cupich, der jetzt aufruft, auf den Hass mit Liebe zu reagieren: «In Reaktion auf Gewalt: Frieden. Und in Reaktion auf Intoleranz: Toleranz». Starke, bewegende Worte eines Erzbischofs, der auch nicht davor zurückschreckt, über den leichten Zugang zu Waffen zu sprechen.

«Wir können nicht länger zusehen und gar nichts tun», appelliert der Kirchenmann an die US-Politik, die es angesichts wiederholter Massenschießereien bisher nicht geschafft hat, auch nur kleinste Einschränkungen beim Zugang zu kriegstauglichen Waffen zu beschließen.

Diese unmissverständliche Stellungnahme des Erzbischofs hebt sich deutlich ab von den Reaktionen anderer katholischer Kirchenführer, die zum Gebet aufrufen, darüber hinaus aber eher sprachlos sind.

So beklagt etwa der Bischof von Orlando, John Noonan, «den massiven Anschlag auf die Würde des menschlichen Lebens», erwähnt aber nicht mit einem Satz, dass der Angriff Schwule und Lesben in einem einschlägig bekannten Club ins Visier nahm. Noonan spricht von einem Akt, «der sich gegen Gottes Liebe richtet» und lädt zu einer Kerzenandacht in die St.James-Kathedrale von Orlando ein.

Auch der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Erzbischof Joseph Kurtz, bringt nicht so klare Worte über die Lippen wie sein Amtsbruder aus Chicago. Er beklagt die «unaussprechbare Gewalt» und fordert zu größeren Anstrengungen auf «zum Schutz des Lebens und der Würde jeder Person».

Verglichen mit dem Massaker in einer afroamerikanischen Kirche in Charleston vor fast genau einem Jahr bleibt Erzbischof Kurtz eher unspezifisch. Damals hatte er klar Stellung bezogen gegen Rassismus und Gewalt, «die überall evident sind».

Experten in den USA sehen hier ein weiteres Zeichen für das anhaltend schwierige Verhältnis vieler Religionsführer zum Thema Homosexualität - weit über die katholische Kirche hinaus. Für Eliel Cruz etwa, die Direktorin der Gruppe «Faith in America», passt es nicht zusammen, wenn Geistliche aller Religionen nur zum Gebet aufrufen, sich ansonsten aber eher dem Kampf gegen Lesben, Schwule und Transsexuelle widmen. Mehr Klarheit wünschen sich hier auch prominente katholische Stimmen: Der populäre jesuitische Publizist James Martin zum Beispiel fordert die katholischen Kirchenführer der USA in einem Tweet auf, eindeutig Stellung zu beziehen gegen Hass und Gewalt, die sich gegen diese Minderheiten richtet.

Die US-Bischöfe versammeln sich zurzeit zu einer nicht-öffentlichen Klausur in Kalifornien. Am Sonntag gab es zunächst noch keine offizielle Stellungnahme der gesamten Bischofskonferenz. Papst Franziskus verurteilte das Massaker als «neue Manifestation tödlichen Wahnsinns und unsinnigen Hasses», die er zutiefst verabscheue und verurteile. Wie der Vatikan weiter mitteilte, bete der Papst für die Familien der Opfer und Verletzten dieser «entsetzlichen und absurden Gewalt».

Der Vorsitzende des muslimischen Dachverbandes «CAIR», Nihat Awad, befand, der Anschlag sei ein Hassverbrechen gewesen. «Wir werden dem Hass niemals nachgeben». Zum Thema Homosexualität äußerte er sich aber auch nicht.

Der Vater von Omar Mateen, dem 29-jährigen Attentäter, lehnt es ab, von religiösen Motiven seines Sohnes zu sprechen. Einen Hass auf Homosexuelle als mögliches Motiv kann er aber nicht ausschließen. So sei sein Sohn entsetzt gewesen, als er kürzlich gesehen habe, wie sich zwei Männer in Miami in aller Öffentlichkeit küssten. Die Debatte wird also weitergehen - nicht nur in Kirchenkreisen.

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