30 April 2016, 07:45
Laufen der Kirche die Männer weg?
 
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Vor 70 Jahren – im Mai 1946 – wurde die Männerarbeit der EKD gegründet. Heute machen viele Männer einen großen Bogen um Kirchen und Gemeinden. Was sind die Ursachen? Und wie lässt sich das ändern? idea-Kommentar von Matthias Pankau

Wetzlar (kath.net/idea) Kennen Sie den: Warum kommen Männer nicht in den Gottesdienst? Weil sie schon mal dort waren … Was wie ein Witz klingt, ist in vielen Kirchengemeinden Wirklichkeit: Die Herren der Schöpfung machen sich rar am Sonntagmorgen in den Kirchenbänken oder auf den bequemen Stühlen moderner Gemeindesäle. Während sie in Kirchenleitungen und in der Pfarrerschaft nach wie vor die Mehrheit stellen, sind an der Basis – in Gemeindegruppen, Gesprächskreisen und eben Gottesdiensten – vor allem Frauen aktiv. Manche Beobachter sprechen deshalb von einer „männerdominierten Frauenkirche“.

Drei Viertel aller Mitarbeiter in der Kirche sind Frauen

Folgende Zahlen stützen das: Der Frauenanteil in den Landeskirchen liegt seit Jahren bei rund 55 Prozent. Von den 230.000 hauptamtlich kirchlich Beschäftigten sind laut EKD-Gleichstellungsatlas jedoch 76 Prozent Frauen. Nicht anders sieht es unter den Ehrenamtlichen (74 Prozent) aus. Sie sind es, die Alte und Kranke besuchen, Gemeindebriefe verteilen, Kindergottesdienste leiten oder soziale Projekte betreiben.

Woran liegt es, dass Männer sich ganz offensichtlich weniger in das kirchliche Leben einbringen? Sind sie weniger religiös? Wohl kaum. Die Studie „Männer in Bewegung“, die der katholische Religionssoziologe Paul Zulehner (Wien) gemeinsam mit dem damaligen Leiter der Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland, Rainer Volz, 2009 veröffentlichte, kam zu dem Ergebnis, dass sich die Religiosität der Männer innerhalb von zehn Jahren sogar leicht erhöht hat. Die Kirchenverbundenheit männlicher Kirchenmitglieder steigerte sich sogar von 16 auf 29 Prozent, bei den Frauen leicht von 24 auf 28 Prozent. Während 1999 nur elf Prozent dem Satz „Die Kirche ist mir Heimat“ zustimmten, waren es 2009 bereits 20 Prozent – also jeder fünfte Mann. Inwieweit die Zustimmung zu dieser Aussage auch mit dem wachsenden Einfluss des Islams in Deutschland und Europa zu tun hat und damit der kulturellen Bedeutung des Christentums und der Kirche geschuldet ist, darüber gibt die Studie keine Auskunft.

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Warum Männer Gottesdienste meiden

Wenn Männer aber nun nicht weniger religiös sind als Frauen, warum kommen sie dann trotzdem
nicht in die Gottesdienste? Weil das, was sie in ihrem Alltag beschäftigt, in der Kirche nicht vorkommt. „Die Lebenswelt Arbeit spielt in Gottesdiensten und insbesondere in der Verkündigung eine – im Vergleich zu deren alltäglicher Bedeutung – außerordentlich geringe Rolle“, sagt Reiner Knieling (Neudietendorf bei Erfurt), Leiter des Gemeindekollegs der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche Deutschlands und Autor des Buches „Männer und Kirche – Konflikte, Missverständnisse, Annäherungen“. Und komme sie doch vor, gebe es nicht selten Ratschläge von Pfarrerinnen und Pfarrern, „die nicht von Arbeitslosigkeit bedroht sind, diesen Erfolgsdruck nicht erleben, ethische Konfliktsituationen in der Intensität wie in manchen Berufen nicht aushalten müssen“.

Die „Entmännlichung der Kirche“

„Viele Männer fühlen sich von dem, was in der Kirche geschieht, schlicht nicht angesprochen“, meint auch der Leiter der Fachabteilung Männer im Evangelischen Zentrum Frauen und Männer der EKD, Martin Rosowski (Hannover). Die Gemeinde erscheine ihnen als Ort, der für Noch-nicht-Erwachsene – Kinder und Jugendliche – sowie Nicht-mehr-Erwachsene – Alte und Gebrechliche – da ist. Der durchschnittliche Mann betrachte sich selbst aber als leistungsfähig und unabhängig. Auf eine kirchliche „Betreuung“ fühle er sich nicht angewiesen. Dabei verweist Rosowski darauf, dass dieses Phänomen keineswegs neu sei. Bereits Anfang des vergangenen Jahrhunderts habe der evangelische Theologe Ernst Troeltsch (1865–1923) von einer „Entmännlichung“ der Kirche gesprochen. Ein halbes Jahrhundert zuvor hatte der englische Baptistenpastor und Erweckungsprediger Charles H. Spurgeon (1834–1892) notiert, es bestehe die allgemeine Meinung, „um Christ zu werden, müsse man alle Männlichkeit über Bord werfen und ein Schwächling werden“.

Wer an evangelische Kirche denkt, denkt heute an weibliche Werte

Genau mit diesem Bild von Kirche aber haben viele Männer ein Problem. Dass es nach wie vor verbreitet ist, zeigt eine Befragung des US-Autors David Murrow („Warum Männer nicht zum Gottesdienst gehen“). Murrow zeigte mehreren hundert Menschen zwei Listen, auf denen verschiedene Begriffe standen – auf der einen unter anderem Erfolg, Wettbewerb, Kompetenz, sich beweisen, auf der anderen Liebe, Beziehungen, Gefühle, sich mitteilen. In mehr als 95 Prozent der Fälle entschieden sich die Befragten für die zweite Gruppe als beste Charakterisierung echter christlicher Werte: „Wenn Menschen an Christus und seine Nachfolger denken, dann denken sie an weibliche Werte. In ihrem Denken besitzt Jesus die Werte, die natürlicherweise einer Frau zugesprochen werden.“

Wenn Männer gebraucht werden …

Nach Beobachtung des scheidenden württembergischen Landesmännerpfarrers Markus Herb (Stuttgart) ist es für viele Männer ein Zeichen von Schwäche, in den Gottesdienst zu gehen. Sie fürchteten sich vor der Frage: „Hast du das nötig?“ Auch das Lebensmotto vieler Christen laute: Selbst ist der Mann. Am besten sei es, Männer bei ihren Fähigkeiten „abzuholen“, so seine Erfahrung in acht Jahren Männerarbeit: „Wenn ich sage: ‚Ich brauche euch’, dann sind die Männer da.“ Auch zu besonderen Anlässen wie Taufen, Konfirmationen oder Beerdigungen kämen sie in die Kirche. Leider seien viele Predigten auch dann so gestaltet, dass die Lebenswirklichkeit vieler Männer darin kaum vorkomme.

Vater-Kind-Freizeiten boomen

„Männer haben in den vergangenen 300 Jahren unheimlich viele Kompetenzen verloren“, erklärt Herb. Für Martin Luther (1483–1546) sei noch völlig klar gewesen, dass natürlich der Vater für die religiöse Erziehung der Kinder zuständig ist. In den Jahrhunderten darauf sei der Mann jedoch zum Familienernährer reduziert worden. Seit etwa 30 Jahren gebe es nun wieder eine Gegenbewegung. Immer mehr Männer wollten nicht mehr nur der Verdiener sein, sondern auch Ehemann und Vater. Das zeige sich unter anderem an dem großen Interesse an Vater-Sohn- und Vater-Tochter-Freizeiten, bei denen Väter mit ihren Kindern ein langes Wochenende verbringen und Zeit füreinander haben.

Die heißen Themen fehlen

Das kann der Leiter der Männerarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland, Jürgen Rams (Düsseldorf), bestätigen. Auch er beobachtet, dass viele Predigten nicht auf die „heißen“ Themen der Männer eingehen, etwa die Frage: Darf ich als Christ Erfolg haben? Oder: Wie gehe ich mit Konkurrenz um? Männer seien stolz auf Dinge, die sie selbst erreicht haben. Das gebe ihrem Leben einen Sinn. „In vielen Gemeinden wird ihnen indirekt jedoch der Eindruck vermittelt, dass sie mit ihren Begabungen gar nicht gebraucht werden“, sagt Rams. „Also kommen sie nicht wieder.“ Eine Chance sieht Rams gegenwärtig in der Flüchtlingsarbeit: „Dort gibt es viele Gestaltungsmöglichkeiten, weil es noch keine festen Strukturen gibt.“ Das komme dem Bedürfnis vieler Männer entgegen.

Sind Rechtfertigungslehre und Lobpreis nichts für Männer?

Wenn „Mann“ sich alles selbst erarbeiten möchte, ist Luthers Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnade dann vielleicht nichts für Männer? „Ich persönlich denke, dass die Gnade, wie sie bei uns theologisch gelehrt wird, zum Teil nicht sehr gnädig rüberkommt“, sagt der württembergische Männerpfarrer Markus Herb. Insbesondere Männer freuten sich über das, was sie können, ihre Leistungen, ihre Kompetenzen, mit denen sie gemäß der Bibel an Gottes Schöpfung mitarbeiteten. „Wenn Sie in katholische Gegenden schauen, dann gibt es da in aller Regel noch lebendige Bräuche, bei denen die Männer gut mit anpacken können oder mit ihrer Kraft gefordert sind.“ Es komme nicht von ungefähr, dass auch die Protestanten seit einigen Jahren das Pilgern wiederentdeckten, ist Herb sich sicher.

Nicht in erster Linie die Theologie, sondern die Form und Gestaltung vieler Gottesdienste seien für Männer unattraktiv, meint hingegen der Landesgeschäftsführer der Männerarbeit innerhalb der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens, Thomas Lieberwirth (Eppendorf). Das beginne bei der Sprache. Die sei in vielen Gottesdiensten zu emotional und zu intim. Aussagen wie „Lasst uns Gemeinschaft miteinander haben“ oder Fragen wie „Hast du eine Beziehung zu Jesus?“ stießen viele Männer ab. Ähnlich sei es mit vielen Texten von Lobpreisliedern. Sie seien zu weich und vermittelten den Eindruck, dass Kirche etwas für Frauen sei: „Liturgische Wechselgesänge sind aber auch keine wirkliche Alternative.“

Bloß nicht zu viel Nähe

Zu viel Nähe sei nicht förderlich – räumlich wie menschlich: „Für Männer darf der Abstand zwischen den Stühlen ruhig etwas größer sein“, sagt Lieberwirth schmunzelnd. Vorstellungsrunden, in denen man Fremden sein halbes Leben erzählen soll, seien ebenso kontraproduktiv. Mit dem „Friedensgruß“, bei dem sich die Gottesdienstbesucher vor dem Abendmahl die Hände reichen und einander ein Wort des Friedens und der Versöhnung zusprechen, hingegen könnten sie nach seiner Erfahrung schon eher etwas anfangen. Besonders gut kämen Angebote an, bei denen Männer im Freien aktiv sind – ob Handwerkereinsätze oder gemeinsame Wanderungen. „Bei solchen Gelegenheiten kommt man mit anderen unkompliziert über die Dinge ins Gespräch, die einen wirklich bewegen“, sagte Lieberwirth. Auch Männer-Generationen-Tage oder Einkehrwochenenden im Kloster stünden hoch im Kurs. Mindestens einmal im Jahr stehen die Männer in den Gottesdiensten aber wirklich im Mittelpunkt – oder sollten es zumindest. Am sogenannten Männersonntag nämlich. Zu dem wird in ganz Deutschland immer am 3. Sonntag im Oktober eingeladen.

Federführend ist dabei die Männerarbeit der EKD in Hannover, die dafür jedes Mal ein Werkheft erarbeitet, in dem liturgische Bausteine und inhaltliche Impulse zusammengetragen sind. Außerdem wird an diesem Sonntag der „männertheologische Predigtpreis“ vergeben. Damit ehrt die Männerarbeit der EKD seit 2013 Predigten, die in verständlicher Sprache die Lebenswirklichkeiten von Männern aufgreifen und sie in Beziehung zur biblischen Botschaft setzen.

Nach dem Gottesdienst zum Weißwurstessen

Das Interesse an diesem besonderen Sonntag wachse, sagt Martin Rosowski. Noch ist er aber in einigen Regionen offenbar zu wenig bekannt. Selbst im frommen Württemberg beteiligen sich nach Worten von Männerpfarrer Herb bislang nur etwa drei Prozent der Gemeinden daran. Dabei klingen die Rahmenbedingungen verlockend: Zuerst Gottesdienst mit verständlicher Predigt und guter Musik, anschließend ein gemeinsames Weißwurstessen (wahlweise auch Bratwurst) mit Bier. Auch so können sie zusammenkommen, die zwei anscheinend so entfernten Welten – Männer und Kirche.

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