01 Juni 2015, 09:30
Das Verschwinden des Maskulinen
 
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Oft wird die Frau als das Opfer männlicher Dominanz dargestellt. Doch mittlerweile sind viele Männer Opfer ihrer selbst geworden. Sie brauchen die Frau und die Ehe, um sich als diejenigen zu entdecken, die sie sind. Von Beile Ratut

Würzburg (kath.net/Die Tagespost) Von Simone de Beauvoir stammt die Einschätzung, man werde nicht als Frau geboren, man werde dazu gemacht. Trifft das nicht viel entscheidender auf den Mann zu? Ein Kind ist geborgen in der Mutter, es lernt, sich selbst zu vertrauen, und auch, sich in diese Welt zu wagen. Eine gesunde Mutter lässt ihr Kind in die Welt, eine neue, herausfordernde Welt. Nach und nach erfasst ein Junge, dass die Mutter anders ist als er selbst, dann findet er sich wieder in der Schwebe zwischen der Mutter und dem Vater und erlebt, dass der Vater ihm Innigkeit wie einst die mit der Mutter nicht geben wird. Fast von Beginn an ist seine sexuelle Identität geprägt von Erkundung und Inangriffnahme. Der Mann ist getrieben, doch er weiß nicht, wohin. Er kämpft, aber den Siegerkranz hat er vergessen. Männlichkeit ist nicht entspannt. Mannsein drückt sich im Handeln aus. Der Mann erlebt sich im Spannungsfeld seiner Energie, doch diese Energie muss von Kultur geformt werden. Für den Mann ist der sexuelle Impuls keine Sehnsucht nach Genuss, er ist eine unablässige Prüfung seiner männlichen Identität.

Doch sexuell gesehen ist der Mann untergeordnet. Kaum ein Bereich seines Körpers ist erogen, er kennt als sexuelle Akte nur Kopulation und Ejakulation. Nur ein geringer Abschnitt seines Lebens findet im sexuellen Bereich statt, der männliche Körper kennt nichts, was der Erfüllung einer Frau durch Schwangerschaft, Geburt und Pflege ihrer Kinder auch nur annähernd entspräche. Der Mann mit dem Milchfläschchen wird nie das sinnliche Wohlsein und die sexuelle Vollmacht erleben, die eine stillende Frau erlebt. Und egal, wie häufig und wie liebevoll der Mann sein Kind wickelt und füttert, er wird immer wissen, dass die Rolle der Frau mit dem Kind die tiefere und unersetzbarere ist. Der Mann, der nicht bewusst die zölibatäre Lebensform wählt, ist ohne Bestätigung seiner sexuellen Identität anfälliger für Krankheiten. Eine Frau hängt nicht wie ein Mann vom Geschlechtsakt ab, sie kann sich ihrer sexuellen Identität sogar gewiss sein, wenn sie keinen Mann und keine Kinder hat.

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Ihr ist die aufdringliche und undifferenzierte Lust fremd, die beinahe jeden Mann befällt. Die sexuelle Identität der Frau ist ein langer, sich entfaltender Prozess, für die Frau ist sie stabil, natürlich. Der Mann muss seine sexuelle Identität ständig neu erringen. Der männliche Körper gibt außer der wiederkehrenden Entledigung sexuellen Hochdrucks kein Verhaltensmuster vor. Der Bodensatz des Maskulinen ist ungewiss. Eine Leerstelle.

Primitive Gesellschaften gaben dem Mann durch seine körperliche Überlegenheit Identität. Dies entfällt heute, wo der Mann Jurist, Zahnarzt oder Finanzbeamter ist. Der sexuelle Beitrag des Mannes ist ersetzbar, mit Methoden künstlicher Befruchtung könnte man ganz auf ihn verzichten. Anders als im weiblichen Körper ist im männlichen keine zivilisatorische Agenda festgeschrieben. Der Mann ist, weil die Natur seine Identität nicht definiert, darauf angewiesen, dass die Gesellschaft seine Rolle definiert. Man wird also, anders als Simone de Beauvoir annimmt, nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht.

Es ist die Institution der Ehe, mit deren Hilfe die Gesellschaft den Mann der Frau gleichstellt. Eine Wahrnehmung, die die Frau als Opfer männlicher Dominanz sieht, mag oft subjektiv zutreffend und zuweilen auch objektiv fassbar sein. Doch die Frau hat die Macht, den Mann aus der Ruhelosigkeit einer von Lust und Konkurrenz bestimmten, anti-individualistischen Welt in den Rhythmus der Natur zurückzuholen. Sie ist es, die seinem mächtigsten Streben Bedeutung geben kann. Die Frau bestätigt die sexuelle Identität des Mannes, sie verbindet ihn mit Natur und Zukunft.

Selbst die Tatsache, dass der Mann mehr Geld verdient, muss nicht bedeuten, dass er die Frau dominiert. Sie kann auch ein Hinweis darauf sein, dass der Arbeitsmarkt für den Mann eine sexuelle Dimension hat. Das Einkommen ist dann ein Attribut seiner Aufwartung für die Frau. Mann und Frau entwickeln sich unterschiedlich, unterscheiden sich in ihren Zielen und überwinden ihre Verschiedenheit in der Verborgenheit der Hingabe in der Ehe. Dabei zehren Kinder nicht Ressourcen auf, sie sind die wertvollste Ressource, die Familie das Kapital, das über sich selbst hinausweist. Wenn das Werk eines Mannes mit der Reichweite des Femininen in Berührung kommt, dann gewinnt es. Die Flucht vor familiären Pflichten dagegen führt zum Streben nach promiskuitiven sexuellen Erlebnissen, doch entgegen den Werbebotschaften der sexuellen Freiheit findet der Mann dort zu guter Letzt Abkopplung, Einsamkeit und Verzweiflung. In der modernen Gesellschaft gibt es nur eine Möglichkeit, Mann und Frau gleichwertig zu machen: Die Frau muss auf das sexuelle Verhalten des Mannes heruntergeworfen werden, sie muss sich der Tiefenschichten ihrer Sexualität entledigen. Dies ist inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Wenn Geschlecht ein über die eigene Wirklichkeit hinausweisendes Element innewohnte, so muss man in schiere Begeisterungsstürme geraten, wenn man die fantastischen Bilder moderner Weiblichkeit wie Pussycat Dolls, Rihanna, Heidi Klum oder Angelina Jolie betrachtet und mit der Frau früherer Generationen vergleicht. Der Minnesang des Mittelalters hat seine Weiterentwicklung in den Texten von Bushido gefunden. Und wenn man liest, was „Die Singlefrau“ auf stern.de über swingerclubs mitteilt, kann man nur staunen über die befreite Frau. Natürlich: Ein durchschnittlicher Mann hat heute auch vor Frauen keine Scheu mehr, detailliert über seine promiskuitiven sexuellen Erlebnisse und die dabei angewandten Techniken zu berichten. Auch Frauen haben hier offenbar alle Einschränkungen überwunden und berichten unermüdlich und ermüdend davon.

Doch: Ist die Frau, die gefangen war, nun wirklich befreit? Oder ist sie jetzt in ihrer Flucht gefangen? Wenn Frauen nicht Nein sagen, ist der Mann nicht gezwungen, eine Wahl zu treffen. Er muss sich nicht für eine Frau entscheiden, um sie werben und Liebe für sie in sein Leben lassen. Gesellschaften, die an die Ehe glauben, fordern den Mann dazu auf, seine Eroberungszüge und damit einen Teil seiner Sexualität aufzugeben. Dafür erhält er bedeutende, in die Zukunft weisende Rollen: er wird Ehemann und Vater. Eine Frau braucht diese Rollen nicht, doch der Mann ist ohne sie nur zu einem imstande: aufreißen. Die große Frage im Zivilisationsprozess ist also, ob es gelingt, den sexuellen Impuls des Mannes der Reichweite weiblicher Sexualität unterzuordnen. Der Hingabe eines Mannes, die ihn dazu bewegt, eine bestimmte Frau auszuwählen, wohnt ein Moment inne, in dem ihm seine Unterlegenheit bewusst wird. Doch da ist auch die Hoffnung auf Würde und Bedeutung eingebrannt.

Die moderne Welt der Wirtschaft und der Dienstleistung favorisiert einen Menschentypus, in dem das Maskuline, die Biologie des Mannes, seine Ruhelosigkeit und Aggressivität keinen Platz finden. Die meisten modernen Berufe erfordern Eigenschaften, in denen die Frau den Mann oft übertrifft. Eine gut ausgebildete Frau ist einem in gleicher Weise ausgebildeten Mann sozial überlegen. Bereits in der Schule fallen maskuline Jungen auf und werden in ihrer Identität nicht bestätigt, sondern infrage gestellt. Die Dienstleistungsgesellschaft fördert einen bestimmten Typ Mann, jenen, der maskuline Impulse entweder nur schwach empfindet oder der sie ausblendet. Das massive Angebot an Pornografie ist in diesem Zusammenhang womöglich auch ein Hinweis auf die Störung im Gedeihen männlicher Identität.

Für den Mann entsteht durch „Gleichheit“ eine sexuelle Katastrophe, der er nicht entkommen kann. Dabei ist die Rolle des Mannes als Handelnder in der Welt eine ausgesprochen wichtige, die durch die Verbindung zur Sphäre des Femininen eine tiefere Bedeutung erlangt. Denn um den Herausforderungen der Wirtschaft erfolgreich zu begegnen, muss der Mann rasch, mutig und entschlossen handeln, er muss ständig gegen Widrigkeiten kämpfen, Angriffen und Frustrationen trotzen und Schwäche und Ablenkung widerstehen. Oft wird er scheitern, oft verlieren. Feministinnen verlangen die Befreiung der Frau, doch sie haben nicht verstanden, dass sie dem Traum einer Gesellschaft anhängen, in der die harte Realität, der ein Mann ausgesetzt ist, nicht vorkommt. Feministinnen haben daher auch nicht danach gefragt, ob eine Frau tatsächlich in einer solchen Realität kämpfen will, tagein und tagaus. Wie ein Mann.

Das Vordrängen der Frau in Politik und Wirtschaft könnte also, neben dem Verlust der sexuellen Reichweite im Leben der Frau, auch auf den Verlust des Sinns für die Realität zurückzuführen sein. Die Eroberung dieser Bereiche des Lebens zeigt womöglich auch, inwieweit das Maskuline abwesend ist.

Könnte es zudem sein, dass eine Krise des Maskulinen auf eine Krise der Wahrheit hindeutet? Denn das Einzwängen der sexuellen Identität der Frau, ihr Heruntergeworfensein in promiskuitive Verhaltensmuster und die Entfernung aller Hemmnisse im Hinblick auf die sexuelle Aktivität führt nicht zu mehr Gleichheit zwischen Mann und Frau, sondern zu einer Ausweitung des Wettbewerbs bis in die intimsten Bereiche. In der Liebe führt die Ehe zu gleichen Chancen. Ein Zusammenbruch der sexuellen Ordnung dagegen führt zu einer Ungerechtigkeit, die verheerender ist als jede andere Form wirtschaftlicher, politischer oder sozialer Ungerechtigkeit. Nach Margaret Mead hängt die stabile Familie immer von festen religiösen Werten und Bräuchen ab. Fehlen diese, so wird eine Bürokratie mit ihren am Maßstab menschlicher Traumvorstellungen orientierten „Werten“ den Unterbau für die Familie sprengen und dadurch das moralische Chaos hervorrufen, dem entgegenzustehen sie vorgibt. Wer ist nun der Sieger der sexuellen Befreiung? Die Kinder, die darunter leiden, dass ihre Familie auseinanderbricht, die Stress und Streit, Ungewissheit und Mangel erleiden? Der Einzelne, der in jeder Situation mit einer ausartenden Palette an frivolen Möglichkeiten konfrontiert ist, aus der er nun wählen muss? Sind es die ins Alter gekommenen verlassenen Ehefrauen?

Oder jene unausgereiften, jungen Männer, die ihrer potenziellen Ehefrau und der damit möglichen zivilisatorischen Anbindung beraubt werden, weil diese Frau lieber den mächtigen, ausgereiften Ehebrecher wählt, der es sich leisten kann, seine bisherige Frau und seine Kinder zu verlassen? Vordergründig mag es erscheinen, dass die junge Frau enorm an sexueller Macht gewonnen hätte. Sie muss nicht mehr auf den unausgereiften Jüngling setzen. Durch den Zusammenbruch der Ehe sind für sie alle Männer erreichbar. Doch am Ende sind es nur die mächtigen Männer, die profitieren. Es wird seine Gründe haben, dass auch einflussreiche konservative Politiker und Meinungsmacher sich nicht mit geballter Entschiedenheit und ihrer gesamten Autorität hinter die Bedeutung der Ehe gestellt haben. Zu süß sind die Verlockungen sexueller Freiheit, die religiösen Werte zu schwach.

Doch eine Gesellschaft, die die Ehe aufgegeben hat, hat das Maskuline aufgegeben und das Feminine verraten. Am Ende finden wir uns in einer Welt wieder, die nichts zu geben hat. Sie ist sinnlos. Eine Welt, die nichts mehr hat, das über sich selbst hinausweist, ist leer.

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Die Autorin ist Finnin und schreibt in deutscher Sprache. Sie studierte Wirtschaftswissenschaften, Literatur und Skandinavistik. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Joutsa, Finnland. Von ihr erschienen „Das schwarze Buch der Gier“ (2013) und „Nachhall“ (2014), beide im Ruhland Verlag. Im Herbst erscheinen ihre Erzählungen „Welt unter Sechs“.

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