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Türkei, Böhmermann, ARD-Reporter - und nun das Kloster

21. April 2016 in Kommentar, 4 Lesermeinungen
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Die Türkei verschärft ihren Kurs auch gegenüber den Kirchen. Probleme mit der Pressefreiheit und Enteignung eines Klosters sorgen für Wirbel kurz vor dem Türkeibesuch der deutschen Bundeskanzlerin. Von Thomas Winkel (KNA)


Bonn/Istanbul (kath.net/KNA) Der türkische Staat und Präsident Recep Tayyip Erdogan testen das Spiel mit den Muskeln - in immer neuen Regionen. Zuerst die Klage gegen Jan Böhmermann, dann das Festsetzen eines ARD-Reporters. Und zugleich verschärft Ankara offenbar auch seinen Kurs gegenüber den Kirchen im Land.

Nachdem sich die Türkei lange zurückgehalten hatte, enteignete sie jetzt ein christliches Kloster - erstmals seit Jahrzehnten. Der Coup geschah auf der Insel Chalki vor den Toren Istanbuls. Praktisch über Nacht wurde der einzige orthodoxe Mönch verjagt und die «Patriarchalskiti» oberhalb einer malerischen Bucht in Beschlag genommen. Künftig soll hier die Feuerwehr einziehen und die Alarmglocken läuten. So berichten es christliche Kreise am Bosporus.

Das staatliche Forstministerium setzte die Axt bereits Anfang des Monats an und übernahm die Kirche zur Verklärung Christi (Metamorphosis) am 5. April. Der Vorgang wurde erst nachträglich bekannt und sorgt nun für Wellen. Denn das Land unter dem Halbmond steht unter Beobachtung.


Nach dem umstrittenen Abkommen mit der EU ist es ein wichtiger Partner in der Flüchtlingskrise. Unabhängig davon kommt den Menschenrechten zwischen Bosporus und Anatolien eine entscheidende Bedeutung zu, auch vor dem Hintergrund des angestrebten EU-Beitritts

Doch in der von «Reporter ohne Grenzen» aufgestellten Rangliste der Pressefreiheit ist die Türkei gerade um zwei Plätze abgerutscht – auf Rang 151. Als Gründe nennt der Bericht autoritäre Tendenzen bei der Regierung in Ankara. «Die Türkei hat ganz offenkundig ein gebrochenes Verhältnis zur Pressefreiheit», so SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann im ARD-«Morgenmagazin». Und zusätzlich zur Meinungsfreiheit geht es jetzt auch wieder um die Religionsfreiheit in dem muslimisch geprägten Land.

Grünen-Chef Cem Özdemir hat türkische Wurzeln und gilt auch deshalb in dieser Frage als unvoreingenommen. Anfang des Monats nahm er im ARD-«Bericht aus Berlin» kein Blatt vor den Mund: «In der Türkei werden Kirchen geschändet. In der Türkei werden christlichen Gemeinschaften die Gebäude enteignet.» Die massive Kritik löste so gut wie kein Echo aus. Rund 48 Stunden danach folgte die Enteignung des Klosters auf Chalki.

Auf der Insel hat die Schließung kirchlicher Einrichtungen durch die türkische Obrigkeit bereits eine lange Geschichte. In den 1930er Jahren übernahm die Kriegsmarine dort das ausgedehnte orthodoxe Marienkloster, in dem sich auch eine Handelsschule befand. Etwa vier Jahrzehnte später der nächste Schritt: Das Unterrichtsministerium forderte die berühmte Theologische Hochschule von Chalki auf, sich einer staatlichen Uni anzuschließen. Der damalige Patriarch stellte daraufhin den Unterricht für seine Geistlichen ein, rettete so aber wenigstens die Gebäude und die wertvolle Bibliothek vor dem Zugriff des Staates.

Zwar versprechen Urlaubsprospekte eine «märchenhafte» Türkeireise und locken mit Insidertipps: «Majestätische Felsen mit Kirchen aus den Anfängen des Christentums». Aber die christliche Minderheit fühlt sich dort beileibe nicht wie im Märchenland. Immer wieder sehen sich Christen Schikanen ausgesetzt.

Dabei zählt die heutige Türkei zu den wichtigsten Regionen der frühen Christenheit. Bis ins 20. Jahrhundert hinein stellten sie etwa 30 Prozent der Bevölkerung, bis heute schrumpfte ihr Anteil auf 0,2 Prozent. Eine der Ursachen für den Rückgang: die Religionspolitik der letzten Jahrzehnte. Mittlerweile leben dort 99 Prozent Muslime.

Offiziell herrscht Religionsfreiheit im Land. Und dennoch: Jeder Dorfpolizist sieht bei einem Blick in den Ausweis sofort, wer «Muslim» oder «Christ» ist. Auch Papst Franziskus sprach bei seinem Türkei-Besuch im Herbst 2014 die kritischen Themen an - und pochte öffentlich auf gleiche Rechte für muslimische, christliche und jüdische Bürger.

Bis dahin ist es ein weiter Weg. Keine Pfarrei, kein Bistum, kein Orden verfügt über einen Rechtsstatus. Daher können im Lande Abrahams und Atatürks die Kirchen weder Eigentum erwerben noch vor Gericht klagen. Nicht einmal bei der Enteignung eines Klosters.

(C) 2016 KNA Katholische Nachrichten-Agentur GmbH. Alle Rechte vorbehalten.


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