10 Oktober 2013, 11:20
Limburg: Baukostenschätzung war 'definitiv zu niedrig angesetzt'
 
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Fakten zur Limburger Kostenexplosion: „Da ist aus fachlicher Sicht etwas falsch gelaufen.“ - Doch wer ist dafür verantwortlich? Das erklärt der Bausachverständige Hubert Baumeister im kath.net-Interview. Von Petra Lorleberg

Limburg/ Lügde-Falkenhagen (kath.net/pl) „Da ist aus fachlicher Sicht etwas falsch gelaufen.“ Dies sagt der Bau- und Wirtschaftsingenieur Hubert Baumeister (Foto) im kath.net-Interview über die Kostenexplosion beim Limburger Diözesanen Zentrum von 5 auf 31 Millionen Euro. „Die ursprüngliche Kostenschätzung war definitiv zu niedrig angesetzt.“ Baumeister, der öffentlich bestellter und vereidigter Bausachverständiger sowie Geschäftsführer eines Ingenieurbüros für Instandsetzungsplanung, Bauplanung und Baustatik ist, erläutert weiter: Für die Kostenplanung eines Baues „sind der Architekt bzw. der Bauplaner und der bauleitende Architekt verantwortlich“, ein Bischof hat in der Regel „keine Ahnung vom Bauen“ und mache „zufällig einen ganz anderen ihn vollständig beanspruchenden Job“, deshalb „muss er sich auf Fachleute verlassen“.


kath.net: Zugegeben, auf mich als Laie im Bereich Gebäudebau wirkt die Kostenexplosion (von 5 Millionen Euro auf 31 Millionen) beim Limburger Diözesanen Zentrum erst einmal schwindelerregend. Wie reagieren Sie als Fachmann? Und: haben Sie den Eindruck, dass es sich um einen Prunk- und Protzbau handelt, wie man dieser Tage immer wieder hört?

Hubert Baumeister:
Da bin ich vollkommen emotionslos. Für einen Fachmann ist es nicht ungewöhnlich, dass sich Bauprojekte, insbesondere instandsetzungs- und sanierungsbedürftige Bauten im Laufe der Realisierung verteuern. Da gibt es unzählige Beispiele.

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Bei einer Kostensteigerung von 5 Millionen auf 31 Millionen Euro kommt aber selbst ein Fachmann ins Grübeln. Wenn man sich dann anschaut, was gemacht worden ist, dann fragt man sich, weil man andere vergleichbare Objekte kennt: Wo ist das Geld geblieben?

Aus fachlicher Sicht ist kein Prunk- oder Protzbau vorhanden, der diese enormen Kosten wiederspiegelt. Gebäude bestehen aus Fundamenten, Bodenplatten, Wänden, Decken und Dächern und dem Ausbau.

Im schlichten und einfachen, aber architektonisch ansprechenden Ausbau des Limburger Diözesanen Zentrums, zu dem die Fußböden und Wandbeläge gehören, sehe ich keinen Prunk- oder Protzbau. Wand- und Fußbodenbeläge aus Marmor sind guter Standard. Die findet man in vielen Toiletten gehobener Hotels.

Und die Ausstattung mit Möbeln, Bildern und Kunstgegenstände gehört nicht zu den Gebäudekosten.

kath.net: Wo liegen häufige Ursachen für solche Kostensteigerungen? Ganz generell: Wie aussagekräftig sind Kostenvoranschläge für denkmalgeschützte Gebäude? Und kann man im Allgemeinen erwarten, dass sämtliche größeren Probleme, die man im Laufe der Sanierung historischer Gebäude lösen muss, schon vor Baubeginn bekannt sind? Oder tauchen böse Überraschungen gern auch erst während der konkreten Bauarbeiten auf?

Hubert Baumeister:
Von Architekten, Ingenieuren und Bauplanern wird fast unmögliches verlangt. Sie müssen schon vorher wissen, was man am Ende immer besser weiß. Das können sie aber nicht. Deshalb tauchen insbesondere beim Bauen im Bestand oft erst während der Bauausführung böse Überraschungen auf.

Als Bauplaner muss man aber bemüht sein, die Differenz zwischen dem Kostenvoranschlag, das ist die Kostenschätzung vor Beginn der Baumaßnahme, und der Kostenfeststellung, das sind die tatsächlich entstandenen Kosten nach Fertigstellung der Baumaßnahme, so gering wie möglich zu halten.

Um eine solide Kostenschätzung durchführen zu können, muss zunächst eine gründliche Bestandsaufnahme durchgeführt werden. Hierzu gehört eine Baugrunduntersuchung, die Erstellung verformungsgerechter Aufmaße, die Untersuchung der Bestandsbauteile, Fundamente, Wände, Decken und Dächer mit Probeentnahmen und Laboruntersuchungen und Erstellung eines Schadenskatasters und natürlich auch die Überprüfung der Standsicherheit.

Mit den dadurch gewonnenen Fakten kann man einen aussagekräftigen Kostenvoranschlag für ein denkmalgeschütztes Gebäude erstellen.

Wenn aber die Bestandaufnahme fehlerhaft, oberflächlich oder sogar gar nicht gemacht wird, liegt darin die häufigste Ursache, dass die Kosten später explodieren.

Nach meinem Informationsstand wurde die Kostenschätzung für das Limburger Diözesane Zentrum im Jahre 2005 erstellt. Standsicherheitsuntersuchungen wurden erst im Jahre 2007 durchgeführt.

Da ist aus fachlicher Sicht etwas falsch gelaufen.

kath.net: Ursprünglich ging man in Limburg von einem Kostenvoranschlag um die 5,5 Millionen Euro aus. Um 2005 – also noch vor der Amtszeit von Bischof Tebartz-van Elst – kursierten für das Bauvorhaben angeblich sogar Zahlen um die drei Millionen. Es geht wohlbemerkt um Sanierung und Umbau denkmalgeschützter Gebäude, um Neubauten im Bereich eines historisch bedeutsamen Baugrundes sowie um die Sanierung und Integrierung mittelalterlicher Mauerabschnitte. Da könnte einem ja auch die Frage kommen: Waren diese Zahlen von vornherein zu niedrig angesetzt?

Hubert Baumeister:
Wie ich bereits gesagt habe: Am Ende weiß man immer alles besser. Trotzdem halte ich eine Kostensteigerung mit dem Faktor 5,6 aus technisch fachlicher Sicht für völlig unakzeptabel.

Sie brauchen sich nur vorzustellen, dass Ihre veranschlagten Einfamilienhauskosten um 20 % steigen. Könnten Sie das überhaupt noch finanzieren? Wenn Sie das vorher gewusst hätten, hätten Sie wahrscheinlich nicht bauen können oder halt nur anders. Nun, den Einfamilienwohnhausbau kann man natürlich nicht mit einem solchen Bestandsbauvorhaben vergleichen.

Definitiv war aber die ursprüngliche Kostenschätzung zu niedrig angesetzt.

kath.net: Wer ist für diese Fehleinschätzung ursächlich verantwortlich?

Hubert Baumeister:
Im Bauwesen ist alles geregelt. Wir haben Normen, in denen diese Regeln niedergeschrieben sind. Für das Kostenmanagement ist die DIN 276-1 maßgebend. Diese Norm gilt für die Kostenplanung im Hochbau, insbesondere für die Ermittlung und die Gliederung von Kosten von Bauwerken sowie die damit zusammenhängenden projektbezogenen Kosten. Sie erstreckt sich auf die Kosten für den Neubau, den Umbau und die Modernisierung. Ziel der Kostenplanung ist es, ein Bauprojekt wirtschaftlich und kostentransparent sowie kostensicher zu realisieren.

Für die Kostenplanung sind der Architekt bzw. der Bauplaner und der bauleitende Architekt verantwortlich.

kath.net: Wie viel Einzelfachkenntnis über die Problematiken bei Sanierungen historischer Gebäude sowie der dabei anfallenden Kostenentwicklung erwarten Sie von einem Bischof? Würden Sie im Allgemeinen einen Bischof in solchen Fragen als ganzen oder wenigstens halben „Kollegen“ einstufen oder eher als Laien? Würden Sie einem Bischof raten, sich auf die Fachleute zu verlassen oder sollte er sich besser selbst gründlich in die Details der Materie einarbeiten, von der Statik bis zur Kostenproblematik?

Hubert Baumeister:
Gegenfrage: Warum benötigt der Bischof als Bauherr Architekten, Ingenieure, Fachplaner, Kontenmanager, etc.? Ja, genau: Weil er keine Ahnung vom Bauen hat.

Und weil er keine Ahnung vom Bauen hat und zufällig einen ganz anderen ihn vollständig beanspruchenden Job macht, muss er sich auf Fachleute verlassen. Und genau das würde ich ihm auch raten.

Es ist doch vollkommen lebensfremd, wenn sich jeder Bauherr zum Architekten, Ingenieur oder Fachplaner ausbilden müsste, damit er sein Bauvorhaben realisieren kann.

kath.net: Wie stufen Sie die gegenwärtige Berichterstattung ein, in der einzig ein Bischof für die Kostenentwicklung verantwortlich gemacht wird?

Hubert Baumeister:
Die gegenwärtige Berichterstattung ist für mich absolut unverständlich.

Und vernünftig denkende Menschen, insbesondere die, die selbst einmal gebaut haben, können eine solche Berichterstattung auch nicht nachvollziehen. Sie wissen genau, dass sie als Bauherren ihrem Architekten vertrauen müssen und dass er im Rahmen geringer Abweichungen für seinen Kostenvoranschlag und für die Kostenüberwachung verantwortlich ist. Dafür wird er ja schließlich auch bezahlt.

Ohne dieses Vertrauen wird jeder Traum vom Hausbau zum Alptraum. Wie die Baualpträume aussehen, kann man abends im Privatfernsehen verfolgen.

Wenn nicht der Bischof der Bauherr wäre, wäre Limburg sicher ein Fall für „Die Bauretter“ gewesen.

Die gegenwärtige Berichterstattung sollte sich nach meiner Meinung nach an „Zahlen, Daten, Fakten“ statt an „Alle reden durcheinander“ halten!

Bauen ist und bleibt eine Vertrauenssache. Meine langjährige Erfahrung am Bau zeigt aber auch, dass dieses Vertrauen manchmal missbraucht wird. Gott sei Dank selten vorsätzlich, aber meistens grob fahrlässig.

Und übrigens: Eine Kostensteigerung mit dem Faktor 5,6 bedeutet auch, dass 5,6mal mehr Familien durch dieses Projekt Arbeit und Lohn erhielten. So funktioniert Wirtschaft. Das blendet die gegenwärtige Berichterstattung vollständig aus.

Das ist für mich schon lebensfremd.

kath.net: Was ist aktuell zu tun, um Klarheit in die Limburger Kostenexplosion zu bringen?

Hubert Baumeister:
Meine Meinung: Das gesamte Projekt muss von sachverständiger und vor allem vollständig neutraler Seite evaluiert werden.

Folgende Fragen sind zu klären: Welche Bauvorgaben gab es vor Baubeginn? Ist der Bestand fachgerecht und ausreichend erhoben worden? Ist in den Ausschreibungen der einzelnen Bauleistungen alles erfasst worden, was erforderlich war? Sind in den Ausschreibungen auffällige Positionen enthalten? Kam es zu erheblichen Nachträgen der Handwerker? Sind die abgegebenen Einheitspreise der handwerklichen Leistungen ortsüblich und angemessen? Wurden die abgerechneten Mengen und Massen auch tatsächlich ausgeführt?


Zur Person: Hubert Baumeister (Foto) ist Bauingenieur und Wirtschaftsingenieur, öffentlich bestellter und vereidigter Bausachverständiger, Geschäftsführer eines Ingenieurbüros für Instandsetzungsplanung, Bauplanung und Baustatik, Mitglied im Bund katholischer Unternehmer sowie Diakon im Zivilberuf im Erzbistum Paderborn

Führung durch das in die Diskussion geratene Diözesane Zentrum in Limburg - Amateurvideo vom 5.9.2013 direkt vor Ort




Foto Bauingenieur Baumeister (c) Hubert Baumeister

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