22 Juli 2013, 20:00
'Geheiligt werde dein Name'
 
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Es ist das, was jedem religiösen Menschen als Erstes in den Sinn kommt: Es gibt Gott und er ist erhaben über allem, was man sieht. Leseprobe 4 aus Andreas Wollbold, „Die versunkene Kathedrale. Den christlichen Glauben neu entdecken“

Illertissen (kath.net) So offenbart jede Kirche jene besondere Eigenschaft Gottes, die wir sicher am meisten erst wieder begreifen und berücksichtigen lernen müssen: seine Heiligkeit. „Geheiligt werde dein Name“, beten wir im Vaterunser. Aber das fällt uns wohl am schwersten, denn wir Heutigen sind gewohnt, alles nach Wert und Nutzen einzuschätzen. Ihn heilig halten? Mehr noch, erkennen, dass der, der Anfang und Ende, der Herr aller Welten, der mein Richter und mein Retter ist, mein Ein und Alles, dass er, Gott, der Heilige schlechthin ist? Was heißt das, Gott ist heilig? Es ist das, was jedem religiösen Menschen als Erstes in den Sinn kommt: Es gibt Gott und er ist erhaben über allem, was man sieht. Er ist mehr als eine Kraft im Getriebe der Welt; er ist größer als der mächtigste Herrscher dieser Welt; er ist ganz anders als alles, was wir auf dieser Erde kennen. Der Heiligkeit Gottes entspricht die Ehrfurcht des Menschen. Er macht sich nicht Gott gleich, er stellt sich nicht vor ihn hin mit stolz geschwellter Brust und fragt: „Was bringt’s mir, dass ich an dich glaube?“, sondern er begreift: Vor ihm, dem dreimal Heiligen, bin ich nur ein armes Geschöpf. Mein Leben, mein Glück, meine Gesundheit und endlich mein ewiges Geschick hängen allein an ihm. Darum sage ich mir: Besser, sich zu bergen beim Herrn, als auf Menschen zu bauen (Ps 118,8).

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Das ist vielleicht am schönsten sichtbar im Herzen Jesu, das offen steht für alle. Es ist der Glutofen der Heiligkeit. Alles Böse, alle Sünde schmerzt ihn unendlich. Und doch lässt er daraus Ströme der Gnade hervorgehen. Er ist heilig und er macht diejenigen heilig, die sich ihm in Ehrfurcht und Frömmigkeit nahen. Beides also erkennen Christen in der Heiligkeit Gottes – seine Erhabenheit, seine Unfassbarkeit, seine Majestät, aber ebenso das unfassbare Geschenk seiner Freundschaft und Nähe. Bei ihm sein zu dürfen, das wird sie wie ein feines Zittern vom Scheitel bis zur Fußspitze erfassen. Was für ein Wunder, was für eine einzigartige Gabe! Ohne das Gefühl für die Heiligkeit Gottes dagegen wird alle Religion zur Spielerei, zur bloßen Brauchtumspflege oder schlimmstenfalls zu einer Waffe in der Hand von Ideologie und Gewalt. Nein, gegen eine solche Versuchung mahnt er selbst, dass er ganz anders ist: Denn ich bin Gott, nicht ein Mensch, der Heilige in deiner Mitte (Hos 11,9); Meinst du, ich bin wie du? (Ps 50,21). Wie von selbst treibt es uns dann, uns vor ihm auf die Knie zu werfen, zumindest in dem Augenblick, in dem wir vor ihn treten. Wie von selbst verscheucht es dann auch alles bloß Weltliche, alle Gedanken und Pläne aus unserem Sinn. „Erhebet die Herzen. Wir haben sie beim Herrn.“ – Das wird mehr als ein Lippenbekenntnis, es wird eine Erfahrung jedes Mal, wenn wir eine Kirche betreten.

Die Faszination fremder Religionen, von der wir gesprochen haben, kommt vielleicht daher, dass wir Europäer dort einer Selbstverständlichkeit begegnen, die wir weithin verlernt haben: Gott ist heilig, und darum wirft sich ein Mensch vor ihm nieder und betet ihn an. Wir sind gekommen, um ihn zu anzubeten (Mt 2,2) ist die spontane Reaktion der drei Weisen aus dem Morgenland, die ja selbst Heiden waren. Doch nur im Christentum zeigt sich, wie Gott heilig ist: Er ist heilig, aber er macht auch heilig, und dieses Heiligwerden ist unsere Berufung: Seid heilig, weil ich heilig bin (Lev 11,44). Dazu müssen wir zuerst demütig werden: Wir sind nicht die Herren der Welt, sondern die Diener Gottes. Aus dieser Demut werden wir hörende Menschen: Rede, Herr, denn dein Diener hört (1 Sam 3,9). Aus dem, was wir da hören, ordnen wir unser Leben: Da gibt es die Eckpfeiler, die Zehn Gebote, und ihr Herz, die Liebe zu Gott und zum Nächsten. Da gibt es die Heilige Schrift, die Kirche und ihre Lehre, die ich letztlich aus der Hand Gottes empfangen will. Da gibt es das Leben mit dieser Kirche, die Sakramente, das Gebet, das Kirchenjahr, auch die Kirche an meinem Ort, die Pfarrei, mit der ich zu leben versuche. All das erhält seinen Ernst und seine Würde erst dadurch, dass ich Gott heilighalte. Nichts darf neben ihm auftreten und mein Herz beanspruchen.

Im Bewusstsein der Heiligkeit Gottes können wir also beim Eintritt in jede Kirche beten, wie es der hl. Franziskus von Assisi vorgeschlagen hat: „Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, hier und in jeder Kirche auf dem Erdkreis, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.“

kath.net-Buchtipp:
Die versunkene Kathedrale
Den christlichen Glauben neu entdecken. Mit einem Vorwort von Erzbischof Gerhard L. Müller
von Andreas Wollbold
gebundene Ausgabe, 285 Seiten
Media Maria, 2013
ISBN 978-3-9815698-5-8
Preis 20.60 €

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