12 Februar 2013, 19:54
Und Benedikt ist wieder der Joseph
 
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... und die Welt und die Kirche sind ärmer. Eine Wunde – die Trauer einer Scheidung. Von Armin Schwibach

Rom (kath.net/as) Eigentlich war gestern Feiertag im Vatikan. „Geburtstag des Vatikanstaates“, Gedenken des 84. Jahrestages des Abschlusses der Lateranverträge. Es kam anders. Es sollte ein hektischer Tag werden, ein Tag des „Schocks“, wie dies die römische Zeitung „Il Messaggero“ auf die erste Seite des „day after“ knallte, neben der das „Amen“ als Schlagzeile des „Il Giornale“ steht. „Ich habe keine Kraft mehr. Verzeiht mir“ titelt der Mailänder „Corriere della Sera“, mit einem jener eindrucksvollen Bilder des eucharistischen Papstes, der Benedikt XVI. war: die Hände umschließen, eingehüllt in das Velum, fest die Monstranz, mit der der Heilige Vater den eucharistischen Segen erteilt, mit starrem Blick auf den Leib des Herrn, angesichts dessen Kostbarkeit der Glanz des Goldes, das ihn umschließt, unbedeutend wird.

Alles ist anders seit 11:46 Uhr des 11. Februars 2013, als der Tweet der italienischen Vatikanistin Giovanna Chirri von der Nachrichtenagentur ANSA auf der Timeline erscheint: „B16 si e’ dimesso“ – „B16 ist zurückgetreten“. Der erste Gedanke ist: gerade Giovanna Chirri macht Faschingsscherze, wo doch der Rosenmontag in Italien nicht die geringste Bedeutung hat? Und so geht der Antwortweet raus: „Meldung ANSA: Benedikt XVI. tritt am 28.2. zurück. Rosenmontag in Italien?“ Twitter ist schnell. Das Internet ist schnell. Auf den Seiten der ganzen Welt explodiert die Nachricht – und man merkt seinen großen Fehler. Das Unmögliche – es ist eingetreten. Und in wenigen Sekunden ist nichts mehr so, wie es war. Eine Steinlawine wurde vom Felsen abgesprengt, hart fallen die Worte in der Sprache der Kirche herab und nehmen zunächst den Atem: „... ut incapacitatem meam ad ministerium mihi commissum bene administrandum agnoscere debeam“ - „... dass ich mein Unvermögen erkennen muss, den mir anvertrauten Dienst weiter gut auszuführen“.

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Die Stunden vergehen. Wie Watte legen sich die Worte des Papstes auf die Ohren. Benedikt XVI. ist wieder Joseph Ratzinger. Und nicht zu Unrecht fragt einer der Journalisten den Direktor des vatikanischen Presseamts: Was wird denn nun sein Titel sein? Emeritierter Bischof von Rom? Gerade in diesen Worten kondensiert sich die Einzigartigkeit des Ereignisses. Jede Erinnerung an den Papst des „gran rifiuto“, den von Dante Alighieri so gescholtenen Coelestin V., ist unangebracht. Die Kirche steht vor einem einmaligen Ereignis ihrer Geschichte, das keine Vergleiche zulässt.

Es beginnt die Stunde der Würdigungen. Papstwisser und Vatikanversteher drängt es in die Öffentlichkeit. Es ist die Zeit der großen „Bekenntnisse“. Keiner, der was auf sich hält, kann sich eines „Kommentars“ enthalten. Von denen gerade Kommentare aus deutschen Landen oft die am meisten irritierenden sind. Rom und Italien dagegen – sie sind auch mit dem Herzen dabei. Italien steht mitten im Wahlkampf, einem historischen Wahlkampf, in dem sich die nahe Zukunft des Landes entscheiden wird, verbunden mit allen weltweit bekannten Problemen. Doch die abendlichen Nachrichtensendungen kennen nur ein Thema.

Es dürfte wohl das erste Mal gewesen sein, dass eine der großen „Tagesschauen“ mit einer in lateinischer Sprache gehaltenen „declaratio“ mit italienischen Untertiteln beginnt und alle fast dreißig Minuten nur dieses Thema abarbeiten. Berlusconi und seine Faxen, der „Spread“, Monti und die erdrückende Staatsverschuldung – alles wird zweitrangig. Der Camerlengo der Heiligen Römischen Kirche, Tarcisio Kardinal Bertone, versucht, im Interview das Unerklärbare zu erklären. Trotz des Eindrucks, den ein Kardinalstaatssekretär in diesem Moment im Fernsehen macht, gelingt es ihm nicht.

Nur wenige Stunden dauert es, bis das Papst-Toto seinen Anfang nimmt. Bookmaker jenseits des Ärmelkanals „wetten“ auf einen „schwarzen Papst“. Und sie zitieren gern den emeritierten Präfekten der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung: dem Nigerianer Francis Arinze werden Top-Chancen zubemessen, das „Rennen“ zu machen. Schade nur, dass Arinze am 1. November 1932 geboren und somit aus der Reihe der wahlberechtigten Kardinäle ausgeschieden ist. Aber was soll’s. Dem Unverstand scheint jede Ablenkung recht zu sein. Ein weiterer Dorn in wundem Fleisch.

Bemerkenswert ist die Wertschätzung für die Geste Benedikts XVI., die ihm „von links“ – oder wie es einst hieß: aus dem „altliberalen Lager“ zuteil wird. Eine Wertschätzung, die oft nur als schamlos bezeichnet werden kann, während Sprachlosigkeit und Trauer und auch menschliche Enttäuschung gemischt mit Wut bei jenen zu finden sind, die das Revolutionäre dieses Papstes erkannt und gespürt haben. Eine „Wut“, die noch mehr dazu drängt, gerade jetzt, trotzdem und deshalb einen „petrinischen Rosenkranz“ zu beten, denn, wie dies der Generalvikar des Bistums Regensburg, Michael Fuchs, ausdrückte: „Wir dürfen ihn für unseren Heiligen Vater Papst Benedikt XVI. beten, für die Kardinäle, usw. Das Beispiel von Petrus zeigt uns aber auch viel über das Petrusamt an sich, über unsere Christusnachfolge und über den Weg der Kirche in schwerer Zeit“.

Sicherheiten, auch riskante, nicht gleichgeschaltete Sicherheiten – sie müssen in der Lage sein, einer Welt zu begegnen, die hin und hergeworfen wird durch Fragen, „die für das Leben des Glaubens von großer Bedeutung sind“, so der Papst. Und Joseph Ratzinger sagt: das Schiff der Kirche kann ich in diesem Sturm nun nicht mehr lenken. Es fehlt mir die Kraft. Und die ganze Welt hörte diesem Bekenntnis zu.

Der Zynismus der Römer ist bekannt. Aber es ist kein böser Zynismus. Wie der Portier eines Palazzo sagte, während er versonnen zur Peterskuppel und zum Apostolischen Palast rüberblickte: „Jetzt haben sie uns alles genommen: früher hieß es: ‚morto un Papa, se ne fa n’antro’ (wenn ein Papst gestorben ist, wird ein anderer gemacht), heute weiß man gar nichts mehr“. Einst war die Kirche beim Tod eines Papstes verwaist. Der Vater war gestorben. Die Zeit bis zum Konklave – eine Zeit der „Vakanz“, des „Vakuums“, eine Zeit, in der die Kirche und der Erdkreis den Atem anhielten.

Heute ist es, als stünde die Kirche vor einer großen Scheidung, die vielleicht schmerzvoller ist, als wenn einem der Ehepartner wegstirbt. Der Tod lässt einem die guten Erinnerungen, das Schöne, die Nostalgie, Erinnerungen, die sich in Herz und Verstand verankern und wesentlicher Teil des Lebens werden. Scheidung – sie legt einen Schleier auf das Vergangene, das Angefangene bleibt angefangen, es wird unterbrochen. Jede Scheidung ist eine schmerzhafte Zerreißprobe. Doch: In diesem neuen Schmerz liegt eine große Chance. Die Chance, der Wahrheit zu dienen, in den Kampf um sie und für sie einzutreten, „testimonium perhibere veritati“, der verwirrenden Spielwut des Antichrist zu entsagen und auch weinenden Auges zu erkennen: der Joseph hat recht gehabt. Es geht nur um eines: echte „cooperatores veritatis“ zu sein.

Danke, Heiliger Vater, Deine Worte und Dein Lächeln werden fehlen, der Welt, der Kirche.







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