27 September 2011, 13:08
Dass ein kleines Wunder geschehen ist!
 
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KATH.NET-Exklusivinterview mit Peter Seewald über den Papstbesuch: Trotz dieser ungeheueren Stimmungsmache standen unfassbar viele Menschen auf, die sich nicht beirren ließen.

München (kath.net/rn)
KATH.NET: Der Papstbesuch ist vorbei? Was ist Ihr erster Eindruck von der Reise?

Peter Seewald: Dass ein kleines Wunder geschehen ist. Kaum zuvor war eine so aggressive antikirchliche Medien-Phalanx, so viel an Vorverurteilung und Meinungsterror zu erleben. Das Ganze erinnerte an Georges Orwell „1984“, wo ein imaginärer Feind, ein Popanz, aufgebaut wird, um die Menge aufzustacheln. Jemand, der gegen die Gleichgültigkeit kämpft, der sich nicht den Mechanismen des Polit- und Mediengeschäftes unterwirft, wird dann verzeichnet als finstere Gestalt. Und wo dies nicht gelang, wollte man den Papst förmlich tot schreiben. Aber trotz dieser ungeheueren Stimmungsmache standen unfassbar viele Menschen auf, die sich nicht beirren ließen.

KATH.NET: Niemand würde sich für ihn interessieren, hieß es.

Ja, ja, die Deutschen wenden sich ab, und der ganze Unsinn. Nichts scheint ja in unserer Zeit anstößiger zu sein, als katholisch zu bleiben.

„Auf die kurze Euphorie des Anfangs“, schrieb der „Stern“, „folgte für viele Deutsche eine irreparable Entfremdung von ihrem Landsmann“. Die Welt wäre ja eigentlich ganz in Ordnung, wenn es nur diesen Vatikan nicht gäbe. Aber alle wurden eines Besseren belehrt. Wo waren denn die Massen der Kritiker und Protestierer?

Nirgendwo zu sehen. Stattdessen nahmen rund 350.000 Menschen große Strapazen auf sich, um den Papst persönlich zu hören, mit ihm Messe zu feiern. Millionen verfolgten das Geschehen am Bildschirm.

Papstbücher werden nachgefragt wie noch nie. Das „Wort zum Sonntag“, vom Papst gesprochen, wurde erstmals in seiner Geschichte ein Quotenhit. Und wohl selten zuvor hat man in Deutschland soviel Kluges, Weises und Wahres, soviel Grundsätzliches gehört.

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Vorgetragen mit Sorge, als Mahnung, und immer aus Liebe zu den Menschen heraus. An diesem Wort kommt man nun nicht mehr vorbei. Es ist der Maßstab, der Eckstein für die nachfolgenden Debatten und den Weg, die katholische Kirche in Deutschland zu erneuern. Lasst euch nicht beirren, ruft dieser Papst aus.

Haltet Kurs! Und verliert weder Gottvertrauen noch die Freude am Glauben! Auf diese Weise stärkte der Papst seine „Brüder“, wie es dem Nachfolger Petri aufgetragen ist. Er gab entscheidende Hilfestellung. Daran kann man sich festhalten in diesen stürmischen Zeiten.

KATH.NET: Was waren die Schattenseiten?

Peter Seewald: Na ja, der Besuch ließ schon auch erkennen, wie es um dieses Land, um seine Demokratie, Toleranz, das geistige Niveau oder auch um Bildung und Benehmen bestellt ist. Man war nicht selten an die Leute von Nazareth erinnert, die den Propheten in der Heimat nicht hören wollen. „Er tut ja keine Wunder“, heulte es in viele Medien. Sie arbeiten wie verrückt an einer Anti-Papst-Stimmung, predigen einen neuen Patchwork-Glauben – und klagen gleichzeitig, die Menschen würden der katholischen Kirche den Rücken kehren. Wobei in Wahrheit dieser Kirche prozentual weit weniger Menschen verloren gehen als Parteien, Gewerkschaften, Verbänden. Oder etwa auch der protestantischen Kirche.

Oder: Da macht der Papst in Erfurt eine Geste von wahrlich historischer Größe – und seine Gegner donnern: „Er hat keine Geschenke mitgebracht“. Man wollte den Nachfolger Petri gewissermaßen den Berg hinunterstürzen – am Ende aber sehen wir, wie er durch die wilde Medienmeute hindurch geht, ohne auch nur für eine Sekunde die Fassung zu verlieren.

Schade ist, dass viele die Chance nicht genutzt haben, wirklich einmal „christliche Brüderlichkeit“ zu zeigen. Ein Teil des Protestantismus versteht sich noch immer vorwiegend als Anti-Papst-Partei. Früher war der Mann in Rom der Anti-Christ, heute ist er der Anti-Modernist. Aber weit bedeutender ist: Nach der Begegnung mit dem Papst zeigten sich nicht nur die Vertreter der Orthodoxie, des Judentums und der Muslime sehr erfreut, sondern auch der Präses der Evangelischen Kirche Deutschlands, der nach dem Treffen mit Benedikt XVI. wörtlich sagte: „Ich bin zufrieden“. Es gehört schon ein ziemlicher Hang zur Demagogie dazu, wenn die Süddeutsche Zeitung daraus dann den Titel macht: „Papst enttäuscht Protestanten“.

Ich denke, die Reibungen, die es gab, sind nicht ohne Wert. Sie erzeugen mehr Nachhall, als es ein Besuch getan hätte, der ganz ohne Anstöße über die Bühne gegangen wäre. Man kennt das von den Streichhölzern. Ohne Reibefläche gibt es keine Flamme. Deshalb muss man auch keine Angst vor Kontroversen haben. Wie heißt es: Der Geist weht, wo er will.

Benedikt XVI. ist der kleine Papst, und das macht ihn am Ende dann so groß. Er redet mit Tiefgang, substantiell, und wenn er leise, so scheinbar kraftlos spricht, ist man förmlich gezwungen, die Ohren zu spitzen. Und wer Ohren hat, der hört dann auch.

Es ist also kein Manko, einen Papst zu haben. Ganz im Gegenteil. Die Kirche verliert an institutioneller Macht und an Einfluss, das Amt des Nachfolgers Petri aber wird noch bedeutsamer. Er ist nicht nur ein Prüfstein, eine Autorität gegen die Verwässerung des Glaubens, sondern das große Plus-Zeichen dieser Welt. Nicht weil er sich selbst verkündet, sondern jenen, der durch sein Kreuz die Welt entscheidend gewendet hat. Und dieser Pontifex wird nicht müde, uns auf das Hauptproblem unserer Zeit hinzuweisen, nämlich Gott aus dem Auge verloren zu haben. Eine gottvergessene Welt aber kann nicht funktionieren.

KATH.NET: Papst Benedikt hat insbesonders in Freiburg Klartext zur Situation der Kirche in Deutschland gesprochen. Er hat die Kirche in Deutschland aufgefordert, sich zu ent-weltlichen. Wörtlich sagte der Papst: "Sie gibt nicht selten Organisation und Institutionalisierung größeres Gewicht als ihrer Berufung zur Offenheit auf Gott und der Welt auf den anderen hin". Viele Beobachter meinen, dass damit auch das Kirchensteuersystem in Deutschland gemeint ist. Wie schätzen Sie dies ein?

Peter Seewald: Nicht unbedingt. Und bestimmt nicht an erster Stelle. Die Kirchensteuerfrage ist ein komplexes und kompliziertes Thema. Die Debatte darüber ist erst ganz am Anfang. Deutlich machte der Papst seine Hochschätzung und Dankbarkeit all jenen gegenüber – und das sind viele Millionen – die sich haupt- oder ehrenamtlich für Kirche, Caritas und Glaubensvermittlung einsetzen. Wahr ist natürlich auch, dass die Kirche in vielen Bereichen satt und behäbig geworden ist. Es geht deshalb darum, im christlichen Auftrag ehrlich zu sein, eine christliche Berufung authentisch zu leben. Das ist keine leichte Aufgabe. Die Krise ist hier gewissermaßen eine immerwährende Prüfung. Der Papst gemahnt an das Wort der Bibel: Passt euch nicht der Welt an. Setzt Christus in eurem Leben an die erste Stelle. Und was die Gemeinde Christi als Ganzes betrifft, kann der Nachfolger Petri nicht eine Räte-Kirche wollen, sondern eine glaubende Kirche. Die Kirche muss nicht erfunden werden. Es gibt sie schon. Wer könnte sie besser machen als Christus selbst?

KATH.NET: Äußerst klar hat Papst Benedikt auch am Samstag am Abend bei der Jugendvigil gesprochen „Der Schaden der Kirche kommt nicht von ihren Gegnern, sondern von den lauen Christen“, sagte der Papst u.a. Wen meinte der Papst damit?

Peter Seewald: Vermutlich Sie und mich. Der Papst ist ein Lobender, ein Ermunterer und Brückenbauer, aber eben auch ein Mahner. Jeder Christ braucht immer wieder neue Impulse, in der Entwicklung, in seinem Weg, seinem Zeugnis, seinem christlichen Handeln nicht stehenzubleiben. Gerade in einem Umfeld wie dem heutigen, das mehr und mehr von heidnischer und atheistischer Kultur beziehungsweise Unkultur bestimmt ist. Ich für meinen Teil bin immer wieder erschrocken über das eigene Versagen. Etwa darüber, bei guten Gelegenheiten nicht das Richtige und Wichtige gesagt oder getan zu haben. Der Papst geht hier voran. Ich war sehr beeindruckt, mit welchem Mut er bei seinem Besuch geradezu wie ein Pflug durch den Acker fuhr, um völlig unbeirrt als guter Hirte die Botschaft zu verkünden, auch wenn diese oft, wie Medizin, ein wenig bitter schmeckt. Und er tat dies nicht mit machtvollen Auftritten, sondern in der ganzen Ohn-Macht eines Mannes, der sich auf Gott verlässt, sympathisch, liebevoll, in Sorge um die Menschen, die ja den wichtigsten Teil ihres Lebens in einer überirdischen Qualität erst noch vor sich haben.

Man muss eines noch deutlicher sagen: Wer die Ergebnisse der letzten zwei, drei Jahrzehnte an kirchlicher Entwicklung offen analysiert, kann nur zu dem Schluss kommen: Die Sozialpädagogik- und Wellness-Religion vor der Millenniums-Wende ist Vergangenheit. Sie war ein Versuch, modern sein zu wollen. Nur: die Früchte blieben aus. Nicht alles daran mag verkehrt gewesen sein, aber in seinem Ansatz ist der Versuch definitiv gescheitert.

Der Papst bringt die Probleme zum Ausdruck. Und er will keinen falschen Frieden, sondern einen ehrlichen. Er ist also alles andere als jemand, der die Situation schön redet und mit Events die Ernsthaftigkeit der Situation überdecken will, wie Küng und Konsorten behaupten. Jeder konnte das miterleben. Aber man darf auch nicht alles schlecht reden, wie das pausenlos von Gegnern versucht wird, denen sonst nichts mehr einfällt.

KATH.NET: Im Vorfeld dieser Jugend-Veranstaltung in Freiburg haben die dortigen Veranstalter etwa eine Stunde vor Eintreffen des Heiligen Vaters die dortigen Jugendliche über verschiedende kirchenpolitische Fragen
(Frauenweihe, Homosexualität) abstimmen lassen. Gebet oder spirituelle Einstimmung auf die Veranstaltung gab es hingegen keine, wie zahlreiche Jugendliche berichteten. Was sagen Sie dazu?


Peter Seewald: Das ist völlig daneben. Wer so etwas macht, hat noch nicht verstanden, worum es heute geht. Er hat auch nicht den Ernst der Lage kapiert. Gut, nobody is perfect. Aber man macht sich mit solchen Dingen halt leider auch zum Gehilfen von Meinungsmachern, die mit zweit- und drittrangigen Themen seit Jahrzehnten die Kirche vor sich hertreiben und damit im Grunde einen geistlichen Stillstand bewirkt haben. Heute ist es so, dass viele Menschen ihren Glauben gar nicht mehr kennen. Sie wissen nichts mehr vom Evangelium, den Sakramenten. Begriffe wie „Gnade“ sind ihnen völlig fremd geworden. Und genau hier muss man wieder ansetzen, gewissermaßen „Schulen des Glaubens“ initiieren.

Der Papst gab die richtigen Hinweise. Das Schicksal des Glaubens und der Kirche, macht er deutlich, entscheidet sich im Kontext von Liturgie und Eucharistie. Echte Veränderung gelingt nur durch die Verwandlung der Herzen. Das ist ja gerade der Unterschied zu Parteien, Unternehmen und weltlichen Organisationen. Die katholische Kirche glaubt weniger an die Wirkung von Strukturreformen, sondern an spirituelle Kräfte, letztlich an das Wirken des Heiligen Geistes. Sie setzt nicht auf das Haben, sondern auf das Sein. Kurz: Sie glaubt ganz einfach, dass es Gott gibt, einen Gott, der nicht nur zuschaut.

Lasst euch auch anstecken von den jungen Kirchen in der Welt, sagte der Papst. Denn hier kann mit Sicherheit nicht die Welt von Deutschland, sondern Deutschland viel von der Weltkirche lernen.

Um es prosaisch zu sagen: Der Nachfolger Petri will zu den Quellen führen. Das sind nicht seine eigenen oder die des Vatikans, sondern jene, wo das „Wasser des Lebens“ sprudelt. Und dass es eine Kirche gibt, die diese Quellen schützt und pflegt, das muss einen froh und zuversichtlich stimmen. So hat er bei seinem Besuch in Deutschland mit Beiträgen, die Meilensteine setzen, einerseits Grenzen aufgezeigt - die Grenzen des Machbarkeitswahns in der Politik, in der Wissenschaft, aber aber in der Kirche - und andererseits neue Tore geöffnet: ganz im Sinne des Mottos „Wo Gott ist, da ist die Zukunft“. Und wo Gott nicht ist, da ist keine Zukunft.

KATH.NET: Herzlichen Dank für das Interview!

Das Video von der Ansprache des Heiligen Vates an die engagierten Laien:



Ansprache an die JUGEND:



Video von der Predigt in Freiburg:










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