19 September 2011, 12:20
Papst-Berichterstattung nähert sich subtiler Meinungsdiktatur
 
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KATH.NET-Interview mit Peter Seewald zum Papstbesuch: Verfälschung und Unterdrückung von Nachrichten werden als Normalität hingenommen - Dass die Gegner ihm nicht das Wasser reichen können, macht sie doppelt aggressiv

München (kath.net/rn/ps)
KATH.NET: Diese Woche kommt Papst Benedikt. Es gibt Jubel und Proteste. Was sagen Sie dazu?

Seewald: Am Papst scheiden sich die Geister, er ist gewissermaßen das Zeichen, dem widersprochen wird. Die einen versuchen es mit Verschweigen, die anderen springen albern herum wie Rumpelstilzchen. Viele ahnen gar nicht, welche Dürftigkeit sie damit enthüllen. Enttäuschend ist, dass protestantische Medien, die doch pausenlos Brüderlichkeit einfordern, als Willkommensgruß Gift und Galle spucken.

Aber auch die katholische Nomenklatura hat sich nicht mit Ruhm bekleckert. Das Meeting im Berliner Olympiastadion musste ja von der Basis durch massenhafte Anmeldungen regelrecht erzwungen werden.

Der Papst ist eine Provokation für den Lifestyle. Es ist so, als ob man einen Spiegel vorgehalten bekommt. Das ist nicht immer angenehm. Für andere ist der Papst das letzte Feindbild, das ihnen geblieben ist. Sie meinen, hier wirklich eine Art Feind des Fortschritts zu erkennen.

Dass die Gegner ihm nicht das Wasser reichen können, macht sie doppelt aggressiv. Sie bauen einen Popanz, ein Falschbild auf, es muss ein imaginärer, „gefährlicher“ Feind herhalten, um eine kriegerische Polemik und offene Demagogie zu rechtfertigen. Hier zeigt sich dann auch die „Toleranz“ der Toleranten, die für sich alle Freiheiten einfordern, aber jegliche Toleranz verweigern, wenn es um Dinge geht, die ihnen nicht in den Kram passen. Die „bunte Republik“ wird ziemlich hässlich, wenn es um den Vertreter der katholischen Glaubensgemeinschaft geht. Letztendlich kommt solche Raserei und Volksverdummung dem Papst zugute.

KATH.NET: Was erhoffen Sie sich vom Papstbesuch?

Seewald: Der Besuch des Vicarius Christi ist die Chance, Menschen aufzurütteln. Benedikt XVI. ist nicht nur ein brillanter Denker, sondern vor allem auch ein Hirte, der die Menschen liebt; einer, der aus dieser Liebe und aus Sorge um die Zukunft heraus Hilfestellung gibt. Christus hat diesen Schlüsselmann, der kein Machthaber sein soll, sondern ein Diener der Diener und Lehrer der Völker, eingesetzt bis ans Ende der Zeit. Jedem seiner Nachfolger ist ein besonderes Charisma zugesagt. Bis heute ist er der Hüter der Geheimnisse, der wahre Aufklärer, der Brückenbauer, der nicht nur Brücken zwischen den Völkern, sondern auch zwischen Mensch und Gott, zwischen Himmel und Erde baut. Benedikt XVI. ist kein Dunkelmann, sondern jemand, der Licht in die Finsternis bringt. So gesehen wird der Besuch die Zeichen der Zeit deuten und wichtige Impulse geben.

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KATH.NET: Warum ist eine Deutschland-Reise anders als andere Papstreisen oder ist sie überhaupt anders?

Seewald: Deutschland ist ein schwieriges Terrain. Aus unserer besonderen Geschichte heraus fehlt es an Identität. Wir wissen nicht, woher wir kommen, wer wir sind. Die Gretchenfrage aus Goethes „Faust – „Wie hältst du’s mit der Religion?“ – war einmal die Wesens- und Schicksalsfrage dieser Nation. Da war für fast tausend Jahre lang das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, das Europa Gestalt gab. Da war der Aufbruch deutscher Städte, die sich um Kathedralen gruppierten; die ersten Universitäten, die das wissenschaftliche Zeitalter vorbereiteten; ein jüdisch-christliches Bürgertum, das der europäischen Kultur zentrale Impulse gab. Da war aber auch die Kirchenspaltung, die von deutschem Boden aus die lateinische Welt in zwei Teile riss. Und nicht zuletzt ein diabolisches Regime, das den größten Weltbrand aller Zeiten und den Holocaust entfachte. Inzwischen ist eine heidnische Kultur im Begriff, in allen Bereichen des Lebens dominant zu werden. Für den Glauben ist das dann auch eine Zeit der Prüfung.

Den ersten offiziellen Besuch in seinem Heimatland nimmt dieser Nachfolger Petri ganz besonders wichtig. Wir sind nicht mehr in der Frühphase des Pontifikates. Ich glaube, wir haben bedeutsame Reden zu erwarten. Vielleicht sogar so etwas wie ein Testament Benedikts, eine Hinterlassenschaft für seine Landsleute.

KATH.NET: Wie sollen Katholiken mit den Kritikern umgehen?

Seewald: Niemand muss dem Papst zujubeln. Niemand wird gezwungen, seine Positionen zu teilen. Aber man sollte mit der Kritik wenigstens ein Mindestmaß an Intelligenz an den Tag legen. Christus hat Apostel berufen, keine Apostelinnen. Die katholische Kirche hält sich daran. Das ist alles. Gleichzeitig definiert sie sich als vornehmlich weiblich. Sie macht eine Frau, Maria, zu ihrer Patronin. Was ist daran frauenfeindlich?

Und was eigentlich bedeutet „vormodern“? Ist es „vormodern“, wenn eine Kirche nicht müde wird, darauf hinzuweisen, dass wir Dinge tun, wie man besser nicht tun sollte? Dass es insbesondere nicht gelingen kann, ein System zu bauen, das gegen das Grund-System steht, nämlich der Ordnung, auf der diese Schöpfung errichtet ist? Die nicht müde wird, Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, Friede und Liebe einzufordern? Niemand anderer als der Papst ist es doch, der die immer größer werdende Schere zwischen Arm und Reich geißelt, die verheerenden Kriege des Westens, die Verelendung der armen Länder. Aber eben auch das Unrecht, das an den Menschen geschieht, die gar nicht erst auf die Welt kommen dürfen. Wie „modern“ ist ein kapitalistisches Wirtschafts- und Gesellschaftssystem, von dem wir nicht wissen, ob es im Moment gerade implodiert oder explodiert? Wie „modern“ ist eine Philosophie der „Aufklärung“, von der Adorno und Horkheimer in ihrer vernichtenden Kritik sagten, sie strahle „im Zeichen triumphalen Unheils“. Weil sie den Menschen aus der Einbettung aus den gewachsenen Bindungen löste, sich selbst absolut setzte und nur noch ihrem eigenem rationalen Kalkül folgte. Sind „modern“ politische Theorien und Experimente, die im 20. Jahrhundert auf dramatische Weise gescheitert sind, unter ungeheuren Menschenopfern? Oder: Ist es wirklich modern, wenn wir heute in einer Art kultureller Degeneration einen Lebensstil entwickeln, der eher an eine neue Barbarei als an Fortschritt denken lässt?

KATH.NET: Papst Benedikt erscheint in einer Gesellschaft ohne Gott als großes Kontrastsymbol.

Seewald: Tja, eben, das dachten wir einmal, das war der Traum. Und plötzlich mussten wir beobachten, dass mit dem Verschwinden des Glaubens und der Kirche, unserer Bildung und Bindung, der Grundwasserspiegel unserer Kultur immer stärker zu sinken begann. Heute ist daraus ein bedrohlicher Zustand geworden. Wir sind gewissermaßen geistlich am Verdursten. In der Bayerischen Verfassung steht noch: „Angesichts des Trümmerfeldes, zu dem ein Staats- und Gesellschaftsordnung ohne Gott ... geführt hat,... gibt sich das Bayerische Volk... nachstehende demokratische Verfassung.“ Im Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ist in der Präambel die „Verantwortung vor Gott“ eingeschrieben. Man hatte noch vor Augen, welche Katastrophe ein gottloses Regime anrichten kann. „Gott ist tot“, heißt es dagegen heute bei spiegel-online, „kein Grund, Trübsal zu blasen.“ Und so geht es dann also weiter, das billige Narrenspiel, die enthemmte Begierde, der Tanz auf dem Vulkan, mit der neuen und von den Hohepriestern in den Medien so bejubelten „Religion der Zivilgesellschaft“, einer wilden Mischung aus Konsumismus, Kapitalanbetung, Ego-Trips und Wellness. Christentum sei gefährlich, flüstert man uns zu. Warum fragt niemand, wie gefährlich Atheismus ist? Haben wir nicht gerade ein sehr gottfernes Jahrhundert hinter uns? Ein Jahrhundert, das der amerikanische Schriftsteller Louis Begley „ein satanisches Requiem“ nannte?

Christlicher Glaube hat mit Kultur zu tun, mit Recht, mit unserem Sozialgefüge, mit dem richtigen Umgang mit Mensch und Natur. Es hat zu tun mit ganzheitlichem Leben. Mit Glück, tiefer Freude und Erfüllung. Und mit Denken. Und wir sehen ja gerade, wie ganze Gesellschaften, wenn sie auf diese Dimension verzichten, regelrecht verdummen.

Unsere Gesellschaft kann sich großer Errungenschaften freuen. Vieles davon möchten wir nicht mehr missen. Wir können uns großartige Dinge leisten. Aber sind wir wirklich so viel freier und selbstbestimmter geworden? Einst war die Freiheit vor Gott die Gewähr für die Individualität und die Würde des Einzelnen. Heute erleben wir, dass der Einzelne wie kaum zuvor gegängelt, fremdbestimmt, überwacht, als Datenträger missbraucht und durch das Diktat der Moden gesteuert wird.

Und das Glück? Ja, wir suchen es sehnlichst. Wir jagen ihm nach. Jeder Rattenfänger kann mit uns beste Geschäfte machen. Und doch können wir es nicht finden, dieses Glück. Denn das, was wir finden, scheint immer nur kurzfristig zu befriedigen. Und so ist es wohl kaum Zufall, dass wir immer häufiger von Depression, Burnout und anderen psychosomatischen Krankheiten sprechen, die das Ausmaß von Epidemien annehmen.

KATH.NET: In der deutschsprachigen Kirche gibt es seit Monaten und Jahren Grabenkämpfe zwischen verschiedenen Gruppen. Bringt uns dies weiter und wo steht ein Peter Seewald?

Seewald: Manchmal ist es wichtig, gegen Strukturen zu kämpfen, und manchmal ist es wichtig, für Strukturen zu kämpfen. Wenn alle das Gesetz brechen, ist der letzte Gesetzestreue womöglich ein Revolutionär, mit Sicherheit ein Outsider, der sich einem gefährlichen Mainstream entgegenstellt. Fortschrittlich ist heute, für eine Gesellschaft zu kämpfen, die sich weiterentwickeln, die wirklich überleben kann. Die nicht blind experimentiert, sondern aus der Erfahrung schöpft, um eine Zukunft für die nächste Generation zu sichern, ihr eine Mitgift zu geben, alles, was man braucht. Dazu gehört eben auch das nötige geistliche Rüstzeug, das Erlernen der richtigen Maßstäbe.

Die innerkirchliche „Reform“-Diskussion hat vor allem eines gebracht: Sie hat die katholische Kirche buchstäblich lahmgelegt und kalt gestellt. Kalt auch im Sinne eines kalten, lauen Glaubens. Und während man Tag und Nacht relativ untergeordnete Themen diskutierte, brach darüber ein ganzes Glaubensgebäude ein. Nehmen Sie die Dauerbrenner Zölibat und Frauenordination. Es glaubt doch niemand im Ernst, dass die Menschen in Massen die Kirchen stürmten, wenn unsere Priester verheiratet wären und am Altar Frauen stünden. Die evangelische Kirche hat dies alles, und sie hat weit weniger Gottesdienstbesucher als die katholische, und im Übrigen auch eine weit geringere Kirchenbindung. Nein, mit der abgegriffenen Pastoral der 70er Jahre können sie heute auch keine jungen Menschen begeistern. Die suchen das Echte, das Unverfälschte. Hier sind die wirklich Unangepassten, die wahren Querdenker. Die dann auch wieder diese ansteckende Freude und die ganze Kraft verspüren lassen, die aus einem authentischen Glauben kommen.

KATH.NET: Zurück zu Papst Benedikt. Sie kennen ihn aus vielen Begegnungen ganz gut. Wie ist er wirklich und was sagen Sie zu Verunglimpfungen wie „Panzerkardinal“?

Seewald.: Ja, wie ist er? Der Begriff „Panzerkardinal“ hatte jedenfalls nie etwas mit der Person Ratzingers gemein. Er trifft weder auf seine Arbeit zu, die auf Dialog ausgerichtet ist, und erst recht nicht auf sein Wesen. Ich denke, Papst Benedikt ist nicht nur einer der bedeutendste Denker unserer Zeit und ein Theologe von der Statur der Kirchenväter, sondern auch ein spiritueller Meister von hohen Gnaden. Ein feinsinniger, poetischer, aufrichtiger und völlig uneitler, herzensgebildeter Mensch, der sich, gescheit und fromm zugleich, in seinem Dienst völlig verausgabt. Dabei macht er deutlich, dass Glaube mit Vernunft und Denken zu tun hat – und dass umgekehrt ein Denken ohne Glaube immer eine Verkürzung der Wahrheit bedeutet. Er ist der Pontifex aus dem Westen, der in einer verwissenschaftlichten Welt zeigt, dass die Vernunft nicht im Widerspruch zu Gott steht, sondern ein Ausdruck Gottes ist. Gott als der Inbegriff von Sein und Sinn. Die Suche nach Wahrheit mit den Mitteln der Vernunft. Ratzinger erklärt Jesus nicht nur aus dem Glauben heraus, sondern auch wissenschaftlich logisch. Das ist eine seiner unvergleichlichen Stärken.

Ich kenne niemanden, der einem so gut zuhört und so treffend analysieren kann. Dazu verfügt er über die hohe Kunst, auch komplizierte Dinge sehr einfach und verständlich auszudrücken. In seiner oft auch sehr musikalischen Rede ist dann etwas, das einen nicht nur intellektuell berührt, sondern auch seelisch und geistlich höher hebt. Natürlich spürt man heute das Alter und insbesondere die Last des Amtes, die auf seinen Schultern liegt. Die Sorge um seine Kirche, aber auch die oft so mangelhafte Unterstützung durch seine Kirche. In seinem Wesen, in seiner Art, in seiner Liebenswürdigkeit aber hat er sich als Papst nicht verändert. Insgesamt, denke ich, ist er als Hirte noch demütiger, großzügiger, weiser geworden.

Das Entscheidende an diesem Papst: Er rückt, in dieser neu vom Atheismus bedrohten Welt, die Gottesfrage ins Zentrum – und zeigt uns, wie es kein anderer kann, in dieser Zeit Christus als den wahren Sohn Gottes, den Herrscher des Weltalls. Das ist heute eine ungeheure Provokation, selbst für Leute, die sich als Christen bezeichnen. Aber wenn Gott wegfällt, ein Gott, der uns kennt und uns anredet, der uns liebt und in eigener Strenge auch gemahnt zur Umkehr, verlieren wir die Grundlagen eines zivilisierten Daseins. „Die Glaubensverkündung“, so Ratzinger, sei deshalb „das wertvollste Geschenk, das die Kirche der Menschheit machen kann.“

Das ist dann auch der Unterschied zu den „Reformern“. Hier ist jemand, der dem Übel auf den Grund geht, der das Schwierigste vom Schwierigen wagt, nämlich eine Art Grundreinigung, die Rückkehr zum Ursprung.

Er ist der Pontifex aus dem Westen, der in einer so verwissenschaftlichten, materialistischen Welt zeigt, dass Vernunft und Wissen nicht in Widerspruch zum Glauben stehen, sondern Bestandteil des Glaubens und ein Ausdruck Gottes sind. Gott als der Inbegriff von Sein und Sinn. Papst Benedikt kann Dinge reinigen und klären. In einer Zeit der Verwirrung, der Esoterik und der falschen Propheten ist das von unschätzbarem Wert. Ich denke, es ist ein Teil des Geheimnisses gerade eines deutschen Papstes.

KATH.NET: Darf man den Papst kritisieren?

Seewald: Kritik am Papst, am römisch-katholischen Glauben, ist nicht verboten. Ratzinger selbst fordert die Auseinandersetzung geradezu ein. Aber sie muss redlich sein. Wenn Politiker und Medienmacher jedoch im Stil der Jakobiner und ihres Guillotine-Regimes agieren, ist das kein Spaß. Bei der Williamson-Affaire, aber auch beim Thema Missbrauch, ging zugunsten eines brutalstmöglichen Kampagnenjournalismus jegliches Maß verloren. Deshalb ist es inzwischen auch so schwer, ein Bild von der wirklichen Stimmungslage im Land zu bekommen. Glaubte man der veröffentlichten Meinung, dürfte sich doch eigentlich niemand mehr in Deutschland für diesen Papst interessieren. Tatsache ist jedoch, dass seine Bücher jeweils auf den ersten Plätzen der Bestsellerliste landen.

KATH.NET: Was sagen Sie zur Medienberichterstattung rund um Papst Benedikt in Deutschland?

Seewald: Wir sind in diesem Bereich auf dem Weg zu einer subtilen Meinungsdiktatur, in der Verfälschung und Unterdrückung von Nachrichten als Normalität hingenommen werden. Ich bin sicher, jede wissenschaftliche Studie könnte das belegen. Selbst die „Katholische Nachrichtenagentur“ (KNA) will sich ja heute nicht darin überbieten lassen, stramm kirchenkritisch und anti-römisch zu agieren. In den so genannten „Leitmedien“ ist inzwischen eine so ungeheure Schieflage entstanden, dass man von Manipulation sprechen muss. Sie geschieht durch Nachrichtenunterdrückung, Instrumentalisierung unbedeutender Vorkommnisse, bis hin zur Fälschung. Von der oft schon hasserfüllten Tonart, in der Papstanhänger als „Dunkelkatholiken“ und „Hurrakatholiken“ diskriminiert werden, erst gar nicht zu reden.

Nur als Beispiel: Der Vertreter von „Wir sind Kirche“, einer papstfeindlichen Splittergruppe, die es in fünfzehn Jahren nicht geschafft hat, mehr als ein kleines Fähnlein an Anhängern hinter sich zu bringen, bekommt in deutschen Medien mehr Präsenz eingeräumt als alle Bischöfe zusammengenommen. Umgekehrt erfahren die deutschen Leser von Großereignissen wie den Weltjugendtag in Madrid mit weit über einer Million Teilnehmern in erster Linie, dass es Gegendemonstranten gab, nämlich eine Gruppe von einmal 5000 und ein andermal 150 Menschen. Im Laufe der Hype um Kirche und Missbrauch hatte der „Spiegel“ noch nicht einmal Scheu, Zitate aus Papst-Predigten aus dem Zusammenhang zu reißen, um ihnen eine andere Aussage zu geben.

KATH.NET: Warum gibt es in den Ländern deutscher Sprache eigentlich so einen „antirömischen Affekt“, wie dies der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar einmal ausgedrückt hat?

Seewald: Wahr ist, dass es, wie schon gesagt, einen anti-römischen Affekt gibt, der auch weidlich gepflegt wurde. Ein Hans Küng wurde in den Medien als deutscher Gegenpapst aufgebaut, der sakrosankt ist und in seinen Tiraden gegen Rom freies Feld erhält. Weite Bereiche der Kirche sind von Leuten unterwandert, die im Grunde nicht mehr die katholische Welt-, sondern eher eine protestantische deutsch-nationale Kleinkirche und letztlich auch einen anderen Jesus wollen. Dieser Umbau ist inzwischen soweit fortgeschritten, dass ein großer Teil der Katholiken vermutlich gar nicht mehr sagen kann, worin die Unterschiede liegen.

Dem Papst ist das bewusst. Aber er weiß auch, dass die Kirche nicht untergehen kann. Die Krise ist gewissermaßen eine immerwährende Prüfung. Bereits zur Zeit Jesu hatte sich ein Großteil seiner Anhänger getrennt, die einen Messias nach eigener Façon, eine Pseudo-Messias kreieren wollten.

Dass aber die katholische Kirche in Deutschland generell papstfeindlich ist, ist ein Märchen. Man sprach in den ersten vier Jahren dieses Pontifikats bekanntlich von einem Benedetto-Fieber. Der Papst löste in seinem Heimatland auf der Ranking-Liste Günter Grass als führenden Denker ab. Heute werden die großen katholischen Veranstaltungen in Deutschland nicht von romkritischen, sondern von romtreuen Katholiken organisiert. Auffallend ist auch, dass alle Bewegungen, die wirklich frisch und lebendig sind und zünden, solche sind, die sich am Nachfolger Petri orientieren, während alte Funktionärsverbände langsam austrocknen. Da ist dann auch eine neue Generation von Priestern nachgewachsen, die ihre Berufung wieder als etwas sehr Großes und Heiliges leben wollen, ohne Firlefanz aus Zeitgeist und Nachlauferei.

KATH.NET: Herzlichen Dank für das Interview!



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