18 Mai 2011, 10:36
Was Priester dauerhaft (un)glücklich macht
 
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Psychiater Raphael Bonelli bei Priestertreffen in Einsiedeln: Der Mythos von der Sexualität als Ventil gegen Triebstau macht unglücklich - auf die wechselnden Eingebungen des Ichs zu hören führt zu Enttäuschung

Chur (kath.net/Bistum Chur) Der Mythos von der Sexualität als Ventil gegen Triebstau macht Menschen unglücklich. Das erklärte Raphael Bonelli, Wiener Psychiater, Neurologe und Psychotherapeut, vor rund 70 Priestern, die sich am Priestertreffen des Bistums Chur vom 16. Mai mit Bischof Vitus Huonder und Weihbischof Marian Eleganti in Einsiedeln trafen.

Einige Grundsätze, an denen sich viele Menschen orientieren, sind: „Wenn man Sexualität nicht auslebt, kann man nicht gesund sein. Jeder soll darauf achten, welches seine Bedürfnisse sind, wie es ihm emotional geht, das weist den Weg zur Erfüllung. Wer weiss, was ihm fehlt, kann es überwinden und glücklicher werden.“

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Vor dem Hintergrund seiner 20jährigen Erfahrung als Psychiater, Therapeut und Wissenschaftler lässt Raphael Bonelli keinen dieser Grundsätze gelten.

Orientierung an Tugenden statt an Gefühlen

In der Psychotherapie der veralteten Schule wird gemäss Bonelli primär nach den Defiziten und Bedürfnissen des Patienten gefragt. Der religiöse Mensch werde nicht selten insgesamt als defizitär betrachtet, wegen Freuds These des Glaubens als kollektiver Zwangsneurose.

So muss der katholische Priester mit dem tiefsitzenden Vorurteil leben, er unterdrücke den natürlichen Trieb und sei nicht nur zwangsneurotisch, sondern auch gefährlich, gewissermassen wie ein lebender Dampfkochtopf ohne Ventil.

Die moderne Psychotherapie fragt aber nicht mehr nach Defiziten, sondern sie will den Blick öffnen auf das Langfristige, das glücklich macht, auf Tugenden wie die Kardinaltugenden, die in der psychologischen Forschung etwa von Martin Seligmann bestätigt werden.

Viel Leid rührt daher, dass die Menschen zum Dauerhaften nicht mehr fähig oder willens sind, da es unterwegs Verzicht kostet. Das gerade Drängende steht im Vordergrund, nicht das, was ein Leben tragen kann.

Dazu lehren schlechte Ratgeber, sich ganz auf sich selbst, auf die wechselnden Eingebungen des Ich zu konzentrieren. Dies führt zu Enttäuschungen und oft in die Verblendung einer egozentrischen, selbstmitleidigen Gefühlsanalyse.

Beziehungsstörung

Meist geht es um Beziehungsstörungen - ob zwischen Mann und Frau oder zwischen dem zölibatären Priester und Gott. In beiden Fällen verlässt der Mensch seine Grundausrichtung und flieht in Ersatzbedürfnisse.

Geleitet von Gefühlen, die kein Gradmesser der Richtigkeit oder Wahrheit sind, aber als zwingend empfunden werden, verliert der Mensch seine Entscheidungsfreiheit.

Das Kreisen um die eigene Befindlichkeit erlöst aber nicht, sondern präsentiert dem in sich hinein horchenden Ich quasi immer buntere Bedürfnisse. Diese „ichhafte Dynamik“ sei ein sicheres Ticket ins Unglück, so Bonelli, gerade in der Sexualität.

Entgegen dem Mythos ist diese kein obligatorisch auszulebender Trieb, ohne eigentliche Zugriffsmacht des Willens und der Freiheit. Es gehe auch nicht um eine profane Lustquelle, sondern um einen integralen Bestandteil des Menschen in seiner leiblichen und geistigen Dimension.

Daher brauche Sexualität Kultivierung. Es gelte eine Kommunikationsform der Liebe zu lernen, die nach dem Du und nicht nach sich selbst frage. Dies setzte die Fähigkeit voraus, sich zurück zu nehmen. Wie aber steht es heute um die Akzeptanz des Selbstverzichts? Eher schlecht, sofern die Scheidungsraten und Beziehungskrisen ein Indikator sind.

Und wenn der Priester seinen Zölibat gut lebt, wenn er die Enthaltsamkeit als Form der Freiheit für seinen Dienst empfindet, dann ist dies eine zusätzliche Provokation. Es widerspricht nicht nur dem Mythos des Triebstaus und einer angeblich zwingenden Kette von Bedürfnisbefriedigungen, die der Mainstream gern als Befreiungsweg anpreist.

Der zölibatäre Priester lebt auch einen Verzicht, den er als Kultur der radikalen Hingabe versteht. Dies stellt die Idee vom Widerstreit zwischen Freiheit und Verzicht in Frage, genau wie die Idee einer Selbstverwirklichung durch Erlebnismaximierung.

Saftig Menschsein ohne Askese nicht möglich

Am Ende gehe es darum, saftig und lebensfroh Mensch zu sein. Dies jedoch sei ohne Askese nicht möglich. Auch nicht mit der Frage: Was sind gerade meine Bedürfnisse? Sondern: Was ist langfristig gefragt, welches ist meine wesensgemässe Grundausrichtung? Denn die eigenen Gefühle seien wechselhaft und müssten im langfristigen Horizont einer bewährten Lebensform betrachtet werden.

Zusammenfassend lässt sich also sagen: Die moderne psychologische Forschung zeigt, dass - langfristig gesehen - die oft kritisierte Sexualmoral der Kirche dem Menschen entspricht. Denn sie liefert ihn nicht kurzfristigen Befriedigungsketten aus, sondern verweist auf das Fundament einer verlässlichen, bewährten Grundausrichtung.

Interview mit Raphael Bonelli









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