30 April 2011, 10:56
Meine Mutter, die ‚Wanderpredigerin’
 
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P. Oskar Wermter SJ arbeitet in Simbabwe in der Gemeindeseelsorge und als Publizist. Er war auf Einladung von "Kirche in Not" beim Kongress "Treffpunkt Weltkirche".

Würzburg (kath.net/KIN) Zwar heißt es, dass die Kirche von Männern geführt und von Frauen gefüllt sei, doch meine Mutter ergriff schon sehr früh in der Kirche die Initiative und das Wort. Es gehört zu meinen frühen Erinnerungen, dass ich ihr in einem Dorf in Thüringen half, den Altar für den Wortgottesdienst vorzubereiten, den sie selber leitete, wenn der Priester in seiner ausgedehnten Landpfarrei an manchen Sonntagen nicht kommen konnte. Die Teilnehmer waren verstreute Flüchtlinge aus den Ostgebieten, die sich hier neu als Kirche versammelten.

Viele Jahre später erlebte ich eine ähnliche Situation in Afrika, wo der Priester in riesigen ländlichen Gemeinden die verstreuten Ortsgemeinden monatlich besucht, mit ihnen die Eucharistie feiert und der "kleinen christlichen Gemeinde" Licht und Leben gibt.

Der Partei, die bald den "Arbeiter- und Bauernstaat" gründen sollte, entging das Organisationstalent meiner Mutter nicht. Sie wollten sie zur Leiterin der örtlichen kommunistischen Frauengruppe machen. Sie entschied, dass ihre Familie hier keine Zukunft hatte. Im April 1949 gingen wir in einer stürmischen, regnerischen Nacht heimlich über die deutsch-deutsche Grenze. Dies war ihre eigene Entscheidung. Unser Vater war in der Kriegsgefangenschaft gestorben.

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Die Kirche im traditionell-katholischen Köln war Heimat für die Neuankömmlinge und doch ungewohnt. Die Diaspora-Erfahrung meiner Mutter beeindruckte einen führenden Geistlichen, der gerade eine Mitarbeiterin suchte. So bot ihr das Erzbistum Köln Arbeit im Bildungsbereich für Frauen an. Am 1. Juli 1949 nahm sie ihre Arbeit auf. Sie war Bibliothekarin gewesen, liebte Bücher und las viel, aber ein theologisches Studium hatte sie nicht. Dafür hatte sie in der Nazizeit gelernt, ihren Glauben, auch im Gespräch mit ihrem Mann, zu reflektieren und ins Wort zu bringen. Sie war eine gute Katechetin für uns Kinder.

In dieser Stellung gab es keine feste Arbeitszeit. Jeden Tag war sie unterwegs, jeden Tag woanders. Allmählich kannte sie die meisten Kölner Pfarrgemeinden und Pfarrer. Fast jeden Tag hielt sie Vorträge über Ehe- und Familienfragen, über religiöse Erziehung und Fragen des Glaubens. Sie erreichte viele Eltern während der Vorbereitung ihrer Kinder auf die Erste Heilige Kommunion.

Selber verwitwet, wandte sie sich besonders den jungen Frauen zu, die ihre Männer im Krieg verloren hatten. So nahm sie an vielen harten Schicksalen teil. Dies bedeutete viel persönliche Beratung und Begleitung, abseits der öffentlichen Vorträge und Seminare. Oft wurde ihre Arbeit als Hausfrau, die sie schließlich auch noch war und blieb, von am Telefon Ratsuchenden unterbrochen. Noch bevor die Sache kirchlicherseits eingerichtet wurde, betrieb sie bereits "Telefonseelsorge", nicht immer zur Freude der Familie.

Im Jahre 1954 bat man sie, die Leitung der ersten Kölner "Mütterschule" (später "Familienbildungswerk") zu übernehmen; auch dies war Arbeit bis in den späten Abend hinein. Sie bat uns Kinder geradezu um Entschuldigung, dass sie uns so oft alleine lassen musste. Aber nach einem Jahr ging sie zurück in die Bildungsarbeit, die sich jetzt auf die ganze Erzdiözese ausdehnte, und zu ihrem Wanderleben in Bus und Eisenbahn. Es war eine große Erleichterung, als sie in späteren Jahren einen Wagen mit Fahrer bekam.

Priester waren es noch nicht gewohnt, sich mit einer Frau zusammenzusetzen und seelsorgliche Probleme zu diskutieren und den Glauben für Frauen sowie ihre Ehemänner und Kinder neu zu formulieren. Manch einer lernte da das Staunen.

Selber berufstätig, verteidigte sie "die Berufstätigkeit und größere Selbständigkeit der Frau, die dieses Jahrhundert ihr gebracht hat gegen Klage und ablehnende Kritik", wie sie in der Zeitung des Kölner Katholikentages 1956 schrieb. Sie forderte die Kirche auf, "die Frau in ihrem Wandlungsprozess zu unterstützen, wie auch sie helfen wird, die Kirche zu stützen, ganz besonders die 'Kirche im Kleinen', die Familie."

"Die Frauenemanzipation …war doch eben richtig. Also Freiwerden von so mancher Fessel, die bestimmt nicht Gottes Absicht gewesen sein kann – Vorherrschaft des Mannes, Degradierung im öffentlichen Leben, keine Bildungschance usw. Bis hin zu ehelichen Verpflichtungen, gegen die sie sich nicht wehren konnte. Da denke ich auch an den sehr weitverbreiteten Begriff der 'doppelten Moral', die nur für den Mann galt. Vom Dienen sprach man nur bei der Frau – muss der Mann es nicht ebenso?" schrieb sie in späteren Jahren an einen Priester und Mitarbeiter.

Die tägliche Heilige Messe, das Laienbrevier auf Deutsch, die Gebete und Betrachtungen von Kardinal Newman, die Schriften der Edith Stein und Teresa von Avila gehörten zu ihren geistlichen "Grundnahrungsmitteln". Davon teilte sie auch anderen mit bei Einkehrtagen und Wochenenden der Besinnung.

An ihrer Treue zur Kirche war nicht zu zweifeln. Aber Kirche war für sie nicht nur Apparat, sondern biblisch "Braut Christi". Sie liebte die Kirche als Bild der wahren christlichen Frau. Das schloss Kritik an Kirchenleuten und die Notwendigkeit ständiger Reform der Kirche für sie nicht aus. Rahners berühmter Aufsatz von 1948 "Die Kirche der Sünder" sagte ihr im Grunde nichts Neues. Sie kannte Romano Guardini, Newman und Teilhard de Chardin. Das Zweite Vatikanische Konzil war für sie kein radikaler Bruch, sondern bestätigte ihr nur, was sie immer schon von der Kirche geglaubt hatte.

Im Jahre 1965, fast sechzig Jahre alt, nahm sie Abschied. Was ihr nicht schwer fiel: sie war nie eine "Karrierefrau" gewesen. Sie hatte andere für ihre Arbeit ausgebildet. Eine neue Zeit brach an, für die vielleicht Jüngere besser geeignet waren. Die Familie und immer mehr die Enkelkinder beanspruchten sie jetzt.

Mittlerweile hatte ich meine Arbeit in der Sambesi-Mission der Jesuiten in Rhodesien (heute Simbabwe) begonnen, woran sie lebhaft Anteil nahm. Der Guerilla-Krieg in den siebziger Jahren brachte viele Not. Ganz praktisch organisierte sie eine Hilfsaktion. Zusammen mit vielen Helferinnen und Helfern in ihrer Pfarrgemeinde verschickte sie noch gut erhaltene Gebrauchtkleidung in Hunderten von Paketen nach Afrika. Nach der Unabhängigkeit Simbabwes im Jahre 1980 kam diese Hilfe dann vor allem den Flüchtlingen aus dem Nachbarland Mozambique zugute: dem Bürgerkrieg entkommen, waren sie auf kirchliche Hilfe in Simbabwe angewiesen. Flüchtlingsnot sprach sie besonders an, da sie ja selber vom Krieg entwurzelt worden war.

Sie fuhr nie nach Afrika, aber Afrika kam zu ihr. Missionare und einige ihrer einheimischen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, besonders afrikanische Ordensfrauen, kamen zu Besuch, und sie empfing sie mit großer Wärme und Herzlichkeit. Ein afrikanischer Freund kam zu meiner Primiz und war erstaunt, dass er für meine Mutter, die Afrika nie erlebt hatte, kein Kuriosum war, sondern eben ein Freund und Mitchrist, der in ihrem Familien- und Freundeskreis einen selbstverständlichen Platz hatte. Dies war 1971, als er in seiner rassengetrennten Heimat von weißen Mitbürgern einfach beiseite geschoben wurde und sicher nie mit einem herzlichen Händedruck empfangen worden war. Bald danach kam es zu dem blutigen Buschkrieg zwischen Schwarz und Weiß, der so viele Leben kostete und so viel Not brachte.

Schwester Theresiana Muteme war ihr besonderer Liebling. Die temperamentvolle, übersprudelnde Novizenmeisterin ließ sich von der Sprachgrenze nicht abhalten, von ihrem Zuhause, ihrer Familie, ihren Mitschwestern, besonders den noch jungen, die sie ins Ordensleben einzuführen hatte, zu erzählen, immer von Gelächter begleitet, trotz der dunklen Wolken, die sich in ihrem Heimatland zusammenbrauten. Manche lustige Geschichten wusste sie von den Missionaren zu erzählen, denen sie beim Lernen der Sprache geholfen hatte, unter anderem mir, für die sie eine Art Mutter war, die auch mal mahnen und warnen konnte, und für deren Einsatz sie so dankbar war.

Praktisch jede einheimische Generaloberin aus Harare kam mal bei Frau Wermter vorbei, auf einer Romreise oder einer Betteltour. Meine Mutter konnte gut zuhören, trotz des etwas mangelhaften Englisch, und guten Rat geben, kannte sie doch die Kirche gut und wer da das Sagen hatte und helfen konnte. Aber die Wärme der Beziehung, das Lachen und gegenseitige Verstehen (sowie Kaffee und Kuchen) waren doch das Wichtigste.

Sie verglich oft die Situation afrikanischer christlicher Gemeinden mit dem, was sie als freiwillige Gemeindehelferin selber in der ostdeutschen Diaspora erlebt hatte. Wenn ich auf Heimaturlaub war, wollte sie alles über unsere Christen und ihr Gemeindeleben wissen, und wir konnten uns unterhalten, als ob sie alles schon selber gesehen hätte.

Statt meiner Mutter kam meine Schwester Maria immer wieder mal nach Afrika und lernte Zimbabwe gut kennen. Unsere Leute freuen sich immer, wenn sie erleben, dass Missionare auch Familie haben und nicht einfach vom Himmel fallen. Dankbarkeit ist eine Grundtugend der dortigen Kultur ("Kusatenda uroyi – Undankbarkeit ist [so übel wie] Hexerei"). So musste Maria immer wieder den Dank der Leute für die Hilfsaktion meiner Mutter entgegennehmen.

Schließlich kam auch dieser Einsatz zu seinem Ende. Die Kräfte ließen nach. Im Jahre 1995 an ihrem 89. Geburtstag wurde sie heimgeholt. Ihr Lieblingspsalm war erfüllt: "Wie liebenswert ist deine Wohnung, Herr der Heerscharen! Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel des Herrn" (Psalm 84).

In der Ansprache bei der Auferstehungsmesse hieß es: "Mit der Hellsicht der Liebe sah Christel Wermter viele Mängel der Kirche schärfer als andere und litt an dieser Hellsicht. Die Nähe zum Herrn gab ihr Einsicht in das, was Kirche sein könnte und sollte, und sie war ungeduldig, dass sie es noch nicht war."

Foto: © privat



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